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Die Wahrheit · 1907-12-06 · Heft 47 (6.12.1907) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 47 (6.12.1907)
Date
1907-12-06
Page
– (sequence 5)
Language
German
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sJfr. 47. Die Wahrheit Lette r>. einiges des dort Gesagten behufs Vervollständigung hinzuzufügen: Herr A. F. 8. schreibt unter anderem Folgendes: „Wie sehr Waldmüller trotz aller Umsturzgedanken im Akademischen und Philisterhaften seiner Zeit stecken geblieben ist, ersieht man zum Beispiel au seinem Bericht über eine Reise nach Paris, die er im Jahre 1856 unternommen hatte. Die französische Kunst scheint ihm himmelhoch erhaben über die seines Vaterlandes und Deutschlands; das kann man begreifen, und darin muß man ihm auch recht geben. Allein wen stellt er als die Gipfelpunkte dieser Kunst hin? Ary Scheffer, Horace Vernet und Delaroche! Von Delacroix kein Wort. Kein Wort von den Meistern von Barbizon; die hatte er vielleicht nicht gesehen; aber auch keines von David, von Corot, von Ingres. Unter allen deutschen Malern, meint er, könne es nur Lessing mit diesen anfnehmen. Und dieses Urteil fällt er zu einer Zeit, wo Schwind und Cornelius ihre größten Werke schon geschaffen hatten! Daß er Alt und Pettenkoffen als Maler niedrigeren Genres (denn auch er hielt die „Historienmalerei" für das Höchste!) überhaupt gar nicht mitzühlen läßt, ist nach alledem zu verstehen. Was aber soll man dazu sagen, wenn er das — übrigens vortreffliche, wenn auch ein wenig theatralisch arrangierte — Gemälde Charles Müllers im Louvre, das eine Schreckensszene in den Kerkern der Conciergerie 1793 schildert, begeistert beschreibt, daun hinzusetzt, der Aufschwung, den die französische Kunst jetzt genommen, sei so unermeßlich, daß hier vieles überstügelt worden, was man aus blindem Vorurteil bisher unbedingt zu bewundern sich gezwungen fühlte, und als Beispiel dafür die Hochzeit von Kana des Paolo Veronese folgendermaßen behandelt: „Wir erblicken im Vordergründe Musikanten im venezianischen Kostüm, an der Tafel nimmt der türkische Gesandte in moslemitischer Tracht einen der Vorderplätze ein, während Christus und Maria ganz bescheiden am Hintergründe der Tafel plaziert sind und dem tollen Treiben, wie es höchstens bei einem Karnevalsfest in Venedig, aber nun und nimmermehr auf dem Boden der Erde Palästinas sich ergeben konnte, zusehett. — Was soll man zu einer s o n n s i n n i g e n K o m p o si 1 i o n sagen? Erfüllt sie irgend einen Zweck d e r K u n st? D i e W a h l dieser b i b l i s ch e n Begebenheit kann doch feine andere \ Bestimmung haben, als auf das religiöse Gefühl zu wirken! (?) Und kann dies bei einer solchen Auffassung, welche eher als eine im Geiste der Parodie als im Geiste der heiligen Bücher empfangene gelten kann, möglich sein? Kann bei einer solchen gemeinen, frivolen, der biblischen U e b e r l i e f e r u n g g e r a d e z u H o h n f p r e ch e n d e n, den Ge genftand zu einer Kneipengefchichte enrwürd i g e n d e n Auffassung von Kunst die Rede fein? Oder erregt e t w a dieses g e d a u k e n l o s e G e - misch bunter Gestalten durch den Ausdruck einer höheren Idee unseren Anteil oder unser Mitgefühl? Wollte man uns wirklich überreden, daß es auch nur ei neu Menschen geben könnte, dem dieses Bild irgend eine höhere geistige Erregung. irgend ein Gefühl des Seelenanteils geweckt habe, wie uns diese Empfindungen so allmächtig ergreifen vor dem Werke Charles Müllers? Kann man noch zweifeln, daß man dorr vor einem w a h r e n K u n st merk e, hier vor einer inhaltslosen Malerei steht? Wieso also gelangte das M a ch w e r k V e r o u e s e s z u - s o l ch e m R u f e? N u r auf dem Wege der seichten von Vorurteilen befangenen Kritik'u. s. w." So tobt der gute Waldmüller, noch eine hübsche Zeit weiter (Seite 83). und man sieht, wie groß sein malerisches Genie gewesen sein muß, um nicht an solchen Ansichten zu Grunde zu gehen. Auch seine Ideen für den Kunstunterricht, die, übrigens höchst vernünftig, an den meisten fff Akademien schon längst befolgt und von der Moderne als ganz veraltet erklärt werden, wird man hier finden, und sich nur darüber rvundern, daß er ein System aufstellt, nach dem mau in einem oder längstens in anderthalb Jahren ein fertiger Künstler werden kann (wofern man eben Talent hat — und da liegt nun freilich der Hase im Pfeffer!), eine Art Nürnberger Trichter für Kunstschüler. Er wird eben nur in ganz seltenen und begnadeten Momenten den Philister los, der ihm anhängt." Mau sieht, der Kunstkritiker des Weltblattes wirft dem Maler Rückständigkeit und Unmodernitüt vor. „Die Moderne!" Wie komisch die Bezeichnung anmutet; ja, wenn von Steifröcken und Mantillen die Rede wäre. Aber in der Kunst kann nur von falschen, oder richtigen Anschauungen gesprochen werden, sie mögen nun vor 3000 Jahren zum Ausdruck gekommen sein, oder der Gegenwart angehören. Daß mau in 30 bis 40 Jahren sich über ihn lustig machen und lächeln könnte über seine altmodischen Urteile, das besorgt Herr A. F. S. offenbar gar nicht und es ist ja leicht möglich, daß dies unterbleiben wird. Genannter Herr ist vielleicht eine Autorität in der Redaktionsstube, aber ob auch in kompetenten Kreisen? A. F. S. ist jedesfalls von keinem Hauche der Mendelssohn-Lange'schen Kunstanschauung berührt, die, wie ich dargetan habe, jüdischer Lebens- und Weltaussassung ihre Formulierung verdankt; er ahnt noch gar nicht, daß es eine Theorie gebe, die heute nur wenig Anhänger hat, jedoch morgen schon die herrschende werden kann. Tatsächlich erscheinen mir im Lichte dieser Lehre die Ausführungen Waldmüllers als einwandfreie, würdige Kritik, während A. F. S/ Bemerkungen einem lobenden Ajax angehören könnten. „Nun und nimmer." sagt Waldmüller sehr richtig, „konnte ein solch tolles Treiben auf dem Boden Palästinas sich ergeben, höchstens bei einem Karnevalsfest in Venedig" und spricht uns damit aus der Seele. Liegt uns die Hochzeit von Kana, als dem Neuen Testament angehörig, auch etwas ferner, so steht doch fest, daß zu den Zeiten Christus in Kanaan kein bachantisches Treiben geherrscht. In der Welt griechischer Sitten und Bräuche hätte Veronese gesunden, was er brauchte: Milnteres Evoe der Thyrsusschwinger, rasenden Tanz weinlaubumkrünzter Mänaden; wozu in das sittenstrenge, sinnenfeindliche Judäa sich verirren, wo es keine Kuabenliebe gab und keine Hetären? Trotz des Fragezeichens des Herrn A. F. S. steht ferner fest, daß der Maler, hat er einmal eine biblische Begebenheit zum Vorwurf genommen, sich hüten muß, sie ihrer streng züchtigen, herben Poesie zu berauben, wenn er nicht anders religiöse Gefühle verletzen, oder in Unwahrheit verfallen will. Wer wird einen Alexander III. von Rußland, oder einen spanischen Philipp H. als edle Menschenfreunde darstellen wollen? Nichteinmal der „Kikeriki." Wird jemand Kaiser Josef des Menscheuhasses zeihen? Ich zweifle, ob das ..Deutsche Volksblatt." Treffend spricht Waldmüller vom Geist der Parodie in diesem Falle. Es sei mir nun verstattet, die Fehde zwischen A. F. S. und weiland Waldmüller und unsere Parteinahme vorderhand abzubrechen, um sie an anderer Stelle wieder aufzunehmen. Man wird sich erinnern, daß ich in der Trias: Logik, Ethik, Aesthetik dieser letzteren den letzten Rang angewiesen und möchte ich dies noch auf folgende Art näher begründen. Suchen wir uns einmal in dieser Dreiheit jeden Bestandteil derselben der Reihe nach wegzudenken. Streichen wir die Vernunft, das vornehmste Merkmal der Menschheit, so streichen wir zugleich damit eben die Menschheit. Der homo sapiens sinkt zum Tier herab. Nicht besser ergeht es uns, wenn wir den Altruismus, die Familienanhänglichkeil eliminieren. Ja, wir gewahren hiebei, daß Vernunft, oder ihr adäquater Ausdruck, die Logik und Moralübung, ein organisches Ganzes bilden, von einander gar nicht zu trennen sind. Was würde der höhere Intellekt bewirken, wenn er nicht auch dazu diente, die Selbstsucht, den Egoismus ad absurdum zu führen. Der Krieg Aller gegen Alle — bildet er auch nach Darvin die Signatnr alles Lebens — könnte nicht in diejenigen Schranken gewiesen werden, innerhalb welcher der notdürftige Bestand, das Existenzminimum eines sozialen Beisammenseins allein möglich sind. Ich will mich — an diesen Punkt augelangt — nicht an der Streitfrage beteiligen, ob die Moral lediglich Utilitcitsgründen ihre Entstehung verdanke, also eigentlich ein besser verstandener und verfeinerter Egoismus sei, oder ob sie nach Kant und anderen Moralisten als Ausfluß des höchsten Seinsprinzips anzusehen wäre: so viel jedoch steht fest, daß Logik

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