Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 47 (6.12.1907)
- Date
- 1907-12-06
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. Die Wahrheit Nr. 47. Erwartungen. Dieses bescheiden auftretende und sachlich streng gehaltene Buch, welches den rigorosesten Ausorderungen der engeren Fachwissenschaft entspricht, ist ein wichtiger Baustein für die ausführliche Geschichte des deutschen Schrifttums. Die Quellen sind einschließlich der neuesten, die der Verfasser hervorhebt, mit emsigem Fleiße zusammengetragen und auf seinen reichhaltigen Stoff gestützt, und es entrollt sich in sehr einfacher schmuckloser und doch hochinteressanter Darstellung ein Bild der Kindheit, Knaben-, Lehr- und Wanderjahre des Dichters, wie wir es nicht bester wünschen können. Mit um so größerem Danke müssen wir diese Leistung begrüßen als sie aus vollständig fremden Lager stammt; Zeit und Raum verbieten uns leider — breviber dictu — näher auf den Inhalt eiizugeheu. Möge dieses mit ebensoviel Liebe als warmer Sympathie für seinen Helden erfüllte Werk unlsomehr Leser und Käufer finden und dadurch den Biographen, sowie den opferwilligen „Verein der Deutschen in Böhmen" veranlassen, uns baldigst die Fortsetzung des Werkes d. i. eine Neu-Ausgabe der längst vergriffenen Schriften Hartmanns nebst seinem bisher nicht veröffentlichten hochiutereffanteu Briefwechselzu bringen. Thomas Oliva. Das verlorene Wort. Roman von Paul Althof (Alice Gurschner). I. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger 1907. Geh. 3 Mk. Lnbd. 4 Mk. Vor zwei Dezennien gelangte Referent in den Besitz eines ebenso heiteren als harmlosen Gelegenheitsscherzes: „Der Ring der Kegelungen." Große romantische Opern-Trilogie. 1. Abteilung: „Lohenblau". 2. Abteilung : „Die Willküre". 3. Abteilung: „Geister Dämmerung". Musik nach berühmten Mustern von Maestro Enreco Bochettini. Wien 1887. Seither hatie der pseudonyme Antor die Malice, sich zu einer — vielversprechenden Shmfe und Romanschriftstellerin empor znarbeiten. In rascher Folge erschienen u. a.: „Schneeflocken". Märchen. Ihren teueren Eltern gewidmet. Wien 1888. „Gerurode". Poetische Erzählungen aus dem X. Jahrhundert. Leipzig 1890. „Die Aiolanar". Wien 1693. ..Coghetta". Novelle. 1894. „Neues Freies Badeblatt". Politisch-humoristisch-temperiertes Organ. Wien 1895. „Passion". Gedichte. Wien 1897. rc.; die Aufführung eines Schauspieles, „Kuusthyäneu". fand vielen Beifall. (Erstaufführung: Deutsches Volkstheater, 4. April 1902.) Eine autobiographische Skizze hat uns über den Werdegang der österreichischen Schriftstellerin in einer Berliner Zeitung nähere interessante Aufschlüsse gegeben. Auch das neueste Werk bedeutet einen wesentlichen Fortschrit, ja dasselbe ist, nach dem Ausspruche eines sonst nichts weniger als milden und wohlwollenden Beurteilers, als Bekenntnis einer weichen, warmen Frau voll ästhetischer Bildung auf der Höhe moderner Kultur . . . sehr beachtenswert. Gustav R a k. Feuilleton. KersöHnLe Keinde. Bon Babette Fried. (Fortsetzung.) Hingerissen von den auf sie einstürmenden Eriniierungen und Gedanken, welche der Anblick dieses Zimmers entfesselte, hätte sie wahrscheinlich an den Zweck ihres Hierherkommens gänzlich vergessen; jedoch das Bild, um dessentwegen sie gekommen, stand derart, daß es jeder Besucher sofort bemerken mußte. Neugierig ergriff sie dasselbe, trat damit ans einzige Fenster des Zimmers und schob die dunklen Gardinen zur Seite, um es besser betrachten zu können. „O, es ist wahr, daß dies ein herrliches Frauenbild ist, seiner würdig! Diese kluge Augen, dieses süße Lächeln um die vollen Lippen, diese holden Grübchen in Kinn und Wangen, und über das ganze Gesicht der Ausdruck von echt weiblicher Sanftmut und Einsamkeit ausgegossen! Was bin ich, die Unbedeutende, im Vergleiche zu dieser strahlenden Schönheit? Und was steht denn da unten geschrieben: „Ihrem Ludwig! Deloria." Jetzt wars heraus, was sie befürchtet hatte: ihr Ludwig! Er gehörte ihr, diesem schönen Mädchen, sie hatte unbestrittene Rechte an ihn, an seine Liebe. Und sie, Rosa, hatte sich bisweilen vermessen, zu glauben, daß sie selbst Eindruck ans ihn gemacht habe, wenn seine tiefen Augen so freundlich auf ihr ruhten. „Ja. Soldatenweise," fügte sie in Gedanken bitter hinzu. ..Ein anderes Städtchen, ein anderes Mädchen!" Sie stellte den Rahmen mit dem Bilde wieder an seine Stelle und wollte sich wieder aus dem Zimmer entfernen, um eine Enttäuschung reicher, einen Schmerz mehr den alten Leiden zugesellend. Als sie am Tische alles wieder zurechtstellen wollte, verschob sie aus Unachtsamkeit ein Blatt Papier, und siehe, vor ihr lag ihr eigenes Bildnis, dasjenige, das sie dem Bruder gegeben. Verzweifelt schrie sie aus: „Mein Bild, mein Bild, eine Geisterhand hat es hier niedergelegt. Jetzt weiß ich mit Sicherheit: Karl ist tot!" Zu viel war in dieser traurigen Stunde über sie gekommen; alle ihre Stärke, welche in der Hoffnung auf Wiederkehr des geliebten Bruders gewurzelt hatte, verließ sie, ihre Sinne verwirrten sich, schwarz wurde es vor ihren Augen, und ohnmächtig sank sie auf den Teppich des Zimmers nieder. Viertes Kapitel. Der Doktor war trotz seines schleunigen Aufbruches und der größten Eile, mit der er zu seinem Patienten ging, deitnoch zu spät gekommen. Der Hauptmattn war schon tot. Es war da gar nichts zu machen. Goldenkron erledigte mehrere in diesem Falle notwendigen Formalitäten, eilte daun, ohne sich von irgend jemandem aufhalten zu lassen, zu seiner Wohnung zurück, nachdem er sich unterwegs erinnert halte, daß er bei seinem hastigen Aufbruche vergessen hatte, die Türe abzuschließen und er befürchten mußte, daß sich ein Fremder einschleichen könnte. Von den Hausbewohnern fürchtete er so etwas nicht, denn sogar die Dienerschaft in diesem nach jeder Richtung hin feinen Hause bestand aus erprobten, gut geschulten Leuten. Das. Vorzimmer war leer, und er ging direkt zur Zimmertür, welche er hastig öffnete.' Erstaunt, erschreckt, blieb er auf der Schwelle stehen. Wer lag da auf dem Boden, bewußtlos, ohnmächtig, oder gar tot? Er bückte sich zu der regungslos daliegenden Gestalt, und mit unbeschreiblichem Schrecken erkannte er in der von schwerer Ohnmacht umfangenen Dame diejenige, mit der er sich unablässig in Gedanken beschäftigte. Der erfahrene, bedächtige Mann sah ein, daß er, den Ruf des jungen Mädchens berücksichtigend, keinen Lärm machen durfte, damit niemand der Hausgenossen erfahre, daß sich die Tochter des Hauses in seinem Zimmer befunden. Er hob das bewußtlose Mädchen auf, legte es auf den nebenstehenden Divan, nahm ans seiner Tasche die belebenden Essenzen, welche er zu sich gesteckt hatte, als er zu dem erkrankten Offizier gerufen wurde, und stellte Wiederbelebungsversuche an, welche auch nicht ohne Erfolg blieben. Bald hatte er die Genugtuung, ihre leichten Atemzüge zu beobachten, und nach kurzer Zeit die Freude, sie die Augen aufschlagen zu sehen, freilich, um sie gleich wieder zu schließen, gleichsam, als ertrüge sie den Gedanken nicht, wieder dem Lichte und dem Leben zurnckgegeben zu sein. Erst nach geraumer Weile gelang es ihrer sichtlichen Bemühung und der Hilfeleistung des Arztes, daß sie sich erheben konnte. Mit tiefem Erröten und mit scheuer Bangigkeit suchte sie ihre Anwesenheit in seinem Zimmer zu entschuldigen. Der Doktor unterbrach sie: „Ich will jetzt nichts anderes von Ihnen wissen, als wie Sie sich befinden und ob Ihnen schon ganz wohl ist?". „Das ist gleichgiltig," sagte sie erregt. „Sagen Sie mir lieber, wie Sie zu diesem Bilde hier, dem meinen, gekommen sind?" „Durch einen Zufall, Fräulein! Ich nahm es einem verwundeten Soldaten aus der Hand, als —" Rosa ließ ihn nicht ausreden. „O, mein Herr, freiwillig hätte sich Karl von diesem Andenken nicht getrennt! Sie haben es einfach dem verwundeten Feinde weggenommen, wie ein Leichenräuber, eine Schlachtfeldhyäne!" Das böse Wort war heraus, welches Rosa so gerne zurückgenommen hätte, als sie die Wirkung auf den Mann sah, dem sie es so unbedacht zugeschleudert hatte. (Fortsetzung folgt.) Mtle! Viele hunderte israelitische Kinder in der Brigittenau sind der bittersten Not preisgegeben und leiden Hunger. Wir bitten unsere Glaubensgenossen: Nehmet Euch dieser armen zarten Kinder an und helfet nach Euren Kräften, Hamit die im Lokale XX.. Kluckygasse 7 bereits begonnene Ausspeisung im notwendigen Umfange fortgeführt werden könne. Spenden nimmt entgegen: Das gefertigte Komitee für die Verköstigung israelitischer Kinder in der Brigittenau und die Kassa der israel. KulUisgemeinde in Wien, I., Seitenstettengasse 4, I. Stock. Dr. Alfred Berger, Heinrich Weiner, Kultusvorstand . Obmann des Vereines „Brüder" I., Judenplatz 8. IX., Pramergasse 1.