Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 44 (15.11.1907)
- Date
- 1907-11-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Die Wahrheit Nr. 44. Erlernung der zweiten Landessprache einige Jahre außer Hand geben zu können und der Jude hat auch gar kein nationales Interesse daran, die eine oder andere Sprache grundsätzlich abznlehnen. Ganz abgesehen also von allen anderen Gründen ist es einfach eine Existenzfrage, ob die Schule für den Juden dem Kampf der beiden sich streitenden Nationen entzogen werde. Und dann, meine Herren, bedenken Sie. Folgendes: Der jüdische Lehxer wird in wenig Jahren zu einer ausgestorbenen Spezies gehören, nicht nur, weil er keine Anstellung bekommt und so eventuell verhungert, sondern hauptsächlich auch deswegen, weil man ihn schon von vornherein nicht, wie dies etwa in Prag der Fall ist, in der Lehrerbildungsanstalt zuläßt. In der fremden Schule dem fremden Lehrer ausgeliefert, wird das Kind nicht nur seinem Volkstume gänzlich entfremdet, sondern es muß uns geradezu wie ein Wunder anmuten, daß wir Juden — wohl können wir mit Stolz sagen — im letzten Jahrzehnt hauptsächlich unter dem Einfluß der jung-jüdischen Bewegung dieser Gefahr entronnen sind. Es gibt nur einen Weg, ein Volk zu vernichten und auszurotten und der ist, ihm seine Jugend zu rauben. Und darum führen auch zum Beispiel die Ruthenen einen solchen verzweifelten Kampf um ihre nationale Schule. Nur an einigen prägnanten Beispielen habe ich Ihnen zu zeigen versucht, daß die nationale Autonomie nicht nur keine Gefahren birgt, sondern ebenso wie für alle anderen Völker so auch für uns Juden die einzige Möglichkeit einer gedeihlichen Entwicklung bretet. So bietet aber auch, und das ist einer der gewaltigsten Vorteile, die Sicherheit des Zusammenschlusses, der Nalliierung und diese wird sich ohne jeden Zwang vollziehen. In dem Moment, wo sie beginnt, wird es auch einem jeden Juden klar werden, wie lächerlich es wirkt und zugleich wie haßerregend, wenn er, sagen wir in einer Stadt mit deutscher und tschechischer Bevölkerung sich nicht als das bekennt, was er wirklich ist, nämlich als Jude, sondern wenn er durch sein Auftreten als Deutscher oder Tscheche sich offiziell in eine Kampfposition drängt. Dieses offene Bekenntnis ist weit davon entfernt, das Aufgeben irgend einer Kultur in sich zu schließen, ich meine, es muß den Blick über den Kulturkreis hinaus erweitern. Der Jude etwa, der in der tschechischen Kultur ausgewachsen ist, wird im selben Moment, da diese Kultur für ihn aufhört, Kampfobjekt zu sein, auch sofort befähigt, die Größe einer anderen Kultur zu ermessen und sie sich anzueignen, also etwa der deutschen, von der jüdischen ganz abgesehen und ebenso wird es dem . Juden der deutschen Kultur gegenüber der tschechischen gehen. Was ich Ihnen hier vorgebracht habe, meine Herren, sind keine Phantasien eines Idealisten. Wenn nicht alle Anzeichen trügen, gehen nur in Oesterreich tiefgreifenden Umwälzungen entgegen. Das allgemeine Wahlrecht hat das von seinen Schöpfern erhoffte Resultat gehabt, daß tatsächlich die Völker sich einander nähern. Mit dem Nationalitätenkampf im reinen Klasseninteresse ist es endgültig vorbei und wer Gelegenheit hatte, bei der Ausgleichsdebatie das Zwiegespräch zwischen Dr. Kramar und Dr. Sommer zu hören, dem muß die Erkenntnis aufgegangen sein, daß die Völker sich verständigen wollen, weil es ihre wirtschaftlichen, materiellen und nationalen Interessen so verlangen. Und da ist es nun unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, daß bei dieser großen Auseinandersetzung auch bei uns die große Zeit ein großes Geschlecht finde. (Lebhafter Beifall.) Archer über Inden nnd Indenrnmnsipatinn. Von Dr. Josef Hoff, Rabbiner in Bisen z. Ein beschämendes und zugleich trauriges Gefühl beschleicht uns, wenn wir sehen, daß im 20. Jahrhundert, wo Humanität und ethische Kultur förmlich Modesache geworden, die Wogen des Antisemitismus hochtreiben und Leute, die die politische Ausdrucksweise mit dem Namen „Christlichsoziale" bezeichnet, den Juden jede Gleich-, ja man möchte sagen, jede Existenzberechtigung absprechen. Mit einer Begeisterung und Hingebung, die einer besseren Sache würdig wären, sucht der sogenannte „wissenschaftliche Antisemitismus" au der Hand der Geschichte nachzuweiseu, daß der Jude gleichbedeutend sei mit Unglück für dasjenige Land, wo er zum Schaden der Bewohner sich niedergelassen. Judenfeindliche Geschichtsschreiber werden herangezogen und durch absichtlich fasch zitierte Belegstellen die öffentliche Meinung gegen den jüdischen Stamm haranguiert. Wohl am häufigsten mußten Luthers Schriften herhalten, um das Vorurteil gegen Juden und Judentum wachzuhalten. In Wahrheit jedoch war „der große Reformator" bis an sein Ende von mildem Wohlwollen gegen die Juden erfüllt. Die Reformation hatte wenigstens so viel bewirkt, daß der Kampf derselben mit dem Katholizismus den tätigen Haß gegen den jüdischen Stamm immer mehr und mehr in den Hintergrund drängte und die Juden, wenn auch nicht von lokalen, so doch von den bisher üblichen allgemeinen, blutigen Verfolgungen des Mittelalters befreite. Das Vorurteil gegen die Juden blieb jedoch bestehen, ja es war damals so allgemein, daß selbst der sonst offenherzige Luther seine Meinung über sie oft änderte, was wohl von seiner Unkenntnis mit dem inneren Wesen nnd dem Geiste der jüdischen Religion herrühren mochte. Doch schon in seiner Schrift, „daß Christus ein geborener Jude sei, und wie mit den Juden sie zu bekehren zu handeln sei" (erschienen 1523), in der er sich zum erstenmale über die Juden äußert, weist er mit einer Humanität und Menschenfreundlichkeit, die bisher fast ohne Gleichen war, alle gegen das Judentum erhobene Anklagen als falsch zurück. „Wenn wir uns gleich hoch rühmen", ruft er wörtlich aus „so sind wir dennoch Heiden und die Juden von dem Geblüte Christi; wir sind Schwäger und Fremdlinge, sie sind Blutsfreunde, Vettern und Brüder unseres Herrn. Darum, wenn man sich des Blutes und des Fleisches rühmen sollte, so gehören ja die Juden Christi näher zu, denn wir, wie auch St. Paulus (Röm. 9) sagt. . . . Wenn die Apostel, die auch Juden waren, also hätten mit uns gehandelt, wie wir Heiden mit den Juden, es wären n i e Christen aus den Heiden geworden. Haben sie mit uns Heiden brüderlich gehandelt, so sollten wir wiederum brüderlich mit den Juden handeln. Darum wäre meine Bitte und mein Rat, daß man säuberlich mit ihnen umgienge; aber nun wir sie mit Gewalt treiben und gehen mit Lügenteidungen um, geben ihn Schuld, sie müßten Christen-Blut haben, nnd was des Narren wertes mehr ist, daß man sie gleich Hunden hält, was sollten wir Gutes von Ihnen schaffen?" Im Jahre 1537 schreibt Luther an einen Juden, der ihn um eine Gefälligkeit gebeten. „Um des gekreuzigten Juden willen, den mir Niemand nehmen soll, wollte ich euch Juden allen gerne das Beste thun, ausgenommen, daß ihr meine G n n st nicht zu eurer Verstockung gebrauchen sollt." Und bis zu seinem Ende ist seine Milde und sein Wohlwollen gegen die Juden nicht erkaltet. Kurz vor seinem Tode predigt er — in den Monaten Januar und Februar des Jahres 1546 — viermal in Eisleben und fügte der letzten Predigt über Mat. 11, 25—30 eine „Verwarnung wider die Juden" bei und in dieser Verwarnung sagt er: „Wir wollen christlich mit ihnen handeln und bieten ihnen erstlich den christlichen Glauben an. Wir wollen die! christliche Liebe an ihnen üben und für sie bitten, daß sie sich bekehren, den Herrn annehmen, den sie vor uns billig ehren sollen." Freilich davon ist Luther fern, auch dem gläubigen Juden einen Vorzug vor dem gläubigen Heiden einzuräumen. Da hört Fleisch und Blut auf zu gelten. Wenn er aber dennoch in obgenannter Schrift „daß Christus ein geborener Jude sei" erinnert, welche Ehre Gott den Juden, und daß sie Blutsverwandte des Stifters der christlichen Kirche seien, so kann er keinen anderen Zweck dabei haben, als sie zu bekehren. Aber weil er auch weiß, daß Beweise bei ihnen nicht verfangen, so verlangt er als das rechte Beförderungsmittel der Judenbekehrung die Emanzipation der Juden, „daß man ihnen verbeut, unter uns zu arbeiten, handthieren und andere menschliche Gemeinschaft zu haben, damit man sie zu wuchern treibt, wie sollte sie das bessern? Darum muß man sie freundlich annehmen, mit laßen werben und arbeiten, damit sie Ursach und Raum gewinnen, bei uns und um uns zu sein, unser christlich