Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 49 (20.12.1907)
- Date
- 1907-12-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 49 „Es wird doch wirklich genügen, wenn so ein Junge etwas von der Geschichte weiß. Die Gebräuche und das Feiern der Festtage ist ganz etwas Veraltetes; ich halte es für überstüssig, das Kind an etwas gewöhnen zn wollen, was es zuhause nicht sieht und selbst nie halten wird. Das hebräische Lesen ist gleichfalls ein Stumpssinn. Man gewöhnt das Kind, etwas zu plappern, was es nicht versteht und nie im Leben brauchen kann." „Es wundert mich, daß ich gerade Sie so sprechen höre, da Sie doch als Knltnsrat den Lehrplan für den Religionsunterricht kennen müssen. Ich halte mich streng an den Lehrplan. Wenn aber Herr Rat glauben, daß für den Religionsunterricht das bißchen Geschichte genügen würde, so befinden Sie sich in einem großen Irrtum. Die Schüler anderer Konfessionen müssen bedeutend mehr lernen. Im Vergleiche zu diesen lernen die jüdischen Schüler ohnehin sehr wenig. Herr Kommerzialrat glauben aber, die Religion könne im Kinde keine Wurzel fassen, weil es zuhause vom Judentum nichts sieht. Das ist traurige Wahrheit. Aber sehen denn die Herren Ellern nicht ein, daß sie dem Religionslehrer die ohnehin nicht leichte Arbeit dadurch noch bedeutend erschweren?" „Das ist nicht richtig." ..Das zarte Gemüt des Kindes bedarf der Religion; sie i st ihm sein o b e r st e s Gesetz, sie ist ihm e i n L e b e n s q u e l l, aus dem das Kind seine Sitteute h re, seine Liebe zu Gott und Ellern, zu Kaiser und Vaterland, z n Lehrern u u b Mitm enschen schöpft. Wollen Sie dem Kinde seinen Glauben nehmen, so ne hmen S ie ihm alles. Denn ein Mensch ohne Glauben ist ein Körper ohne Seele. Im Kinde darf man den Glauben unter keinem Umstande unterdrücken. Das Kind aber gegen seinen eigenen Glauben, gegen seinen eigenen Religionslehrer aufhetzen, die alten, ehrwürdigen Gebräuche des Judentums vor dem Kinde ins Lächerliche ziehen, das Feiern der Feste als Stumpssinn bezeichnen — das ist denn doch nicht die richtige Art, dem Kinde einen festen Halt für sein späteres Leben zu verleihen. Das Kind wird größer, beginnt zu zweifeln und glaubt zuletzt an gar nichts. Herr Rat wollen doch nicht — Gott sei davor — Ihre Kinder für die Taufe vorbereiten?" „Was ich mit meinen Kindern tun will, kümmert niemanden." „Eines möchte ich Sie bitten, Herr Rat. Arbeiten Sie mir nicht entgegen; hindern Sie Ihren Sohn nicht daran, seine Religion zu lieben, so lange er will. Lassen Sie ihn in seinem Gebetbuch beten und nehmen Sie es ihm nicht weg, wie er mir erzählte. Wenn Sie selbst auf das Beten nichts geben, so lassen Sie wenigstens Ihrem Sohne diese Freude." „Ich weiß wirklich nicht, wozu das Beten nützen soll." „Vom Nutzen oder Schaden des Betens ist gar nicht die Rede. Dem gläubigen Gemüt bringt es Trost, bringt es Freude; und e i n e m Menschen seine Freude verderben, i st grausam. Noch eins möchte ich nicht unerwähnt lassen. Herr Rat befinden sich im rüstigsten Alter. Wenn aber der unerbittliche Tod Sie einst in ein besseres Jenseits ruft, soll da Ihr Sohn nicht einmal das Kaddischgebet verrichten können? Soll er sich bei der Seelenfeier nicht auch seiner verstorbenen Eltern .erinnern und für ihr Seelenheil beten können? Soll Sie der eigene Sohn verfluchen, daß Sie ihn nicht beten gelehrt haben?" Wenn Herrn Schalter nichts rühren konnte, so ließ ihn der Gedanke daran, daß auch er sterben werde, doch erzittern. Er war etwas abergläubisch und diese Worte regten den stark nervösen Mann sehr auf; er mußte die Unterredung abbrechen. Dennoch suchte er wie ein gewandter Diplomat seine Kaltblütigkeit zu bewahren. Er drückte dem alten Herrn die Hand und sagte: „Sie werden aber doch zugeben müssen, daß der jetzige Religionsunterricht mit dem modernen Zeitgeist nicht Schritt halten kann. Die Herren Religionslehrer hätten bei einem modernen Lehrplan viel leichtere Arbeit." „Die Arbeit wäre auch jetzt nicht schwer; nur dadurch wird sie zur Danaidenarbeit, daß die junge Saat im Herzen des Kindes durch die Eltern im Keime erstickt wird." .* * Als der Herr Kommerzialrat mit etwas düsterer Miene die breite Treppe zu seiner Wohnung emporstieg, traf er den Gemeindediener im Korridor. Beim Anblick des Mannes, dem die Gemeindekappe etwas zn groß war, mußte er lächeln. „Was ist denn los? Warum kommen Sie nicht ins Komptoir? Zuhause will ich mit der Kulmsgemeinde nichts zu tun haben." „Ich bitte um Entschuldigung. Herr Rat; ich war in der Fabrik, aber der Herr Rat waren nicht dort, und ich habe den strengen Auftrag, die Einladung zur Sitzung nur persönlich zu übergeben, weil-" „Reden Sie nicht so viel; wann ist denn die Sitzung?" „Sonntag, 10 Uhr vormittags, so wie jeden Monat. Wollen Sie gefälligst unterschreiben, Herr Rat. Hier, bitte, ist der Bleistift." ' Mit festen Zügen schrieb Herr Schaller seinen Namen mit dem Tintenstift ins Buch, wo bereits die anderen Herren mit verschiedenen Schnörkeln prangten. „Wo ist denn die Tagesordnung?" „Ich bitte, die wird per Post zngesendet." „Eigentümlich. Wahrscheinlich, damit Sie nichts aus- .planschen?" Mitunter liebte es Herr Schaller, malitiös zu sein. Der Diener wollte etwas erwidern, da warf ihm der Herr Rat das obligate Trinkgeld ans das noch immer offene Kontrollbuch und verschwand. Am Sonntag war der große Sitzungssaal der jüdischen Gemeinde lange vor zehn Uhr mit Knltusräten gefüllt. In jeder Nische standen einige konversierende Gruppen, die sich ihre weisen Köpfe für das Wohl der Gemeinde zerbrachen. Es wurde bekannt, daß der alte Herr Religionslehrer ein Ansuchen um eine Subvention gestellt habe, und die Majorität faßte schon vorder Sitzung den Beschluß, dieses Gesuch abzulehnen, damit die Opposition sich ärgere, wie einer der Herren meinte. In einer zahlreichen Gruppe führte ein älterer Herr das Wort. Man sah ihn heftig gestikulieren und alle anderen nickten ihm beifällig zn. Er hatte in früheren Zeiten der Gemeinde in schwierigen Verhältnissen hervorragende Dienste geleistet und diesem Umstande verdankte er seine jedesmalige Wiederwahl. Die Majorität unterrvarf sich seiner Führerschaft und mancher Streber hatte sich an seine Rockschöße geklammert, um durch ihn emporzukommen. Jetzt vernahm man zehrr Schläge von der nahen Turmuhr und schon erschien der Herr Sekretär . mit dem Protokollbuch und Akten unter dem Arm. Er war ein hübscher, äußerst intelligenter Mann/ ein Schriftsteller und Musiker, eine wahre schöngeistige Natur, die ein unglückliches Geschick in diese Gemeinde verschlagen hatte. Mit Aufopferung und seltener Pflichttreue führte er da die Geschäfte der Gemeinde bereits unter fünf Präsidenten in der exaktesten Weise. Aus einer kleinen, zerrütteten Gemeinde hatte er ein blühendes, immer mehr wachsendes, geordnetes Gemeinwesen gemacht, aber nur sehr wenig Dank hiefür geerntet. Die Gruppen lösten sich ans und viele Räte eilten ans den Herrn Sekretär zu, um ihm freundschaftlich die Hand zu drücken, dann nahmen alle ihre Plätze ein. Der Präsident erklärte die Sitzung für eröffnet, nachdem er zuvor die ordnungsgemäße Einberufung und Beschlußfähigkeit derselben konstatiert hatte. Drei Herren hatten Entschuldigungsschreiben gesandt, die Herren Dr. Beer und Kommerzialrat Schaller waren unentschuldigt, was im Protokoll vermerkt wurde. Der Sekretär verlas das Protokoll der letzten Sitzung. Da niemand zum Protokoll das Wort wünschte, setzte der Sekretär links, der Vorsitzende rechts seine Unterschrift unter dasselbe, dann verlas der Sekretär den Einlauf. Es waren meist bedeutungslose Dinge, die ex praesidio erledigt wurden. Ansuchen von Vereinen oder armen Leuten um Unterstützung wurden in der Regel abgewiesen. Als letzten Punkt des Einlaufes verlas der Herr Sekretär das Ansuchen des Religionslehrers um Gewährung eines Teuerungsbeitrages.