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Die Wahrheit · 1907-12-20 · Heft 49 (20.12.1907) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 49 (20.12.1907)
Date
1907-12-20
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Redaktion 11. -tdininiil, anon: Wien, 11/, Avvaragasse 27. ItlfüBuu 5llr. der Druckerei Anakhänglge Aeitschrift für jüötsche j Kerntz«piiets-: Ganzjährig . . . Jt. >».— Halbjährig . . 1k. 7 — 35808. ilnlcvatv Interessen. Für Cilltllsbeuiute: Die viermal gespaltene Noiivareille-Zeile 25 Heller. rldouncincnlSu. Juieillon?' >U„II,jährig tk ii» Erscheint jeden Kr ei tilg. Für Anslnud: betrage und iit Wie» zahlbar lUauziayrig ...» 3lH.ii; und klagbar. Motto : „Das Siegel Go lies ist, Wahrheit.!“ »i Nudel aber >6 Fcr |U\ 49. Wien, 2V Dezember 1907. Inhalt: Ein Zeitbild. — Divan des Jehuda Halewi. — Pester israel. Religionsgemeinde. — Pismonim. — Amerikanischer Brief. — Verschiedene diachrichten. — Literatur. — An meinen Liebling. — Feuilleton: Versöhnte Feinde. Gin Zeitbild. Von Adolf Heinrich Landau. Kommerzialrat Schalter war noch nicht getauft. Es war in der Tat zu verwundern, was Herrn Schaller an das Judentum fesseln konnte; er war merkwürdigerweise der Meinung, daß ihm das Ministerium für die Taufe mindestens den Adel verschaffen würde. Zu feinem Bedauern mußte er aber erfahren, daß die Taufe noch mit keiner Auszeichnung belohnt werde und so blieb dem Judentum der Verlust einer Größe erspart. Im Hanse des Herrn Kommerzialrates gab es indessen nichts, was an das Judentum erinnern könnte. Die beiden Kinder hatten urgermanische Namen erhalten, der Knabe hieß Gerbert, das Töchlerchen Hildegard; sie hatten christliche Erzieher und Erzieherinnen, die sich redliche Mühe gaben, ihnen jede jüdische! Manier auszutreiben. Es braucht nicht erst erwähnt zu werden, . daß die Gesellschaftsabende im Hause Schaller nur von Ariern ' besucht wurden, die es sich aber nicht nehmen ließen, nach dem; Verlassen des Hanfes über die arroganten Juden ihre Witze zu reißen. Dies alles war durchaus kein Hindernis, daß Herr Schaller; in den Kultusrat gewählt wurde. Da saß nun der saubere Herr,; der seine Religion für den Adel hergegeben hätte, und sprach j wacker mit, wenn es sich um Anstellung eines Rabbiners handelte, beantragte Verbesserungen bei Aufstellung einer Bethausordnung, ' bemängelte den Lehrplan für den Religionsunterricht und war! einmal recht ordentlich erbost darüber, daß nicht tagtäglich in j den Synagogen gebetet werde. Nebenbei bemerkt hatte der Herr Rat \ noch nie einen Fuß über die Schwelle eines Gotteshauses gesetzt.! Der kleine Gerbert besuchte bereits die Schule und konnte I naturgemäß dem notwendigen Uebel nicht ausweichen, auch jüdische j Religion zu lernen. Gerbert war ein aufgeweckter Junge und j hörte gerne zu, wenn der alte Herr Religionslehrer von den j Kindern Israel erzählte, von ihren Plagen und ihrer Befreiung, j Er lernte auch Hebräisch lesen und übersetzen und machte sehr! gute Fortschritte, trotzdem ihm zuhause in diesem Gegenstände j niemand nächhalf. Als er eines Tages freudestrahlend nach! Hause kam und erzählte, er könne schon sehr gut beten, da fuhr j ihn der strenge Herr Papa mit den Worten an: „Was sind! das für Blödheiten?" Nach einiger Zeit erkühnte sich der Junge, nach dem Mittag das Tischgebet zu sagen. Das war denn doch zu stark. Das „Fräulein" lachte ihn aus, der Herr Papa nahm ihm unsanft das Buch aus der Hand und der arme Kleine konnte nichts gegen die Uebermacht tun. Laut schluchzend sagte er: »Der Herr Lehrer hatte eine solche Freude, als ich heute! fehlerlos das Tischgebet leset: koitnte, und Du. Papa, freust Dich gar nicht?" Gerbert hörte auch in der Religionsstunde, daß in jedem jüdischen Hause eine Mesnsa an den Türen sein müsse, er hörte auch den Herrn Religionslehrer über die Heiligung des Sabbath und die Feier der Festtage erzählen. Der Junge fragte nun in seiner Unschuld seinen Vater, warum im Hause keine Mesnsa angebracht sei, warum er nie die Sabbathlichter gesehen. Schließlich bat er den verblüfften Papa, zum Passahsest Mazzoth zu kaufen und ihn am Neujahrsfest in die Synagoge mitznnehmeu. damit er Schosarblasen höre. Der Herr Rar schrie den armen Jungen an, bas seien blöde Gebräuche, wie sie die Inden in Palästina gehabt hätten, in der hetltigen modernen Zeit werde ans so etwas überhaupt nicht mehr geachtet. Der kleine Gerbert konnte nun darüber Nachdenken, welcher Unterschied zwischen den Juden in Palästina und den modernen bestehe, Herr Schaller aber schauerte vor seinem eigenen Sohne zusammen, der ihn immer wieder an das verhaßte Judentum erinnerte. Die Frau Kommerzialrätin drang in ihren Gemahl, doch endlich, wie sie es schon lange wünschte, die Taufe anzunehmen. Da er aber für die Taufe keine Auszeichnung erhalten konnte, wollte er wenigstens seine Stelle im Kultusrat behalten, derm aus Ehrenstellen, mochten sie auch minder bedeutend sein, war Herr Schaller sehr erpicht. Da kam ihm ein anderer guter Gedanke; er wollte den Herrn Religionslehrer aussnchen und ihm seine Meinung sagen. An einem der nächsten Tage wartete Herr Schaller vor einem Klassenzimmer, bis die Stunde beendet war. Das Glockenzeichen war verklungen, die Schüler hatten unter laut geführten Gesprächen die dumpfen Zimmer verlassen, da erschien auch schon der alte Herr Religionslehrer und trat mit freundlichem Gruße aus den ungedtlldig Wartenden gu: „Herr Rat kommen wahrscheinlich wegen Ihres Sohnes? Er lernt sehr brav, ich bin mit ihm sehr zufrieden." Hatte der Herr Lehrer aus seine freundliche Anrede eine freundliche Antwort erwartet, so hatte er sich sehr getäuscht. Mit wildem Gesichtsausdruck schrie der Herr Kommerzialrat den allen Religionslehrer an: „Ich bin aber ganz und gar nicht zufrieden." „Warum denn nicht, Herr Rat?" „Sie wollen meinen Jungen mit Gewalt zum Judeil machen, wo Sie doch wissen, daß ich daraus nichts gebe?" „Das tut mir sehr leid; ich glaube aber nur meine Pflicht zu erfüllen, wenn ich aus meinen Schülern fromme, tüchtige Menschen zu machen bestrebt bin."

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