Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 44 (15.11.1907)
- Date
- 1907-11-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3063367-3063411--05138-3072037- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 44. Die Wahrheil Seile 7. Leben zn schauen und zu hören. Ob etliche halsstarrig sind, was liegt daran, sind wir doch nicht auch alle gute Christen." — Luther verlangt also die Judenemanzipation nur vom ch r i stlichen Standpunkte aus. nicht, wie sie den Juden drei Jahrhunderte später in diesem Umfange zuteil geworden, vom Standpunkte der allgemeinen Menschenrechte. Immerhin gebührt Luther das Verdienst, zum erstenmale die Forderung einer vollen Emanzipation ausgesprochen zn haben, hatte er doch Worte der Humanität und der Toleranz angeschlagen, die, wie Grätz (Gesch. d. Juden Bd, IX p. 222) sagt, die Juden seit einem Jahrtausend nicht gehört halten, und in denen man Reuchlin's milde Verwendung für das Judentum nicht verkennen kann. Was Luther mit seiner jildellsrenndlichen Schrift „daß Christus ein geborener Jude sei" gewirkt hat, ist unbekannt. Aus dem Umstande jedoch, daß sie siebenmal nach ihrem Erscheinen gedruckt worden ist, ist der Schluß naheliegend, daß er mit der Judenmission keine eigentlichen Erfolge erzielte, zumal in der Zeit der humanistischen Bewegung und zu Beginne der Reformation das Menschliche einen solch' mächtigen Einfluß gewann, daß die Anforderungen des Kirchlichen zum Schweigen gebracht wurden. _ Der Mollke-Harden-Proretz. Ein jüdisches Blatt in Deutschland, das jüngst ans die Aenßerungen der „Krenzzeitung" über den genannten Prozeß reflektierte, warf eingangs seiner Erwiderungen die vollkommen berechtigte Frage auf: „Was hat der Prozeß Moltke-Harden in einem jüdischen Blatte zu tun?" In gleicher Weise dürste vielleicht auch mancher unserer Leser beim Anblick der Ueberschrist dieses Artikels diese Frage wiederholen, aber die Haltung der antisemitischen Presse zwingt einen geradezu, auf diesen Prozeß, der doch so gar nichts mit dem Judentum zn tun hat. zurückzukommen. Denn diese Haltung ist so charakteristisch, so unglaublich perfide, so echt antisemitisch, daß es unverzeihlich wäre, wenn wir uns die Festnagelnng entgehen ließen. Mit wenigen Ausnahmen schreiben die antisemitischen Blätter so, daß ihre Leser glauben müssen, die eigentlichen Uebeltäter seien nicht etwa die vom Kaiser gemaßregelten Offiziere und Hofleute, nicht die in dem Prozeß bloßgestellten Männer, sondern die Juden, ja als handelte es sich bei der ganzen Angelegenheit um eine Art Verschwörung der Inden zur Vernichtung des guten Rufes der deutschen Nation. Die antisemitische Presse lut so. als handle es sich bei den sittlichen Verfehlungen, die in dem Prozesse eine so große Rolle spielen, um ein spezifisch jüdisches Laster. Aber selbst die antisemitischen Artikelschreiber müßten doch so viel wissen, daß Griechen und Römer das in Rede stehende Laster gekannt und daß ihm nicht einmal heimlich bei ihnen gesröhnt wurde. Umgekehrt ist dasselbe Laster bei den Inden schon ein Jahrtausend früher mit dem Tode bestraft worden. Wie man unter solchen Umständen von einem orientalischen, deutlicher noch von einem kanaanitischen Laster sprechen kann, ist nur bei vollständig unwissenden oder verleumderischen Leuten verständlich. „Es handelt sich — so schreibt die „Deutsche Hochwacht" — „um die Freigabe orientalischer Sitten in Deutschland und damit in germanischen Ländern — ein Ziel, woraus ja nach den Beobachtungen der neueren Zeit die ganze Hebräerschar planmäßig hinarbeitet." Nach den Ergebnissen des unseligen Prozesses könnte man mit weit mehr Recht glauben, daß ganz andere Kreise ein Interesse daran haben, die angeblich jüdischen Sitten in Deutschland einzusühren. „Man hat," schreibt ehrlich der konservativ-orthodoxe „Reichsbote", „den Eindruck, als ob die Perversität, die hier ihr Wesen treibt, typisch ist für eine gewisse übersättigte und depravierte Schicht besonders exklusiver Kreise. Harden hat in seinem Schlußplaidoyer ganze Kavallerieregimenter als dtlrch dieses Laster verseucht bezeichnet. Das entspricht der in Berlin in weitesten Kreisen herrschenden Ueberzeugüng." Die sonst doch auch fromme „Krenzzeitung" hat kein Wort des Tadels für die hocharistokratischen Sünder, dagegen registriert sie eine angeblich bestehende ungeheure Entrüstung über „den jüdischen Denunzianten und seinen jüdischen Verteidiger". Auch dem Prozeßleiter erteilt die „Krenzzeitung" eine Rüge, und nur den hochgeborenen Lüstlingen wagt sie nicht einen Vorwurf zn machen. Sieläßt wie „den König absolut", so lange er ihren Willen tut. so auch die Religion und Sitte nur so lange gelten, als sie in ihren und ihrer aristokratischen Leser Kram passen. Wie in aller Welt man dazu gekommen ist, den Prozeß Harden überhaupt mit den Juden in Verbindung zu bringen? Nur Antisemiten konnten das fertig bekommen. „Angeklagter- Jude, Verteidiger-Jude, Sachverständiger - Jude," ruft die ..Derltsche Hochwacht" ans. Gewiß ist Harden jüdischer Abkunft. Aber die antisemitischen Blätter vergessen, daß sie bisher mit Vorliebe Harden, den vom Judenmme Abgesallenen, als Kronzeugen zitierten, wenn er nach Renegatenart etwas an seinen früheren Glaubensgenossen und seiner Stammesgenossenschast anszusetzen hatte. Da dachten sie nicht daran, daß Harden gegen alles polemisierte, daß er. wie sie jetzt behaupten, überhaupt keine Ueberzeugnng hatte. Sie beriefen sich eben aus ihn. Jetzt, da er etwas getan hat, was ihnen nicht paßt, ist er der Jude, vertritt er das Judentum, kämpft er mit jüdischen Waffen. Gerade die „Judenpresse" hat niemals mit Harden sympathisiert und tut es auch heule nicht. Es zeugt deshalb von einer maßlosen Verlogenheit, wenn die „Tag!. Rundschau", das Organ des Salonantisemitismns, schreibt von „jenen meist nicht arischen Elementen, die im Verein mit dem Moabiier Janhagel Harden als Triumphator unö Reiter des Vaterlandes feiern". Gras Kuno Moltke selbst ist nicht der Ansicht, daß die „Judenpresse" sich ganz besonders für Harden ins Zeug gelegt hat, was er doch ausdrücklich gegenüber einem Mitarbeiter des „Berliner Börsencourier" dankend anerkannte. Harden hat bei seinem Vorgehen genau so wenig an die Juden wie an die Bewohner des Mars gedacht. Er hat, als er den Dr. Bernstein sich znm Verteidiger wählte, genau so an dessen jüdische Zugehörigkeit gedacht, wie Dr. Dietz, der Verteidiger Haus, an Bernsteins Judentum gedacht hat, als er ihn jetzt zu seinem Verteidiger gewählt hat. Beide wählten ihn, vielleicht weil sie ihn persönlich kennen, und jedenfalls weil sie Zutrauen haben zu seinen juristischen Kenntnissen und zu seiner advokatorischen Geschicklichkeit. Was den Sachverständigen betrifft. so vergißt man ganz, daß der andere Sachverständige, Dr. Merzbach, der den entgegengesetzten Standpunkt eingenommen hat, gleich dem Dr. Magnus Hirfchfeld Semit ist. Die in Patriotismus machende antisemitische Presse jammert über den durch den Prozeß hervorgerufenen dem Deutschtum angeblich abträglichen Eindruck im Auslande. Aber den Prozeß hat doch, wie schon gesagt, nicht Harden angestrengt, sondern Gras v. Moltke. und daß die Oeffentlichkeit nicht ausgeschlossen wurde, hat doch auch nicht der frühere Jude Harden, sondern der arische Richter verschuldet. Nun ist aber gar nicht wahr, daß, von sehr vereinzelten deutschfeindlichen Ausnahmen abgesehen, der Prozeß dem deutschen Ansehen im Auslände geschadet hat. Man könnte eher das Gegenteil behaupten. Es ist in englischen und selbst in französischen Blättern anläßlich dieses Prozesses und auf Grund desselben dem deutschen Volke, dem deutschen Kaiser und dem deutschen Kronprinzen sogar ein glänzendes moralisches Gesundheitszeugnis sozusagen ausgestellt worden, worden, und der Pariser Korrespondent des „Reichsbolen" bezeugt dies ausdrücklich. Nach dem Gesagten wird man die folgenden Auslassungen antisemitischer Blätter einzuschützen wissen. Schreiben doch die „Deutschsoz. Blätter", nachdem sie u. a. behauptet. Moltke habe talmudischen Advokatenkniffen wehrlos gegeuübergestanden: „Selten hat ein Prozeß einen solchen Schmutz aufgewirbelt, selten auch ein solches Streiflicht auf die eigenartige Veranlagung des Judentums geworfen, wie dieser. Wohl wissen wir. daß auch in den oberen Schichten unseres Volkes unnatürlichen Lastern gehuldigt wird, aber es sind doch immerhin nur einzelne Personen, genau wie unten im Volke auch nicht alle verkommen und schlecht sind. Inwieweit der j ü d ische Geldadel zum Verfall der Sitten beiträgt und der sybaritische Luxus emporgekommener Millionäre aus demGhett'o einen Teil des deutschen Volkes zermürbt, oben so gut wie unten, das wird von Tag zu Tag deutlicher werden. Der Geist des Mammonismus frißt die zuerst, die ihn anbeten. Was wir in diesem Schmutzprozeß erblickten, ist nur ein Vorspiel, es wird noch ganz anders kommen nnt den