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Die Wahrheit · 1907-11-22 · Heft 45 (22.11.1907) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 45 (22.11.1907)
Date
1907-11-22
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 45. Die Wahrheit Seite 7. Rabbiner Dr. Philipp Kondy f. K. Dienstag, den 12. November verschied nach längerem Unwohlsein Herr Rabbiner Dr. Philipp Bondy, Rabbiner und Religionslehrer i. R. in Prag. Mit ihm schied ein hervorragender Mensch und Gelehrter ans dem Leben. Bescheiden, liebenswürdig, von tiefer, erstaunlicher Gelehrsamkeit, lebte er dem Wohle seiner engeren und weiteren Familie und wirkte still aber erfolg- und segensreich für die Heiligung des göttlichen Namens und die Ehre Israels. Geboren 1830 zu JinoZie bei Wotic in Böhmen, besuchte der verblichene Gelehrte 1844—1852 das Prager akademische Gymnasium, hierauf die Prager philosophische Fakultät, wo er am 3. März" 1857 zu Dr. pliil. promoviert wurde. Stets mit Auszeichnung studierend, hatte er die böhmischen Schriftsteller Klecp ere, Axamit u. A. zu Lehrern. Im theologischen Wissen waren S. I. L. Rapaport, Wese ly, Prof. Dr. K ä m p f, Rabbiner Aron Kornfeld und der Berauner Kreis- > rabbiner Dr. Frank seine Lehrer. Letzterer erteilte ihm 1857 > die hatara. Dr. Bvndy beherrschte die deutsche, czechische, j französische, englische, italienische, spanische, lateinische und s griechische Sprache, war ein Meister des Hebräischen und der ' Sprache der Targumim. Er war auch als Lehrer genannter! Sprachen tätig. Als Rabbiner wirkte er von 1857—1859 zu | Budweis, von 1859—1868 in Kassejowic, von 1868 1876 in i Brandeis a. E., dann wieder von 1876—1878 in Kassejowic, > von 1878—1884 in Schlan und 1884 bis 1. Jänner 1904 > als Lehrer au den böhmischen Volks- und Mittelschulen, wie : Stiftungsrabbiuer zu Prag, wobei er das Rabbinat von JiLin > und später bis zu seinem Tode das von Kunlatitz mit größtem! Eifer verwaltete. Um ein friedliches Verhältnis zwischen den Juden und ihren czechischen Mitbürgern zu festigen, hielt er bereits; zu Kasfejovic czechische Reden und wirkte seil 1884 bis : 1890 als czechischer Prediger beim Vereine „Or-tomida. Diese czechischen Reden, wie sie heute in den meisten böhmischen Gemeinden gehalten werden, haben dem Verblichenen die Anerkennung seiner böhmischen Mitbürger, wie den Juden Wohl- wollen und Freundschaft so manches verstockten Judenfeindes gebracht. Dr. B o n d y, dessen immense Sprachkenntnisse, wie tiefe talmudische Gelehrsamkeit allenthalben bekannt waren, hatte um des lieben Friedens willen, diesen Weg betreten, den manche; für unrichtig halten. Es ist jedenfalls zur Förderung eines friedlichen Einvernehmens dieses Entgegenkommen nötig, da es bei der so ausgeprägten nationalen Strömung leicht zu Weiterungen in kleinen Städten führt und deshalb die böhmischen Juden Zumeist die czechische Sprache bei ihrem öffentlichen Gottesj dienste einführten. Wir Juden sind keine Sprachenfanatiker,! wissen wir doch aus unserer tausendjährigen Leidensgeschichte, | daß alles Unrecht sich rächt und man in diesem Belange der : Mehrheit entgegenkommen muß, in und von der man großenteils; lebt. Dr. Boudy hat in weiser Menschenkenntnis diesen Standi Punkt eingenommen und ich bin überzeugt, daß er den Juden j nicht schadete. Wir Jilden sollen unsern hehren Glauben hoch- > halten und zu Ehre bringen, indem wir uns nicht in tiationale! Kämpfe anderer mengen, sondern um des Friedens und der l Gerechtigkeit willen neutral bleiben! , So war des Verblichenen Anschauung und je mehr sie! an Boden gewinnt, desto besser für uns Juden. Biele Czechen j machen den Juden zum Vorwurf, daß sie in rein böhmischen j Städten durch gewisse Dinge Aergernis erregen. Dr. Bondy i hat das unbestreitbare Verdienst, ein Friedensmittler gewesen zu j sein. Sein Wesen war vom Gottesfrieden verklärt und dieser! Frieden teilte sich auch seiner Umgebung mit. . j Das Leichenbegängnis des Verblichenen gestaltete sich zu einer erhebenden Trauerkundgebung. Man sah unter den Trauergästen Oberrabbiner Dr. Ehrenfeld mit den meisten Rabbinen Prags, den Präses Dr. A. Rosenbacher und viele andere hervorragende Männer der Prager Gesellschaft. Von den Kindern des edlen Gottesmannes sind zwei Advokaten: Dr. Otto Bondy. der die Kanzlei des seit dem Hilsnerprozesse als unerschrockenen Verteidiger bekannten Dr. Aurednioek in Kuttenberg übernommen hat, und der als Verteidiger bekannte, erfolgreich in Prag wirkende Dr. Max Bondy. Möge der Allmächtige der tiefbetrübteu Witwe, wie den schmerzgebeugten Kindern und Angehörigen beisteheu und sie vor weiterem Leide bewahren! Krumau, 18. November 1907. Dr. L. Hirsch. Unsere jüdisch-deutsche Kurrentschrift. Noch vor einigen Jahrzehnten gabs kein jüdisches Haus, in dem unsere Kinder nicht „Jüdischschreiben" gelernt und praktisch augeweudet hätten. Heute kann man unter tausend Kindern an den Fingern der Hand jene zählen, die diese sehr leicht zu erlernende und wirklich schöne und praktische und wegen ihrer Steilheit für die Körperhaltung auch gesuude Schrift zu erlernen Gelegenheit hatten. Sie verdient es aber, als Vorläuferin der Stenographie und als Schrift mancher hochinteressanter Familiendokumente, nicht vergessen zu werden. Geben wir der Jugend wenigstens Gelegenheit, in jeder Schulkategorie in ein paar Viertelstunden sie zu erlernen. Aus eigener Erfahrung kömlen wir behaupten, daß unsere Schüler und Schülerinnen sie gerne und schnell erlernen und auch vielfach benützen würden. Speziell in Wien gibt es große Geschäftshäuser, in denen die jüdische Kurrentschrift noch heute bei Korrespondenzen, namentlich nach dem Osten, Anwendung findet. Retten wir sie also vor dem gänzlichen Vergessen und nehmen wir sie in unseren neuen Lehrplänen auf. 24. A.. Literatur. Max Hesse» Volksbücherei. Jede Nummer 20 Pf. 24 h ö. W. Komperr Leopold, Aus dem Ghetto. Sechs Erzählungen. (Nr. 395-398. Gebunden Mk. 1-20-) Stompert Leopold, Böhmische Juden. Drei Erzählungen. (Nr. 401—404. Gebunden Mk. 1-20.) Hartmaun Moritz. Der Krieg um den Wald. Mit Einleitung und Anmerkung von W. v. Wurzbach. ißlv. 174—175. Gebunden 80 Pfg.) Milow Stephan, Arnold Frank und andere Erzählungen. Mit Bildnis und einer Einleitung von Rob. Reinhard. (Nr. 423 - 424. Gebd. 80 Pf. Geschenkbd. Mk. 1-50.) Die uns vorliegenden Publikationen offenbaren die erziehliche Vielseitigkeit dieser ungemein handlichen und billigen Volksbücherei, deren Zweck es ist, Meisterwerke der schönen Literatur aller Völker, sowie wirklich gute Unterhaltnngsschristen älterer und neuerer Zeit bei geradezu vornehmer Ausstattung, insbesondere bestem Drucke den weitesten Kreisen zu vermitteln. Warmherzig, poesivoll und lebenswarm hat uns Kompert die Lebensweise' der böhmischen Juden im vormürzlichen Ghetto gezeichnet. Die maßvolle, prächtig frische Darstellung hat ihm mit vollem Recht die Bczeichnung „der klassische Schilderer des Ghetto" verschafft. Obige Erzählungen dürfen sozusagen die Perle seiner Erzählungskunst bilden. Wenn sein Landsmann, Moritz Harrmann, die Historie seines Heimatsdorfes niederschrieb, die Geschichte eines Baueruzwistes unter der Regierung Maria Theresias, der die Ausdehnung eines kieinen Krieges annahm, so durchweht echter Zauber der Romantik alle Personen. Mit ebenso liebeals verständnisvollen Worieu begleitet Robert Reinhard vier außerordentlich ansprechende Erzählungen ein, welche sicher dazu beitragen werden, ihren Dichter in den weltesten Kreisen bekannt zu machen. Der greise Milow hat gewiß schon längst vollen Anspruch darauf, unter den besten Dichtern der Gegenwart mit an erster Stelle genannt zu werden. Mögen diese 15 Seiten einer schwungvollen Ehrenrettung eines leider (oft!) viel zu wenig gekannten und gewürdigten österreichischen Dichters nicht spurlos verhallen. Hauser Otto, Spinoza. Roman. Deckel, Titelblatt und Buchschmuck von I. B. Cissarz. Zweite Auslage. Stuttgart 1907. Verlag von Adolf Bonz & Comp. Mk. 4 20. Otto Hausers Roman erschien zuerst in der „Frankfurter Zeitung"^ zugleich auch in holländischer und hebräischer Uebersetzung. Die Buch° ausgabe dürfte gleiche Beachtung finden. Es ist ein Werk von tiefem Ge* halt, reichem Kolorit, großer künstlerischer Eigenart Otto Hauser nimn? den leicht altertümlichen Ton seines „Luridor" aus, der allen Worten di^ gewisse edle Patina alter Bilder gibt, oft auch seine humoristische Wir' kunge» erzielt. So gleich der Anfang mit seinem Bericht von der Arich.^ eimer Kuh und ihrem zweiköpfigen und fünffüßigen Kalb. Der Roman 0* eilt historischer und benützt treulich die vorhandenen Urkunden über de^ großen Dichters Leben, aber er hat sonst nichts mit den historische" Romanen gewöhnlicher Art gemein. Er reiht sich an sene bedeutsame" dichterischen Schöpfungen wie Scheffels „Ekkehard". Jacobsens „Frau Maria Grubbe", Flauberts „Salombo" an. Das Höchste ist hier erstrebt. Und eine der eigentümlichsten Persönlichkeit stehr im Mittelpunkt. Spinoza ist hier vor allem Mensch. Seine Philosophie entspringt nicht ans seinem Hirne, sondern aus einem Leben, das ein leidenschaftliches Ringen um Seelenfrieden, eine Ueberwindung aller Eitelkeiten des Daseins ist. In dem vornehmen Milieu der reichen portugiesischen Juden Amsterdams ausgewachsen, wählt er, ausgestoßen aus der heiligen Gemeinde, ein Leben

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