Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 44 (15.11.1907)
- Date
- 1907-11-15
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8. Die Wahrheit Nr. 44. scheußlich kanaanitischen Lastern, wenn der jüdische Einfluß in den oberen Schichten nur einige Jahrzehnte gewirkt hat. Auch dort sündigt man nicht ungestraft an dem Rassengeist des Volkes und deshalb empfinden wir eine Art schmerzlicher Genugtuung, wenn ein persönlich Unschuldiger, noch dazu der Träger eines große» deutschen Namens, öffentlich vor Gericht von Juden nioralisch zerrissen wird. Hoffentlich steckt noch so viel gesundes Elltpfinden in der dem Hofe nahestehenden Gesellschaft, — die insgesamt die Folgen dieses Skandalprozeffes zu tragen hat — daß sie innerlich und äußerlich von de m Juden tum a b r ü ck t. In der Person des Generals v. Moltke, eines bisherigen persönlichen Freundes des Kaisers, trafen die jüdischen L ä st e r z u n g e n die ganze obere Schicht; auf diese fällt es zurück, wenn der eine Vertreter sich vor Gericht als ehrloser Lügner und perverser Schurke behandeln lassen muß. Das germanische Ehrgefühl in den unverdorbenen Vertretern aus diesen Kreisen sollte entschieden Front machen gegen den unheilvolle »jüdischen Einfluß, der heute wie früher durch orientalische Scheußlichkeiten und La st er alle vergiftet, die mit ihm in Berührung kommen. Der gesund empfindende Teil unseres Volkes schaut mit spöttischen Blicken aus die Affenliebe, die gewiffe Kreise für das jüdische Wesen zur Schau tragen und denkt bei sich: Na, wartet nur, Ihr werdet noch einmal auf Händen und Füßen zur Erkenntnis hinaufkriechen müssen." In der „Deutschen Hochwacht", die die „Hebräische Blutbeimischung' für die Entartung des Adels wenigstens teilweise verantwortlich macht, heißt es u. a.: „Abzug vom Laude, Zusammenballung in den Großstädten, kurzum alles, wasJuda planmäßig fördert und mit seinem „Freiheits"-- stempel versieht — alles das bildet die Grundlage für diese schreckliche Entartung des Deutschtums. Asien in Deutschland — das ist auch hier wieder des Pudels Kern. Und deutsche Träumer und Phantasten lassen sich schieben, eine derartige Entwicklung zu fördern. Es ist ganz wie im Römerreiche, kurz ehe es zusammenbrach. Wann wird der Retter kommen diesem Laude?" Welch eine Geistesverwirrung! Welch leichtfertige Behauptungen und Jeremiaden. Die Keckheit, diesen Prozeß gegen die Juden zu verwerten, überschreitet alle Grenzen und ist doch so überaus bezeichnend für die Antisemiten. So können auch diejenigen, die von der antisemitischen Praxis noch nichts wissen oder die glimpflich über sie urteilen, hier au einem geradezu klassischen Schulbeispiel diese kennen lernen. Man wirft den Juden Fehler und Laster vor, die andere haben; sind Personen, die zufällig jüdischer Abstamnumg sind, an einer den Antisemiten unangenehmen Sache beteiligt, dann sind nicht diese einzelnen, sondern die Juden insgesamt die Uebeltäter. Das Gute, das geschieht, wird nicht den Inden gutgeschrieben, wohl aber das viel geringere Unangenehme in grotesker Uebertreibung ihnen zur Last gelegt. Das eingebildete Gespenst der „Judenpresse" muß immer wieder als Schreckmittel dienen, obgleich es oft genug als nur in der Einbildung bestehend nachgewiesen worden ist. Die Memoiren des Weste» Urnstow. (Fortsetzung.) Bon den Militärbehörden in Kischinew entwirft Urussow ein Bild, das die Möglichkeit eines Pogroms in dieser Stadt, in der zur Wiederherstellung der Ordnung zwei Jnfanterieregimenter, eine Artilleriebrigade und ein Kavallerieregiment zur Verfügung standen, leicht begreifen läßt. An sich reichen schon die geltenden Bestimmungen vollständig aus, um eine Intervention des Militärs ziemlich illusorisch zu machen. Nach diesen muß der Gouverneur jedesmal, wenn er die Hilfe von Soldaten für nötig hält, ein Gesuch an die Militärbehörde einreichen, in dem er den Zweck der Forderung erklärt und die Stelle, wo die Truppen erscheinen sollen, und die Zahl der erforderlichen Mannschaften angibt. Dann leitet der Vertreter der Zivilbehörde weiter die Maßnahmen der Militärbehörde; er stellt die Aufgaben, die gelöst werden müssen, weist an, wer zu verhaften ist, und erst nach seinem Vorschlag, mit der Waffe einzugreifen, geht der Oberbefehl über die Truppen an den Kommandanten der Militärabteilung über. Urussow schreibt: „So stand es auch in Kischinew im Jahre 1903. Während der Zeit von zwei bis halb vier Uhr nachmittags hätte eine Kompagnie unter dem Kommando eines erfahrenen Befehlshabers den Brand des Pogroms am Tschuftlinskijplatze lokalisieren, dämpfen und ersticken können. Statt dessen benahm sich die ganze Kischiniwer Garnison, die später erschienen war und die halbe Stadt erfüllte, zwei Tage lang derart, daß durch ihre Untätigkeit die Legende von einem durch den Zaren erlaubten dreitägigen Plündern gerechtfertigt wurde, bis endlich Generali B. sich entschloß, die Stadt und die Ehre des Militärs zu! retten. Nachdem er Befehl gegeben hatte, Verhaftungen vorzu-I nehmen, hörte der Pogrom im Verlauf von zwei Stunden aus." I Welches Schicksal aber die Juden von Kischinew erwartet! hätte, wenn in jenen Tagen General S. den garnisonältesten I General B. vertreten hätte, wie das häufig der Fall war, mag! aus folgendem ersehen werden. General S. nahm au einer Be! ratung über die Vorbeugung eines neuen, allgemein zu erwartenden Pogroms statt; beim Abschied sagte er zu Urussow: ..Was machen Sie sich so viele-Sorgen, Fürst, -verlassen Sie sich nur ans uns — wir werden die Juden schon gründlich zwiebeln." Und auch die Stimmung der jüngeren Offiziere gegen die Juden konnte keine Hoffnung erwecken, daß sie beim Ausbruch antisemitischer Unruhen tatkräftige Unterstützung leisten würden. Leutnant K. pflegte alle Morgen vor einem riesigen Muttergottesbild, das sich in seinem zur Kapelle' verwandelten Zimmer befand, eine Andacht abzuhalten und dann auf die ..Judenjagd" zu gehen. Traf er einen Inden vor dem Tor, wo diesem der Ankauf von Getreide verboten war, so stürzte er auf ihn mit dem Säbel los und „befreite" den überraschten Bauern von dem ungesetzlichen Känfer; und kam der Ritter einmal zu spät, so drang er in das Haus des betreffenden Juden und zwang ihn mit Waffengewalt, die gekaufte Ware wieder herauszugeben. Und von den Mannschaften sagte der Fürst: „Heber die Soldaten der Kischinewer Garnison habe ich fast nichts zu erzählen, als daß bei der Rückkehr der Truppen aus dem Lager in die Stadt Diebstähle, Straßenschlägereien und aberlei Unfug in den Nachtkneipen merklich zunahmen." Den Ursachen und der unmittelbaren Veranlassung des Pogroms vom April 1903 widmet Urussow ein langes Kapitel. Wie der Pogrom eigentlich entstand, ist bekanntlich noch nicht endgiltig klargelegt morden; auch die Gerichtsverhandlung, über die der Gouverneur manches Erbauliche zu berichten weiß, hat darüber nichts festgestellt; einerseits wollten die Inden mehr beweisen, als wirklich geschehen war, gerieten in furchtbare Aufregung und machten sich in ihren Zeugenaussagen mancher Uebertreibung schuldig. Andererseits erklärten sowohl der Vorsitzende als die übrigen Richter Urussow ganz aufrichtig, daß es ihnen schwer würde, Prozesse mit Juden ohne Voreingenommenheit zu detrachteu; und so fügten sie denn auch der Motivierung des Urteils die denkwürdigen Worte hinzu: „Obgleich die Zeugen das und das ausgesagt haben .. ., kann doch das Gericht. da es Juden sind, ihren Darlegungen nicht eine Bedeutung beimessen, die den Zeugen der Gegenpartei, Iwan Jwanoff, widerlegt." (Fortsetzung folgt.) Verschiedene Nachrichten. Wien. Freitag, den 15. November 1907, abends, Predigt im Stadttemvel. Wien. (Konzert.) Eine Reihe trefflicher Darbietungen wurde den Besucher» der Toynbee-Halle in dem Samstag, den 9. d. M. von der Gesangsmeisterin Frau Else Freund-Funk arrangierten Konzerte geboten. Der Violinvirtuose Herr Buchbinder, die Sängerinnen Frl. Frankl, Frl. G ü n s b u r g, Frl. Helmer und Frl. Stein, nicht minder Herr Kapellmeister G ü n s b u r g (Akkompagnement) absolvierten ein geschmackvoll gewähltes Programm, aus welchem besonders erwähnt zu werden verdient: Das Finale aus der „Zauberflöte" und ein Duett aus „Die lustigen Weiber von Windsor". Reicher Beifall lohnte die Mitwirkenden wie die Arrangeurin. Wien. (Vorlesungen im Wiener Bet h a - M i d r a s ch II., Ferdinandsstraße 23, im Wintersemester 1907—1908). Sonntag von 6—7 Uhr abends. Herr Lector Friedmann: Die Könige und die zeitgenössischen Propheten. Montag von 6—7 Uhr abends. Herr Rabb. Dr. S. Rubin: Talmud Sabbath. D i e n st a g von 6—7 Uhr abends. Herr Lektor F r i e d m a n n : Midrasch (Schmoth Raba), von 7—8 Uhr abends. Herr Rabbiner Dr. S. Rubin: Die Sprüche Salomos. Mittwoch von 6—7 Uhr abends. Herr Gemeinde-Rabbiner Dr. G e l b h a u s : Die Psalmen, für Lehramts-Kandidaten für Volks- und Mittelschulen, von 7—8 Uhr abends. Herr Rabbiner Dr. K a m i n k a : Religions-Philosophie, Maimonides More Nebuchim (Teil II). Donnerstag von 6—7 Uhr abends. Herr Rabbiner Dr. Ka mink a: Traktat Sanhedrin, wissenschaftlich erläutert, von 7—8 Uhr abends. Herr Gemeinde-Rabbiner Dr. S. Gelbhaus: Die Psalmen, für Lehramts-Kandidaten für Volks- und Mittelschulen. S a m st a g von 11—12 Uhr vormittags. Herr Lektor Friedmann: Die laufende Parascha. Vorträge des Herrn Rabbiners Dr. Rubin für Gymnasialschüler: Samstag von 1/2o—1l27 Uhr nach-