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Die Wahrheit · 1907-11-29 · Heft 46 (29.11.1907) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 46 (29.11.1907)
Date
1907-11-29
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 8. Die Wahrheit Nr. 46. patriotischen Geistes Hervorrufen, dadurch würde die regierungsfeindliche Agitation Nachlassen, und folglich würden die lokalen Behörden es leichter haben, Ordnung und Ruhe aufrecht zu erhalten." „Ich kann Ihnen eine angenehme Nachricht aus Kischinew mitteilen." fügte der Kaiser hinzu. „Es haben dort Demonstrationen ftattgefunden mit Gottesdienst und dem Zarenbilde, ich habe gestern ein patriotisches Telegramm erhalten." Urussow kehrte nach kurzer Zeit nachKischinew zurück und hatte dort Gelegenheit, einen solchen patriotischen Umzug mitzumachen. „Dreißig halbwüchsige Menschen, größtenteils Juden, mit einer Fahne und dem Zarenbildnis kamen auf meinem Hof gelaufen; hinterher jagtsn fünf Polizisten, die am Toreingang Halt machten. Ich trat auf die Treppe, nahm mit einer Hand das Zarenbild, in die andere die Fahne, stellte sie in mein Empfangszimmer, kehrte zu den Demonstranten zurück, drückte ihnen meine Zufriedenheit aus und riet ihnen, nach Hause zu gehen. Damit hatte die Geschichte ein Ende." Verschiedene Nachrichten. Wien. Freitag-Abend, am 29. November, Predigt im Stadttempel. Wien. (I s r a e l i t i s ch e K u l t u s g e m e i n d e.) Sonntag, den 1. Dezember, 10 Uhr vormittags, findet eine öffentliche Plenarsitzung des Vorstandes der isr. Kultusgemeinde, im großen Sitzungsfaale. I., Seitenstettengasse 4, II. Stock, statt. Tagesordnung: 1. Einlauf. 2. Präsidialbericht. 3. Berichte des Vertreterkollegiums: a) Anträge der Kaiserjubiläums-Kommission.*) b) Stistungsaugelegenheit. Aufteilung der Erträgnisse des Dr. H. S. Goldschmidt-Legates. o) Antrag auf Errichtung eines rituellen Bades.*) d) Untercichtsangelegenheiten. e) Abhaltung von Vorträgen aus jüdischer Geschichte (Budget-Ueberschreitung). t') Friedhofsangelegenheiten, g) Subventionen. 4. Eventualia. *) Laut § 17, al. c, des Statutes ist zur Beschlußfassung über die Ausführung von Bauten, welche einen.Kostenbetrag von X 50.000 übersteigen, die Anwesenheit von mindestens 22 Vorstandsmitgliedern und die Zustimmung von mmdestens 18 der Anwesenden erforderlich. Wien. (C h e w r a K a d i s ch a.) Bei der Donnerstag, den 2. d. M., stattgehabten Neukoustituierung des Vorstandes der Chewra Kadischa wurden einhellig wiedergewählt: Zum Präsidenten: Herr Salo Cohn: zum Vizepräsidenten: Herr Dr. Markus Spitzer; zum Schriftführer: Herr S. Heit; zum Kasiaführer: Herr Emil H o r n e r. Wien. (Vortragszyklus aus jüdischer Geschichte.) Donnerstag, den 5. Dezember 1907, präzise * 1ji8 Uhr abends, findet im Festsaale des Ingenieur- und Architettenvereines, I., Eschenbachgasse 9, ein Vortrag des Herrn Prof. Dr. Martin P h i l i p p s o n, Berlin statt. Thema: „Die Juden Berlins vor 100 Jahren." Eintritt frei, ohne Karten. - Wien. (Jüdische Toyubeehalle für die Bezirke XII—XY, Herklotzgasse 21.) Samstag, den 30. November, 71/, Uhr abends, Eröffnungsvortrag, a) Ansprache des Herrn Rabb. Dr. Max Grunw a l d. d) Chanukaweihe durch Herrn Oberkantor Schleifer, o) Konzertvorträge. Die Leitung der Vortragsabende, die fortan jeden Samstag stattfinden, haben über Ersuchen des Vereinsobmannes Dr. S a m u e l y die Herren Kommerzialrat Baß und Oberrevident S t r a ch übernommen. Wien. (Jüdische T o yn b e e - H a ll e.) Ein glanzvoller Konzertabend mit überaus reichhaltigem Programm wurde Samstag, den 23. d. M., den Besuchern der Toynbee-Halle geboten. Violinvorträge des Komponisten Herrn Stojanowits, Klavierpiecen der Pianistin Fräulein B r e i t h u t, heitere Deklamationen des Frl. Fröhlich, sowie die Liedervorträge des 12jährigen Sopranisten L e w i t e n, eines Wunderkindes, fanden lebhafteste Anerkennung, welche bei den Darbietungen des Tenoristen Herrn Michael Striks, der durch seine herrlichen Stimmittel glänzte, ihren Höhepunkt erreichte. — Der unentgeltliche Unterrichtskurs aus Stenographie für Anfänger beginnt Dienstag, den 3. Dezember d. I., l/s8 Uhr abends, in der Religionsschule der isr. Kultusgemeinde. Wien. Samstag, den 30. November. 7 Uhr abends, findet im Sitzungssaale der isr. Kultusgemeinde, I., Seitenstettengasse 4, die ordentliche Generalversammlung des „Vereines für unentgeltlichen Arbeitsnachweis" statt. Wien. Am 13. d. M. starb Frau Henriette B i a ch i geb. S u l z e r im 75. Lebensjahre. Sie war die Tochter des sei. Professors Oberkantor S. S u l z e r und Schwester der seinerzeit berühmten Sängerin Maria v. Bellard-Sulzer, des Hofburgtheater-Kapellmeisters Professor I. Sulzer und des Hofmusikers Professor Joseph Sulzer. Bei dem Leichenbegängnisse, welches am 15. d. M. stattfand, versammelten sich distinguierte Persönlichkeiten aus der Kunstwelt. Oberkantor Josef Singer, afiistiert von den ersten Kantoren Schiller und Jurberger und den Männerchören, sang die ergreifenden Sulzer'schen Trauer-Psalmen. Dann widmete der Oberrabbiner Dr. Güdemann der Verblichenen einen warmen Nachruf. Hierauf trat der Religionsprofeffor Herr Emil F r ä n k e l, ein Neffe des alten Sulzer, an die Bahre und schilderte in ergreifender Weise den Lebenslauf der Verblichenen. Er schilderte sie als feine, liebenswürdige, hochgebildete Weltdame, die seinerzeit in den Musikerkreisen der alten und neuen Wett sehr gefeiert wurde. Schon im Atter von 18 Jahren sang sie in Spanien, Madrid, Barcelona und Cadix, in der großen Oper, dann erntete sie große Triumphe in Italien im Opernhause Fenice in Venedig und Scala in Mailand. Dann war Henriette Sulzer Mitglied des k: k. Hofoperntheaters in Wien an der Seite der Künstler Ander, E r l, W a l t e r Beck, der Damen C i l l a g, D u st m a n n, L i e b h a r d. T i t i e n s und W i l d a u e r und hatte als Altistin vollste Anerkennung und großes Repertoire. Als praktische Natur begab sie sich dann nach Amerika, wo sie in den größten Städten, in den ersten Opernhäusern von New-Iork bis San Francisco, sich Lorbeer» und Vermögen erwarb. Dann heiratete sie den vorzüglichen italienischen Baritonisten Anibale B i a ch i und übernahm mit ihm die k. Hofoper in Mexiko unter der Regierung weil. Kaisers Maximilian und der Kaiserin Charlotte. Als Frau B i a ch i nach Wien zurückkehrte, hatte sie die hohe Ehre von weiland Erzherzogin Sophie, der Mutter unseres Kaisers, eine Einladung zu erhalten, wobei sie ihre Erlebnisse mitteilen durfte. Sie lebte dann in ihrer Villa in Florenz, wo sich die Kunstwelt bei ihr einfand. Nach dem Ableben ihres Vaters, des Meistersängers Salomon Sülze r, errichtete sie sich in Wien ein vornehmes Heim, lebte für ihre Geschwister, denen sie mit Rat und Tat beistand. Es war keine Premiere in den Theatern und Konzertsälen, keine Kunstausstellung, wo die imposante Erscheinung der Sülze r, die wie ein Gemälde von den großen Meistern erschien, u i ch t a n w e s e n d gewesen wäre. Diese edle Dame wird in der Wiener Kunstwelt vermißt werden! Ehre ihrem Andenken! Wien. Fräulein Lia Wilhelm. Tochter des Herrn kais. Rates Ignaz Wilhelm, hat sich mit dem Baukommissär der k. k. Staatsbahnen, Herrn Ingenieur Leopold E i s e n st ä d t e r, verlobt. Wien. A l l g e m. Kranken- und Unterstützungs- Verein „M o n t e f i o r e", W i t w e n - und W a i s e n f o n d. Am 24. d. feierte dieser Verein seinen 25-jährigen Bestand. In einer Festsitzung erfolgte vormittags die Ueberreichung eigens gestifteter Jubiläums-Ringe an 25 Gründer und Jubilare des Vereines. An den Kaiser wurde ein Huldigungs-Telegramm abgesendet. Abends halb 6 Uhr fand im Tempel II., Tempelgasse ein feierlicher Festgottesdienst statt, welcher in sehr würdiger Weise abgehalten wurde; Herr Rabbiner Dr. David hielt eine erhebende, die Bedeutung des Vereines in seinem Wirken beleuchtende Predigt, welche bei den Zuhörern den nachhaltigsten Eindruck hervorrief. In gewohnt glänzender Weise versah Herr Oberkantor G u t t m a n n seine Funktion. Am Abend vereinigte ein Festbankett die Jubilare des Vereines und die Mitglieder. Eine besondere Ehrung wurde dem Vereine seitens des Vorstandes der isral. Kultusgemeinde zuteil. Der Präsident Dr. Alfred Stern uud Bezirksschulrat Dr. Markus Spitzer erschienen in Vertretung des Kultusvorstandes und hoben in glänzenden Reden das Wirken des Vereines auf dem Gebiete der Wohltätigkeit und Krankenpflege hervor. Ehrenmitglied Herr Dr. Bloch würdigte in schwungvoller Rede die durch eigene Kraft des Vereines errungenen Erfolge. Der Obmann des Vereines „Nächstenliebe" Herr Ro sen bl att toastierte auf den Bruderverein, der Obmann des Vereines „Selbsthilfe" Herr F e l d b a u m uberbrachte die Wünsche dieses Vereines, außerdem war der Verein, „Chesed schel Emes" durch eine Deputation vertreten. Nach Verlesung der eingelaufenen Glückwunsch- Telegramme fand das Bankett sein Ende. Wien. Zum Berichte über den „Verein zur Bekleidung und Unterstützung armer alter Männer" in voriger Nummer dieses Blattes sei noch nachträglich konstatiert, daß um das Arrangement der diesjährigen Bekleidung sich auch das Vorstandsmitglied Herr S. Pollitzer außerordentlich bemüht hat. Wien. Der theologische Verein veranstaltet wie alljährlich auch heuer eine Cbannkkahfeier, und zwar im Hotel „Bayrischer Hof", II., Taborstraße, am 5. Dezember d. I. Hervorragende Künstler haben ihre Mitwirkung bereits zugesagt. Wien. Der allgemeine Krankenunterstützungsverein „Menschenliebe" veranstaltet Samstag, den 30. November, 8 Uhr abends, im Festsaale des Hotel „Franz Josefs-Bahn", IX., Alserbachstraße, einen Unterhaltungsabend, dessen Reinerträgnis den humanitären Zwecken des Vereines gewidmet ist. Negiebeitrag: 1 Krone per Person. Trier, 16. November. Zu den heute beginnenden Stadtverordnetenwahlen hat die Z e n t r u m s p a r t e i in der ersten Klasse auch einen Israeliten (Kaufmann L o e b) auf ihre Liste gesetzt, und zwar, wie der Vorsitzende, Stadtverordneter Hartroth. ausführte, aus Rücksichten der Billigkeit und der Toleranz. Es sei eine betrübende Erscheinung im Trierer Wahlkampfe, daß bei vielen Wählern der Gegenseite konfessionelle Gesichtspunkte für ihre Stimmabgabe entscheidend seien. Ein solcher Zustand paffe nicht ins XX. Jahrhundert. Aufruf an unsere Klauöensörüder! Am 27. November d. I., ist an den Obmann des gefertigten Komitees ein Telegramm nachstehenden Inhaltes eingelangt: » „Jernsalem, 24. November 1907. Lebensmittel-Tenerung erschreckend, Lage Armer sehr kritisch, Zukunft äußerst traurig, rasche Geldhilfe unerläßlich, Getreide, Mehl erwünscht. Oberrabbiner Panisel." Wir hoffen daß dieser Notschrei aus dem heiligen Lande bei unseren Glaubensbrüdern nicht ungehört verhallen werde und bitten, milde Gaben an das gefertigte Komitee zu Händen des Herrn D. Kohn, I., Zelinkagasse 11 (Postsparkassen-Konto 83.289) gelangen zu lassen. Das Komitee zur Entgegennahme von Liebesgaben für die Armen der österr.-ung. Gemeinden im heiligen Lande. Oberrabbiner Dr. M. Güdemann. Dr. Alfred Berger. D. Kohn.

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