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Die Wahrheit · 1907-12-06 · Heft 47 (6.12.1907) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 47 (6.12.1907)
Date
1907-12-06
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 47. ideen je hätten mißbrauchen wollen. Das jüdische Volk erblickt in den Hochschulen heilige Schätze der menschlichen Kultur, die ihren Zwecken zu entziehen, wir als ein Verbrechen an der Menschheit betrachten würden. (Beifall.) Darum begleiten wir auch mit so inniger Anteilnahme den Kampf, den Völker um die Erlangung ihrer Hochschulen führen. Einem Volke seine Hochschule verweigern, ist ein Verbrechen an dem Geiste der Menschheit und der Menschlichkeit. Abg. E. v. Stransky: Dem jüdischen Volke geben wir gerne eine Hochschule, aber sie müssen alle hiugehen! Abg. Dr. Mahler: Wenn ich im Namen der Menschlichkeit verlange, daß alle Völker die Möglichkeit haben sollen, ihre Kultur ausznbilden, ist es eines Deutschen nicht würdig, dagegen zu sprechen. Abg. E. v. Stransky: Ich spreche ja dafür! Wir wollen für das jüdische Volk eine Hochschule geben, aber sie müssen alle hiugehen! Abg. Dr. Mahler: Die Menschheit ist nicht so reich an Talenten und Genies, daß sie auch nur auf eines derselben verzichten könnte. Es gibt überhaupt keine revolutionären und keine umstürzlerischen Wissenschaften. Was den Wissenschaften hier unterschoben wird, sind Tendenzen, und die Wissenschaft ist ihrem ganzen Wesen nach tendenzlos. Die Wissenschaft untersucht frei ohne Voreingenommenheit, ohne Rücksicht ans die Resultate zu nehmen, zu denen sie kommt. Findet nun die Religion, respektive ihre berufenen Vertreter, daß die Wissenschaft zu Resultaten gekommen ist, die mit ihrer Lehre nicht übereinstimmen, so ist es Pflicht der Religion, zn versuchen, diesen Widerspruch aufzuklären. Der Haß gegen die Wissenschaft ist ja begreiflich, da die Wissenschaft. ihre Jünger und ihre Träger, ein Bollwerk bilden gegen die Zwingburgen des Hasses, die man nicht nur gegen uns Juden, sondern gegen alle anfzurichten versucht, die anders zu denken wagen, als es stadtbehördlich in Wien genehm ist. Als der Schachzug gegen die Hochschüler mißlang, mußten die Studenten als Sündenbock herhalten. Die Studenten waren.immer Bannerträger des nationalen Gedankens, welche die Fahne ihres Volkstums hochhielteu, wenn sie schwachen Händen entfallen war. Nach der Richtung gibt es keinen Unterschied zwischen germanischen, slavischen und jüdischen Studenten. Abg. Bielohlawek: Nur gegenüber den Katholischen! - Abg. Dr. Mahler: Wer ehrlich seine Meinung bekennt, ist ein ehrlicher Mensch! Abg. Bielohlawek: Er wird aber beschimpft und geschlagen. Das ist die Geschichte! Abg. Dr. Mahler: Auch wir haben eine Jugend, auf die wir stolz sein können. Es ist nichts Kleines, wenn der Jüngling, fast noch ein Knabe, an die Universität kommt, sich offen und stolz als das zu bekennen, was er ist, als Jude. Man fürchtet, daß dadurch die Politik in die Schule kommen könnte und züchtet den politischen Radikalismus. Der Vorwurf, daß er sich nicht mit dem Proteste dagegen begnüge, daß man die Juden von den Hochschulen ausznschließen versuche, sei unbegründet. Ein noch so flammender Protest hätte weder der Sache noch dem jüdischen Volke gedient. Wir sind österreichische Staatsbürger und können uns als solche unter keinen Umständen das Recht nehmen lassen, uns immer zu erheben, wenn wir die geistigen und kulturellen Schätze der Völker dieser Reichshälfte bedroht glauben. Redner weist auch den Vorwurf zurück, den man feiner Partei gemacht habe, eine Partei des Rückschrittes, des verkappten Klerikalismus zu sein, den Vorwurf, durch Betonung des nationalen Moments einer Entwicklung der Menschneit auf einer breiten kosmopolitischen Basis entgegenzuarbeiten. Die Juden gaben vielfach das Bewußtsein des eigenen Volkstums auf, vom Wahne berückt, mit der fremden Kultur auch das fremde Volkstum aufnehmen zu können. Die Anbetung der Rasse hat Veranlassung gegeben zu neuen Kreuzzügen, und im Namen der Rasse werden heute noch ebensoviele Grausamkeiten und Verbrechen an den Juden verübt, wie einstmals im Namen Gottes. Ist es der Glaube der Juden an die Propheten und die Bibel? Was hat aber der jüdische Geist mit der Medizin zu tun? Glauben Sie wirklich, daß die Juden die medizinischen Disziplinen anders vortragen und Kranke anders behandeln als ein Arier? (Zwischenrufe.) Als Oesterreicher, nicht bloß als Jude, muß ich sagen, die Hochschulen sind bei uns in Oesterreich vorläufig noch österreichische Hochschulen, die jedem ohne welche Rücksicht frei zugänglich sein müssen. Wenn wir freudig und willig alle Lasten auf uns nehmen, wenn wir gerne die Blutsteuer und alle anderen Steuern tragen, verlangen wir auch das gleiche Recht, nicht nur als Patrioten zu sterben, sondern auch als Patrioten zu 'leben. Redner konstatierte, daß in einer Kundmachung der „Wiener- Zeitung" das Departement, dem Abg. Bielohlawek im Landtag vorsteht, den Taufschein als Bedingung für die Erlangung einer Stelle sestsetzt. Abg. Bielohlawek: Wenn ein besserer Christ da ist, wird der genommen! Es ist halt immer ein besserer Christ da. Ich kann da nichts machen! Abg. Dr. Mahler: Die Vorgänge, die Anlaß zum heutigen Dringlichkeitsantrag gegeben haben, haben ganz deutlich gezeigt, welchem Ziele wir entgegengehen. Weit haben wir es gebracht! Dr. v. Uriel hat die Juden ans dem militärärztlichen Korps herausgedrängt, der niederösterreichische Landesausschuß aus dem Dienste des Landes, dieselben Herren aus dem städtischen Dienste. Ueberall türmen sich die Ghettomauern um uns auf, und da kommt man mit dem Vorwurf, die Juden scheuen eine produktive Arbeit, sie sind Parasiten. Von 900.000 Juden in Galizien wären mindestens sieben Achtel glücklich, wenn sie einen Fußbreit Landes ihr eigen nennen könnten. Präsident: Aber ich möchte Sie doch ersuchen, wiederum zur Frage der Dringlichkeit des Antrages Masaryk zurückzukehren. Abg. Dr. Mahler: Ich weiß ganz gut, daß die jüdischen Hochschullehrer nicht in unserem Lager' stehen und oft unsere heftigsten Feinde sind. Die jüdischen Gelehrten haben noch keinem Volke, keiner Nation zur Schande gereicht. Und wer wird es wagen zu behaupten, daß dieser jüdische Geist den Hochschulen zur Schande gereichte? Wenn man uns auch ärger denn als Stiefkinder behandelt, wenn man uns nttseren Platz an der Sonne rauben will, wir werden nie aufhören, als vollberechtigte Söhne des Landes uns zu fühlen. Wenn wir auch nicht die Straße zur Durchsetzung unserer Forderungen mobilisieren können, so können wir doch die Geister zu einem Kreuzzug gegen Verleumdung und Lüge mobilisieren. Es gibt tatsächlich nichts Dringlicheres, als Sicherheiten für den Schutz der Freiheit und Wissenschaft und der Forschung, für den Schutz der Glaubens- und Gewissensfreiheit zu verlangen. Der beste Schutz allerdings ist einzig und allein in diesem Hause selbst zu suchen, Sie, die sich nicht nur fortschrittlich nennen, sondern es auch wirklich sein wollen, Sie brauchen nur zu wollen, und dann ist es kein Traum, dann ist es kein Märchen, dann muß es Wahrheit werden, das Wort von den Segnungen des Friedens und des Fortschrittes. Aus Casablanca erhält das Deutsche Bureau der Alliance Jsraslite Universelle in Berlin nachstehenden Bericht: Die Stadt Settat ist von dem Stamme der Nzamza geplündert worden. Die israelitische Bevölkerung ist geflohen. Der Stamm der Nzamza, der rings tim Settat wohnhaft ist, hat die gegenwärtige Anarchie und die Bewegungsfreiheit, die ihm die drei im Schaujagebiet lagernden Armeen lassen, dazu benutzt, in jene Stadt einzudringen, sie auszuplündern und fast vollständig zu zerstören. Die jüdische Gemeinde von Settat war schon vor vier Jahren einmal in ähnlicher Weise ausgeplündert worden. Jetzt sind 300 bis 400 Familien wieder ohne Obdach und ohne Brot, ungerechnet die Familien, die von Casablanca nach Settat geflohen waren und dort die Schrecken einer wiederholten Plünderung auszuhalten hatten. Aesthktik und Andentmn. Betrachtungen. II. Das Feuilleton der „Neuen Freien Presse" vom 28. November, „Waldmüller und Gauermann", veranlaßt mich, ans meinet! Artikel in Nr. 41 dieses Blattes zurückzukommen und

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