Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 46 (29.11.1907)
- Date
- 1907-11-29
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 46. Die Wahrheil Seite 7. keine feindseligen Beziehnngen geschaffen. Und Urussow bestätigt die allen Sachkennern längst bekannte Tatsache, daß von einer Ausbeutung der ländlichen Bevölkerung durch die Juden nicht gesprochen werden kann. Bauern und kleine Grundbesitzer petitionieren immer wieder, daß man den Juden gestatte, auf das ffache Land zu kommen, um die sonst unverwertbareu Bodeuprodukte anfzukaufen. Trotz aller Beschränkungen und gesetzlicher Unsicherheit gelingt es den Juden, einen großen Teil der Pachtnngen zu bekommen, weil sie wegen der pünktlichen Zahlung des Pachtzinses und der rationellen Wirtschaftsführung von den Grundeigentümern allen anderen Bewerbern vorgezogen werden; Mitglieder des Reichsrates, Senatoren, sogar Minister, die Gesetze einbrachten, die die Juden in ihren Rechten beschränkten, verschmähten nicht die Verpachtungen an Juden, obwohl diese nur auf den Namen irgend eines Christen, der als Strohmann vorgeschoben wird, möglich waren. Die Rechtlosigkeit der Juden, die den Hetzern die Möglichkeit bot, beim Mob den Glauben zu erwecken, daß sie außerhalb des Gesetzes stehen, und daß daher auch jede Gewalttat gegen sie straflos bleiben würde, war die wahre Ursache der Pogrome. Die ad hoc gegründeten Preßorgane Kruschewans und Pronins erhoben täglich die schwersten Beschuldigungen gegen die Inden und forderten offen zu Gewalttaten auf; die Lokalbehörden konnten, selbst wenn sie es gewollt hätten, diesem Treiben kein Ende machen. Denn in St. Petersburg billigte man schon damals die Politik der „echt russischen Leute". Der Chef der Hauptpreßverwaltung, Senator Swerew, erklärte persönlich Urussow gegenüber, Kruschewans Richtung und Tätigkeit hätten einen „gesunden Untergrutld", und ein Verbot seiner Zeitung sei vom Standpunkt der Regierung aus nicht wünschenswert. Der „Standpunkt der Regierung" war allgemein bekannt und Urussow gibt eine überaus einleuchtende Darstellung seiner Wirkung: „Die Polizei in Kischinew empfand geradeso, wie wahrscheinlich in anderen Städten mit vorwiegend jüdischer Bevölkerung, den Geist, der vom Zentrum ausging und an Ort und Stelle reale Formen annahm; sie war infolgedessen der Meinung, daß ein mißwollendes Verhalten gegen die Juden gewissermaßen der von der Regierung ausgegebenen Losung entspräche und daß man die Juden nicht nur „aus Furcht", sondern auch „aus Ueberzeugung" bedrücken könne. Daneben wuchs in den ungebildeten Volksschichten die Ueberzeugung von der Straflosigkeit feindseliger Maßregeln gegen die Juden, und diese Ueberzeugung festigte sich immer mehr und nahm gewaltige Dimensionen au. Das ging so weit, daß in Kischinew ein Haufen Bauern angehalten wilrde, die von weither gekommen waren mit gewichtiger Miene und in dem vollen Bewußtsein, sie seien Vollstrecker des „Zarenwillens, die Juden zu massakrieren". Und so kann man, meiner Meinung nach, die Zentralregierung von der moralischen Verantwortung für die Mord- und Raubtaten in Kischinew nicht sreisprechen. Ich halte unsere Regierung für schuldig der Begünstigung einer beschränkt nationalen Idee, einer kurzsichtigen und in ihren Mitteln rohen Politik gegen die Grenzdistrikte und fremden Nationalitäten. Und ich halte die Beschuldigung, die Regierung habe die Pogrome stillschweigend geduldet, für bewiesen. Aber kann man wenigstens die russische Regierung freisprechen von dem Verdachte unmittelbarer Teilnahme an den Greueliaten ihrer allerdings geheimen Agenten und kann man behaupten, daß der unmittelbare Anlaß zum Pogrom ein natürlicher und zufälliger, nicht aber ein „bestellter" war? Solange ich Gouverneur in Kischinew war und noch geraume Zeit später .habe ich dem Gedanken -nicht Raum gegeben,, daß die Pogrompo'itik in leitenden Kreisen tätige Anhänger und geheime Inspiratoren habe. Die Ereignisse der Jahre 1905 und 1906 haben mich zu einer anderen Anschauung gebracht, und vieles, was mir bis dahin unverständlich gewesen war am Kischinewer Pogrom und manches, was mit Händen nicht zu greifen war und was meine Zweifel nicht hatte zur Ruhe kommen lassen, schreibe ich jetzt der Einwirkung gewisser geheimer treibender Kräfte zu, die von hochstehenden Persönlichkeiten in Bewegung gesetzt wurden. Möglich, daß der Chef der Kischinewer Schutzabteilung, Lewendal, dem böse Zungen direkt die Organisation des Aprilpogroms zuschrieben, eine doppelte Rolle gespielt hat, mit einer Hand den Pogrom vorbereitete, mit der anderen jenen Rapport ans Polizeidepartement schrieb, der vor bevorstehenden Unruhen warnte und den ich in den Akten des Departements fand. Diese Vermutung erscheint umso eher begründet, als Lewendal als Gendarmerieoffizier einerseits dem Polizeidepartement unterstand, andererseits dem Kommandanten der besonderen Gendarmerieahteilung, dessen Amt damals der bekannte General Wahl versah, der sich als früherer Stadlhauptmann von St. Petersburg eines wenig beneidenswerten Rufes erfreute. Er war ein zu allem fähiger Streber schlimmster Sorte und haßte die Juden, die ihm in Wilna als Gouverneur viel zugesetzt hatten. Endlich kann man die Förderung und Inspizierung einer Pogrompolitik in noch höheren Kreisen suchen." Urussow spricht es an anderer Stelle aus, wer diese „höheren" Kreise sind. Es sei unzweifelhaft, daß der Kaiser selbst, wenn nicht im Handeln, so doch im Fühlen und Denken ein Feind der Juden sei. Als Urussow in der Audienz, die er beim Kaiser vor Antritt seines Amtes hatte, auf den Pogrom in Kischinew zu sprechen kam, da unterbrach ihn der Kaiser und lenkte sofort auf ein anderes Thema über. Und ebenso schlugen alle Versuche fehl, den Kaiser zu irgend einer Erklärung zu veranlassen, welche die Pogrome verurteilte, oder wenigstens 31t einer Kundgebung seines Mitgefühls mit den Opfern durch Hergabe einer Geldunterstützung. Urussow hat seinen Memoiren auch ausführlich den Inhalt der Denkschrift einverleibt, die er für eine der zahllosen Kommissionen, die sich mit der Regelung der Verhältnisse der Juden beschäftigten, verfaßt hat. Die Schilderung der Verhandlung dieser und anderer Kommissionen wäre man übrigens leicht geneigt für eine Persiflage zu halten; weder Gogol noch Tschechow könnten sich rühmen, so eindrucksvoll die unsagbare Borniertheit der Leute gezeichnet zu haben, die über die Geschicke von 150 Millionen Menschen entscheiden. Er wiederholt in ihr die alte Beobachtung, daß erst dann normale Beziehnngen zwischen Juden und Nichtjuden eintreten können, wenn die berüchtigten Maigesetze des Jahres 1882, die die Juden an jeder wirtschaftlichen und geistigen Entwicklung verhindern, aufgehoben sein werden. Besonders bemerkenswert erscheint der Gesichtspunkt, von dem aus Urussow die völlige rechtliche Gleichstellung der Juden verlangt; es ist dies der Standvunkt der Interessen und der sittlichen Bedürfnisse des russischen Volkes; das mittlere Beamtentum muß vor dem geistigen Prozeß bewahrt werden, durch den es halb unbewußt die Gewohnheit angenommen hat. gegen den rechtlosen Juden. besondere moralische Normen auzuwenden. Und Urussow nennt für diese Sondermoral, die seiner Argumentation ein furchtbares Gewicht verleihen, zwei Beispiele, die schon in dem ersten, in diesem Blatte veröffentlichten Auszuge aus den Memoiren angeführt wurden: das eine betrifft eine jüdische Studentin, die, um in Moskau Kurse hören zu können, sich zu einem schändlichen Gewerbe anmeldete, aber da die Polizei erfuhr, daß dies nur zum Scheine geschah, nach Hause geschickt wurde, und das andere einen jüdischen Delinquenten, der nach Justifizierung durch den Henker nicht tot war, und lebendig begraben wurde. Nur wenige Kapitel der Memoiren sind Erlebnissen gewidmet, die sich nicht auf die Judenfragen beziehen. Mit viel Humor wird eine Reise nach Jassy geschildert, wobei Urussow in offizieller Eigenschaft zu einem Empfang des rumänischen Königspaares entsandt wurde; auch von dem Adel Bessarabiens und seinem barbarischen Luxus entwirft der geplagte Gouverneur, der sich unmöglich an die obligaten vierzehn Gänge des ..kleinen Diners" gewöhnen konnte, ein ergötzliches Bild. Dann klingt aber das'Buch recht ernst aus. Urussow erzählt von der Audienz, die er beim Zaren hatte, als er unmittelbar nach dem Ausbruch des russisch-japanischen Krieges von Kischinew nach Twer versetzt wurde. Der Kaiser hatte einem anderen Würdenträger gegenüber erklärt, er betrachte den Angriff der Japaner „wie einen Flohstich". Auch Urussow erwähnte die japanische Kriegserklärung. Darauf sagte der Kaiser wörtlich: „Ich bin über den Ausgang des Krieges vollkommen ruhig, und Sie werden es jetzt auch bedeutend leichter haben." „Ich verstand nicht gleich," bemerkte Urussow, „die Gedanken des Zaren, aber er erklärte, der Krieg würde eine Hebung des