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Die Wahrheit · 1907-11-29 · Heft 46 (29.11.1907) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 46 (29.11.1907)
Date
1907-11-29
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Seite 6. Die Wahrheit 9fr. 46. Die Gemeinde-Bibliothek umfaßte am 31. März 1907 neben 15.800 Bänden Druckwerken 220 Handschriften und hat durch die Schenkung des Herrn Sanitätsrats Dr. S. N e u m a u n, sowie durch die Stisrung des verstorbenen Herrn Albert W o l f - Dresden, der seine reiche Sammlung von Büchern, Münzen, Altertümern rc. der Gemeinde vermachte, eine wertvolle Bereicherung erfahren. Die Besuchsziffer belief sich auf 16.249 Personen; verliehen wurden 18.148 Bände. Die Kosten des Instituts betrugen 49.712 Mk. Die Kursor g e - K o m m i s s i o n verausgabte jährlich 8000, die Kommission zur Beschaffung des K o s ch e r f l e i s ch e s jährlich 18.450 Mk. In dem Q u e l l b a d (Mikwah) wurden i. I. 1906/7 3321 Bäder, davon 2368 gratis verabreicht. Die Zahl der Beerdigungen auf d e m G e m e i n d e - Friedhöfen betrug im letzten Jahre 1742, davon etwa ein Drittel ohne Erhebung von Gebühren. Der Bericht gedenkt sodann des Anteils der Gemeinde an den gemeinsamen Angelegenheiten der Judenh e i t, ferner der festlichen Veranstaltungen zu Ehren verdienter Gemeinde Mitglieder und Beamten und hebt schließlich unter Hinweis aus den anliegenden R e ch n u n g s b e r i ch t hervor, daß die zunehmende Steuerkraft der Gemeinde-Mitglieder es ermöglicht hat, während der Berichts-Periode mit der Stenerqnote von fünfundfünfzig Hundertstel Prozent des staatlicherseits veranlagten Einkommens auszukommen. Der Einnahme-Etat für das Jahr 1904/5 betrug (bei einem Kassa-Bestand von 1,078.253) 9,877.173 M. (davon Mitglieder-Beiträge 1,493.582 M.), im Jahre 1805/7 (K.-B. 9,690.159 M.) 8,704.363 M. (M. B. 1,640.297 M.), im Jahre 1905/6 (K.-B. 499.825 M.) 6.274.653 M. (M.-B. 1,753.489 itt.) Die Ausgaben beliefen sich ans 8.908.008 resp. 8.224.508 und 5,609.807 M. Pismornrn des Rabbi Israel Nagara, des vorzüglichsten religiösen Dichters des XVI. Jahrhunderts. Bon Dr. M. H. Friedländer. Die hebräische Sprache hat mit anderen toten Sprachen, wie z. B. der lateinischen und griechischen, insoferne ein gleiches Geschick, als sie gleich diesen aus dem Bereiche des lebenden Verkehrs desjenigen Volkes geschwunden zu sein scheint, von dessen ehemaliger Größe und Wichtigkeit sie ein ehrwürdiges Andenken auf unendliche Zeiten aus sich überträgt. In anderer Beziehung ist jene Sprache von dem Nimbus der Heiligkeit umgeben. Sie ist durch die in den heiligen Büchern der Bibel enthaltenen göttlichen Offenbarungen und durch die erhabenen Dichtungen des unvergleichlichen Sängers in den Psalmen allgemein als heilig bezeichnet. Mit dem Verluste der nationalen Selbständigkeit Israels im eigenen Laude ging auch die Reinheit der hebräischen Sprache größtenteils verloren. Der Umstand, daß dieses unglückliche Volk, nachdem dasselbe aus seinem Lande getrieben, in aller Herren Länder zerstreut wurde, und von Sprachen seiner Umgebung fremde Bestandteile in die ihm eigene Sprache aufzunehmen nicht vermeiden konnte, trägt die Schuld daran. Ihre Erhabenheit und Reinheit wird seitdem nur in den biblischen Büchern gefunden, aber äußerst selten erreicht. Das XI. und XII. Jahrhundert brachte uns jedoch Koryphäen in Gelehrsamkeit und hebräischer Dichtkunst, als Solomon b. Gabirol, J.sak b. Giath, Moses b. Esra, Josef b. Zadik, Jehuda Halevi und Abraham Jbn Esra, welche den Glanzpunkt der hebräischen Poesie bezeichneten und die die hebräische Sprache zu kultivieren angefangen hatten. Diese Periode ist die wichtigste in der ganzen Literaturgeschichte der Juden überhaupt. Die Dichter waren Lehrer des Kunststils für die späteren Zeiten, sowohl für die religiösen Dichter (Poetanim), als für die weltlichen Stilisten. Die sozialen Verhältnisse waren für die Israeliten in Spanien zu verschiedenen Zeiten günstiger als in den anderen christlichen Ländern, was sie denn auch eifrig benützten. Die Schulen, welche zuvor auch bei Moscheen bestanden (Wüstenseld, Schulen der Araber, S. 5), aber nicht so eng mit ihnen verbunden waren und ein mehr selbständiges Leben führten, standen ihnen offen, alle Bildungsanstalten durften sie gemeinschaftlich mit den Arabern benützen. Die Israeliten der maurisch-spanischen Länder führten damals ein freies Leben; sie wurden von keiner Seite beschränkt und in ihrem Wirken gehemmt. Dies wirkte auch auf die Piutim im allgemeinen. Reinheit der Sprache, wohlgewogene Formen, Wohlklang, das Ohr erfreuend, ausgebildeter Sinn für Schicklichkeit und gehöriges Maß, schöne Verschmelzung der Reflexion mit Phantasie charakterisieren dieselben. Daher kommt es auch, daß die meisten Pinüm der spanische n Poetanim bedeutend schwungvoller, als die der deutsch-französischen sind. Die damaligen Freiheiten gaben den spanischen Pyetanim mehr Kenntnis des menschlichen Herzens und sie gebrauchten diese Kenntnis im Dienste der Frömmigkeit. Die erbaulichen Poesien derselben dringen tief ins Herz nnd Gemüt, sie treffen den rechten Fleck. Ihr ganzer Sinn war bloß nach dem Baume des ewigen Lebens gerichtet. Sie benützten ihr Talent zu gottessürchtigen Zwecken, sie wußten aber auch mit der Welt ihre Sprache zu sprechen. Spanien ist es, das uns Männer des Lichtes darbietet, Männer der Kritik und Wissenschaft, Männer, begeistert für ihren heiligen Glauben und ihre väterliche Literatur ebenso, wie für die schönsten Erzeugnisse allgemein menschlicher Bildung, allgemein menschlichen Denkens. Spanien ist es, das reich an großen Geistern überhaupt, auch im Judentum Männer und Werke jüdischer Literatur hervorgebracht, Spanien ist es, das wie im allgemeinen, so auch besonders in der jüdischen Literatur mystische Uebergriffe zutage gefördert hat, aber auch ebenso in nicht unbedeutender Anzahl Männer hellsehenden Geistes, nervigen Denkens, rüstigen Schaffens, Männer von Geist, Herz, Gemüt und Gefühl, Männer, deren ganzes Streben nicht ausschließlich dahin gerichtet war, in den Besitz feister Pfründen zu gelangen, um auf großem Fuße leben und ihren Ehrgeiz befriedigen zu können, sondern die unausgesetzt bemüht waren, die Wissenschaft des Judentums zu fördern und deren Träger kräftigst zu unterstützen, damit sie nicht verkümmern und nicht von Halbwissern, Charlatanen und Heuchlern verdrängt werden. Moses b. Esra und Jehuda Halewi, deren religiöse Gedichte eine Zierde aller Weisheit sind, beide kannten die Welt, sie kannten die Empfindungen der menschlichen Brust, sie liehen Worte diesen Empfindungen, wovon man in Deutschland, der Brutstätte des Antisemitismus, keine Ahnung hatte. Nicht minder offenbart sich ein bedeutender Unterschied zwischen den Dichtern der maurisch-spanischen und der französischen Schule in der Bearbeitung ganz nationaler Stücke. Bei den erzählenden Piutim hielten sich die maurisch-spanischen religiösen Dichter an die Bibel allein, die deutsch-französischen hingegen, verflochten viele Hagadoth hinein. Ein Blick auf Jehuda Halewis Behandlung der Purimgeschichte (unter - dem Namen NI kamocha bekannt), verglichen mit der ähnlichen im deutschen Ritual, bestätigt das Gesagte. Bei den Gebeten um materielles Wohlsein, bemerken wir ein leises, a n st ä n d i g e s A u f t r e t e n, während bei den deutsch-französischen Dichtern wir ein st ü r k e res Pochen auf traditionelle Momente vernehmen. So z. B. können die Gebete -um Tau und Regen als Belege hiefür dienen. Die neuere und neueste hebräische Literatur hat durch den Einfluß des aufgeklärten und milden Zeitgeistes sich gefügt und allgemeinen Verhältnissen sich zugewendet, indem sie das düstere Gepräge der Schönheit in Ausdrücken trauernder und wehmütiger Gefühle von ihren Schöpfungen abstreift. (Schluß folgt.) Die Memoiren des Fürsten Urnstom. (Schluß.) Bei der Erörterung der Ursachen des Pogroms in Kischinew und der weiteren Massakres, die in den Jahren 1905 und 1906 folgten, kommt Urussow zu einer vernichtenden Verurteilung der Regierung, die die Ausschreitungen nicht nur geduldet, sondern indirekt auch geradezu veranlaßt habe. Von einem plötzlichen Ausbruch des Rassenhasses oder der Auflehnung der ,ausgebeuteteu" Russen gegen die Juden könne nicht die Rede sein; er habe immer wieder konstatieren können, daß die Bevölkerung selbst von diesen von der Regierung immer wieder behaupteten Gegensätzen nichts wisse. Wohl bestehe eine tiefgehende Absonderung der beiden Nationalitätengruppen, aber diese habe durchaus

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