Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 48 (13.12.1907)
- Date
- 1907-12-13
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 6. Die Wahrheit Nr. 48. weiter gekommen. Diese Unglücklichen sehen sich unserer Willkür überlassen, was werden sie sagen dürfen, ohne sich der Gefahr auszusetzen, daß wir über Gotteslästerung schreien? Die Habsucht gibt manchem unter uns auch Eiser wider sie ein, und sie — sind zu reich, als daß sie nicht Unrecht bei uns haben sollten." „Ich werde", so fügt Rousseau hiuzu, „nie glauben, daß ich die Gründe der Juden recht gehört habe, so lange sie noch keine Schulen, keine Universitäten, keinen freien Staat haben, wo sie ohne Gefahr reden können. Alsdann werden wir erst wissen, was sie zu sageil haben." Diese Worte Rousseaus, aus denen man den edlen Zorn des freien Mannes, der das Recht seiner Mitbrüder nicht verkümmern lassen will, vernehmen kann, übten auf die deutschen Inden eine mächtige Wirkung aus. Aber auch seine Abhandlung „Ueber die Ungleichheit der Menschen", sein „contrat social" und seine „confessions“ wurden von ihnen mit wahrer Leidenschaft immer wieder gelesen; ja, viele junge Männer lernten aus der wiederholten Lektüre dieser Werke ohne fremde Hilfe französisch, wie sie kurz vorher aus den Werken Mendelssohns deutsch gelernt hatten. — So wurde Rousseau der Abgott vornehmlich des deutschen Jungjudas, und Männer, deren erste Jugendbildung in jene Epoche fiel, hingen noch lange mit einer gewissen schwärmerischen Begeisterung an dem „Genfer Bürger"; empfanden doch die Juden Deutschlands von jeher das Bedürfnis einer Reformation der Sitten und des Lebens, wie sie Rousseau besonders in seiner „neuen Heloise" mit hinreißender Beredsamkeit und aus voller und inniger Ueberzeugung gefordert hatte. Wesen, Zweck und Schicksal des Talmud. In der Gabriel Rießer-Vereinigung zur Förderung der Wissenschaft des Judentums sprach am letzten Vortragsabend in der Aula des Wilhelm-Gymnasiums Herr Dr. D. L e i m d ö r f e r- Hamburg über „Wesen, Zweck und Schicksal des Talmud". Der Redner führte etwa folgendes aus: Ein Riesendenkmal geistigen Schaffens von 1000 Jahren steht vor uns. Nicht nur die 2200 Gelehrten in den Hochschulen Jerusalems, Jabnes, Cäsarea, Tiberias zu Palästina, nicht nur die Akademiker in den Staaten der Euphratländer und Babylons schufen dies Denkmal, sondern das gesamte Judentum in dem Zeitraum von 500 vor bis 500 nach der üblichen Zeitrechnung. Enfftanden ist der Talmud mit dem Auftreten der Periode der Schriftkundigen (Soferim), an deren Spitze Esra gestanden. Von ihm und den Männern der großen Synode begann die mündliche Ueberlieferung für die Erläuterung der mosaischen Lehre und erstreckt sich bis zu den unglücklichen Römerkriegen, wo es der Einsicht des Rabbi Juda des Fürsten gelang, um 190 n. Chr. die Sammlung des Lehrstoffes zu redigieren. In sechs Ordnungen lag nun der ganze Traditionsstoff vor. Sie enthielten die Agrargesetze mit den Benediktionen, die Ehegesetze u. s. w. Es folgte hierauf die Periode der Amreäer, d. h. der Erklärer. In den Lehrschulen Jerusalems und Palästinas wurden die Erklärungen oder besser Gemara, d. h. Ergänzungen zur Mischnah, 370 n. Chr. von Rabbi Jochanan in Tiberias geschlossen. Das ergab den jerusalemischen Talmud. In Babylon, insbesondere auf den Hochschulen in Snra u. s. w. stoffen die Ergänzungen zur Mischnah viel reichlicher. Sie wurden 100 Jahre später zum Abschluß gebracht und bildeten in 63 Traktaten den babylonischen Talmud.' Es handelte sich hierbei um nichts anderes, als um den Ausbau des reinen und sittlichen Monotheismus des Judentums, dessen Grundlehren gründlich durchforscht werden sollten. Dieser babylonische Talmud ist kein Kodex mit Paragraphen, sondern ein Archiv aller Abhandlungen, Fragen und Einflüsse der Zeit und des Milieu, in welchem die Gelehrten lebten. Anordnungen für das praktische, religiöse und sittliche Leben, sowie Legenden, Gleichnisse u. s. w. zur Erbauung des Volkes. So zerfällt der Talmud in zwei Hauptteile, in einem gesetzlichen, die Regelung des Lebens ins Auge fassenden Teil, ..Halacha", und in „Agada", Erzählung oder Sagenstoff zur Kräftigung des Sittengesetzes, der Ethik der biblischen Moral. Die Agada nennt Heinrich Heine einen Garten wunderbarer Poesie. Was die Form des Talmud betrifft, so ist er eher formlos, ohne jedes System und jede Methode. Das erschwerte bis auf die jüngste Zeit eine gründliche Uebersetzung des Talmud. Redner gibt nun an der Hand zahlreicher gelehrter Notizen eine Fülle von Belegstellen über die Erhabenheit und humane Auffassung aller Teile im Talmud. Die höchste Toleranz Andersgläubigen gegenüber kommt in den Disputen der Gelehrten zum Ausdruck. Hillel und Akiba, die Väter des Talmud, haben Menschenliebe als Hauptgebot des Judentums hingestellt. Man glaube nicht, daß die strengen Gelehrten des Talmud an starrem Dogmatismus festhielten, wenn es galt, die Moral zu stützen. So hat Hillel das Gesetz des Erlaßjahres gemildert, als er sah, daß die Armut sich mehrte und die Reichen sich weigerten, Wohltätigkeit zu üben. Das Ziel des Talmud war, die schriftliche Lehre vor Erstarrung zu bewahren, Geist in Buchstaben zu bringen, das Alte zu ewig Neuem zu gestalten. In der Lebensnot des Ghetto nach hohen geistigen Gütern zu streben, alle Not und alles Elend zu vergessen, Trost zu schöpfen aus dem Worte Gottes, das war die Zerstreuung der Aermsten in der Tragödie der jüdischen Geschichte. Was das Geschick des Talmud anbetrifft, so ist dies das Schicksal des Judentums selbst. Verbrannt, verbannt und verkannt sein, am meifteu von denen, die ihn nicht kennen. Drei mächtige Feinde hatte der Talmud: erstens die Buchstabengläubigkeit der Sadduzäer gegen die Pharisäer. Der zweite Feind war die Mythik auf der einen und der Atheismus auf der anderen Seite. Der talmndische Geist machte Front gegen beide und erficht einen geistigen Sieg. Der dritte Feind war und ist die Unwissenheit, gepaart mit Vorurteil, meist genährt von halbwissenden Renegaten, wie z. B. zurzeit Ludwig des Heiligen, wo 8er Renegat Donyn zu Paris es veranlaßte, daß 24 Wagenladungen Talmudmanusknpte verbrannt wurden. Desgleichen in Rom, Cremona und Barzelona. Und wer, gedenkt nicht des edlen Humanisten Reuchlin, der als Christ der erste Autor einer hebräischen Grammatik in Deutschlattd gewesen und seines Kampfes gegen den Täufling Pfefferkorn. Reuchlin hatte es durchgesetzt, daß Papst Leo X. den Talmud neu drucken ließ, damit Reuchlins Wort sich erfüllte: „Besser als den Talmud verbrennen, ist ihn lernen und verstehen." Mögen die neuen Uebersetzungen des Talmud dazu beitragen, das Verständnis der Traditionen ztt fördern. Die Wissenschaft will Licht und Liebe schaffen zwischen allen Konfessionen. Hier in der wissenschaftlichen Anstalt darf wohl der Wunsch geäußert werden, daß in der wissenschaftlichen Stiftung unserer Vaterstadt auch neben anderen Wissenschaften die Wissenschaft des Judentums Beachtung finde. Das zahlreiche Publikum, welches die Aula bis auf den letzten Platz füllte, spendete dem Redner zum Schluffe lebhaften Beifall. Verschiedene Nachrichten. Wien. Freitag-Abend, den 13. d. M., Predigt im Stadttempel. Wie«. (Vortragszyklus aus jüdischer Geschichte.) Donnerstag, den 19. Dezember 1907, präzise 1I28 Uhr abends, findet im Festsaale des Ingenieur- und Architektenvereines, I., Eschenbachgasse 9, ein Vortrag des Herrn Dr. Ludwig Stein, Professor an der Universität in Bern, statt. Thema: „Der religiöse Optimismus.". Eintritt frei, ohne Karten. Wien. (Jüdische T o y n b e e - H a l l e.) Bei dem Konzertabende, welcher Samstag, den 8. d. M. in der Toynbee-Haüe stattfand, erntete die jugendliche Pianistin Frl. Helene L a m p l, für ihr meisterhaftes Spiel verdiente Anerkennung. Bela Kalmar, ein sehr begabter Tenorist der Haböck'schen Schule, sowie der Baritonist Herr S. U r i ch der New- Dorker Oper, fanden für die Wiedergabe von Arien und Liedern vielen Beifall. —^Sonntag, den 15. d. M., findet die zweite Kinderjaüse statt, bei welcher 300 arme Kinder der Brigittenau belustigt, bewirtet und beschenkt werden. Wien. (Verein für unentgeltlichen Arbeitsnachweis, Wien, H., Tabor st raße 59.) Samstag, den 30. November fand im Sitzungsfaale der Kulmsgemeinde die 8. Generalverfammlung des Vereines statt. Der Vorsitzende, Herr Dr. Alois Klemperer, begrüßte, nachdem er die Beschlußfähigkeit der Generalversammlung konstatiert hatte, die erschienenen Vereinsmitglieder und Gäste, namentlich Herrn Dr. Alfred Stern, Präsident der Wiener israel. Kultusgemeinde, Herrn kaiserl. Rat Jonas Weil, als den zur Generalversammlung