Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 45 (22.11.1907)
- Date
- 1907-11-22
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Allfüdische Mnstk. (Schluß.) Ein Zusammenhang der altjüdischen Musik mit der griechischen und der arabischen liegt unter diesen Umständen nahe,, noch naher liegend ist es, an eine Ableitung von der Musik der Egypter zu denken, unter denen die Juden so lange weilten, und deren hoher Kultur sie gewiß auch in musikalischer Hinsicht eine starke Beeinflussung zu verdanken hatten. Spricht doch dafür aufs deutlichste die Tatsache, daß zwischen den L-aiten-Instrumenten, namentlich den Harfen der Juden und denen, welche uns die bildlichen Darstellungen der egyptischen Altertümer weisen, eine große Aehnlichkeit waltet, daß ferner lantenartige Instrumente mit Griffbrettern, die eine Erzeugung von Ganznnd Halbtonsintervalleu durch Verkürzung der Saiten zulasten, ivas bekanntlich bei den Salteninstrumenten der Griechen nicht, der Fall war, in Egypten stark in Gebrauch waren und sicher auch den Inden nicht unbekannt geblieben sind. Da uns indes weder ein Ueberrest altegyptischer Dotation, noch eine Abhandlung über Musik erhalten ist. so läßt sich absolut nicht seststellen, inwieweit die Steiger der jüdischen Tempelmnsik dlirch Mnsiksysteme der Egypter beeinflußt morden sind. Es ist aber bei oieser Sachlage auch nicht zu erweisen, daß der Jisclitabach- Skala die spezifisch israelitische Originalität zukommt, welche der Verfasser für dieselbe in Anspruch nimmt, weil er in den Tonsystemen der Griechen und Mohammedaner kein Analogon dazu findet. Zwar bemerkt er mit Recht, daß auch heutige Komponisten, wenn sie ihrer Musik ein national-jüdisches Gepräge verleihen wollen, sich der charakteristischen Jnteryallenschritte dieser Leiter, namentlich des Schrittes 0-Dss-L bedienen; es ist aber hervorzuheben. daß sie diese Intervalle auch anwenden, wenn sie ihren Tonsätzen ein orientalisches Gepräge im allgemeinen geben wollen.^ (Bergl. das Lied der ..Asm von Rubinstein.) Die Tonleiter/ welche im Gegensätze zu unferer harmonischen Noll-Skala, die das Ilttervall von ll/2 Tönen am Ende zeigt, diesen Schritt am Begitine hat, ist sicher orientalischen Ursprungs und war vielleicht auch den alten Egyptern nicht fremd. Die so charakteristische kleine Sekunde hängt mit der Vorliebe der Orientalen für sehr kleine Intervalle zusammen, die in der Musik der Araber und'Hindu sich sogar in Schritten von Viertel- und Achteltönen ausspricht. Auch in den uralten liturgischen Gesängen der armenischen Christen ist dasllisobdadaob-Tongesüge wahrzunehmen, obwohl in der modern-europäischen Notierung, in welche dieselben aus Veranlassung der Mechitaristen-Kougregation von S. Lazaro bei Venedig gebracht worden sind, unverkennbar die Eigenart der Melodien verwischt und nach modern-faden Klanganforderungen nivelliert ist. Bei den vielen Wechselbeziehungen der antiken Kulturen, der egyptischen zur griechischen einerseits, der egyptischen zur israelitischen andererseits und. dieser wiederum zu den Arabern, den Persern, Babyloniern, den Syrern und Aramäeru, ist es jetzt überhaupt nicht mehr feftzustellen, welche Tonbildungen als das spezifische Eigentum der Juden anzusehen sind. Einen Beleg zu dieser Ansicht liefert der Verfasser selbst, indem er der von Paulus Cassel ausgesprochenen geistreichen Konjektur Erwähnung tut, daß die meisten Üeberschriften der Psalmen Hellenismen seien, so z. B. in der bisher den meisten Uebersetzern duu.kel gebliebenen Ueberschrift des 66. Psalms das Wort „Jonas" offenbar zu bedeuten habe, daß der Psalm in der jonischen Tonart vorzutragen sei. Der Nachweis des hohen Alters aber bezüglich der drei ermittelten Grundskalen istdem Verfasser trefflich gelungen. Ist doch nach Angabe des Heraklides Ponticus dir aeolische Tonart, welche, wie oben erwähnt, mit dem Mögen owaus genau übereinstimmt,, schonzu den Zeiten des Kitharoden Teryander von Lesbos, also ungefähr um?-800 v. Ehr. bekannt gewesen! Der Verfasser hat, im Gegensatz zu mehreren Gelehrten, wie Speidel („Unverwerfliche Spuren von der altenDavidischen Singkunst", Stuttgart 1740), C. G. Auto n. neuerdings F. Dielitzsch die teils aus den hebräischen Vokalreichen, teils aus den Neginoth (eine Art Neumen, stenographische Notation der aus der Thora vorzutragendeu Abschnitte) ein Musiksystem, Anton sogar ein harmonisches, wie es dem Altertum ganz fremd war, herleiten wollten, Bestrebungen, die zwar verdienstlich und auch von Singer als solche anerkannt, aber im übrigen ohne praktischen Wert sind, ein reales Fundament für weitere Forschung auf dem Gebiete der altjüdrschen Musik geschaffen. Möge ihm dasselbe bei seinen weiteren Bemühungen zustatten kommen. Ein Bedenken jedoch kann ich hier nicht unterdrücken, wenn er wirklich die Absicht, die er am Schluffe seiner Schrift ausspricht, eure stilgerechte Harmonisierung der allen Melodien schaffen zu wollen, anszusnhren bemüht sein sollte. Melodien, welche ans einem rein melodischen Tonsystem uralter Zeiten bektlhen, aus der schaffenden Phantasie eines vollunserem jetzigen Harmolliesystem nichts ahnenden Volkes entsprungen sind, passen sich gar nicht oder nur sehr schwer in ein modernes harmonisches Gewand hinein und verlieren durch ein solches nur zu leicht ihren originellen Charakter. Dem Bearbeiter, der hier als Bekleidnngskünstler austreten will, bieten sich zwei Wege, aber einer ist bedenklich wie der andere. Wählt er eine moderne Harmonisierung, so ist die Verwischung und Verflachung fertig, wovon ich als abschreckendes Beiipiel Signor B i a n chin i Mit seiner Bearbeitung der Hymnen der armenischen Kirche anführen möchte; wählt er ein mehr archäistisches Harmoniegewänd. so liefert er doch rrn bestell Falle nicht mehr als eine Stilvermischung unlogischer Art. nämlich die des antiken, rein melodischen mit dem unentwickelten, allerdings eigenartig kräftig und altertümlich erhaben wirkenden Harmoniestil der Renaissance; auch hier fällt der antike Charakter der Melodie zank Opfer. Der beste Ausweg würde noch sein, den Unisono-Gesang im allgemeinen beizitbehalteu und nur an gewissen Stellen, die einer besonderen Hervorhebung wert scheinen, mit einer ganz einfachen, nitr auf Dreiklängen beruhenden Harmonie zu bekleiden, namentlich aber daher von dem modernen Ausklingerr in Quartsext mrd Domiuant-Septime abzustehen. H. Eichhorn. |)uMilnlioueii lies öfterrMM^Juintoreii-ller eines. Donnerstag, den 14. d. M.. 7 Uhr abends, hat unter dem Vorsitze des Präsidenten I. S i n g e r eine Vvrstandssitzung staltgefnnden, an welcher die Herren I. Baue r, Ph. Baßl, S. D ü nm a n n, B. G u l tm a n n, S. I u r b e r g e r, I. L ö w it, I. Schiller, I. Sch leiser und I. Smotritzky teitnahmen. Vor Uebergang zur Tagesordnung beglückwünschte der Vorsitzende unter Zustimmung der Versammlung den Vizepräsidenten I. Bauer zu der ihm zuteil gewordenen Ordensauszeichnung, worauf letzterer seinen Dank für die ihm dargebrachte kollegiale Sympathiekundgebung abstattet. Vereinssekretär Dr. Löwy referiert über die seinerzeit dem Kurawrium der Religionslehrerbitdnngsanstalt der Wiener Kultusgemeinde überreichte Eingabe behufs Ängliedernng einer Kantorenschnle an die genannte Anstalt und rvird nach Kenntnisnahme des Referates beschlossen, beim Kuratorium die Erledigung, der Eingabe zu urgieren. Ueber Antrag I. Löwit wird ein Komitee eingesetzt; das dem Vorstande Vorschläge zur würdigen Begehung des bevorstehenden 26jährigen Jubiläums des Vereines erstatten soll. In zwei Fällen, die zur Kenntnis des Vorstandes gebracht wurden, wurde zum Schutze der bedrohten Stellungen von Kollegen die Intervention des Kantorenvereines beschlossen. Nach Erledigung einiger Unterstützungsgesuche wurde die Sitzung in vorgerückter Abendstunde geschlossen.