Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 47 (6.12.1907)
- Date
- 1907-12-06
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Die Wahrheit -Leite 9. Nr. 47. Verschiedene Uachrichten. Wien Freltag-Aoend, am 6. Dezember. Predigt im Leopoldstädter Tempel. .Wie». ^S ch ö n l a t e r n b e th au s.) Am 7. Dezember. Schabbes- Chanukka. wird beim Morgengottesdlenste, 9 Uhr, ein Sefer-Thora, welches nebst silbernem Thoraschmuck von der Familie des verewigten Herrn Zalomon Lichte n st e r n gewidmet wurde, zur Einweihung gelangen. Wien. (C ha nu kassier der Toynbee-Halle.) Es war ein erhebender und herzerfreuender Abend, der den Besuchern der Toynbee- Halle, dem armen jüdischen Proletariate, am Samstag, den 30. November d. I. geboten wurde. Herr Oberkantor Don Fuchs hatte in dankenswerter Weise das Arrangement der Chanukafeier übernommen, die mit dem Anzünden der Lichrer von ihm unter Mitwirkung eines trefflichen Männerchores durch die üblichen Gesänge eingeleitet wurde. Herr Rabbiner Dr. Ä b e l e s hielr hierauf in formvollendeter Weise die Festrede, die begeisterten Anklang fand. Den zweiten Teil des Abends bildeten Bvrträge eines Äänuerquartettes, welches mit Herrn Oberkancor Don Fuchs vereint, herrliche Darbietungen brachte. Den Abschluß des Abends bildeten Arien und Liedervorträge des Arrangeurs, welche den Jubel des Auditoriums erweckten, das immer neue Zugaben forderte. — Sonntag nachmittags fand eine Kinderfestjanse für die arme Brigittenauer Schuljugend statt, bei welcher 300 arme Kinder durch Geschenke an Kleidungs- und Wäsche- Stücken, Spielsachen und dgl. erfreut wurden. Der Bescheerung gingen Belustigungen der Kleinen durch Gesang nud Spiel voraus. Mit einer Chauuka-Feier wurde auch diese Veranstaltung eingeleitet, die durch zahlreiche Spenden edler Kinderfreunde viel Jubel und Glückseligkeit erweckte. Wien. (Verein zur Hebung der Gewerbe.) Am Sonnrag, den 1. Dezember d. I. fand im großen Festsaale des Niederösterr. Gewerbe-Vereines eine Plenar-Versammlung dieses Vereines unter dem Vorsitze seines Präsidenten B r o d starr. Schon lange vor Beginn war der große Saal dicht gefüllt und ein weiterer Einlaß unmöglich. Der Präsident begrüßte die anwesenden Honoratioren und erschienenen Gäste und feierte die Wiedergenesung Sr. Majestät des Kaisers in einer solennen Ansprache, die von der Versammlung stehend angehört wurde. Sodanu hielt der Präsident dem tagsvorher verschiedenen Mitgliede, Regiernngsrat Ku l ka, der ein treuer Anhänger des Vereines gewesen, einen warmen Nachruf. Endlich folgte ein ausführlicher Bericht was der Verein in den letzten Wochen zur Verhütung einer Katastrophe im Wiener Baugewerbe geleistet. Nach vielen Besprechungen und einer vom Vereine aus allen interessierenden Baukreisen einberufenen Experten-Versammlung im Hotel de France wurde beschlossen, der vom Zeutralvereine der Baugewerbecreivenden Niederösterreichs einberufenen Enquete beizutreten. Als Delegierte derselben wurden der Präsident B r o d, Fabrikant Gottlieb Bette! heim und als Ersatz Bauunternehmer Josef Steiner entsendet, welche laut Beschluß folgende Vorschläge zu ilnterbreiten hatten: I. Herabsetzung der Hauszins-Lteuer; 2. Wiederherstellung des alten Status quo der Üeberlragungsgebühren; 3. Regelung des Kartellweseus; 4. Inangriffnahme der projektierten öffentlichen Bauten; 5. Regelung der Unfall- und Krankenkassengebühren. Diese Enquete fand aui 27. und 28. v. M. im Festsaale des Gremiums der Wiener Kaufmannschaft unter Anwesenheit der Vertreter aller Ministerien statt. Hoffen wir von dieser Enquete eine Besserung der desolaten Zustände im Wiener Baugewerbe. (Beifall). Nun hielt Herr Josef Beck seinen ebenso lehrreichen als hochinteressanten Bortrag über „Egypten" an der Hand von 120 Skioptikottbilderu. Der Dank, von Seiten des Vorsitzenden und der stürmische Beifall der ganzen Versammlung entschädigten den Vortragenden einigermaßen für die Mühe, der er sich für diesen Vortrags-Abend unterzogen. In später Stunde schloß der Präsident die Versammlung. Wien. Unter überaus zahlreicher Teilnahme wurde der nach langem Leiden verschiedene Gewerbeinspektor Regierungsrat M. Kulka, Dienstag, den 3. November bestattet. Er stammle aus Leipnik, war ein Enkel des Rektors der Budapester theologischen Lehranstalt, Rabbiner Moses Bloch, und erfreute sich allenthalben großer Wertschätzung. Die liturgische Funktion versah Oberkantor G u t t m a n U und die ergreifende Trauerrede hielt Dr. G r u u w a l d. Mögen die Hinterbliebenen des allzufrüh Dahingeschiedenen in der allgemeinen Teilnahme Erhebung und Trost finden! Die Erde sei ihm leicht! _ Wien Dienstag, den 3. d. M. wurde Herr Josef Schreier, gebürtig aus Gewitsch in Mähren, im Alter von 81 Jahren tiefbetrauert von den Kindern und Enkeln, wie auch von Allen, die diesen wahrhaft religiösen Mann im Leben zu beobachten Gelegenheit hatten, unter großer Beteiligung der Verwandten und Bekannten zu Grabe getragen. Im Trauerhause widmete Vereinsrabbiner Körbel vom „Machsike Haddaß" einen tiefempfundenen Nachruf, in welchem er die seltenen Tugenden des Verblichenen gebührend würdigte. In der Zeremonienhalle fungierte in Vertretung der Chewra Kadischa Herr Fried. n'-'S':Ti Wien. (Goldene Hochzeit.) Am 6. d. M. begeht Herr Leib (Leopold) Preßburger, Militär-Uniformen- und Rüstungs-Großhändler. mit feiner Gattin Chaje, in aller Stille, bloß im Kreise der Kinder und Enkel das seltene Fest der goldenen Hochzeit. Herr Preßburger domiziliert seit mehr als 30 Jahren im XX. Bezirke, Treustraße 52 und ist hier eine der angesehensten Persönlichkeiten der jüdischen Bevölkerung. Mit reichem hebräischem Wissen ausgestattet und mit Glücksgütern gesegnet, pflegt er keinerlei gesellschaftlichen Verkehr und besucht nie ein öffentliches Lokal und beteiligt sich in keiner Weise an dem politischen Leben und Treiben seines Volkes. Für ihn sind nur zwei Dinge heilig: die Familie und der erhabene jüdische Glaube! Als Mitglied der Brigittenauer Tempelgemeinde, ist er einer der eifrigsten Besucher des Gotteshauses und bringt dem religiösen Kultus stets reiche materielle Opfer. Auch übt Herr Preßburger das Gebot Zedoko besesser in der vornehmsten Weise aus. Ebenso wie er jedes Ehrenamt in seiner engeren Gemeinde entschieden ablehnt. verbat er sich auch jede festliche Begehung seines Jubeltages seitens derselben. Wie verlautet, soll an diesem Tage eine seiner Enkelinnen vor den Traualtar treten. Alle, dre Herrn Preßburger kennen, insbesondere aber die Brigittenauer Judenschaft, bringen aus diesem seltenen Anlaffe, ihm und seiner Gattin die allerherzlichsten Sympathien und Glückwünsche entgegen. N. Ch. Wien. (W iener Synagoge nsänger-Berei n.) Am 15. Dezember, 9 Uhr abends, findet im Festsaale des Horel „Bayrischer Hof" eine vom Wiener Synagogensänger-Bereine veranstaltete intime Konzert- Akadeime unter gefälliger Mitwirkung des Opernsängers Herrn Josef Schwarz, Mitglied der Volksoper, des Oberkantors S. K w a r t i n, des Organisten M. Metzer und des Herrn Richard Waldemar, Mitglied des k. k. priv. Carltheaters, statt. Zur Aufführung gelangen außer den jolistischen Darbietungen obiger Kunstlräfte, Männerchöre von S u l z e r, Brahms, Grieg, Goldsteiu, Heuberger, Mozart, A. M. Storch und Orlanto di Lasso. Das Reinerträgnis dieser Veranstaltung fließt dem Unterstützungsfond für kranke und postenlose Wiener Tempelsänger zu Karten ä 1 und 2 Kronen sind zu haben beim Obmann S. Lemberger und dem Kassier A. G o l d e n b e r g, II. Schmelzgasse 7, sowie bei allen Mitgliedern. Berlin. (Deutsches Bureau der A l i a n c e I s r a e l i t e Universelle). Dem Deutschen Bureau der A l i a n c e I s r a e l i t e Universelle wird aus Odessa 1. Dezember telegrafisch gemeldet, daß in der vergangenen Woche nur ganz unbedeutende Straßenkrawalle vorgekommen sind, die schnell vorübergingen und kaum beachtet wurden. In der Stadl ist alles ruhig. Literatnr. Moritz Hartmanns Gesammelte Werke. Erster Band. Moritz Hartmanns Leben und Werke. Ein Beirrag zur politischen und lirerariichen Geschichte Deutschlands im XIX. Jahrhundert von Dr. Otto Wittner. Zwei Teile mit neun Lichtdrnckbildern, Prag I. G. Calve'sche k. u. k. Hof- und Universitätsbuchhandlnng (Josef Koch) 1906—1907.12 M. Wenn man die österreichischen Poeten aufzählr, welche mit Wort und Tat die großeil. politischen Probleme ihrer Zeit fördern halfen, welche in der Dichtung, wie im Leben ihr Bestes daran gaben, die entscheidenden Fragen des Jahrhunderts zur Lösung bringen zu helfen, ihrer Generation die Möglichkeit politischen Fortschritts in der Entwicklung zu sichern, dann muß man in erster Reihe Moritz Hartmann nennen. Dem heutigen Geschlecht freilich sagt dieser Name kaum noch etwas. In der großen Literaturgeschichte verschwindet er in dem dichten Gewühle, markantere, lärmendere Erscheinungen drängen sich vor den eiligen Leser, Und auch die strenge Wissenschaft hat wichtigere Probleme zu verfolgen, als das Lebeuswerk eines Schriftstellers in ihren Annalen zu verzeichnen, dessen voruehmer Bescheidenheit nichts fremder war, als jene ostentative Selbstüberschätzung, welche so mauchem geringeren Könner endlich klingenden Ruhm eintrug. Er war von einer mitleidslosen Schärfe in seiner Selbstkritik, wenn er die literarische Leistung feiner Generation einschätzte. „Was wollen Sie?" sagte er einmal zu Fedor Wehl, als dieser über die rasche Vergessenheit klagte, der moderne Literaturwerke anheim zu fallen pflegten. „Unsere literarischen Vorfahren brauchten Jahrzehnte, um bekannt zu j werden; wir sind es in 14 Tagen. Was Wunder, daß sich unser Ruf dai mit erschöpft. Er ist nicht für die Dauer gemacht; wenn er fertig ist, so j ist er auch hin. Die Neuzeit kennt in der Literatur nur noch den Ruhm! im Fluge, die Berühmtheit des Augenblickes. Bis zu Lessing, Goethe und I Schiller ging die Literatur mühsam bergauf, sie hatte Halte und Stationen, > an und in denen sich Namen ansiedeln und einnisten konnten; jetzt rollt i die Literatur den Abhang hinunter in so rasender Eile, daß die Muse nur | selten noch Muße gewinnt, eine dauernde Bedeutung abznsetzen. Wir sind literarische Masse im Sturmlauf und gelten nur uoch nach dem Inhalte, den wir bergen. . . ." Wie klar und deutlich aber auch Hartmann gelegentlich hier der Meinung Ausdruck gibt, daß die Literatur seiner Zeit des individuellen Gepräges entbehre, so sicher ist es, daß gerade ihn die allmächtige zu einer Persönlichkeit geschmiedet hat, deren Wanderungen und Wandelungen nachzugehen von hohem Reize ist. Sie führte den Sprößling des kleinen böhmischen Dorfes durch alle Länder Europas. Sie gab dem in der Enge der Anschauungen einer unbedeutenden Judengemeinde Geborenen einen Erkenntnisdrang, der ihn frühzeitig von allen Schranken befreite; einen Schönheitssinn, der mit freudiger Begeisterung in sich aufnahm, was an hohen Werken der ganzen Menschheit zugeteilt war, einen Wahrheitstrieb, der ihn stets von allem Schillernd-Zweideutigen fernhielt. Sie machte, manchem Widerstand zum Trotz, aus dem Sohne des Zainhammerbesitzers, der sich gar zu gern einen tüchtigen Geschäftsnachfolger erzogen hätte, eine der rühmlichsten Erscheinungen unserer Literatur in einer Epoche, die wir, wie schon Hartmanns eigenes Urteil bewies, nicht zu unseren Glanzperioden zu rechnen pflegen. Mit diesen treffenden Worten hat Otto Wittner bereits in seinen „Oesterreichischen Porträts und Charakteren" Wien, Hugo Heller & Co., 1906, den Werdegang Moritz Hartmann's gekennzeichnet. Die neueste zweibändige mehr als 1000 Seiten umfassende Biographie, welche den neunten und zehnten Band der ebenso wiffenschaftlich als künstlerisch hoch stehenden „Bibliothek deutscher Schriftsteller aus Böhmen" bildet, übertrifft, die von uns*) bereits beim Erscheinen der ersten drei Kapitel gehegten großen TOnfirhoH- Wr 7 rtnm IQ IQfWt