Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 45 (22.11.1907)
- Date
- 1907-11-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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seile 4. — Die Wahrheit Nr. 4b einem Dreimäuner-Kollegium -— bleiben die Kasch rnth-Augelegeuhriten, Ehescheidungen und ähnliches überlassen. Die übrigen sind Prediger. Sollten es wenigstens.sein. Wenn sie könnten. — In der Kuttusstube ist der Rabbi ein ungern gesehener Gast. Mau mag ihn nicht. Ganz natürlich. — Das Heer von Vermaliungsbeamten ist viel wichtiger, und viel nötiger. Denn die Aufgabe der Kultusgemeinde ist natürlich nicht Kultus, sondern Administration. Ergo sind „Religionsdiener" nur Diener, denn Religion brauchen wir nicht in unserem glücklichen Zeitalter der „lustigen Witwe" und des „Walzertraum". — Es ist schauderhaft und widerlich. Wozu um Himmelswillen der ganze große Apparat mit seinem gespreizten Getne, mit seiner possenhaften Nachahmung von „Regierung". Wenn dies alles im Dienste der tiefernsten Sache stünde, die ehrliche Weltnnd Geschichtsbetrachtung darin sieht, wenn in den weiten und engen Kreisen der Tonangebenden wirklich „Religion" die Triebfeder aller Bewegungen wäre, dann, ja dann müßte man glücklich sein, daß so viele Hände sich rühren. So aber fragen wir: Von all' den zahlreichen Beamten, die im Dienste des Kultus stehen, wie viele sind, a u ß e r d e r G e b n r t, jüdische Inden? Wie viele? Antwort w o!len wir. Von all' den M ä n n e rn, d i e m i t r a te n, wie viele sind e ch t e, g n te Juden? Antwortet! Was geht Euch der Kultus an? I st er n i ch t d e r M e h r z a h l „P l u n d e r"? Ja oder nein? Ueberträgt sich nicht diese frivole Auffassung der Religion und ihrer Aufgaben auch auf die im übertragenen Wirkungskreise verwalteten Gemeindeanstalten? Wie viele denn werden in echt jüdischem Geiste geführt? Oder: Wie viele von echten Juden gestiftete Wohltätigkeitsanstalten sind vom Geiste des Judentums geleitet und gelenkt? Wird nicht in manchen geradezu das ..Jüdische" vermieden und ausgeschlossen? Ist nicht dem größten Teile der Großgemeinde die Thora eine Antiquität; manchen eine kostbare, vielen eine wertlose; den meisten eine ungekannte; vielen eine anachronistische Absurdität. . Mit den Alles negierenden, überzeugnngslos faselnden Nichtsmenschen jedoch hat der Kultus nichts zu schaffen. Sie stehen jenseits von positiver Zucht und Erziehung. Sie sind politisch wie religiös ohne Halt nnd Stand. Mit Philosophastern hat mau noch nie etwas Rechtschaffenes fertig gebracht. Es gibt aber Tausende, viele Tausende, die wirklich gläubig s i n d, g n t e Juden sein möchten; nur nicht wissen, wie. Denen hilft es gar nichts, wenn die hohen Herren vom Rat akademische Fragen erörtern; sich etwa die Köpfe darüber zerbrechen, wie man dem Staats- und Religionsgesetzeeine Nase dreht, eine illegitime Ehe legitim zu machen; wenn sie mit ernster Miene über subtile Kultusfragen debattieren, bei denen alle kühl bleiben bis aüs Herz hinan. Den Tausenden, die das tiefe Sehnen nach irgend einer wahren und großen Aeußerung ihrer religiösen Empfindung e r f ü l l t, i st w a h r l i ch nicht mit doktrinären Verordnungen geholfen; auch nicht, wenn in langatmigen Debatten Scheingefechte um religiöse Begriffe und Güter aufgeführt werden, die für die Mehrzahl in Wirklichkeit gar nicht existieren. Es wäre wünschenswert, daß jenen tausenden Ernsten, Ehrlichen die geheiligten Formen und Inhalte unserer uralten U e b e r l i e f e r u n g e n Befriedlgungund Beruhigung schenken könnten. Sie haben sich aber allzuweit vom Wege entfernt, um zurückgeleitet werden zu können. Wo ist der Tell, der die verlorenen Lämmer vom Abgrund holt? D e n g e w i ß inWien e x i st i e r e n d e n T a u s e n d e n unserer Glaube nsbrüder, die Juden sein und bleiben wollen und die ihr positives Judentum nicht allein in Werken der Humanitäterblicken, die sie für Juden gründen und üben; diesen muß irgend eine Möglichkeit gegeben werden; ein modus vivendi. Freilich, maßgebend sind sie, selbst, wenn sie Hunderttausend wären, nicht. Der weitaus größere Teil der Juden in der Welt ist orthodox-, So unglaublich das klingt. Wir Juden Mitteleuropas leben in dem Größenwahn, als wenn wir „das Judentum" wären. Das ist aber grundfalsch. Abgesehen davon, daß das neologe Judentum Deutschlands nnd Oesterreichs sich nur die Führerschaft arrogiert, ohne sie wirklich zu verdienen oder zu besitzen. Die Wiener Judenführer zumal glauben seit Jellinek und und Sulzer die Patentjuden zu sein. Falsch, grundfalsch! Das Wiener Programm gilt n i r g-e n d w o i n d e r Welt. Es i st en d g i l t i g abgetan. Tempi passati. Man weiß in der ganzen jüdischen Welt, daß hier der Ernst, wie in der allgemeinen Politik, im Leben, so auch in der Leitung der Jndengemeinde fehlt. — Und doch geht durch die Reihen einer großen Schichte unserer Glaubensbrüder ein deutlicher Zug nach positiver Glanbensbetätigung. — Die Altgläubigen, deren es eine große Zahl gibt, kümmern sich um das offizielle Knltusleben nicht. Sie üben ihre Religion, wie ganz richtig, privatim ans nnd ändern keinen Strich an der Ueberlieferung der Väter. Gibt das der öffentlichen Vertretung das Recht, sich auf Gott zu verlassen und ruhig zuznsehen, wie der Tod, der moralische Tod, durch die Fenster steigt, und jährlich Hunderte hinstreckt? Ist es bei solcher Lage der Dinge, die dem zur Amtsuntätigkeit verurteilten Rabbiner keine rechte Gelegenheit zu kräftigem Eingriff gestatten, ein Wunder, wenn Herr Obermayer gegen alle Institutionen der Neuzeit losfährt nnd sein ganz besonderes Behagen daran finden kann, die Rabbiner an den Pranger zu stellen. — Nebenbei bemerkt. — Was er über den Mißbrauch von Kaddiscli und Maskir sehr gelehrt gesagt hat. ist wohl insofern richtig, als bei uns damit Kult getrieben wird, der ebenso oberflächlich wie nnjüdisch ist. Auf welchem Gebiete des öffentlichen Lebens ließe sich aber Aehnliches nicht auch Nachweisen? — Das sind Entwicklungen und Erscheinungen, die man nicht verhindern kann, vielleicht auch nicht soll. Die Anrempelungen aber hätte er sich ersparen können. Wahrscheinlich sind seine Hände unsagbar rein. Aber ratsam wäre es vielleicht doch gewesen, wenn Herr Obermayer genau nachgesehen hätte, ob nicht doch vor seiner Türe etwas Kehricht zu finden wäre. Es ist doch geradezu dumm, von den modernen Rabbinern der Großstadt, die einen großen Teil ihrer Zeit dem Predigen widmen müssen, zu verlangen, sie sollten Trauerreden und Trannngsansprachen umsonst halten. Das sind gar keine geistlichen Uebungeu, sondern Reden, die auf Wunsch gehalten werden; sie gehören nicht zum Rituale. Aber auch Herr Obermayer gehört zu den typischen Beispielen der Inden, die, weil sie selbst sich nicht klar-darüber-sind, wo der Todeskeim liegt, die Rabbiner für Alles verantwortlich machen. Auch aus seinen Worten ist klar, daß ihm der Respekt vor der Religion fehlt, sonst würde er nicht so pietätlos verfahren und ohne Nachsicht und Vorsicht über Alle und Alles herfallen. Wahr ist eines. Unseren Inden fehlt die Religion. Ohne sie hat das Judentum nichts aus der Welt zu suchen. Selbst dann nicht, wenn es sich ans seine Geschichte beruft und seine nationale Selbständigkeit mit Pathos betont. Eine Nation muß eine Knlturanfgabe haben. Die Knlturaufgabe des jüdischen Volkes war und ist aber nicht allein die Erhaltung seiner selbst als Nation, sondern die Erfüllung seiner Uranfgabe, den Glauben an den einzigen Gott festzuhalten und in ihm sittlich vollendet zu leben. Eine Kultus gemeinde nnd deren öffentliche Vertretung haben einzig und allein, diesem Gedanken zu dienen; mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzem Vermögen. . Perversität der Gefühle. Wenn uns auch für viele Vorgänge des psychischen Lebens die Erklärung noch fehlt, so wissen wir doch heute, daß die Erscheinungen der psychischen Welt von der physischen Beschaffenheit und von der vifca sexualis stark beeinflußt sind. Ja, auch das Reich des Geistes ist keine absolute Monarchie, auch es hängt sehr oft vom Sexualleben ab, denn die Empfindungen sind primär, die Vorstellungen sekundär. Wir wissen heute psycho-