Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 45 (22.11.1907)
- Date
- 1907-11-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Die Wahrheit Nr. 45. seine Presse hat es tatsächlich fertig gebracht, bei dieser Gelegenheit *: auf Juden und Judentum in wildester Weife zu schimpfen. > Unsere Antisemiten sind ja bekanntlich furchtbar patriotisch, j wenn dieses mit Worten zu erreichen ist, und sie finden hier ' die beste Gelegenheit, ihrem Gefühle Luft zu machen. Das trifft : sich hier besonders gut, denn Harden ist der Geburt nach Jude. j Dieser Harden antisemitelt zwar sehr gern und er bekundet seine Unparteilichkeit nach der Art mancher Renegaten dadurch, daß er die jüdische Religion und die jüdische Gesellschaft gern verhöhnt. Er galt mich oft als antisemitische Autorität, aber — wo er es wagt, sich von einem germanischen Grasen verklagen zu lassen, sich von einem jüdischen Anwalt verteidigen und zum Schluffe gar freisprechen zu lassen, da ist er natürlich wieder der Jude Isidor Witkowsky. Und nun wird nicht nur geschimpft, nein gewütet über ihn und — über die Inden. Wie soll man dieses Betragen anders als krankhaft bezeichnen? Luther über Inden nnd Indeuemaujipation. Bon unserem Mitarbeiter, Herrn S. B i n e t a, erhalten wir folgende Zuschrift: Sehr geehrte Redaktion! Indem ich Sie ersuche, meiner kleinen Bemerkung Raum zu geben, möchte ich mich gleich von vorneherein dagegen verwahren, als wollte ich eine leichtfertige Polemik vom Zaun brechen. Herr Dr. Hoff und sein oben genannter Artikel in der vorigen Nummer Ihres Blattes, in allen Ehren, alle Achtung vor der Belesenheit und Gelehrsamkeit des Autors! Aber es erscheint mir sehr mißlich, Luther zum Verfechter des Judentums und seiner Emanzipation zu stempeln. Wenn unter anderem gesagt wird: „Das Vorurteil gegen die Juden blieb jedoch bestehen, ja es war damals so allgemein, daß selbst der sonst offenherzige Luther^ seine Meinung über sie oft änderte, was wohl von seiner Unkenntnis mit dem Geiste der jüdischen Religion herrühren mochte," so dürfte nicht unterlassen werden, über seine „Meinungsänderungen" klarer zu sein. Hier einige Proben über die Form, in die er seine Meinungsanderung kleidete: Luthers Reim. „Glaub nie einem Wolf auf wilder Haid, Glaub nie einem Jud auf seinen Eid, Glaub nie einem Papst auf fein Gewissen, Du wirst von allen dreien be—ffen." Luthers Tischreden, Reclam, Seite 390. „Wie es unmöglich ist, daß die Aglaster ihr Hüpfen und Getzen läßt» die Schlange ihr Stechen: so wenig läßt der Jude von seinem Sinn, Christen umzubringen und zu morden, wo er nur kann. Noch sitzen sie bei uns in großen Ehren." Ebendaselbst, Seite 370. „Sie hoffen, wir werden zu ihnen treten, weil wir jetzt mit der ebräischen Sprache auch umgehen, und die lehren und lernen, aber das soll nicht geschehen. Sie muffen unsere Religion und den gekreuzigten Christum annehmen" u. s. w. Seite 367. Es widerstrebt mir, so viel abzuschreiben,' ich könnte jedoch noch viele ähnliche, zum Teile schärfere Sätze anführen. Ich frage nun, welchen Wert haben die von Dr. Hoff ausgezogenen humanitären Stellen, wenn deren Wert von anderen diametral entgegengesetzten aufgehoben ist? Herr Dr. Hoff führt unter anderen G r ä tz als Gewährsmann dafür an, daß Luther „Worte der Humanität und der Toleranz angeschlagen, die die Inden seit einem Jahrtausend nicht gehört hatten", verschweigt aber die psychologische Erklärung und Motivierung der anfänglichen Sympathie Luthers für die Juden und seiner späteren Abneigung gegen dieselben, die G r ä tz in seiner Geschichte der Inden liefert. Ich habe dieselbe vor vielen Jahren gelesen, kann daher die Stelle leider nicht bezeichnen, erinnere mich jedoch lebhaft, wie erzählt wird, daß Luther sich der sanguinischen Hoffnung hingegeben, die Inden für den Protestantismus zu gewinnen und daß seine anfängliche Liebe in Haß umgeschlagen, als er sich enttäuscht sah; also darum Mörder und Räuber! Luther, nicht zufrieden mit seinen großartigen Erfolgen, war also empört, daß es ihm versagt blieb, die Juden zum Taufbecken zu fuhren. Nicht zufrieden damit, dem Antichrist, dem Papst so viele Gläubige abtrünnig gemacht zu haben, hätte er noch gerne diesen Triumph über Rom erlebt, daß ihm geglückt sei, was jenem mißlungen. Mögen übrigens viele, unter ihnen auch Heine, Luther als großen Mann gelten lassen, ich anerkenne höchstens seine schriftstellerische nnd rhetorische Begabung. Die Verhältnisse haben ihn gerade so emporgeführt, wie den unbedeutenden Lueger. Nur, daß noch günstigere Bedingungen. Luther n o ch höher ttrugen. Doch eine historisch-psychologische Charakteranalyse, den Starstich an Vorurteilen und seelischer Blindheit vorzunehmen, > würde heißen, aus dem Rahmen einer kurzen Erklärung, wie ich sie mir vorgesetzt, heraustreten. Ergebenst 8. Viusta. Ans der Wiener Knltnsgenreinde. (Plenarsitzung des Knltusvorstandes vom 15. und 17. November 1907, unter dem Vorsitze des Herrn Präsidenten Dr. Alfred Stern. Beginn 10 Uhr vormittags.) An Spenden sind eingelaufen: Dr. Josef Stein noe. der Veclassenschast Albert Braschmann für wohltätige Zwecke nach dem Ermessen des Kultnsvorstandes X 395*15. Jacques Karpeles anläßlich einer glücklich überstandenen Operation für den Handlungskrankenverein X 100, für die Chewra Kadischa X 50. für die Armenanstalt X 50, zusammen X 200. Bernhard Hirsch für eine Wohltätigkeitsanstalt der Kultusgemeinde X 100. Unbekannter durch Sigmilnd L ö w y für russische Juden X 20. „Anonymus" zur Anschaffung von Holz und Kohle für Arme X 10. Dr. Alfred Berger noe. eines Anonymus in Breslau für die Schulküche in der Brigittenau X 160. Im Einlaufe befindet sich eine Einladung des zum'Leiter des neu errichteten Röntgen-Laboratoriums im Spitale der Kultnsgemeinde berufenen Herrn Dr. I. Robinsohn, zur Besichtigung des nunmehr fertiggestellten Institutes. Die in der Generalversammlung der Chewra Kadischa vom 27. Oktober 1907 erfolgte Wiederwahl der Herren Moritz B r e i t n e r, Jakob Kann und Samuel Steiner zu Vorstandsmitgliedern der Chewra Kadischa wird zur Kenntnis genommen, weiters die Neuwahl der Herren Ignaz Klein und Leopold Otto im Sinne des Statutes bestätigt. Zum Mitgliede der historischen Kommission der Kultusgemeinde wird Herr Dr. Wilhelm Pappen heim berufen. Dem Tempelvereine für Wieden und Margarethen wird behufs Ankauf eines Bauplatzes für einen neuen Tempel der seinerzeit bewilligte Betrag unter der Voraussetzung zur Auszahlung angewiesen, daß das Vorhandensein des für den Ankauf erforderlichen Restbetrages nachgewiesen wird. An den Tempelbau wird erst dann geschritten werden, wenn auch das erforderliche Baukapital vorhanden sein wird. Dem im Stadttempel wirkenden I. Kantor Don Fuchs wird der Titel eines „Oberkantor-Stellvertreters" verliehen. Gleichzeitig wird beschlossen, auch hinsichtlich der kantoralen Funktionen bei Trauungen zwischen dem Genannten und dem Oberkantor Josef Singer einen Turnus eiuznführen, wie er schon derzeit hinsichtlich der Funktionen an Freitag Abenden und Samstagen besteht. Bezüglich der kantoralen Funktionen bei Leichenbegängnissen wird gleichfalls beschlossen, einen noch näher zu bestimmenden Turnus zwischen den Herren Oberkantor Joses Sing er, Oberkantor Bsla G n t t m a n n und Oberkantor- Stellvertreter Don Fuchs einznführen. In der am 17. November 1907 stattgehabten Fortsetzung der Plenarsitzung wurden wurden folgende S u b v e n t i o n s a n s u ch e n erledigt: Bethansverein im XX. Bezirke, Bethausverein Oseh Tow im HI. Bezirke, Bethansverein Stumpergasse. Verein zur Errichtung^ und Erhaltung von Horten für schillpflichtige Kinder „Kinderheim", Verein für verkrüppelte Kinder, Verein für Arbeitsvermittlung für jüdische Hochschüler, Elternverein Pestalozzi, Bikur Chaulim Hospitalin Jerusalem, Verein „Kaiserin Elisabeth Lehrmädchen- und Arbeiterinnenheim". Nach Erledigung von P e r s o n a l i e n uitb Stiftungsangelegenheiten wird die Sitzung geschlossen.