Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 46 (29.11.1907)
- Date
- 1907-11-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Die Wahrheit Redaknon ». Sldiillnisli aiiou: Wien, 13/, 3hniaraciaf{e 27. TflfDÖuit Nr. bcr Diiickrrci I 1580S. j iliil'cvatc j Tie viermal geivaltene! Nonvareille-Zeiie 25 Heller. j Abonnements* n. JnjerlionSberräge sind i» Wien zahlbar und klagbar. «abhängige Heilschrift für jnöische Intere^en. Erscheint jeden Kreitag. ^ottv: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ j : j Ganzjährig ... ft u.— | Halbjährig . . ft 7 — i| Für (iiiltii^beaiate: | jährig . . ft hi | Ml AnSlniid: j Gauzlährig . . . s Mark i 15 Nudel oder >»;;cr. Ur. 46 Wien, 29. Uovernbrr 1997. .intzalt: Aus der Woche. — Jüdischer Gemeindetag in Prag. — Berwaltungsbericht der Berliner Gemeinde. — Pismonim. — Aus den Memoiren des Fürsten Urussow. — Verschiedene Nachrichten. — Glossen. — Feuilleton: Versöhnte Feinde. Are geehrten Kerren Monnenten werden um freundliche Einsendung des Aöonnementsbetrages für das laufende Quartal ersucht, gleichzeitig Sitten wir Sei Zleöerstedtungen um rechtzeitige j Anmeldung der neuen Adresse. Ans der Woche.! Den Vertretern des sogenannten fortschrittlichen Deutsch-! tums in Oesterreich, die zur Zeit der Wahlen in ihren Programm- \ reden mit Freiheit und Fortschritt flunkerten, aber im sicheren! Besitze der Mandate sich mit Verläugnung aller freiheitlichen j Prinzipien willig vor den klerikal-antisemitischen Triumphwagen! spannen ließen, ist durch die schwer beleidigenden Vorwürfe, die; Dr. Lueger am Katholikentage gegen die österreichischen Univer-! sitäten und gegen die Männer der Wissenschaft erhob, sehr bald! gerechter Lohn für die den Antisemiten im Reichsrate geleisteten! Liebesdienste zuteil geworden. Wären wir schadenfroh, so könnten; wir mit der Entwicklung der Dinge ganz zufrieden sein, denn; nichts konnte das deutsche Volk in Oesterreich und die geringen : Reste desselben, die wirklich dem Fortschritte noch anhängen, über die letzten Ziele des Antisemitismus besser belehren und - nichts vermochte schlagender zu beweisen, wohin die Bundes- ' genossenschaft mit den Machthabern des Wiener Rathauses führt, als dies die Rede Luegers aus dem Katholikentage getan, der durch die politischen Erfolge übermütig und im Vollgefühle seiner > gegenwärtigen Machtstellung schon ganz Oesterreich zu seinen Füßen sah und den Moment für gekommen erachtete, um die! Stätten der freien Wissenschaft unter die Herrschaft seiner schwarzen Freunde zu biingen. Der Versuch ist wohl mißlungen, aber die Zeche müssen wieder die Juden bezahlen. Denn als Lueger überall die Entrüstung über seine Provokation der Universitäten . aufflammen sah, da fing er an, in recht antisemitischer Manier,; seine Worte zu verdrehen und zu deuteln, und aus dem Chorus der ihm ergebenen Preßlakaien erklang es, daß die Aeußerungen des Bürgermeisters von Wien nur gegen den übermäßigen Einfluß des Judentums gerichtet waren und daß er seinen Schlachtruf nicht : zum Kampf gegen die Wissenschaft sondern zum Kampf gegen das Judentum ertönen ließ. Und siehe da, diese Deutung scheint; noch immer nicht an Zugkraft verloren zu haben. Denn während - die hervorragendsten Vertreter der Wissenschaft sich zu flammenden j Protesten erhoben, um den Vorwurf Luegers, daß die Universitäten > Stätten der Vaterlands- und Religionslosigkeit seien, mit ge- . rechter Entrüstung als bewußte Lüge zurückzuweisen, wurde unter diesen vielen Kundgebungen nicht eine einzige Stimme laut, die auch die zweite Fabel von der Verjudung der Universitäten und vom verderblichen Einfluß des Judentums aus die Pflege der Wissenschaft gebührend gekennzeichnet hätte. * * *. Durch den Anschluß an die Antisemiten sind die Deutsch- Fortschrittlichen ans eine schiefe Ebene geraten und von dieser Erkenntnis ist auch die Rede erfüllt, die jüngst der Abgeordnete Dr. L e ch e r in Brünn gehalten hat. „Der A n t i s e m i t is m u s," so führte er aus, „ist das Unglück der Deutschen in Oesterreich." Gegen den Antisemitismus sprechen nicht allein sehr gewichtige opportunistische Erwägungen. Ich halte es für politisch unanständig, bei den Wahlen die Unterstützung der Juden anzunehmen, nach den Wahlen aber den antisemitischen Standpunkt herauszukehren. Ein Freisinn, der zwischen den einzelnen Religionsbekenntnissen Unterschiede macht oder der nach der Zufälligkeit der Geburt fragt, ist kein Freisinn. Ein solcher Freisinn verliert seine Truppen, von denen die einen links zu den Sozialdemokraten, die anderen rechts zu jener Partei abschwenken, welche als die oberste Hüterin nnd Herrin des öffentlichen Lebens direkt und ehrlich die katholische Kirche anerkennt. . . . „Der A n l i s e m i t i s m n s i u nuferen Reihen wird s i ch überleben, muß überwunden werde n. Zeiten des Kampfes mit dem Klerikalismns stehen uns bevor, wo wir Gescheiteres zu tun haben werden, als nach Konfession und Abstammung unserer Kampfgenossen zu fragen." Ob dieser gewiß ehrlich gemeinte Mahnruf später nicht in Vergessenheit geraten wird, wenn die Juden wieder einmal dem Liberalismus Dienste geleistet haben werden, das wird allerdings erst die Zukunft lehren. * * * Der jüdische Gemeindetag, der vor kurzem vom böhmischen Gemeindebund nach Prag einberusen wurde, brachte uns wieder einmal in Erinnerung, daß auch Wien der Sitz eines allgemeinen jüdischen Gemeindebundes ist, der seit Jahren ein recht beschauliches Leben führt nnd vom Herzen froh war, wenn ihm der liebe Herrgott eine Gelegenheit bot, sich in der Oeffentlichkeit bemerkbar zu machen. Wie die Eingeweihten wissen wollen, wird jetzt seitens der Leitung des allgemeinen österreichischisraelitischen Bundes eine größere Aktion geplant, die ihn zu neuem Leben erwecken soll. Wir hoffen und wünschen, daß dies gelingen möge. Allerdings sind unsere diesbezüglichen Hoffnungen nicht sehr hoch gestimmt; denn insolange die böhmischen und mährischen Gemeinden in gesonderten Lagern stehen und der Provinzialismus