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Die Wahrheit · 1907-11-22 · Heft 45 (22.11.1907) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 45 (22.11.1907)
Date
1907-11-22
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. Die Wahrheit Nr. 45. EntrüstekffvM RchrMsi: ,^-Den Fenid Anseres Vaterlandes, vielleicht gar den OÄro'er meines unglücklichen Bruders?" „Dies letztere kann er nicht sein," erwiderte Anna. „Denn er ist nicht als Kämpfer ins Feld gezogen, sondern als Retter; er hat keine Wunden geschlagen, sondern versucht, solche zu heilen." Rosa atmete erleichtert ans, wehrte aber den Verdacht, als ob sie sich für den Doktor besonders interessierte, entschieden von sich. Auch der junge Doktor beschäftigte sich in Gedanken viel mit seiner reizenden Wirtin, mehr, als ihm eigentlich selber lieb war. Denn zu Hause, im schönen Schlesierlande, harrte ein garliebliches Mädchen seiner Heimkehr, nämlich seine Base Deborah, kurzweg Dora genannt, ein Mädchen, welches alle körperlichen und geistigen Eigenschaften vereinigte, welche einen Mann beglücken konnten. Sie waren beide bei ihrer Tante Hanna ausgewachsen und durch gegenseitige Neigung sowohl als dem offen ausgesprochenen Herzenswünsche der Tante, hallen sich die Beiden daran gewöhnt, sich als zusammengehörig zu betrachten, wenn auch die offizielle Verlobung immer wieder aufgeschoben wurde. Erst sollte der junge Mediziner seine Studien vollenden, dann war es wieder angezeigt, daß der eben promovierte Doktor einige Zeit an verschiedenen Kliniken praktiziere, ehe er sich binde, dann sollte er seiner Militärpflicht genügen, und gerade, als man daran ging, das für einander geschaffene Paar zu verbinden, brach der Krieg aus, und alles eilte herbei, seine Pflicht dem Vaterlande gegenüber zu erfüllen, so auch Dr. Goldenkron. Die Verlobung wurde wieder bis nach beendetem Feldzuge verschoben. Seit kurzem jedoch verblaßte allmählich das Bild des ihm zugedachten Mädchens in seinem Herzen. Ein Zwiespalt war in ihm entstanden, den er sich aus keine Weise erklären konnte, und zwar waren es zwei Mädchengestalten, welche abwechselnd seinen Geist, wenn nicht gar sein Herz gefangen nahmen. Bald zauberte ihm seine erregte Phantasie jenes reizende blondgelockte Mädchen mit den fröhlichen, vor Lust blitzenden Augen und dem holden Lächeln auf dem glückstrahlenden Antlitze vor Augen, zu dessen Bild er aus solch wunderbare Weise gekommen, bald wieder fesselte ihn der stille Zauber, der holde Liebreiz und die sinnige Schwermut der jugendlichen Haustochter, und die Erinnerimg an seine verlassene Dora trat dabei immer mehr in den Hintergrund. Im Grunde genommen waren die beiden Frauengestalten, mit denen er sich im Geiste so viel beschäftigte, so grundverschieden, und doch gab es Momente, wo sich ihm eine Aehnlichkeit zwischen ihnen aufdrängte. Das Original jenes Bildes, das er so sorgfältig vor jedem unberufenen Blicke zu hüten verstand, mußte ein heiteres, lebenslustiges Ding sein, mit lachenden, glückstrahlenden Augen, während Rosas Augen solche waren, welche sich nach des Dichters Worten, im Weinen übten. Der bittere Zug um den Mund, der Rosas Physiognomie ein solch eigentümliches fesselndes Gepräge verlieh, fehlte auf dem kleinen Bilde gänzlich. Das Bild verriet die liebenswürdigste Heiterkeit, den glücklichsten Frohsinn. Selbst die Haartracht war eine andere auf dem Bilde, wie sie Rosa trug. Dort neckische Löckchen über der glatten Stirne, hier volle blonde Zöpfe, welche kronenartig das schöngeformte Haupt umgaben. Kurz, das Bildchen verkörperte bei gleichem Liebreiz, die glückliche sorglose Jugend, während Rosas Person den Ernst ausdrückte, der über ihre Jugend gefahren. Und doch, so unerklärlich es ihm auch war, diese beiden Frauengestalten schmolzen ihm zuweilen in eine einzige zusammen, vor deren berückendem Liebreiz die Erinnerung an die ferne Dora immer mehr und mehr verblaßte. Erschrocken fuhr der Doktor gar oft aus seinem Nachdenken hervor; unzufrieden mit sich selber, schalt er sich einen Undankbaren. Wortbrüchigen, Treulosen. „Vergib mir, Du holder Engel, der Du von-Kindheit an so viel Liebe . mir bewiesen, daß ich nahe daran bin, Dir im Geiste untreu zu werden. In Wirklichkeit werde ich es niemals werden. Schon Deinetwegen nicht, Du gute Tante Hannah! Du hast den Waisenknaben in Dein Haus genommen, so treu gepflegt, so liebevoll behandelt, wie es keine wirkliche Mutter besser getan hätte. Dem allen die Krone aufzusetzen, legst Du vertrauensvoll Dein höchstes Gut, Dein so zärtlich gehegtes Kleinod, in meine Hände, und ich sollte dessen unwürdig mich zeigen? Und das würde ich auch zweifellos, wenn ich wie bisher meinen Geist und meine Phantasie mit diesen beiden Mädchen beschäftigte, welche ein sonderbarer Zufall mir in den Weg gestellt, die eine im Bilde, die andere in Poesie. Weicht von mir, ihr Phantome, ich bin ein Mann und werde euch mit Mannesmut bekämpfen, und hoffentlich überwinden." Mit solch guten Vorsätzen gewappnet, betrat er gewöhnlich das Speisezimmer, aber all diese festen Vorsätze schmolzen alsbald dahin wie Schnee in der Sonne, wenn er in die schwermütigen klugen Rosas blickte und die stille Trauer beobachtete, welche über dem Wesen und dem ganzen Tun des lieblichen Mädchens gebreitet war. In solchen Momenten wäre er fähig gewesen, zu ihren Füßen hinznstürzen und seine Liebe zu gestehen. Uneins mit sich selber und unzufrieden kehrte er eines Tages nach gemeinsam eingenommenen Mittagsmahle in sein Zimmer zurück. (Fortsetzung folgt.) Aufruf! An die p. t. jüdischen Kttern, Advokaten, Techniker, Geschäftsleute etc. Die Tatsache, daß der größte Teil der jüdischen Hochschüler aus armer Familie stammt, ist allgemein bekannt. Dem jüdischen Studenten stehen nicht die Unterstützungsquellen seiner christlichen Studien-Kollegen zu Gebote; er kann nur auf einige Philantropen und wenige Wohltätigkeitvereine rechnen. Er ist also größtenteils auf sich selbst angewiesen und muß sich seinen bescheidenen Lebensunterhalt selbst verdienen. Wenn dadurch auch oft das Studium verzögert wird, braucht der arme Student, falls er eine Nebenbeschäftigung besitzt, wenigstens nicht mit den drückendsten Nahrungs- und Wohnungssorgen kämpfen. Wie schwer es aber oft ist, eine Beschäftigung zu finden, besonders heute, wo sogar Juden lieber einen Nichtjuden in ihren Bureaus rc. beschäftigen, ist leicht zu ersehen. Daher richtet der ergebenst gefertigte Verein für Unentgeltliche Arbeitsvermittlung an jüdische Hochschüler, Wien, IX.. Liechtensteinstraße Nr. 11, an alle jüdischen Eltern, Advokaten, Techniker, Geschäftsleute rc. die dringliche Bitte, sich seiner kostenlosen Vermittlung zu bedienen, falls ein Hofmeister, Hauslehrer, Stenograph, Zeichner rc. gesucht wird. Der Verein hat es sich stets zum Prinzip gemacht, nur verläßliche und würdige Kräfte zu empfehlen und ist daher während seines zweijährigen Bestandes ein Bedürfnis für beide Parteien geworden. Es ergeht schließlich nochmals an jedermann die dringende Bitte, den gefertigten Verein in seinem humanitären Bestreben zu unterstützen und sich im Bedarfsfälle an ihn zu wenden. Der Lohn ist das erhebende Bewußtein, einem armen, arbeitswilligen Studenten das Studium teilweise zu erleichtern. Der. Verein für unentgeltliche Arbeitsvermittlung an jüdische Hochschüler Wien, IX. Liechtensteinstraße 11. Bnreaustunden 11—12 Uhr vormittags. Für den Vereinsvorstand: Dr. Josef Grünfeld, Präsident.

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