Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 49 (20.12.1907)
- Date
- 1907-12-20
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 49. Die Wahrheit Seite 5. Der Vorsitzende wollte darüber in der nächsten Sitzung beraten lassen. Ein Mitglied der Opposition verlangte sofortige; Beratung. Der Antrag wurde genügend unterstützt und das An- : suchen sofort in Beratung gezogen. Da beantragte der Vizepräsident, daß der Herr Sekretär j bei dieser Beratung nicht anwesend sein solle.! Der Sekretär erbat sich das Wort:! „Meine sehr geehrten Herren! Ich weiß nicht, welche I Motive den Herrn Vizepräsidenten geleitet haben mögen.- Jeden-! falls aber muß ich den leisesten Versuch, meine Vertrauensivürdigkeit in Zweifel zu ziehen, auf das entschiedenste zurückweisen. Nach der Geschäftsordnung ist die Anwesenheit des Sekretärs eine conditio sine qua non und dies gilt bei allen Vertretuugskörpern. Ich bin aber den Herren sehr dankbar, wenn Sie mich von dieser Pflicht dispensieren wollen. Die Herren werden sich auch ohne mich zu helfen wissen. Da ich überdies für heute zu den Gesellschaftskonzerten geladen bin, würde ich diesen — ich bitte um Vergebung — lieber beiwohnen als dieser Sitzung."_(Schluß folgt.) Divan des Ietznda Halewi. Eine Auswahl in deutschen Uebertragungen. Herausgegeben von Gnstav K a r p e l e s. Verlag von M. W. K a u f m a n n, Leipzig 1907. Die Einleitung zu diesem Buche beginnt mit den Worten: „Zum ersten Male treten die Schöpfungen des Dichterfürsten der neuhebräischen Poesie in deutschem Gewände vor die Lesewelt, die den Namen I e h u d a Halewi längst schon kennen und schätzen gelernt hat, ehe ihr noch seine dichterische Kraft, die Glut seiner Rede, die Weisheit seines Geistes bekannt geworden." Das zielt offenbar auf den großen Kreis jener, die Heine lesen und lieben. Denn Heine war's, der seiner Bewunderung Tür Jehuda Halewi im ..Romanzero" hinreißenden Ausdruck verliehen. Wenn Heine lobt, so weiß man, daß es nicht ohne Grund geschieht. Wer ist kompetenter über einen großen Dichter zu urteilen, als der, welcher selbst ein poetisches Genie ersten Ranges? So leicht bewundert ein Heine nicht. Aber, ob sein Lob dem vor 772 Jahrhunderten dahingegangenen Sänger viel genützt hat, ist eine andere Frage. Das Publikum beruhigt sich auch bei der Anerkennung eines lebenden Dichters und glaubt es der Autorität aufs Wort, daß er vollauf ve> diene, gelesen zu werden, tut dies aber nicht. Noch immer gilt das Wort Leffings: Wer wird nicht einen Klopstock loben? Doch lesen? nein, Wir wollen weniger gelobt Und fleißiger gelesen sein. Da liegt noch die Schwierigkeit vor, sich die Kenntnis einer toten Sprache allzueignen und e^ werden wohl nur wenige gewesen sein, die, durch Heine angeregt, diesen dornigen Weg, der znm Verständnis Halewis führt, betraten, oder zu betreten wenigstens den guten Willen dokumentierten; zu diesen letzteren solchen Auserlesenen gehörte auch Kaiserin Elisabeth, wie in unserem Blatte vor nicht langer Zeit berichtet worden ist. Die vorliegende Uebersetzung kommt also einem dringenden Bedürfnis entgegen. Zumindest bezüglich jenes Kreises. Freilich, eine Uebersetzung! Kann sie die Schönheit des Originals vollständig wiedergeben? Die vulgäre Antwort ist ein kategorisches Nein. Emmersohn ist anderer Ansicht; er las lieber eine Uebersetzung, als in fremder Sprache, in die nur selten jemand völlig eindringt, und sagte, er ziehe es vor, sich von den Wellen eines Stromes gemächlich dahintragen zu lassen, er liebe es nicht, stromaufwärts gn schwimmen. Wer mit dem amerikanischen Essayisten übereinstimmt, wird nun hier auf seine Rechnung kommen; es sind der Form nach, d. i. metrisch, durchaus tadellose Uebertragungen; das deutsche Gewand sitzt dem hebräischen Dichter gut genug, und König Lear ist dem, der ein Auge dafür hat, selbst dann „jeder Zoll ein König", wenn er wahnsinnig auf der Haide umherirrend, tit zerrissenen, beschmutzten Kleidern erscheint. Und das sind diese Kleider, wie schon bemerkt, hier durchaus nicht. Freilich, wenn in der Einleitung gesagt wird, daß ..das Zionslied, das noch heute am Trauertage der Zerstörung Jerusalems in feierlich elegischer Weise erklingt, in die Herzen aller Gläubigen tiefe Erhebung versenkt", so wird man sich wundern müssen, daß eine solche stylistische Monstrosität mit in die zweite Auflage hinübergenommen werden konnte, und der strengere Anforderungen stellende Leser wird ein Haar in der Suppe finden; doch das wäre auch die einzige Ausstellung, die zu machen wäre. Im engen Rahmen einer Besprechung auf die Schönheiten Halewischer Poesie hinzudeuten, ist leider unmöglich, aber schließlich auch nicht notwendig. Man kaufe und lese doch das Buch. Bemerkt sei nur, daß beinahe die Gesamtheit seiner Gedichte, selbst wenn sie von ganz heterogenen Dingen handeln, je nachdem, entweder von einem feinen Aetherdnft der Liebe znm angestammten Volke, oder einer dichteren Atmosphäre der Sehnsucht nach Jerusalem eingehüllt sind. Einen solch ebteu Refrain hat beispeilsweise ein Hochzeitskarmen, das er einem befreundeten Paare widmet, dessen Endstrophe lautet: Nun wohl, die Zeir ist da, Bon Liebeswonn' erfüllt, Bald werdet ihr geeint, Das Sehnen euch gestillt. A ch, nah l' auch m eine in Volk E r l ö s u n g s z e i t so mil d! Wen erfaßt nicht tiefste Rührung, wenn er folgende drei Verszeilen eines Gedichtes liest, die ich herausgreife: Ich trage willig, was mein Volk verschuldet, Mit an dem Joch, das seine Schulter duldet, Zu keinem auderu breit' ich meine Arme. O, für ein solches Märtyrinm, ja für eines, das viel geringere Opfer fordert, findet sich heute wohl kein Jude bereit l Eine weitere Eigentümlichkeit Halewis ist seine tiefe, unerschütterliche Religiosität. Er ist nicht gläubig aus Bequemlichkeit, oder weil sein geistiger Horizont beschränkt wäre, er glaubt trotz der Regungen,trotz dem Skeptizismus seines philosophisch geschulten Geistes: Gott, ewig ist sein Walten, Und was er will, geschieht, Tod, Leben ist sein Schalten, Aus Nacht ans Licht er zieht. O. trachtet Recht zu halten. Und vor dem Fürwitz flieht, Zu schau'n der Dinge Falten. Und wo? Warum? Bemüht Sei fest, an ihn zu halten Mit gläubigem Gemüt! Zahllos sind die Stellen, in denen er biefeit Gedanken manigfaltig variiert, ohne selbst oder andere damit zu ermüden; doch sei trotzdem nur noch ein Beispiel angeführt: Halt ein, mein Herz, denn wer vermag's In Gottes Ratschluß einzudringen? Laß ab, Berborg'nes zu erspäh'». Dein Müh'n wird doch dir mcht gelingen, 'S ist nicht erlaubt, wozu demnach Zum eignen Brand die Fackel schwingen? Ruskin, der berühmte Maler und Professor an der Universität zu Oxford, sagte, man könne uichls Schöneres sehen, als Abend- oder Morgenwolken von der Sonne bestrahlt. Wie kongeniale Geister trotz des respektablen Unterschiedes der Zeit und des Ortes in ähnlicher Weise empfinden, mögen folgende Verse erweisen: Neulich sah ich Liebchen heimlich Und sie zeigte mir vertraulich Ihrer Wangen glüh'nde Sonne, Und der reichen Locken Pracht. Die. wie ein Opal so glänzend, Decken die kristall'ne Schläfe. Und ich schaute die Gestalt au In der Schöne Zaubermacht: Schien mir wie die Morgensonne, Die mit heißen Strahlenspitzen Früher Dämm'rung weiße Wölkchen Rötlich krönet, golden macht. Doch ich muß mir gewaltsam Halt gebieten, ich will nicht zu viel aus dem Rosengarten plündern und schließe mit den Worten Goethes aus seinem „Prolog zu Schillers Glocke" : Denn er war u n s e r, mag das stolze Wort den großen Schmerz gewaltig übertönen. Sprechet! auch wir es stolz aus, trotz der nicht geringen Schar, die sich ihres Judentums schämt, er war unser! 8. V.