Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 47 (6.12.1907)
- Date
- 1907-12-06
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8. Die Wahrheit Nr. 47. durch die Zinsen des Fondes oder durch Beitragsleistung der politischen Behörden sichergestellt sei. Schließlich erwähnt der Präsident noch eines Jnbiläumsprojektes, der Errichtung eines Gewerbe-Vereinshauses, das gleichsalls in Vorschlag gebracht worden sei. Die Entscheidung fiel schließlich zu Gunsten des Waisenhauses, weil ein derartiges Institut ein Wohltätigkeitsakt xar excellence und auch die Realisierung desselben nicht an dem Mangel der verfügbaren Mittel gescheitert sei. Baurat S t i a ß n y bestätigt als Mitglied des Kuratoriums der erwähnten, in Verwaltung des Wiener Magistrates befindlichen Stiftung, daß dieselbe gegenwärtig ca. IV4 Millionen Kronen betrage und daß auch auf den Gründen des Bürgerspitalfondes für die Errichtung eines Ainderspitales ein Bauplatz reserviert werde. Kaiser!. Rat Sachs gibt der Hoffnung Ausdruck, daß die vorhandenen Mittel durch weitere Widmungen so weit gestärkt sein werden, daß man in nicht allznferner Zeil an die Errichtung eines jüdischen Kinderspitales werde schreiten können. Hierauf werden die Anträge der Kaiser-Jubiläums-Kommission, resp. des Vertreter-Kollegiums einstimmig angenommen. Die Mikwah. Banrat Marmorek referiert über den Bau eines rituellen Bades, dessen Errichtung resp. Nenanlage schon seit vielen Jahren von dem konservativen Teil der jüdischen Bevölkerung Wiens dringendst gefordert wurde, Nach langen Verhandlungen mit dem Rabbinat und den interessierten Kreisen fei endlich die Lösung dieser schwierigen Frage gelungen und zufällig sei auch ein passendes und billiges Objekt gefunden worden, durch dessen Erwerbung' die Gemeinde nicht stark belastet werde. Ueberdies sei durch die bei dem Umbau projektierte teilweise Vermietung des Hauses für Privalwohnungen auch eine gewisse Rentabilität sichergestellt. An der Hand der von ihm über Auftrag der Mikwah- Kommission entworfenen Pläne erklärt Baurat Marmorek die Einteilung und Einrichtung des Bades, das sowohl allen rituellen als auch hygienischen Anforderungen entsprecheti wird, und ersucht schließlich namens des Vertreter-Kollegiums um Bewilligttng des für den Bau und die Einrichtung der Mikwah nötigen Kredites von 164.000 Kronen. In der Debatte sprach Dr. Berger die Erwartung aus, daß nunmehr ein Einvernehmen mit der konservativen Partei, betreffs Einrichtung der Mikwah werde erzielt werden. Weiters sprachen die Herren Salo Cohn, Ritter v. G 0 l d s ch m i d t, Dr. Leopold K 0 h n, Dr. Gustav K 0 h n, Hofrat Dr. Rappaport und hierauf wurde der angefprochene Kredit für die Mikwah bewilligt und dem Referenten Baurat Marmorek Dank für seine Mühewaltung ausgesprochen. Borträge aus jüdischer Geschichte. Um diese Vorträge, deren einige einen geringeren Besuch aufwiesen, anziehender zu gestalten, hat der Vorstand hervorragende wissenschaftliche und literarische Persönlichkeiten, zumeist aus dem Auslande, zur Abhaliung von Vorträgen eingeladen und da diesen zumindest Reisekosten und Kosten des Aufenthaltes in Wien ersetzt werden müssen, wird vom Vertreterkollegium für diesen Zweck die Bewilligung eines Betrages von 3000 L beantragt. Vertreter Salo Cohn stellt dem gegenüber seinen eingangs des Berichtes erwähnten Amrag und erklärt sich bereit, im Falle der Annahme desselben, für drei Jahre je 500 K aus Eigenem dem „Jüdischen Museum" zur Abhaliung der Vorträge zur Verfügung zu stellen. Die nachfolgende Debatte, die weit über den Rahmen des Gegenstandes hinaus ging und von den Herren Dr. Spitzer, kaiserl. Rat Weil, Baurat Stiaßny, Dr. Gustav K 0 h n, Ritter v. G 0 l d s ch m i d t uiib Professor Ehrman 11 bestritten wurde, endete mit Bewilligung des angesprochenen Kredites und hierauf wurde die Sitzung geschlossen. Der Moralist Kalonymos Iren Kalonymos. In Arles in der Provence wurde Kalonymos b. Kalonymos, b. Meir im Jahre 1287 geboren. Frühzeitig schon hatte er sich nicht nur als bedeutender Gelehrter, Arzt und Dichter, sondern auch als vorzüglicher Uebersetzer arabischer wissenschaftlicher Schriften ins Hebräische ausgezeichnet. Infolge seines immensen Wissens lenkte er die Aufmerksamkeit des Königs Robert von Neapel während seines Aufenthaltes in Südfrankreich auf sich, so daß er ihn in seine Dienste nahm. Kalonymos wurde vom Könige mit Empfehlungen versehen und reiste somit nach Rom, wo er im Aufträge seines Protektors an Uebersetzungeu arabischer Werke fleißig arbeitete. Er war aber nicht nur Uebersetzer, sondern auch Verfasser selbständiger philosophischer und poetischer Schriften, die sich des allgemeinen Beifalls erfreuten. In diesen Schriften war er bemüht, seinen Glaubensgenossen einzuschärfen, die Moral und Sittlichkeit stets hochzuhalten, weil deren Verkennung und Vernachlässigntig die Menschen zu allerlei Verkehrtheiten und zu gegenseitigem Schaden führen. Besonders verstand Kalonymos die Schäden, Mängel und Gebrechen der Zeit in salyrischer Weise zu geißeln, ohne jedoch die Fehler der Einzelnen zu generalisieren. Im Jahre 1322 verfaßte er sein bekanntes Werk „Ewen Bocken“ „Stein der Prüfung", in welchem er seinen Glaubensbrüdern einen Spiegel vorhielt, in welchem sie ihre Verkehrtheiten und Thorheiteu erblicken konnten. Einige die Heuchler und Frömmler charakterisierende Verse mögen hier angeführt werden: „Es ist doch eitel Trug, der ans ihm spricht, — geh' Du nur gründlich in sein Wesen ein, Du findest gewiß, daß seine Frömmigkeit nur Schein. — Hast Du geschickt des Schleiers Trug zerstört, — erscheint Dir der Sachverhalt ganz umgekehrt. — In seinem Herzen hat Habsucht ihre Statt' — er will nur Geld, wird nie des Geldes satt, — und nimmts, kann er's nur schlau erfassen, — mit frommem Blicke selbst aus Armenkassen! — Er nimmt, und wär's des Armen letztes Hemd! — Du Tor! Verlaß Dich auf des Frömmlers Rechtlichkeit. — Du wirst's er» fahren schon zum eigenen tiefen Leid, — wie schlau er Dich ins Garn hineiugezogen, — wie heuchlerisch er Deine Zuversicht betrogen, — und klug berechnend alles mußt' zu lenken. — Daß nicht zu früh man nachspürt seinen Ränken! — Das Schlimmste ist jedoch, daß dieser Heuchler Rotte — die Religion preis gibt dem Hohn und Spotte; — daß die v e rkappten Frömmler sich als Heilige giriren — und so die öffentliche Meinung irreführen. — Sie tun genau, was alte Satzungen heischen — um sicherer die Schar der Gläubigen zu täuschen. — „Tefillin“ hat sich fest um den Arm gewunden, — mit dem er jüngst erst den Arglosen hat geschunden. — Es ragt ihm h 0 ch, wie eine stolze Gipfelfirne, — das heilige Zeichen auch an der frechen Stirne — und drinnen wie in einer Polter-Kammer, — nur ausgeheckt der Sünde Not und Jammer." (Told. Ansche Mophet 350). Mau sieht also, daß das Judentum, das doch gleich allen anderen Völkern der Erde nicht aus Engeln sondern aus Menschen besteht, zu allen Zeiten auch sündenbelastete Menschen zu seinen Bekennern zählte. Allein diejenigen Männer, die berufen waren, die Schäden der Zeit zu geißeln, haben es nie gewagt, nach Art der Judenfeinde, die Fehler der Einzelnen zu generalisieren. Trotz der Strafreden, die Kalonymos seinen Glaubensgenossen gehalten, erfreute er sich in Rom der allgemeinen Hochachtung und Verehrung. Man wußte, daß er, so oft er die Schäden der Zeit schonungslos tadelte, nie die Gesamtheit, sondern nur die einzelnen Sünder im Auge hatte, daß er-gleich Bernria, der frommen gelehrten Gattin des berühmten Tanaiten R. Meir, sehnlichst wünschte, daß nicht die Sünder, sondern die Sünde von der Erde schwinden möge, nach den Worten der Psalmisten xtarnn chatoim min hoorez ureschoim aud enom. Dr. M. H. Fr.