Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 48 (13.12.1907)
- Date
- 1907-12-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 48. Die Wahrheit Leite b. der Spitze, suchten mehr die Kausalität, die Ursachen, als die Zwecke der Natur. Diese Vernachlässigung der Teleologie, der Frage nach Zielen und Zwecken, die wie gesagt auf Spinoza zurückführt, bildet jedoch eine Einseitigkeit des großen Denkers und die Forschung der Gegenwarl hat längst sowohl in Philosophie, als in exakten Disziplinen den Ariadnefaden des leitenden Zweckgedankens wieder ausgenommen, um zu einem möglichst geschlossenen Weltbild zu gelangen. Es ist klar, daß der Weg. der zur Wahrheit führt — auf ihm liegt auch natürlich die Frage cui bono — in eine r Richtung liegt, mag er sich immerhin in mehrere Aeste abzweigen. Der Zweckmäßigkeitsbegriff soll zwar nach einigen, jenen der Moral widersprechen. Riehl sagt: nicht weil es zweckmäßig ist, ist es moralisch, sondern weil es moralisch, ist es zweckmäßig. Die Sache ist zu subtil, als daß wir sie nicht links liegen lassen sollten; genug daran, der Weg zum moralischen Ideal ist eindeutig und von jeder Krümmung frei, wie es denn auch vulgär heißt, daß man keine krummen Wege wandle. Die Sache liegt in der Moral, also noch einfacher, als in der Logik. Fragen wir nun in der Aesthetik nach dem Zwecke! Herr A. F. S. und Konsorten würden nicht anstehen, sie ungefähr so zu beantworten: , Zweck in der Kmlst! Lächerlich- L’art pour Tart. Der Künstler schafft einem inneren Drang gehorchend. Dies sei Euer Götzenbild, vor dem Ihr Euch zu beugen habt Versteht Jhrs nicht, ist es zu symbolisch, vor lauter Mystik zu dunkel, umso anbetungswürdiger sei es Euch. Der Kenner wird schon die Technik zu würdigen wissen; auf Euch Philister kommt es nicht an. Ihr habt die Künstler zu bewundern und zu bezahlen, basta!" Wir müssen uns also die Sache auf unsere Weise znrechtzulegen suchen. Wollen wir zuvorderst zngeben, der Mensch müsse hie und da ausspannen, er könne nicht unausgesetzt denken und handeln, er müsse sich den holden Täuschungen der Kunst hingeben, um nicht zu unedleren Vergiiügnugen zu greifen, so erkennen wir sofort, daß jeder Zwang diesen Zweck — und dies ist das einzige, worin wir den Knnstzweck erblicken können — vereiteln würde. Einem jeden muß Freiheit zngestanden werden, seinen Spielplatz, die Art und Form seines Behagens nach seinem Geschmack, ja nach seiner augenblicklichen Laune selbstherrlich und ohne Kommando irgend eines hochmögenden Kritikers anszuwühlen. Zweitens beweist dieser menschliche Spieltrieb die Unzulänglichkeit unseres Wesens; nichts predigt eindringlicher unsere Mängel. Homo sum, nil humanum a me alienum puto. Mühsam klimmen wir die steilen Pfade zur Wahrheit und Tugend hinan und biegen dann ermüdet in die seitwärts gelegenen blumigen Gefilde ein, das Gebiet der Kunst liegt vor uns. Ferne verliert sich der Weg. hoch, unerreichbar hoch liegen die Gipfelspitzen des Ideals, sterblichen Augen durch Nebelschleier der Isis verdeckt, so fordert denn die Natur ihre Rechte und lädt uns zur Ruhe ein. Die Wortführer der Kunst, und die sie ausüben, sollen nun mit sanfter Stimme alle Mühseligen und Beladenen auffordern, den Spielplatz, den sie bereitet, zu betreten. Was seid Ihr anderes, als Ordner des Spiels, Arrangeure oder Lustbarkeit, Ihr Künstler und Literaten? Wir gestehen Euch die Wichtigkeit Eures nicht gering zu achtenden Amtes wohl zu, legen aber imser Veto dagegen ein, wenn Ihr Euch überhebt, indem Ihr unser Streben nach Sittlichkeit und Wahrheit verhöhnt und uns glauben machen wollet, Ihr selbst stündet außerhalb jeden Pflichtkreises. Lächerliche Ueberhebung! Ihr müsset einsehen, daß mir nur jene Künstler als Hohepriester ansehen könnten, die Wissenschaft und selbstlose Güte mit ihrer Kunst vereinigen würden, und daß Ihr umsomehr unsere Herrscher würdet, je mehr Ihr dem Wahren und Guten dientet und je mehr Euch dieses Gefühl durchdränge. Emmers o it erhofft ein solch dreieiniges Genie, hat seinen Vorläufer aber schon in Jesaias^ dichterischer Prophetie. Wird er bald kommen, uns vom Uebel zu erlösen, der Messias? Schon um des übermütigen Kunstästhetentums willen, sollte er unsere Wartezeit abkürzen. 8. Vineta. Uonsseans Einfluh anf die deutschen Inden der Mendelssohn'^*" Epoche. Von Rabbiner Dr. Josef Hoff in Bisenz. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts waren die Verhältnisse der Juden in Deutschland noch höchst traurige. Als rechtlose Geschöpfe betrachtet, durfte sie jeder nach Willkür behandeln. Ueberall machte sich das Recht des Stärkeren mit seiner unverschämten Arroganz, der religiöse Fanatismus mit seinergiftigen Wut, das Dunkel der Zeit mit seinem Grauen geltend. Und Israel selber, aller Kraft und Energie des Geistes bar, ließ sich willenlos und ohne Murren Ketten anlegen, die die Macht ihm geschmiedet, und das Kainszeichen des Unglückes ans seiner Stirn tragend, kam es zerknirscht und gedemntigl, für seinen wunden Körper eine Zufluchtsstätte zu erflehen. Doch allerorten ward es znrückgestoßen, weil sich kein menschlich-snhlend Herz fand. Da — gegen Ende des 18. Jahrhunderts — ward auf einmal das Gewissen der Völker rege. Nicht mehr wurden die Zügel der Herrschaft mit grausamer Strenge gehandhabt — aber gänzlich aus den Händen wollte man sie doch nicht geben. Die der Frohn und Unterdrückung gewohnten Juden fingen an ihrer Schmerzen bewußt zu werden und sahen sehnsüchtig der Heilung entgegen. Die Religion, welche noch immer die Trösterin in ihren Leiden blieb, war aber nicht mehr der hemmende Damm, der ihren Bestrebungen im Wege stand. Nack und nach begann man im Judentum auch den profanen Wissenschaften zu huldigen. Dieses langsame aber naturgemäße Fortschreiten der Selbstemanzipiernngsbestrebungen hatte sich unter dem Schutze der allgemeinen Aufklärung und Toleranz, der der Mendelssohn'schen Epoche eigen war, vollzogen. Doch auch die soziale und politische Umwandlung, welche die französische Revolution und insbesondere die in der Verfassung von 1791 erfolgte Proklamierung der Menschenrechte in allen Ländern, in denen französischer Einstnß herrschte, hervorgerufen, mußte in den Herzen der deutschen Juden die Sehnsucht nach Freiheit wecken. Die Bewegung der Geister, die von Montesquieu, Rousseau, Voltaire und den Enzyklopädisten ausgehend, sich über Deutschland verbreitete, hatte zur Zeit einen viel tieferen Eingang in Geist und Gemüt der deutsche n Juden gefunden, als der französischen. Und wenn man die großen Schriftsteller, die der Revolution vorangegangen sind, als die geistigen Urheber derselben ansieht, so haben eben diese Schriftsteller gewiß nirgends eine so ansgebreitete Wirkung hervorgebracht, wie unter den intelligenten Juden Deutschlands. Mit Ausnahme Mendelssohns *) hat vielleicht kein Schriftsteller eine so glühende Begeisterung gesunden, als Jean Jacques Roussean. Selbst die Humanität Lessings und Herders, die speziell den Inden zugewendet war, wirkte nicht so eindringlich auf die Gemüter der Juden, wie die Ideen und Verkündigungen Rousseans von dem angeborenen und nnverünßerlichen Rechte aller Menschen. Und dieser Apostel des allgemeinen Menschenrechtes sprach mit solche wehmutsvoller Wärme der Ueberzeugung, der Begeisterung für sein Ideal und des Unwillens üb'er die Wirklichkeit, daß seine Worte ein lange nachhallendes Echo in den Herzen derer finden mußten, die so lange vergebens nach Meuschenduldung und Gleichberechtigung schmachteten. I. I. Rousseau, dieser unglücksreiche und doch eines besseren Glückes würdige Mann, der aber dadurch gelernt hatte, wie dem Bedrängten zu Mute sei, er, der so sehnlichst wünschte, daß alles um ihn her frei atmen möchte, weil er selbst so gerne überall frei geatmet hätte, apostrophiert im 3. Teil seines „Emil" seine christlichen Mitbürger mit folgenden Worten: „Haben sich die Christen auch wohl Mühe genug gegeben, das Judentum recht kennen zu lernen? Was einige davon wissen, wissen sie ans den Büchern der Christen — eine schöne Art, sich von den Gründen der Gegner zu unterrichten! Diejenigen unter uns, die imstande sind, mit Juden umzugehen, sind deswegen nicht viel *) Mendelssohn hatte Rousseans Abhandlung „Bon dem Ursprung der Ungleichheit unter den Menschen" bereits 1756 ins Deutsche übersetzt. (Bgl. Näheres darüber in Kayserlings „Moses Mendelssohn" p. 57 ff.)