Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 46 (29.11.1907)
- Date
- 1907-11-29
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheit s)ii. 46 in allgemeinen jüdischen Fragen als Losungswort gilt, insbesondere aber insolange es nicht der Wiener Knltnsgemeinde gelingt, wieder die unbestrittene Führung aller österreichischen Gemeinden zu erreichen, wird auch der Bund zu keiner besonderen Bedeutung im jüdisch-öffentlichen Leben gelangen können. * * * In Ungarn wird von neologer Serte die Einberufung einer großen jüdischen Landesversammlung geplant, die aber ohne Teilnahme der offiziellen Vertreter der Orthodoxie stattfinden dürste, da letztere von einer gemeinsamen Versammlung eine Gefährdung ihrer Autonomie befürchtet. Der Wunsch nach einer einheitlichen Organisation behufs wirksamerer Vertretung der stark bedrohten sozialen und wirtschaftlichen Interessen der jüdischen Bevölkerung in Ungarn, hat also gegenwärtig wenig Aussicht ans Erfüllung, hingegen ist auf erziehlichem Gebiete ein wichtiges Ereignis zu verzeichnen. Die Errichtung eines jüdischen Obergymnasiums in Budapest ist demnächst bevorstehend und die Angelegenheit schon soweit gediehen, daß sie bloß auf die Erteilung des Oeffentlichkeitsrechtes von Seiten des ungar. Kultus- und Unterrichtsministeriums harrt. Zur Erhaltung der Lehranstalt verfügt die Budapester Kultusgemeinde über Legate in der Gesamthöhe von 2.310.400 Kronen. * Daß der Hardenprozeß die große moralische Fäulnis in ganz judenreinen Kreisen ausgedeckt hat, das konnten natürlich die deutschen Antisemiten nicht leicht verwinden, und so gaben sie das Losungswort vom „k a n a a n i t i s ch e n L a st e r" aus, um auch hier die Schuld ans die Juden abzuwälzen. Solche Anwürse von jüdischer Seite zu widerlegen, konnte natürlich nicht schwer fallen, aber trotz wiederholter Abfertigung können sich die Ignoranten der „Deutschsozialen Blätter" noch immer nicht beruhigen und wie es immer geht, wenn man die Bahn der Logik verläßt und sich vom blinden Hasse leiten läßt, sie geraten immer mehr in Absurditäten und Widersprüche. Wenn etwas kauaanitisch ist, dann kann es nicht spezifisch jüdisch sein, denn das Land Kanaan war ja Jahrtausende lang von nichtsemitischen Völkern bewohnt, bevor die Juden dahin kamen. Die „Deutschsozialen Blätter" schließen: Der Gemeinde rat der Stadt Rom ist heute zum erstenmal nach den allgemeinen Gemeinderatswahlen zusammengetretm und hat mit 60 Stimmen bei zwölf Stimmenenthaltungen Ernesto Nathan zum Bürgermeister gewählt. Nathan war bis vor drei Jahren Großmeister des italienischen Großorients und ist seiner Konfession nach Jude. Auch die Klerikalen, die von dieser Wahl nicht sehr befriedigt sind, geben zu, daß Nathan ein ehrlicher, tüchtiger Mann ist. Das Volk baut auf ihn jedenfalls mit größtem Vertrauen. Es erhofft von seiner Tatkraft eine gründliche Läuterung im verrosteten Getriebe der städtischen Verwaltung und die Kräftigung des wirtschaftlichen Lebens der Stadt, die heute trotz alles Scheins ein mehr als kümmerliches Leben fristet. -i- Vor kurzem haben in Frankreich die Wahlen für das jüdische Z e n t r a l k o n s i st o r i u m stattgefunden; damit war gleichzeitig die Wahl für das lokale Konsistorium verbunden. Die Konsistorien entbehren natürlich jetzt nach der Trennung von Kirche und Staat aller staatlichen Befugnis, sie sind lediglich eine private Einrichtung der auf Grund des, Trennungsgesetzes gebildeten jüdischen Knltusvereine. Die große Mehrheit der Kultusvereine hat sich dem Zentralkonsistorimn untergeordnet, es ist ihnen jedoch unbenommen, zu jeder Zeit das Verhältnis wieder zu lösen. Die Wahlen vollzogen sich auf Grund eines Statuts, wonach je 200 Wähler einen Delegierten zum Zentralkonsistorium zu wählen haben. In Paris darf jedoch die Zahl der Delegierten nicht mehr als zehn betragen. Und zwar wurden dort zunächst zwanzig Mitglieder des lokalen Konsistoriums gewählt, die zehn Höchstbestimmten darunter sind dann ohne weiteres Mitglieder des Zentralkonsistoriums. Zu einem Wahlkampf ist es in Paris nicht gekommen; es war nur e i n e Kandidatenliste aufgestellt worden. Unter den für die Hanpstadt gewählten befinden sich Baron Gustave von Rothschild und Narcisse Leven, der Präsident der Alliance Jsraelite und der I. C. A. Baron Edmund von Rothschild ist in Bordeaux gewühlt. — Algerien, wo da Trennungsgesetz erst nächstes Jahr in Kraft tritt, hat sich die Wahl bis dahin Vorbehalten. „Schon ein Jahrtausend früher als bei Griechen und Römern wurde das Laster bei den Juden bestraft. Es war also wegen seiner Schändlichkeit bei den Kindern Israels bekannt, sonst hätte man keine Strafe dafür festgesetzt." Das ist die Logik des Irrenhauses. Wenn in einem Lande etwas verboten ist, so beweist das nicht, daß das Verbrechen da besonders blüht, sondern daß die Gesetzgebung dieses Landes auf einer hohen sittlichen Stufe steht. In Italien ist bekanntlich die Homosexualität überhaupt nicht verboten; sollen wir daraus schließen, daß Italien dieses Laster nicht kennt und daß es sittlich höher als Deutschland steht? Unser antisemitischer „Kulturhistoriker" hat sich seine Methode schön zurecht gelegt: „Bon den Juden, die es schon um 1800 v. Ehr. kannten, gelangte das Laster zu den Griechen, die es zuerst in reiner Weise zur freundschaftlichen Knabenliebe veredelten. Seit dem Peloponnesischen Kriege 430 v. Chr. und dem Zeitalter Alexander des Großen 330 v. Chr. artete die „edele Päderastie" unmer mehr zur Unzucht aus; entsprechend dem allgemeinen Verfall der Sitten und dem Niedergang der Kultur. Man muß staunen, wie dieser Herr in den Geheimnissen der prähistorischen Zeit Bescheid weiß. Jeder mittelmäßig begabte Tertianer könnte ihm beweisen, wie töricht diese Methode ist. Sittliche Krankheiten sind keine neuen Jndustrieartikel, die exportiert werden können. Die Sinnlichkeit braucht nicht gelehrt zu werden und auch die Abarten und Irrwege des sexuellen Lebens sind allen Völkern von jeher bekannt gewesen. Auf den Grad der Verbreitung kommt es nur an und dieser hängt fast immer mit der Enrartung der Kultur zusammen. Spezifisch jüdisch ist dieses Laster ebensowenig wie Mord, Diebstahl oder Wahnsinn. * * Wahrhaftig es scheint fast wie eine Ironie des Schicksals: In Wien hält der Bürgermeister vor dem versammelten österreichischen Episkopat eine Hetzrede gegen das Judentum und in Rom, dem Sitze des Papstes, wird ein Jude zum Bürgermeister gewählt. Ueber die Wahl wird vom 26. d. M. aus Rom folgendes mitgeteilt: Indischer Gemeindetag in Prag. Am 17. November wurde im Saale der Prager Produktenbörse unter dem Vorsitze des Präsidenten der Prager Kultusgemeinde, Dr. Rosen bach er, der vom böhmischen Gemeindebnnd einberufene Gemeindetag abgehalten, der sich vornehmlich mit der Frage der jüdischen Erziehung der jüdischen Jugend und mit der Beschlußfassung über den vom Direktor Dr. B r o d y in einem Memorandum eingehend begründeten Antrag auf Errichtung einer Landeslehranstalt für Knltusbeamte, insbesondere Religionslehrer, beschäftigen sollle. Die Indolenz, mit der die Kultusgemeinden allgemeinen jüdischen Fragen gegenüberstehen, kam auch hier in der bedauernswerten Tatsache zum Ausdrucke, daß nur wenige Gemeinden in der Versammlung vertreten waren, die übrigens in der zur Verhandlung gestellten Frage keine Einigung erzielte und nach längerer Debatte, in welcher ebensoviele Fürsprecher als Gegner des Brodyffchen Projektes zum Worte gelangten, folgenden Antrag annahm: „Der Ausschuß des Gemeindebundes wird beauftragt, ein Komitee von 15 Mitgliedern zu bilden, in dieses drei seiner eigenen Ausschußmitglieder zu entsenden, ferner sechs Vertreter der nicht zum Gemeindebunde gehörigen Gemeinden und sechs Fachmänner ins Komitee zu wählen. Dieses Komitee hat binnen drei Monaten den ersten'Bericht zu erstatten." Unter dem Titel: „Ein Nachwort zum Prager Gemeindetage" veröffentlicht der Prager Oberrabbiner Dr. E h r e n f e l d in der § Selbstwehr" zu dieser hochwichtigen Frage folgenden Artikel: Der mit regem Interesse erwartete Gemeindetag, der über die von Herrn Direktor Dr. B r o d y in seinem „Memorandum" ausgesprochenen.Anträge auf Errichtung einer böhmischen Landeslehranstalt für Kultusbeamte, besonders für Religionslehrer, beraten sollte, hat nun stattgesunden. Und unter dem frischen Eindrücke der verschiedenen Reden, die wir da gehört haben,