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Die Wahrheit · 1907-11-22 · Heft 45 (22.11.1907) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 45 (22.11.1907)
Date
1907-11-22
Page
– (sequence 3)
Language
German
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tfii-boftiou ii. Sibiiuiiifii aiiüu : iVieu, II/, Rovaragassf 21. Trlmbuii Nr. t»rv Diuckrrrl j 15302. | Sul'evati4 Tie viermal gehaltene | Slonvareille-Zeiie 25 Heller. i nbouiicmciitfl« ii. ^liiei ttüii-jj bfträtjf iiiib m Wien gabibar i unb klaqdnr.! Unabhängige Heitschrift für jnöifche Interessen. Erscheint, jeden Kreitag. Motto : „Das Siegel (Lottes ist Wahrheit!41 Verngspqei» : («aiijiiibiiri . . . n > i - Huldjädria ff 7 Für EiiltiiSveuuite: >u„„,jäb!‘iii ... ff. ui Für Ausliinv: «»»nziavrig ...» 'llturr t> Nudel ober 16 ,?C3. |U\ 45. Wien. 22. November 1907. Inhalt: Unsere Gemeinde. — Perversität der Gefühle. — Luther über Juden und Jndenemanzipation. — Aus der Wiener Kultusgeineinde. — Rabbiner Dr. Philipp Bondy s. A. — Unsere jüdisch-deutsche Kurremschrisr. — Berschiedene Nachrichten. — Literatur. — Feuilleton: Versöhnte Feinde. — Altjüdische Musik. Unsere Gemeinde. U np ar t e i i s ch e B e tr a ch 1 un g en. VIII. Video meliora proboque deteriora sequor. Vorüber ist der Sommer; vorüber die Feste des herbstes. Die Saison der Gemeinde hat begonnen. Sie wurde nicht übel mit einem scharfen Trompetenstoß eingeleitet. Wir meinen nicht den Schofer. Denn der ist bekanntlich keine Trompete. Meinen vielmehr die trntzige Schrift eines sehr gelehrten und vielgereisten Herrn, der seine Meinung über „Modernes Judentum im Morgen- und Abendland" klipp und klar ausgesprochen hat. Wir müssen uns aber billig fragen: Wie kommt es, daß ein eigentlich seine Stehender das Bedürfnis fühlt, keck in das Wespennest zu stechen? Wie kommt es, daß die nicht gerade sanft angegriffenen Kreise bis nun nicht reagierten? Das Bedürfnis entspringt der tieftraurigen Lage des Judentums in der Gemeinde. Wer ein Körnlein Ehrlichkeit besitzt, muß sagen: von einem aufrichtig und rechtschaffen zernierten Judentume ist überall kaum eine Spur. Die Kultusmaschine wird hie und da zwar frisch geölt, die Räder und Riemen werden ausgewechselt, im Grunde genommen geschieht aber nichts. Alles ist tief durchdrungen von der Ueberzeugnng. daß der tote Punkt nicht überwunden ist. — Wieder haben die Rabbiner und Prediger „gesagt" die .Vorbeter „gesungen"; wieder waren am Neujahrs- und Versöhnungstage die Bethäuser gefüllt; wieder hat die Haskarah Tausende in die Synagogen geführt. Ist das ein Beweis für lebendige Kraft des Wiener Judentums? Nein! Wieder sind jetzt die Synagogen leer; wieder predigen die Rabbiner und singen die Kantoren vor leeren Bänken. Nur die beiden Hauptsynagogen der Stadtteile, in denen allein über hunderttausend Juden wohnen, sind vielleicht von mühseligen, beladenen und ortsfremden Gästen besucht. Nichts führt die Gemeindekinder in die Tempel des Herrn, nichts zieht sie hin. Sie haben keine Religion. Jst's denn wirklich wahr, was von den Wiener Juden gesagt wird? Sie hätten weder Vaterland noch Glauben. Ein schwerer, verhängnisvoller Vorwurf. Man behauptet das erste, weil zufällig Juden Wortführer der Sozialdemokraten und Anarchisten sind. Der Vorwurf ist erklärlich. Schwerlich aber ist der Patriotismus der Juden Wiens größer oder kleiner als der des Oesterreichers überhaupt. Dynastisches Gefühl und Patriotismus äußern sich hierzulande nicht so, wie etwa im Reiche. Aber Glauben! Haben die Juden Wiens wirklich noch einen Glauben? Haben sie Religion? Die Frage ist klar gestellt. Sie muß klar beantwortet werden. Ein Glauben ohne Gott ist ein Unsinn, oder eine heuchlerische Lüge. — Doch halt. — Haben die Christen Wiens denn wirklich Religion? — Wir wissen es nicht. — Aber sicher ist. daß es so scheint. Daß die führenden Kreise der Gesellschaft, der intelligenten sowohl wie der finanziellen, ihr Christentum offen und bei jeder Gelegenheit bekunden und betonen. Daß die höchsten Beamten des Staates in allen Aemtern des Reiches, die vornehmsten Gei st er der Universilätswelt, die hervorragendsten Männer und Frauen i n K u n stu n d L i t e r a t u rw e lt — daß alle als gute Christeu erscheinen wollen. Daß sie der Kirche und den geistlichen Vertretern einen unbegrenzten Respekt entgegenbringen, vom Kaiser angefangen bis zum Taglöhner; nicht etwa, weil diese Geistlichen diesen Respekt erzwingen oder unbedingt verdienen, sondern weil Kaiser wie Taglöhner die Notwendigkeit der Religion entweder suhlen oder anerkennen. Weil sie im positiven Dienste dieses Kultusfaktors stehen und nicht der Zersetzung und dem Nihilismus huldigen. Anders bei uns Juden. In unserer Gemeinde herrschen in den g u ts i tu i e rt en Bürgerkreisen s l a t t e r h a f t e r, morscher, sanier Arheismus; phrasenhafter, charakterloser Liberalismus von unten bis oben. — Vom Haupt bis zur Sohle. — Feigheit, greisenhafte Kraftlosigkeit, Ueberzeugungsschwäche. Die sogenannten innerlich Freien sind Sklaven des Egoismus; die Toleranten m a r kl o s e Paktierer mit jeder A u g e n b l i ck s st r ö m n n g, ohne L e b e n s p r o g r a m m, ohne Rückgrat. Windiges Kosmopolitentum, vereint mit falschem, aufgeblasenem Universalismus, werden für bare Münze ausgegeben. Dahinter aber steckt gähnende Leere Die intelligenten und wohlhabenden Juden v e r st e ck e n oder verleugnen ihr I u d e n t u m. Ganz im Gegensätze zu den Christen. Nichts ändert daran die sonst erfreuliche Tatsache, daß wohlhabende und intelligente Juden sich in einem Bruderbünde zur Uebung philanthropischer Werke für arme Juden vereinigt haben. Auch sie wollen um keinen Preis als religiöse oder gar nationale Juden gelten. Sie sind es auch nicht. Sie bannen jede religöse Regung aus ihrem Kreise. Eine der merkwürdigsten Erscheinungen in unserer Gemeinde ist es überhaupt, daß die Kultussache gar nicht durch die Rabbiner vertreten ist. Ihnen — und zwar

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