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Die Wahrheit · 1907-11-29 · Heft 46 (29.11.1907) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 46 (29.11.1907)
Date
1907-11-29
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 46. Die Wahrheit Leite 5. sehe ich mich zu folgendem Erinnerungswort an die beteiligten Kreise veranlaßt. Ich knüpfe hiebei an eine Erzählung des Talmud an. (Baba kama 80). In einem vornehmen Hause sollte eine Beschneidungsfeier stattfinden. Zur festgesetzten Stunde strömten von allen Seiten zahlreiche Gäste herbei, an deren Spitze auch einige namhafte Gelehrte. Und als diese vor dem Eingänge des Hauses anlangten, entspann sich unter denselben ein längerer Etiquettenstreit darüber, wem der.Vortritt gebühre.. Während dieses Streites aber, der die Aufmerksamkeit aller auf sich zog und von dem Kinde ablenkte, schlich sich an die unbeobachtete Wiege des Säuglings ein Tier heran, welches das Kind derart verletzte, daß es einen unheilbaren Schaden davontrng. Die Nutzanwendung und beherzigenswerte Mahnung, die sich für uns daraus ergibt, liegt wohl nahe genug! Hüten wir uns, daß nicht auch wir vor lauter Streit, vor lauter Meinungsverschiedenheiten darüber, welchem Projekt der Vorrang zukomme, an das Kind vergessen, an unsere jüdischen Kinder; daß wir nicht vor lauter Kontroversen die jüdische Jugend dieses Landes der ihr drohenden tätlichen Gefahr untätig, ohne ihr Hilfe zu bringen, preisgeben! Denn daß diese Gefahr besteht, daß der jüdischen Jugend Böhmens als solcher, als jüdischer Jugend, der Untergang droht, so wir nicht schleunigst für einen kräftigen Nachwuchs an Religionslehrern Sorge tragen, das ist eine schwerernste Tatsache, die unbestreitbar, das ist ein Punkt, über den wir uns unmöglich hinwegtäuschen können und hinwegtäuschen dürfen. Daraus aber folgt mit zwingender Logik, daß die Gründung der vom „Memorandum" proponierten Lehranstalt entschieden und unbedingt die erste, die allererste, die allerdringeudste und drängendste Pflicht ist, die uns zu erfüllen obliegt. Ungeachtet alles dessen, was sonst noch unseren Gemeinden und deren Beamten dringend not tut, gibt es doch kein Argument in der Welt, ist doch keine wie immer geartete Erwägung und Rücksichtnahme auch nur denkbar, welche uns abhalten darf, die Lösung dieser ersten und heiligsten aller Aufgaben, die eine Lebensfrage für das Judentum in Böhmen bildet, allen anderen voranzustellen, sie sobald wie nur irgend möglich und mit dem Eifer und dem Nachdrnck, der nur irgend möglich, in Angriff zu nehmen und zu Ende zu führen. . Und darum, weil ich also über diese Sache denke, halte ich es auch für vollständig überflüssig, mich hier auf eine Kritik der auf dem Gemeindetage vorgebrachten Kritiken und Einwände einzulassen. Obgleich die Versuchung allerdings nahe liegt, uns hier mit der Frage zu beschäftigen, wie es zu erklären sei, daß die Kontrareden, die wir in der Versammlung hörten, fast ausnahmslos von solchen Seiten kamen, von denen jeder, der die hiesigen Verhältnisse kennt, im vorhinein voraussetzen konnte, daß sie von diesen Seiten kommen würden. Ist das nicht bezeichnend? Fühlt man sich da nicht versucht, daraus gewisse Schlüsse zu ziehen? Indessen, wir wollen diese Schlüsse n i d£) t ziehen. Wir wollen vielmehr gemäß der Sentenz unserer Alten, daß wir jeden Menschen und jede seiner Handlungen tunlichst nach der günstigen Seite beurteilen sollen, gern annehmen, daß auch die gegnerischen Redner vom Gemeindetage es ehrlich meinten, für dasjenige eintraten, was ihnen nach ihrer Auffassung als das Rechte und Richtige erschien. Und auf dieser Voraussetzung fußend, daß auf beiden Seiten, sowohl in Prowie im Kontralager nur lautere Motive obwalten, dürfen wir uns sicherlich der frohen Hoffnung hingeben, daß auch in unserem Falle sich bewahrheiten werde der bekannte Vätersprnch: „Jeder Zwiespalt der Meinungen, der im Namen des Himmels, im Interesse einer guten Sache entsteht, führt zuletzt zu einem dauernden heilsamen Resultate." Gewiß, — dieser zuversichtlichen Erwartung und Ueberzeugung sind wir — die vorläufig in unserer Angelegenheit noch bestehenden Gegensätze werden sich ausgleichen, die mancherlei Mißverständnisse und Mißhelligkeiten werden schwinden. Die geplante Lehranstalt wird unter dem Beistände des Himmels ins Leben treten, weil sie eine Notwendigkeit ist; sie wird in den jüdischen Gemeinden Böhmens reichliche gottgefällige Früchte zeitigen und noch spätere Geschlechter werden die Aktion des Gemeindebundes, die zu diesem herrlichen Ziele führte, segnen. NermaltunAsberichl der Kerttner Gemeinde. Gleichzeitig mit der Einladung für die in den nächsten Tagen stattfindenden Repräsentantenwahlen öerieitbet der Vorstand der Berliner jüdischen Gemeinde einen ausführlichen Bericht über das Triennium vom 1. April 1904 bis 31. März 1907, der einen genauen Einblick in die vielverzweigten Agenden der Berliner Großgemeinde bietet und deren stetige Zunahme nach allen Richtungen konstatiert. Die Zahl der Gemeindemitglieder betrügt jetzt 31.206 gegen 26.471 im Jahre 1904 und im gleichen Verhältnis ist auch die Zahl jener gewachsen, die infolge ihres geringen Einkommens von der Steuervflicht befreit wurden. Zu dieser Steigerung hat die in der Berichtsperiode erfolgte Einbeziehung von viernndzwanzig weiteren Vororten in den Synagogen-Bezirk Berlin beigetragen, der nunmehr die vier Städte Berlin, Charlottenburg, Schöneberg und Rixdorf und siebennndsünszig Vororte umfaßt. Während der letzten drei Jahre sind auf Grund des Gesetzes vom 18. Mai 1876 durch Erklärung vor Gericht 417 Personen (gegen 377 in der voransgehenden Berichtsperiode) aus dem Indent n m a u s g eschieden, zweiundvierzig (gegen 29 in den Vorjahren) haben auf Grund religiöser Bedenken ihren Austritt aus der Gemeinde erklärt. Der Bericht erwähnt sodann die Errichtung eines zweiten Verwaltungsgebäudes aus dem Grundstück Rofenstraße 2, die Regelung und Verbesserung der A nstellungs- Verhältnisse der Beamten, den in Angriff genommenen Bau einer weiteren Synagoge in der Fasanenstraße, die Einrichtung von Schrifterklärungen an allen predigtfreien Sabbaten. Die Zahl der Rabbiner ist auf acht, die Zahl der Kantoren aus zwölf erhöht worden. Festgottesdienstliche V e r a n st a l t u u g e n außerhalb der Synagogen fanden i. I. 1904 in 11 Sälen mit 10.947 Plätzen, i. I. 1905 in 12 Sälen mit 11.687 Plätzen, i. I. 1906 in 14 Sälen mit 13.358 Plätzen statt. Die Kosten hierfür sind von 95.358 auf 106.602 Mk. gestiegen. I u g e n d g o t t e s d i e n ft an den hohen Festtagen wurde in 9 Sälen mit 3996 Plätzen veranstaltet und für diesen Zweck 20.407 Mark verausgabt. Die Subventionen an die in der Gemeinde bestehenden siebzehn Religio ns vereine erforderten während der drei Jahre die Gesamtsumme von 248.190 Mk. Die beiden! Elementarschulen der Gemeinde wurden von 604 Knaben! und 530 Mädchen, die zehn Religionsschnlen von 1999 Knaben - und 1552 Mädchen, die Lehrerbilduugs- und Präparauden-Anstalt von 54 Zöglingen besucht. Die Ausgaben für sämtliche Uuterrichts-; Institute ist von 227.292 Mk. im Jahre 1904 aus 255.767 Mk.? im Jahre 1906 gestiegen. Die A r m e n - K o m Mission, in! der viernndsechzig Herren und neun Damen tätig sind, hat! während der Berichts-Periode 13.627 Gesuche von 7725 Personen; mit der Bewilligung von 526.084 Mk. erledigt, die E p h r a i mj Stiftung 1060 Petenten 142.959 Mk. gewährt. Die Zahl j der von der „Zentralstelle für W o h l t ä t i g k e i t s -! Anstalten der jüdischen Gemeinde", der jetzt 76 Vereine und j Institute angeschlossen sind, erteilten Auskünfte ist von 14.006 i im Jahre 1904/5 ans 15.626 im Jahre 1906/7 gestiegen. Die | W a i s en-K ommiffio n hatte für 361 (gegen 334 im Jahre! 1903/4) Sorge zu tragen; in den beiden Waisenhäusern waren j 75 bezw. 55 Pfleglinge nntergebracht. Tie Aufwendungen für! das Krankenhaus haben sich von 249.435 aus 260.007 Mk.. s die Zahl der Kranken mit 1744 und 53947 Verpflegungstagen aus 1808 mit 54.832 Verpflegungstagen, die Subvention der Gemeinde von 69.230 aus 71.580 Mk. vermehrt. Anläßlich der silbernen Hochzeit des Kaiserpaares wurden, wie z. Zt. berichtet, aus Ueberschüssen früherer Jahre 100.000 Mk. ausgesondert und als Grundstock zur späteren Errichtung einer gynäkologischen Station nebst Entbindungsanstalt im neuen Krankenhause bestimmt. Für den gleichen Zweck wurde seitens eines Komitees aus Anlaß des 200 jährigen Bestehens des Krankenhauses eine Sammlung veranstaltet, deren Ergebnis etwa 500.000 Mk. beträgt.

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