Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 46 (29.11.1907)
- Date
- 1907-11-29
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 46. Die Wahrheit Seite 9. Glossen. In Nr. 42 des „Israel. Familienblatt" wiederholen die Herren Lehrer H e r z b e r g, R o ß k a m in und P e c z k o w s k i (aus dem Kreise Bromberg) unter dem Titel „Verein jüd. Lehrer der Ostprovinzen" ihre Angriffe gegen Rabbiner, Gemeindevorstände und Kultnsbeamte, weil der Herr Kultusminister dem Gesuche, letztere im Interesse der geprüften Lehrer aus dem Religionsunterrichte und wo möglich gleichzeitig aus dem Kultusbeamtenfache hinauszudrängeu, keine Folge leistete. Zwar bin auch ich weit davon entfernt, jedem mit bloßer Elementarbildung ausgestatteten Kultusbeamten die Befähigung zur Erteilung des Religionsunterrichtes zuzugestehen. Gibt es aber nicht auch unter den Kantoren viele mit höherer Bildung, welche sie zum mindesten befähigt, an der Hand einer Methodik oder eines der zahlreichen, von bedeutenden Pädagogen herausgegebenen ausgezeichneten Hilfsbücher selbst den biblischen und religiösen Stoff pädagogisch zu behandeln! Wie selten besitzt andererseits der staatlich geprüfte Lehrer die auch nur für eine Mittelgemeinde erforderliche stimmliche Begabung neben gesanglicher und kantoraler Ausbildung! Sind doch Lehrfach und jüdisches Kantorat zwei Herren, denen sich schwerlich von einer und derselben Person gleichzeitig dienen läßt. Um also nicht selbst die letzten Besucher der Synagogen aus denselben zu vertreiben und doch den Wünschen des Lehrervereines zu entsprechen, märe es notwendig, Beamte zur Ausübung bloßer kantoraler Funktionen anzustellen. Hierzu aber ist nur ein geringer Prozentsatz der Gemeinden in finanzieller Lage. Liegt es übrigens nicht vor allem im Interesse jedes Gemeindevorstandes, mit dem von ihm selbst bezahlten Unterrichte nur brauchbare Lehrer zu betrauen! Daß die Erfolge der geschulten Religionslehrer oft nicht wesentlich bessere als die der ungeschulten sind, hatte ich als Nachfolger ersterer, festzustellen wiederholt Gelegenheit. Sind doch zur Ausübung jedes Amtes, besonders aber zur Erteilung des Religionsunterrichtes, Fähigkeiten und Fleiß erforderlicher und nützlicher als Prüfungen und Zeugnisse. Sollten gleichwohl die Motive zur Petition der „Freien Vereinigung" neidlose, ja edle, gewesen sein, so läßt es sich dock» keinesfalls rechtfertigen,, »venu dieselbe in Nr. 42 eines von den Zeugnissen eines Kultusbeamten „zur Illustration" herausgreift, um mittels Nerschweigens des wichtigsten Satzes (nämlich über die seminaristische und pädagogische Ausbildung des Angegriffenen) selbst in der Presse die Wahrheit zu entstellen. _E i n K u l t u s b e a nr t e r. Werföhnte Iseinde. Bon Babette Fried. (Fortsetzung.) Anna, das Sprühteufelchen, »vie er sie nannte, hatte bei Tische ein heiteres Erlebnis erzählt, eines jener köstlichen Mißverständnisse, »vie sie jetzt während der .Kriegszeit häufig vorzukommen pflegten, wenn die Soldateti, welche außer dem geläufigen Hezkeholka, welches sie sofort erlernten, kein einziges, czechisches Wort sprechen konnten und mit der rein czechischen Bevölkerung zu verkehren hatten. Anna wußte dies auf so komische Weise wiederzngeben, daß nicht nur er, der heitere Goldenkron, sondern auch die sonst so ernste Rosa herzlich lachen mußte. Es war das erste Mal, seit er sie kannte, daß Rosa in seiner Gegenwart, vielleicht überhaupt gelacht hatte.- Und siehe! Mit einem Male nahmen ihre Züge eine fast erschreckende Aehulichkeit mit dem Bilde an, und diese beiden Persönlichkeiten, mit denen er sich im Geiste so viel beschäftigte, in eine verschmolzen, übten auf den Doktor einen fast überwältigenden Eindruck aus. In seinem Zimmer angekommen, riegelte er sich von innen zu, entnahm das »vinzige Bildnis seiner es umgebenden Hülle und blickte es unverwandt an. Ist sie es, oder nicht? Und wenn sie es ist, wer ist der Mann gewesen, dessen erstarrten Händen ich es entrissen und der es bis zum letzten Atemzuge festhalten zu wollen schien? Ist es derjenige, um den im Hause solch liefe Trauer herrscht, eine Trauer, welche das sonnige Lächeln und die anmutige Heiterkeit aus diesen Zügen so gründlich verbannt hat, daß selbst mein durch das regste Interesse geschärftes Auge die Aehulichkeit nicht mit Gewißheit herausfinden konnte? Ist es der Bruder oder der Verlobte? Wer schafft mir Gewißheit? Und dann, soll ich dieses Bild seiner rechtmäßigen Besitzerin zurückstellen, ihr sagen, auf ivelche Weise ich dazu gekommen? Auf alle diese Fragen kann nur eine Person mir Antwort geben und diese werde ich auch bei nächster Gelegenheit zu Rate ziehen — die trotz ihrer jugendlichen Ungebundenheit doch so kluge Vertraute Rosas — des Rabbiners Tochter Anna. Ein heftiges Pochen an die verschlossene Türe unterbrach den Doktor in seinem Selbstgespräch. „Mach auf, Doktor, geschwind, Gefahr im Verzug." Goldenkron warf hastig das Gemälde auf den Tisch und deckte es mit einem dort liegenden Blatt Papier zu. Er hatte die Stimme eines jungen Offiziers erkannt, dessen vorlauter Neugierde er sein Kleinod nicht preisgeben wollte. Nun sprang er auf, riegelte die Türe auf und rief verwundert aus: „Was gibt's, Kamerad, daß Du so heranstürmst?" „Packe Deinen Medizinkasten zusammen, Doktor, und komme gleich mit mir. Hauptmann Werner hat einen Schlaganfall bekommen, er hat beim Mittagsmahl wie gewöhnlich zu viel getrunken. Hierzulande ist verdammt echtes Pilsner, daran siitd wir bei uns nicht gewöhnt." Der Doktor raffte rasch das Notlvendigste zusammen, steckte es zu sich und entfernte sich, gefolgt von dem jungen Offizier, so eilend, daß er nicht einmal daran dachte, die Türe des Zimmers zu verschließen. In dem Hausflur begegneten die Herren der eben von einem Ausgange zurückkehrenden Rosa, welche sie aufs ehrerbietigste grüßten. Das Mädchen blickte den wegeilenden, so ernst dreiublickenden jungen Männern erstaunt nach. „Welch ein Vertrauen," so sagte sich Rosa, „muß der Doktor in die Hausbewohner setzen, wenn er forlgeht, ohne nur daran zu denken, sein Zimmer abzuschließen." Und doch gerade sie, von der er es am allerwenigsten erwartet hätte, hatte augenscheinlich mit der Versuchung zu kämpfen, einen Blick tu das Zimmer des Fremden zu werfen, nur einen Blick, um sich zu überzeugen, ob es wahr sei, was ihre alte Magd ihr erzählt, daß nämlich auf dem Schreibtische des Doktors eine Photographie mit einem grünen Samtrahmen stehe, welche eine Dame von außerordentlicher Schönheit darstellte, so schön, hatte sie gesagt, wie, und nach einem Weilchen, als hätte sie inzwischen nach einem passenden Vergleich gesucht, zugefügt, so schön, wie Sie selber, Slecinko! Und am untern weißen Rande wäre noch etwas geschrieben gewesen, was sie selbst jedoch nicht lesen könne, da sie bloß der czechischen Sprache mächtig sei. Rosa war nur ein schwaches Mädchen und trotzdem das Schicksal gar strenge Anforderungen an sie stellte, siegte doch in diesem Falle ihre weibliche Schwäche gegen die sich ihr aufdrängenden Bedenken. Sie konnte ihre Neugierde nicht bezwingen, sie mußte das weibliche Bildnis sehen, »velches auf seinem Tische stand. Nach kurzem inneren Kampfe öffnete sie die Türe des ihr von früher wohlbekannten Zimmers und trat hinein. Tiefe Schwermut überkam sie. Dies war ja das Zimmer des teuren Bruders und Jugendgeführten gewesen. Hier ivaren sie oft stundenlang zusammen, hatten geplauscht, gelesen oder Schach gespielt. In jener Ecke stand ja noch der Spieltisch, in dessem Fache die zierlich geschnitzten Figuren aufbewahrt war, mit denen er ihr, der Anfängerin gegenüber, gar manche Feldzüge gewonnen. Jetzt war er ansgezogen, einen anderen König zit bekämpfen, als den elfenbeinernen dorten, und er war in. dem grausigen Spiele gar bald schachmatt geworden. Hinter jenem Vorhänge war seine Lagerstätte, die jetzt von diesem Fremden benützt wurde, während der rechtmäßige Besitzer vielleicht schwer verwundet und vom Fieber verzehrt sich irgendwo auf einem elenden Strohlager herumwälzt, oder gar schon in der kalten Erde ruht. Schaudernd schloß sie die Augen. Alles, nur das nicht! Gib uns ihn wieder. Du guter Gott, wir wollen ihn pflegen und lieben, nur laß uns nicht so einsam in Sehnsucht nach ihm verkümmern. Die Mutter hat uns, Deinem unerforschlichen Ratschlüsse gemäß, verlassen, der Vater lebt nur seinem Grame, kümmert sich nicht einmal um die dem Geschäfte drohenden Verlitste, welche die Kriegskataftrophe und seine gänzliche Untätigkeit zur Folge hat, ich habe hier nichts mehr als die Hoffnung auf die Rückkehr des Bruders, das einzige Mittel, um den zerstörten Geisteszustand des teuren Vaters wieder in richtige Bahnen zu lenken. (Fortsetzung folgt.) Z7%er‘XSS!a2SBSXaBiZ£\ g^aarafweafc';