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Die Wahrheit · 1907-12-06 · Heft 47 (6.12.1907) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 47 (6.12.1907)
Date
1907-12-06
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Die Wahrheit Nr. 47. und Ethik den Grund- und Eckstein aller höher entwickelten Lebensformen bilden müssen, auch solcher, die wir nicht kennen und bloß imaginieren. _ (Schluß folgt). Ans der Wiener Knltusgememde. Die nach längerer Pause Sonntag, den 1. d. M. unter dem Vorsitze des Präsidenten Dr. Alfred Stern stattgehabte öffentliche Plenarsitzung des Kultusvorstandes brachte eine inhaltsreiche Tagesordnung, die in mitunter ziemlich bewegten Debatten fast durchwegs ihre Erledigung fand. Im Mittelpunkte des öffentlichen Interesses standen zwei Vorlagen, die Widmung von 100.000 Kronen als Beitrag für ein zur Feier des 60jährigen Regierungsjubiläums Sr. Majestät des Kaisers im Verein mit dem Waisenhausverein zu erbauendes jüdisches Knabenwaisenhaus, die einstimmig beschlossen wurde, und der gleichfalls mit Stimmeneinhelligkeit gefaßte Beschluß auf Erbauung einer den modernen und rituellen Anforderungen gleich entsprechenden Mikwah. Der erste Beschluß wird gewiß in allen Kreisen der Gemeinde freudigst begrüßt werden, der letztere aber dürfte gerade die konservativen Kreise, in welchen seit einer Reihe von Jahren die Forderung nach Errichtung einer neuen Mikwah mit lautem Nachdruck erhoben wurde, nicht befriedigen. Ist dies nun, wie wir aus Aeußerungen orthodoxer Gemeindemitglieder anzunehmen berechtigt sind, der Fall, dann ist eben die Mikwahfrage trotz des gefaßten Beschlusses nicht gelöst, und die beträchtlichen Kosten, die die Gemeinde auf die Erbauung des rituellen Bades aufwendet, erscheinen als ganz zwecklose Belastung des Budgets, wenn die Mehrzahl der Orthodoxen, die ja hauptsächlich für die Benützung der Mikwah in Betracht kommen, den Besuch derselben perhorresziert. Wir glauben, daß von der Mikwah-Kommission ein zweifacher Fehler begangen wurde. Zunächst war es zumindest unloyal, die Vertreter der konservativen Partei, die ja gleichfalls ein Mikwah-Projekt ansarbeiten ließ und dasselbe vertranungsvoll der Mikwah-Kommission vorlegte, bis zum letzten Moment über die Chancen desselben in völliger Unklarheit zu lassen und ihnen nicht offen und ehrlich zu sagen, daß ihr Projekt nicht zur Annahme empfohlen werden könne. Sie wären auch geradezu verblüfft darüber, als sie erst in der öffentlichen Sitzung hörten, daß ihr Projekt schon längst ins Wasser gefallen sei. Und zweitens scheint auch die Kommission auf das bekannte Widerstreben der Orthodoxen, eine rituelle Institution unter der Leitung oder Aufsicht des Rabbiner Meyersohn als für sie vollwertig anzuerkennen, zu wenig Bedacht genommen zu haben. Unter den gegenwärtigen Verhältnissen scheint eine Lösung der Frage und ein Ablassen der Orthodoxen von ihrem Projekte nur dann möglich, wenn die Gemeinde, wie es ja übrigens seit Jahrzehnten bei der alten Mikwah der Fall ist, auch die Leitung und Aufsicht der neuen Mikwah unter Oberaufsicht des Oberrabbiners der konservativen Partei überläßt. Und im Interesse des Friedens in der Gemeinde sollte Rabbiner Meyersohn der erste sein, der dem Kultusvorstande nahelegt, ihn aus der Mikwahfrage ganz auszuschalten und ben Rabbiner der Schiffschule mit derselben zu betrauen. Auch nach einer anderen Richtung haben die Vorgänge in der Mikwah-Kommission Mißstimmung erregt. Es wurde in jüdischen Architektenkreisen übel ausgenommen, daß Baurat Marmorek, entgegen einem allgemein anerkannten und auch bei den letzten Wahlen aufgestellten Prinzips, daß kein Mitglied des Kultusvorstandes Arbeiten für die Gemeinde übernehmen solle, die Pläne für die Mikwah ausgearbeitet hat. Wohl hat er dies als Sachverständiger in der Mikwah-Kommission, im Aufträge derselben und gewiß auch ohne Honorar getan, aber man sagt mit Recht, daß es korrekter gewesen wäre, wenn er einen anderen jüdischen Architekten mit der Ausarbeitung der Pläne betraut und sich nur die Begutachtung Vorbehalten, oder, falls dies aus irgend welchen Gründen oder im Interesse der Gemeinde nicht runlich gewesen wäre, dem technischen Amt der Kultusgemeinde, an dessen Spitze ja auch ein Architekt steht, die Arbeit überrragen hätte. Diese Bedenken öffentlich festzustellen, ist schon darum geboten, weil ja die Gemeinde, abgesehen von der Erbauung des Knabenwaisenhauses, in nicht allzu ferner Zeit noch an andere bauliche Veränderungen wird schreiten müssen, und es soll schon heute vorgebeugt werden, daß in Zukunft ein ein ähnlicher Vorgang bedachtet und die Konkurrenz der anderen jüdischen Architekten bei Bauaufträgen der Kultusgemeinde von vorneherein unmöglich gemacht wird. Die in derselben Sitzung durchgeführte Debatte über die Abhaltung von Vorträgen aus jüdischer Geschichte machte durch den persönlichen Anstrich, der ihr zuweilen verliehen wurde, stellenweise einen peinlichen Eindruck und wenn auch mit Ausnahme des Dr. Grunwald, der übrigens nur mit lobender Anerkennung erwähnt wurde, Namen nicht genannt wurden, so hatten wir und auch andere die Empfindung, daß, falls zur Klärung der Angelegenheit eine lobende oder tadelnde Aussprache über die bisherigen Veranstaltungen überhaupt geboten schien, es besser gewesen wäre, dieses Thema in vertraulicher Sitzung zu erörtern. Darum wollen wir auch im Berichte über diesen Teil der Sitzung mit möglichster Kürze hinweggehen. Bemerkenswert in dieser Debatte war eine vom Vertreter Herrn Salo Cohn gegebene Anregung, dem „Jüdischen Museum" die ganze Veranstaltung der Vorträge zu übertragen nnd demselben hiefür den bisher zur Deckuug der Kosten in Aussicht genommenen Betrag von K 3000.— als Subvention zu bewilligen. Wenn auch dieser Antrag nicht angenommen wurde, so hatte er doch das Gute, daß durch denselben die Aufmerksamkeit des Kultusvorstandes auf die prekäre finanzielle Lage des „Jüdischen Museums" gelenkt wurde, und da die einzelnen Redner dieser Institution ungeteilte Anerkennung zollten, ist vielleicht mit Recht zu hoffen, daß dasselbe von nun ab wirksamere materielle Forderung seitens der Kultusgemeinde erhalten wird. Im Nachstehenden der Bericht: Einlauf. Im Einlaufe gelangen zur Verlesung an Spenden: Professor Dr. Leo S t r i s o w e r zur Errichtung einer Theophile Knepler'fchen Graberhaltungs- und Ausschmückungs-Widmung X 2000.—: Familie Jaques Kretsch, anläßlich des Ablebens des Herrn Jaques Kreisch für die Chewra Kadischa X 150.—, für das israel. Rekonvaleszentenheim K 25.—, für den israel. Frauenwohltätigkeitsverein X 25.—. zusammen K 200.—; Sigmund Löwy anläßlich seines 91. Geburtstages für die Taluiud-Thora X 25.—, für das Beth-ha-Mrdrasch X 25.—, für die Chewra-Kadischa X 25.—, für verschiedene Zwecke X 65.—, zusammen X 140.—; Emil Brau n für eine kranke Frau X 58.64; Charlotte Klinger zur Verteilung an arme jüdische Frauen X 50.—; Th. P. L., I., Neutorgasse, für wohltätige Zwecke X 40.—; Entnahme der Sammelbüchse im Gemeindetempel Stadt, für den' israel. Frauenwohltätigkeitsverein X 2.73.—. Weiters befinden sich im Einlaufe: Dankkundgebung der Prager Kultus gemein de - Repräsentanz für die erfolgreiche Intervention des Kultusvorstandes in der Schächtangelegenheit. Dankschreiben des Herrn Baron A l b e r t N o th s ch i l d für die Teilnahme des Kultusvorstandes anläßlich des Ablebens seiner Schwester Frau Baronin Juliette von Rothschild. Dankschreiben des Herrn Dr. Markus Landau für die Gratulation des Vorstandes anläßlich seines 70. Geburtstages. Dankschreiben des Kaiserin Elisabeth-Lehrmädchen- und Arb eit er innen-Heim es für die außerordentliche Subvention der Kultusgemeinde per K 1000.— und für das gleichzeitige Anerkennungsschreiben des Kultusvorstandes. Bei Uebergang zur Tagesordnung werden zunächst die Vorschläge des Vertreterkollegiums betreffs Aufteilung der Erträgnisse des Dr. H. S. G o l d s ch m i d t-Legates genehmigt, wobei Baurat Marmorek den Antrag stellt, in Zukunft auch den „Jüdischen Turnverein", der allerdings, wie der Vorsitzende konstatiert, eine Subvention seitens der Kultusgemeinde erhält, aus diesem Legate zu bedenken. Unterrichtsangelegenheiten. Bei dem vom kaiserl. Rat Dr. Lieben erstatteten Referate über die mit Genehmigung des k. k. Landesschulrates bereits im Schuljahre 1906/07 an 6 Schulen versuchsweise erfolgte Einführung einer zweiten fakultativen Religionsstunde in der 2. Volksschulklasse (in dieser Klasse ist nur 1 Stunde wöchentlich obligat), die nun, nachdem der Versuch ausgezeichnete Resultate! ergeben hat, auf weitere 6 Schulen ausgedehnt wurde, nehmen Vizepräsident Dr. K o h n und Vertreter Dr. Steiner Anlaß, die besonders in letzter Zeit über diese Frage in der Oeffentlich-

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