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Die Wahrheit · 1907-11-15 · Heft 44 (15.11.1907) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 44 (15.11.1907)
Date
1907-11-15
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 44. Die Wahrheit Leite 5. fremden Nationalitätsgefühl bedingungslos in den Dienst der deutschen, tschechischen, magyarischen Sache und wundert sich dann, wenn er nach geleisteteten Diensten den obligaten Fußtritt bekommt. Variierend. könnte man sagen: ..Der Jnd hat seine Schuldigkeit getan, der Jnd kann gehen". Nichts liegt mir ferner, als einer jüdischen Postulaten-Politik den einzelnen Nationen gegenüber das Wort reden zu wollen, aber man höre doch endlich auf, mit falscher Sentimentalität zu flunkern und dann die Konsequenzen als unabänderliche Tatsachen auszugeben, während sie doch sofort verschwinden, wenn man nur ihre Prämissen wegschafft. Mit anderen Worten: wenn der Jude aufhört, alles andere eher sein zu wollen, als eben Jude. Und darin sehe ich das große Glück unserer jnngjüdischen Bewegung: Es ist ein Besinnen auf sich selbst, ein Wiederfinden, das eine wirkliche Renaissance darslellt. Wir sind keine weltfremden Träumer, die nur in der Vergangenheit leben, sondern aus unserer großen Vergangenheit schöpfen wir die Zuversicht auf eine schöne Gegenwart, ans eine große Zukunft. Doch — wird man mir einwenden — ist wirklich das sich als Jude Fühlen die große Zauberformel, die alle Leiden heilt, ist dies die Panacse, die Wunder wirkt? Und darauf sage ich: Nein. Man muß sich nicht nur als Jude fühlen, sondern sich auch als Jude betätigen und der einzige Weg, auf dem dies voll und ganz möglich ist, ist die nationale A u t o n o m i e, die wir anstreben müssen, die wir vor allem vorbereiten müssen, damit wir gerüstet seien, sie zu empfangen, wie einst am Freitag Nachmittag der Jude sich rüstete, den Sabbath zu empfangen, die holde Braut. „Komm, Geliebter, komm entgegen, Deiner harrt schon die Braut, die Dir entschleiert ihr verschämtes Angesicht." Für uns muß immer Freitag Rachmittag sein, um ihn zu empfangen, den Ruhetag der Nationen aller, die bisher entrechtet waren, die verlangen, als Mensch mit menschlicher Gebärde weiterzuleben, d i e n a ti o n a l e Autonomie. Und als wir mit unseren Forderungen kamen, als wir nicht nur von den uns umgebenden Völkern und der Regierung, sondern auch von unseren eigenen Volksgenossen das Selbstverständliche verlangten, von ersteren die volle Gleichberechtigung als Menschen und Staatsbürger, von letzteren das jüdische Gefühl, d. h. das Gefühl Jude zu sein, da glaubte man beides souverän abtun zu können. Separatisten hat man uns genannt, uns vorgeworsen, daß wir Scheidemauern ausführen wollten, die Juden ins Ghetto zurückführen. „Jüdische Separatwünsche, jüdische Separatfrechheit!" dies Wort hat man gegen uns geprägt. Wie stellen sich aber die Dinge in Wirklichkeit dar? Wenn man dem einen vorenthält, was der andere bereits hat und der erstere es nun laut im Vollbewußtsein seines Rechtes fordert, so sind das eben keine Separatwünsche mehr, sondern es sind jene unveräußerlichen Menschenrechte, die man jedem zuerkennt, nur uns nicht. Es ist also eine bewußte oder unbewußte Verdrehung der Tatsachen, die einer Verleumdung verzweifelt ähnlich sieht, von jüdischen Separatwünschen zu sprechen. Was dem einen recht ist, muß dem andern billig sein. Und das Recht ans Existenz schasst man mit allen Deklamationen von Menschheitssolidarität nicht ans der Welt. Was ist es nun mit der Separation, die der schwerste Vorwurf immer gegen uns ist, dem Z u r ü ck f ü h r e n ins Ghetto und dem Ausschluß aus der europäischen Kultur, die man angeblich als Folgen der - nationalen Autonomie fürchtet? Nun, ich meine gerade jene, die am meisten dagegen wettern, die große Zahl jener Juden, die den sogenannten besseren Ständen angehören, wissen von der Separation, wenn sie aufrichtig sein wollen, eine ganz besondere Melodei zu singen. All ihr krampfhaftes Suchen und Streben nach arischem, nichtjüdischem Umgang ist im allgemeinen verlorene Liebesmühe, sie mögen noch so verführerisch girren und zwitschern. Im besten Fall beschränkt sich der Verkehr aus den arischen Hauslehrer, den man eigens zu diesem Zwecke nimmt, und 7-, auch dies soll Vorkommen — ein paar gefällige Schuldner, die so liebenswürdig waren, sich von reichen Juden Geld auszuborgen und nun durch ihren Verkehr Kapital samt Zinsen abzuzahlen glauben. So, meine Herren, sieht es mit der vorgeschützten und der wirklichen Separation aus. Ja aber, ruft man, bedeutet das nicht das Wiederausrücken der Ghettomanern, denen wir glücklich entflohen zn sein glaubten? Nein? Wer das wirklich geglaubt hat, war in einem schwerer: Irrtum gefangen, wir sind eben nicht den Ghettomauern entronnen, sie stehen aufrecht und fester denn je, da sie unsichtbar sind und daher unübersteigbar. Die ganze Beweisführung aber ist falsch; wenn sich Juden irgendwo zusammeufinden. und zwar freiwillig — und daraus muß ich das Hauptgewicht legen — so ist das noch lange kein Ghetto. Wird es jemand wagen, das Reich Davids und Salomos, die Rückkehr unserer Ahnen unter Esrah und Nehemia ein Ghetto zn nennen? Oder was, glauben Sie, meine Herren, würde ein Deutscher sagen, wenn man ihm zumutete, das geschlossene deutsche Gebiet, etwa von Asch, wo 99^2°/o Deusche wohnen, ein deutsches Ghetto zu nennen? In berechtigter Zornesauswaüung würde er einen solchen Schmäher des eigenen Volkes züchtigen. Und nur wir müssen es ruhig dulden, daß Leute unseres eigenen Stammes sich und uns derart schmähen, daß sie ein freiwilliges Znsammenireten der Juden Ghetto nennen! Zum Begriffe des Ghetto gehört vor allem der Zwang, sei er staatlich oder wirtschaftlich und io hat eben zum Beispiel San Franzisco sein chinesisches Ghetto, Belgrad hatte noch bis vor kurzem ein türkisches, weil eben die Chinesen und Türken nur eben dort wohnen durften ohne Rücksicht daraus, ob ihre Population steigt, ob der Ort ihren nationalen, wirtschaftlichen und kulturellen Interessen entspricht. Wenn aber in Wien und Prag die Juden, wie es tatsächlich der Fall ist. gassenweise beisammen wohnen, so kann man dort nicht von einem örtlichen Ghetto reden, wohl aber in New-Iork uttd London. In diesen beiden Weltstädten ist es der Zwang der wirtschaftlichen Notlage, der die Juden zusammendrängt, der den armen Auswanderern aus den östlichen Barbarländern eben keine andere Wahl läßt, als bei ihrer Unkenntnis der Landessprache. bei der geringen Aktionsfähigkeit ihres Erwerbslebens unter- und voneinander zu leben. Was fürchtet man also bei der nationalen Autonomie? Der gesellschaftliche Ausschluß in schon vorhanden, von einem freiwilligen Ghetto zu reden ist logischer Unsinn, übrigens sehen wir, wie erwähnt, schon heute, daß die Inden in Großstädten wie Wien und Prag und sonstwo, möglichst betsammen wohnen. Aber jetzt kommt das grobe Geschütz — die große Gefahr, „die nationale Autonomie, das ist ja die jüdische Schule" und nun wird schnell ein bißchen mit den Begriffen changiert — Geschwindigkeit ist keine Hexerei — behauptet: „Dreimal wehe, Ihr seid ja klerikal, Ihr verlangt die konfessionelle Schule." Nichts ist bezeichnender und nichts niedriger als diese Kampsesweise. Nicht die j ü d i s ch - k 0 n s e s s i 0 n e l l e S ch u l e verlangen wir, sondern die jüdisch-nationale und auch nicht diese etwa aus bloßer Prinzipienreiterei, sondern weil wir unsere jüdischen Kinder der heute tatsächlich katholisch-konfessionellen Schitle entziehen wollen. Es hieße Eulen nach Athen tragen, wollte ich erst beweisen, daß dem wirklich so ist, daß die heutige, nach dem Schulgesetz offiziell interkonsessionelle Schule in Wirklichkeit streng konfessionell ist. Ich kann Ihnen aber auch, meine Herren, aus eigener Erfahrung sagen, daß die frühere vielgeschmähte Judenschule sich an Güte ihrer Leistungen, an seelischer und geistiger Ausbildung des Kindes und seines Gemütes turmhoch über den Durchschnitt der heutigen Schule erhob. Ich habe durch vier Jahre eine jüdische Volksschule besucht und kann daher aus eigener Erfahrung sagen, daß ich von dem, was ich in diesen vier Jahren gelernt habe, reichlich zwei und drei Jahre im Gymnasium noch zehren konnte. Ich müßte fürchten, als Jude der Selbstüberhebung bezichtigt zu werden, wenn ich die wesentlichen Gründe hier anführen wollte. Lassen Sie mich aber gerade im Hinblick auf Böhmen und Mähren ein Argument Vorbringen. Unsere Schulen sind entweder deutsch oder tschechisch. Das jüdische Kind aber, das diese Schulen besucht, dem ist mit der Kenntnis bloß einer Landessprache nicht gedient. Als Mann muß es dann den doppelt und dreifach schweren Kamps ums Dasein führen, wo oft die Kenntnis der zweiten Landessprache eine direkte Lebensnotwendigkeit darstellt. Wo soll sich nun das Kind diese Kenntnisse erwerben, da ja nicht jeder Vater in der glücklichen Lage ist, sein Kind zur

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