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Die Wahrheit · 1907-12-13 · Heft 48 (13.12.1907) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 48 (13.12.1907)
Date
1907-12-13
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 47. Kräfte des Fanatismus. Die Intoleranz erweckt die Intoleranz, und ich habe schon vor zehn Jahren, leider vergeblich, meinen Hörern im „Institut catholique" gepredigt, daß der Antisemitismus den Antiklerikalismus nach sich ziehe. Indem die Führer des "Antisemitismus jeden Morgen nach Ausnahmegesetzen gegen die Juden schrien, bereiteten sie den Boden vor für Ausnahmegesetze auch gegen andere als Juden. Wenn sie eine Revision der jüdischen Vermögen verlangten und mit der Konfiszierung der Reichtümer der jüdischen Banken kokettierten, dachten sie nicht daran, daß die von ihnen propagierte Methode der Enteignung eines Tages vom Staat und dem antiklerikalen Parlament auch gegen andere als jüdische Bankiers und jüdische Taschen angewendet werden könnte. Wenn sie indessen die Geschichte gefragt hätten, würde sie ihnen gesagt haben, daß es so kommen mußte. Sie würde sie belehrt haben, daß das, was den Völkern und den Parteien an Ausnahmegesetzen und Konfiskationsprojekten gefällt, das Prinzip ist, und daß dieses Prinzip, wenn es einmal zur Anwendung gelangt, sich unbedingt und schnell im Wechsel der Interessen und der Leidenschaft des Tages gegen die kehren wird, die es heraufbeschworen haben." Zur Richtigstellung der beunruhigenden und der Wahrheit nicht entsprechenden Berichte, welche von einem ehemaligen Dumamitglied in der allgemeinen Presse und auch in einem Teile der jüdischen über die letzten Ausschreitungen in Odessa verbreite! werden, werden wir vom deutschen Bureau der Alliance Jsraelite Universelle in Berlin um Ausnahme nachstehender Mitteilungen ersucht: Sehr geehrte Redaktion! Herr Schmarja Lewin, weiland Mitglied der russischen Reichsduma, seit längerer Zeit sich in Deutschland aushaltend, hat an dem von uns verbreiteten Bericht vom 1. Dezember über die jüngsten Vorgänge in Odessa Anstoß genommen. Gestützt auf die Tagesberichte von Odefiaer Zeitungen, deren Zuverlässigkeit von hier aus zu prüfen er gar nicht in der Lage ist, behauptet Herr Schmarja Lewiu, daß unsere bisherigen Meldungen den Tatsachen nicht entsprachen. Er tut dies unter Ausfällen gegen uns, die übrigens kein anständiges Blatt abgedruckt hat. Wir aber wollen nicht verfehlen, niedriger zu hängen, was Herr Schmarja Lewin zu behaupten den Mut hat, daß wir nämlich durch unsere wahrheitsgemäßen und von Uebertreibuugen sich frei haltenden Berichte das Pogromwesen in Rußland direkt unterstützen. Wir haben nicht gesagt und sagen nicht, daß die Verhältnisse in Odessa normal seien. Wenn aber unser Korrespondent, Herr Rabbiner Dr. Awinowitzki, ein sehr eifriger und vortrefflicher Jude, — nebenbei bemerkt: er gehört zu den Führern der Zionisten — uns wörtlich am 1. Dezember aus unsere telegraphische Anfrage, was in Odessa geschehen sei, depeschiert: „Unbedeutende Straßenvorfälle, sonst ruhig." so glauben wir seinem Zeugnis mehr, als den Berichten von Odessaer Blättern, auf die allein Herr Schmarja Lewin sich beruft. Jedenfalls ist es von Interesse, durch Herrn Schmarja Lewin zu erfahren, daß er in Berlin auf Grund verschiedener Odessaer Zeitungen die Telegramme verfaßt und verbreitet, durch die ohne Not und ohne Ursache Schrecken hervorgerufen wird. Sensationelle Aufbauschungen von an sich bedauerlichen Vorkommnissen mögen im gemeinen Reporterinteresse liegen — in unserem jüdischen Interesse liegen sie nicht. Aesthetik imd Judentum. Betrachtungen. III. Wenn wir. nun unternehmen, alle und jede Schönheit aus unserem schwanken Lebensschifflein über Bord zu werfen und mit ihr alle Poesie, alle Kunst, das Organ diese zu empfinden und zu genießen, wie leer und schal, wie reizlos erschiene uns die Welt. Aber wohlgemerkt! Sie erschiene uns nur deshalb so entgöttert, weil wir diesen Schatz vorher besessen und gekannt hätten; es erginge uns, wie dem Blindgewordenen, der dem Lichte nachtrauert; mit dem Blind geborene u, einem Kaspar Hauser etwa, der gar nicht wußte, daß es so etwas, wie Sehen gäbe, verhielte es sich ganz anders. Das Leben wäre ohne Schönheit um vieles, vieles ärmer, aber immer noch reich genug. Alle Wissenschaften könnten trotzdem ungehindert blühen, alle Tugenden wirken, auch ohne Goethes Faust, die neunte Symphonie von Beethoven und ohne die steingewordene Musik des Kölner Doms. Es ist wahr, nur schwer und mühsam läßt sich diese Abstraktion vornehmen und ich höre auch die polternde Einwendung: „Gerade das Ueberflüssige ist das Notwendige," aber die Grundpfeiler der Kultur würden bestehen bleiben, einfach darum, weil sie die Schönheit tragen und nicht von ihr getragen werden. Ein solcher Zustand läßt sich wenigstens denken. Geben wir immerhin zu, daß sich der Bau unserer Kultur mit der Schönheit als Krone schmücke, ja daß sie meinetwegen die Vollendung dieses Baues darstelle: folgt daraus, daß wir diese Krone so wuchtig und reich modeln müssen, daß das Gebäude mit Einsturz drohe? Unser Gegenstand hat noch eine andere Seite und ich möchte meine Leser durch keinerlei Dialektik verführen, zu glauben, daß das Schöne ganz und gar haltlos und ohne Regel dastehe; meine Ausführungen des früheren Artikels müssen da einige Einschränkung erfahren. Eine gewisse Symmetrie, ein gewisses Zahlenverhültnis der Schwingungen, wie beim Akkord, ist ein unbedingtes Erfordernis der Schönheit und wird, wenn dies eingehalten, auch allgemein als solche empfunden. Eine farbenprächtige Blume findet auch der Unkünstlerischeste schön. Aber ans diesen Elementen mit den Mitteln der Kunsttechnik ein von jedem anerkanntes Ganzes zu schaffen, gelingt nicht; ja, innerhalb der Schönheitselemente schon, beginnen die Liebhabereien auseinander zu gehen. Der eine ist eben für die Schönheit einer vom Abendrot bestrahlten Wolke empfänglicher, der andere für den Rhythmus eines schön geschwungenen Reigens, noch einem anderen gehen Vers und Reim über alles. Ein Grundgesetz des Wohlgefallens gibt es nicht. Die Grundsätze der Logik aber werden von jedem Bauern gebilligt, ohne daß er sie ausdrücklich kennt. In allen philosophischen Systemen lassen sich Widersprüche, logische Schnitzer, falsche Schlüsse, unberechtigte Prämissen — und kein einziges ist frei davon mit Leichtigkeit Nachweisen. In der Moral gibt es nur einen einzigen Grundsatz, das Sittengesetz. Schon in dem ersten Buch der Bibel, auf den ersten Blättern derselben ist es in den Worten Gottes zu Kain zum erstenmale formuliert: Ist es nicht also? Wenn du fromm bist, so bist du angenehm, bist du aber nicht fromm, so ruhet die Sünde vor der Tür. Aber laß du ihr nicht ihren Willen, sondern herrsche über sie. (Genesis 4, 7.) Jeder, auch der Tiefststehende, weiß es genau, wenn er gegen dies Gebot verstößt und bereut dies, wenig Fälle von gänzlicher moral insanity ausgenommen. Die menschlichen Charaktere sind zwar keine einfachen Gebilde; Böses und Gutes sind darin in mannigfacher Mischung. Nichts hindert aber genau festzustellen, welcher Zug vom moralischen Richterstuhl aus zu verurteilen, welcher zu billigen sei. Napoleons Willensstärke, sein segensreicher Einfluß aus die Gesittung Europas — brachte sein Trinmphzug durch unseren Weltteil uns Inden doch das kostbare Geschenk der politischen Freiheit — müssen anerkannt werden, nichts hindert jedoch dessen erbarmungsloses Hinopfern von Millionen menschlicher Wesen zu brandmarken. Zeige man hingegen das kompetente Forum, welches mit ähnlich untrüglicher Bestimmtheit aussprechen könnte, «welcher Teil in einem Kunstwerk, etwa einem Drama, einem Gemälde einer anerkannten Regel, einem Gesetz entspreche, welcher damit kollidiere! Stellen wir nun unsere Untersuchung unter den Gesichtswinkel der Z w e ck m ä ß i g k e i t. Spinoza zwar, den wir mit Stolz den unseren nennen, wollte die Frage nach den Zwecken aus der Philosophie ver- ' bannt wissen. Auch unsere neuere Naturwissenschaft, Darvin an

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