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Die Wahrheit · 1907-11-22 · Heft 45 (22.11.1907) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 45 (22.11.1907)
Date
1907-11-22
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 45. Die Wahrhell -Leite 5. logisch zu differenzieren, alle Nuancen des Empfindens mit! Namen zu nennen und wir haben für jede Abnormität eine j Bezeichnung gefunden, Es ist gar kein Zweifel, daß alle Ab-! normitäten, auch die sexueller Natur, im Gefühlsleben ihre Wurzel haben und von der Zentrale aller Kraft und allen > Lebens, vom Gehirn, ihren Ausgang nehmen. Jede Abnormität j beginnt als unklares, dumpfes Gefühl, sie verdichtet sich zu! einer krankhaften Borstellung und drängt, wo die Möglichkeit - gegeben ist, zue psychischen Betätigung. Mannigfaltig sind diese i psychischen Abnormitäten, sie dehnen ihre Macht auf alle Gebiete! des Innenlebens und des Wissens aus und sie zeigen sich in 1 allerlei Schattierungen und Abstufungen. Es ist daher nicht s leicht, sie zu klassifizieren und stets ihren Gang zu verfolgen, s Man wird sie aber alle au gewissen Merkmalen als Auss strahlnngen entarteter, degenerierter Menschen erkennen und man! wird wohl mit Recht von einer Perversität der Gefühle j sprechen dürfen. Diese Entartung des Gefühlslebens ist die! Quelle aller ungesunden Vorstelluttgen. der Ausgangspunkt aller! nnsozialen und unethischen Handlungen. Als perverse Gefühle wird inan solche Gefühle bezeichnen dürfen, die der Selbsterhalmng und Erhaltung des Geschlechts nicht dienen, oder gar diese beiden Haupttriebe des Lebens stören. Alle Gefühle, die j nicht darauf gerichtet sind, das Individuum zu stärken und zu veredeln und bas soziale Leben in seinen mannigfaltigen Zweigen j zu fördern, sind ungesund. Alle Empfindungen, die dahin streben, > das. Leben des Individuums zu erschweren und die sozialen i Einrichtungen zu vernichten, sind zweifellos pervers, mögen sie! sich als soziale, kulturelle oder politische Strömungen zeigen. Die Natur ist kein sinnloser Mechanismus, fonberu sie trägt in sich die Ordnung und die Bestimmung des Lebens. Gesund, vernünftig und lebensfördernd sind identische Begriffe. Es gibt für die Ethik wie für die Soziologie keine andere Norm des Erstrebenswerten als die B e r e i ch e r n n g, B e r s ch ö n e r u u g,! Veredlung u n d V e r t i e f u n g d e s L e b e n s. Was diesem! Bestreben sich hemmend und störend entgegensetzt, ist Unnatur, j ist krank und pervers. j . Wenn unsere Rassen theoretiker die Erhaltung der i Rasse an Stelle der Gattung und die Blutbeschaffeuheit an j Stelle der menschlichen Qualitäten setzen, so ist das nicht der! Weg der Natur. Denn die Pfade der Natur führen zur Höhe, - zur Entwicklung, aller starken und schönen Triebe. Daher bedeutet! die Rassenlehre in ihrer letzten Konsequenz die Verneinung des! sozialen und des ethischen Fortschritts. Die zur Schau getragene j Kraftmeierei unserer Psendogermanen kann uns darüber nicht j hinwegtäuscken, daß ihre Bestrebungen keine Verstärkung, sondern! eine Verfälschung und Verschlechterung des Lebens bedeutet. | Eine Menschenanslese kann nicht nach den Prinzipien der Rasse, . sondern nur im Sinne der Entwicklungstheorie und nach den j Gesetzen des sozialen Lebens vor sich gehen. Das soziale Leben j zeigt überall die Tendenz, die Rassen zu durchkreuzen und die! Unterschiede der Abstammung zu verwischen. Kraftmeierei ist j keine Kraftentfaltung, sondern nur eine Vorspiegelung. Wer! wirklich reich ist, der braucht nicht mit Goldstücken in der Hoseni tasche zu klimpern. Die wirkliche Stärke bedarf keiner künstlichen j Mittel und keiner engen Geleise für ihre Entfaltung. Wenn! unsere Reaktionäre jede weiche Regung der menschlichen Seele ■ als ungesund bezeichnen und die Humanität in Gegensatz zur; Natur stellen, so ist das eine Verkennung und Entwürdigung ' der menschlichen Natur. Das soziale Gesellschaftsleben ist ebenso! natürlich, wie das individuelle, die Erhaltung der Gesamtheit,! ebenso notwendig, wie die Selbsterhaltung und schon Aristoteles! bezeichuete den Menschen im Gegensatz zum Tiere als gesellschaft-! liches Geschöpf. Im sozialen Leben aber kommen wir ohne gegenseitige Hilfe, ohne Mitleid und Erbarmen nicht aus, weil j sie allein die Möglichkeit besitzen, die soziale Ungleichheit wenigstens zu mildern. Mag die Sentimentalität manchmal auch übertreiben und dadurch vom eigentlichen Ziele etwas ablenken, die Humanität aber ist kein leeres Wort, sie ist in der Kulturmenschheit gar nicht zu entbehren, weil sie die Quelle aller sozialen Tugenden bildet. Es ist seit Nietzsche Mode geworden, über die Barmherzigkeit zu spotten und die Kraft als ein hohes Ideal zu betrachten. Diese Verhöhnung der edelsten menschlichen Triebe aber ist nicht nur ein törichtes, sondern auch ein frevelhaftes Spiel. Nein, nicht die Humanität, fondern im Gegenteil d i e G r a u s a m k e i t, das Preisen der b e st i a l i s ch en M a ch t i ft d a s M er kma l d es p er v er sen Lebens. Die Perversität äußert sich nicht immer in der Verweichlichung, gerade ihre schlimmsten Erscheinungeil sind mit tierischer Grausamkeit verbunden. Ueberhaupt ist jede Grausamkeit, wenn sie nicht im Dienste einer sozialen Notwendigkeit ausgeübt wird, die Aeußerung eines perversen Triebes. Es ist kein Zufall, daß die g r a u s a m st e n Juden Verfolger in Rußland, Rumänien und Galizien die perversesten Scheusale sind. Auch bei uns äußert sich der Judenhaß oft in einer so zynifchen Freude an der menschlichen Qual, daß man ihn auf die Perversität der Gefühle zurückführen muß. Wlr wissen keine andere Erklärung für die Tollwut, welche oft unsere antisemitischen Agitatoren ergreift, als die Entartung des Gefühlslebens. Oft erscheint das ganze Treiben als kein politischer Kampf, sondern als das Wüten einer blinden Leidenschaft, welche weder Ziel noch Maß kennt. In den Volksvertretungen und auf den Parteitagen kommen diese krankhaften Erscheinungen des Amisemilismus weniger zum Vorschein, weil hier die Leidenschaft durch parlamentarische Formen gedämpft wird und weil man hier bestrebt ist,, den politischen Schein zu wahren und daher dem Temperament Zügel anlegt. In der Presse aber, wo das eigentliche antisemitische Lebeil sich frei und ungeschminkt zeigt, kann man häufig den inneru Zusammenhang zwischen Judenhaß und perverser Anlage studieren. In der Art der Stellungnahme zu allen Tagesfragen und in der Form der Behandlung aller Lebeusprobleme zeigt sich sehr oft die perverse Natur des Judenhasses. Das Judentum ist der Sündenbock, um allen Haß auf sich zu laden und den Ausbruch aller Bestialität auf sich zu nehmen. Das scheint die Grundlage dieser krankhaften Vorstellung zu sein. Kann man durch irgendwelche künstliche Mittel die Juden in Zusammenhang mit irgend einem Uebel des öffentlichen Lebens bringen, dann geschieht es mit Womte. Ist das Judentum gänzlich unbeteiligt, dann wütet man darüber, daß es so siech ist, unschuldig sein zu wollen. Das klingt komisch, und doch kann man dies täglich in unserer antisemitischen Presse beobachten. Das ganze ist als System des Wahnsinns anzusehen. Die Liberalen haßt man als „Judenliberale," weil sie eben in ihrer Weltanschauung auch Gegner des Klaffen- und Rassenhasses sind. Die Sozialdemokraten bekämpft man als spezifisch jüdische Partei, weil unter ihren Führern auch Juden sich befinden, und noch mehr, weil das sozialdemokratische Programm für die ..brennende Jndenftage" keinen Raum hat. Die Engländer haßt man als „Halbjnden," weil sie keinen Antisemitismus' kennen, dagegen liebt man die Russen als die edelsten Vertreter des antisemitischen Ideals. Jede modertre Strömung in Kunst iiub Wissenschaft wird als jüdisch verhöhnt, jeder Barbarismus als germanisch gepriesen. Jeder, der jemals ein gutes Wort über Juden und Judentum geäußert hat. wird als Judenstämmling oder wenigstens als Jndenknecht verschrieen. Jeder Schriftsteller dritten Ranges aber, der das Judentum verflucht, wird zum Genie erhoben. Das sind keine gesunden Erscheinungen, das sind Merkmale perverser Gefühle. Denn diese Gefühle sind darauf gerichtet, das soziale Zusammenleben der Volksklassen zu erschweren und den gesunden Fortschritt zu hemmen. Wer diese Betrachtungen für übertrieben hält, der braucht nur die Artikel zum Prozeß M o l r k e - H a r d e n in der antisemitischen Presse zu lesen. Er wird sich dann überzeugen, wie wenig diese Art zu denken mit dem geittnden Sinn in Einklang zu bringen ist. Hätte dieser Prozeß die sittliche Entartung jüdischer Elemente ausgedeckt, dann wäre man natürlich mit Freuden darüber hergefallen, hätte lange Artikel über die „Verderbtheit der jüdischen Rasse" geschrieben und geschlossen, daß die Juden zum Schutze der deutschen Sittlichkeit aus deni Lande gejagt werden müssen. Nun sind aber die Bloßgestellten keine Juden, sondern Vertreter des höchsten Adels. Das ist doch ein Skandal, daß diese Juden es wagen, bei einer solchen Sache ' nicht beteiligt zu sein! Ja, wozu haben wir dann die Inden! überhaupt? Aber der Antisemitismus weiß sich zu helfen und

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