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Die Wahrheit · 1907-12-20 · Heft 49 (20.12.1907) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 49 (20.12.1907)
Date
1907-12-20
Page
– (sequence 7)
Language
German
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dir. 49. Die Wahrheit Seite 7. Lies auch gelinge und er die Freude habe, dies noch lange,! lange zu kultivieren, das walte Gott!! Hofrat Dr. W e i n m a n n - schloß nun die General-? Versammlung. D. H. Spitzer. j Pismonim des Rabbi Israel N a g a r a, des vorzüglichsten religiösen Dichters des XVI. Jahrhunderts. Bon Dr. M. H. Friedländer. (Schluß.) Israel N a g a r a, der, um 1566 zu Gaza als Rabbiner wirkte, dessen Vater R. Moses Nagara, ein Mitglied des Rabbinatskollegiums zu Safet, das von R. Josef Karo 'präsidiert wurde, gewesen ist, war der letzte würdigeRepräs ent a n t der spanischen Poetanim. Er hatte sogar.einige der genannten Dichter der spanischen Schule, die seine Vorbilder waren, nbertroffen; denn die Dichtungen der Spanier drücken zumeist den tief wurzelnden Schmerz über die verlorene Herrschaft Israels mit einer Innigkeit und Wahrheit aus, die wahrhaft rührend sind, wiewohl in ihrer Rückkehr zur ursprünglichen Reinheit schüchterne, unfreiwillige Rückschritte manchmal noch gefunden werden. Israel Nagara aber, welcher mit geschickter Handhabung der mannigfachen Metra die ältesten Poetanim überflügelt, ist schon durch sein selten gewordenes Werk „Semiroth Jisroel", „Gesänge Israels", in der hebräischen Literatur rühmlich bekannt. Die „Semiroth Jisroel" zerfallen in drei Abteilungen, die erste „Olat Tomid", 255 Gedichte für die tägliche Andacht enthaltend, die zweite „Olat Schabbos", 54 Stücke an den Inhalt des jedesmaligen Wochenabschnittes anknüpfend, die dritte „Olat Chodesch" für Neumonde und Feste, 67 Gedichte, darunter mehrere umfangreiche, so für Chanuka eposartige Versifikationen der Megilla Antiochns, ebenso für Purim die Esther Megilla in Reimen, etwa in der Form „Avon Chasdecho" von R. Jehnda Halewi, und für den Sabbath vor Pesach die Geschichte der Befreiung Israels ans Egypten. Der zweite seiner „Gesänge Israels", der sich handschriftlich in der k. k. Hosbibliothek zu Wien befindet, blieb bis vor 50 Jahren unediert. Im Jahre 1858 hat Schreiber dieser Zeilen während seiner Studienzeit denselben unter dem Titel „Pismonim", „Hymnen des N. Israel Nagara", nach einer äußerst seltenen Handschrift der k. k. Hofbibliothek zu Wien zum erstenmal herausgegeben. Die Pismonim-Hymnen des R. Israel Nagara, die nach dem anerkennenden Ausspruche seiner Zeitgenossen fast den Psalmen angereiht zu werden vollkommen würdig seien, entsprechen sowohl dem religiösen Bedürfnisse, als sie in poetischer Beziehung allen Anforderungen der Dichtkunst genügen. Dieser Ansicht wird zweifellos jeder beipflichten, der Gelegenheit gefunden hat, feine bereits erwähnten „Semiroth Jisroel" zu lesen, welche von den letzt erschienenen Hymnen dieses religiösen Dichters um vieles noch übertroffen werden. Ein erhabener Geist durchzieht sie imb belebt die Kraft des Glaubens an die göttliche Allmacht und die Ergebung in ihren heiligen Willen. Nicht minder durchweht dieselben ein Hauch von tiefer Wehmut, der eine stille Trauer weckt und die Gefühle bewegt. Doch verleihen sie auch Kraft durch Trostverheißnngen, wie sie zugleich erschüttern, wenn sie von der Macht Gottes in einem Bilde der Naturereignisse, zum Beispiele vom Donner, eine Schilderung entwerfen. Die gewählten Bilder feiner Dichtungen sind zwar mcht originell, denn man findet dieselben häufig in der Bibel, dennoch aber sind sie als gewühlte Texte zu den Dichtungen als vortrefflich zu bezeichnen, indem er ein Bild aus den gewöhnlichen, profanen Lebensverhältnissen zur religiösen Erhebung verwendet. Sein tief religiöses und hoch poetisches Gemüt ergießt sich darin bald rührend in weicher, fchmelzvoller Sprache, bald ergreifend und erschütternd, mit gleicher Stärke und von einer Reinheit, die von keinerlei Einmischung fremdzügiger Ausdrücke getrübt, den ganzen Schatz der hebräischen Sprache in sich schließt. In seinem Kataloge der neuerworbenen handschriftlichen hebräischen Werke der k. k. Hof-Bibliothek zu Wien äußert sich der sel. Pröf. Dr. I. Goldenthal über die „Pismonim Nagaras" in folgender Weise: ..Auch hier, in den „Semiroth Jisroel" fließt sanft seine Sprache, klingen lieblich seine Reime und kehrt allemal ein Refrain wieder, der wahrhaft wie die bezauberndste Musik in den Ohren tönt. Aber noch viel reizender, lieblicher, ich möchte sagen ungezwungener sind seine Poesien hier als dort, bei aller Künstlichkeit der Form und des Metrums; und ebenso bei allem Schmelz der Gefühle, doch voll Saft und Kraft. Es ist eine Süßigkeit und Erhabenheit zugleich darin, welche nur der zu kosten vermag, der die Schwierigkeiten, welche die hebräische Sprache darbietet, zu würdigen weiß, sowie die Schmiegsamkeit, die ihr die feurige Begeisterung des Sängers entflammt hat.' M. Sachs äußerte sich über Nagara in folgender Weise: „Als die Zeit des Gesanges längst entschwunden und die in Spanien und der Provence von allen Geistern lange gepflegte Kunst ans der Milte der Juden entwichen schien, entstand ihr im Oriente ein eifriger Pfleger in R. Israel Nagara, der die verstummte Zionsharfe wieder von den Weiden nahm und ihr liebliche Töne entlockte. In einer edlen Form, in künstlich verschlungenen Rhythmen, mit Inbrunst und frommer Hingebung sang er den alten Meistern nach, und die Sehnsucht, die in ihnen glühte, stimmte auch ihn zu bald klagenden, bald hoffnungsreichen Klängen; auch er umwand Sabbath und Fest mit Kränzen und goldenen Schnüren, an denen die Perlen poetischen Empfindens angereiht waren. Spannte er auch keine neue Saite auf das alte klangreiche Psalter, das schon so vielfacher Melodien getönt, so wußte er mit kunstfertiger Hand es in alter Weise erklingen zu lassen. Kein ursprünglicher, schöpferischer Genius, aber ein kundiges Wirken voll Talent, Uebnng und Ernst." (B. Iahrb. V, S. 233.) .Die Pismonim, die L-chreiber dieses Artikels vor fünfzig Jahren ediert hat, haben auch das Aehnliche mit denen in „Semiroth Jisroel", daß sie alle den Namen des Verfassers „Israel" oder „Israel ben Mosche Chosak" akrostisch enthalten. Ueber jede Hymne steht die Melodie arabisch oder türkisch, mit dem Ansdrucke „Pismon noeh lachan" bezeichnet, charakterisierend die Abkunft und das Vaterland des Verfassers. Was das Worr „Pismon" betrifft, so erklärt es Zunz für das französische „Pseaume“. Auch tragen die Hymnen Nagaras als Ueberschrist das Wort „Romanse“ (Romanze), welches die Melodie anderer Lieder auzeige. Anfangs lebte Israel Nagara in Damascus, wo sein Vater lange Zeit das Rabbinat inne hatte, später übersiedelte er nach Gaza (Asa) unweit von Damascus, wo er als Rabbiner der Gemeinde wirkte. Trotz seiner innigen, aufrichtigen Religiosität, trotz seiner ungeheuchelten Frömmigkeit und hohen poetischen Begabung, wurde er, und zwar von dem Kabbalisten R. Chajim Vital, angefeindet und verunglimpft. (Vergl. Meorath Olam.) „In den drei Tranerwochen, so heißt es dort, „Hütte Nagara bei Jakob Menidasch barhaupt mit erhobener Stimme Lieder gesungen, Fleisch gegessen und Wein getrunken, bis er berauscht war."? Wahrlich einen Israel Nagara, der sein Dichtertalent nie der profanen Poesie zugewandt, der vielmehr stets über die Klänge weltlicher Liebeslieder, die schon damals in den Synagogen ertönten, bitter klagte, und dessen Gesänge sich selbst des Beifalls eines R. Jfak Lurja erfreuten (Vergl. Asulai Schein Hagedaulim), solch bittere Vorwürfe machen zu können, waren nur kabbalistische Schwärmer fähig. Man sieht also, daß auch in früheren Jahrhunderten das wahre Talent von den sogenannten „Großen", die es verstanden haben, sich durch Reklame einen „Namen" zu machen ohne etwas Wesentliches geleistet zu haben, verdunkelt und in den Hintergrund gedrängt wurde. Doch eines meerez tirmach’! Am Ende dringt die Wahrheit denn doch durch. Kuschte koi, schikre lau koi. Die Weltgeschichte ist das Weltgericht. Znm Schluffe sei noch bemerkt, daß Professor Goldenthal, außer in feinem bereits oben erwähnten Kataloge der neuerworbenen handschriftlichen hebräischen Werke der k. k. Hofbibliothek, auch bei einer anderen Gelegenheit und zwar in feinem im Juni-Hefte des Jahrganges 1859 der Sitzungsberichte der philosophisch-historischen Klasse der kaiserl. Akademie der «SSS&SISfiaBsaS«!!

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