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Die Wahrheit · 1907-11-15 · Heft 44 (15.11.1907) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 44 (15.11.1907)
Date
1907-11-15
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seile 4 Die Wayryeu Nr. 44 dieses reichen und schönen Landes znrückgehen, finden Sie ihn immer, wenn auch oft nur unter mittelalterlicher Maske, angefangen, von dem Streit der beiden Brüder-Herzoge Boriwoj und Heiliger Wenzel, unter Przemysl Ottokar II., besonder» deutlich aber zur Hussitenzeit — denn jeder Historiker weiß ja, daß die Hussirenbewegung vielleicht noch mehr eine nationale denn religiöse Bewegung war. Man hat sich fast an diesen Kampfzustand als einen chronischen gewöhnt und tröstet sich mit dem Gemeinplatz, im Laude der zwei. Nationen gehe es eben nicht ander». Es mache auch schließlich nicht viel aus, da Sieg und Niederlage wechseln. Und gerade wir müssen uns gegen diesen Standpunkt des Gehenlassens auflehnen, denn ob nun die Deutschen der Hammer, die Czechen der Ambos sind, ob die Rollen vertauscht werden, in jedem Fall sind die Juden das E i s e n, das zwischen Hammer u n d Ambos liegt, sind sie es, die von dem Einem gedrückt, von dem Anderen geschlageii werden. In Prag fühlen sich gar viele Inden als die berufenen Retter des Deutschtums, was ist die Folge? Die Deutschen wären dumm, wenn sie nicht willig den Inden die Rolle der freiwilligen Helfer überließen. Sie lassen sich für alle deutschnationalen Schutzvereine zahlen, sie laden ihnen die Erhaltung oder wenigstens Miterhaltung ihrer nationalen Bollwerke aus und — ziehen sich von ihnen zurück. Der deutsche Schulverein kann rithtg auf die Ausschließung der jüdischen Lehrerelemente hinaroeiten. sein Obmann ist und bleibt Dr. Groß. Trotzdem geben bte Inden bei jedem Schulvereinsfest tausende von Gulden, die sie damit ihrem eigenen Volke entziehen. Die Herren Kisch u. s. w. etwa müssen den deutschen Charakter der Prager Universitär wahren, dafür dürfen sie aber nicht in die deutschen Studentenverbindungen und müssen sich eigene etwa mit einem Paradechristen schaffen (lebhafte Heiterkeit) und werden auch von allen Unterstützungsinstitntionen, wie etwa der Exknrsionsfond der deutschen Techniker, rücksichtslos ausgeschlossen. Sie wahren den dentscheir Charakter der deutschen Universität und diesem deutschen Charakter zuliebe werden dann ihre Schwestern zu den Fakultätsbällen nicht zugelassen. Dann aber sieht das im Grunde seines Herzens nicht übermäßig antisemitische czechische Volk aus dem Lande im Juden nicht bloß den Inden, sondern, den verhaßten Germanisator und weil Herr Kisch u. s. w. sich als Urreutonen fühlen, werden den Juden in Podebrad etwa die Fenster eingeschlageu werden. Ein großer Teil der jüdischen Bevölkerung gehört dem mittleren und kleineren Handelsstande an. Und es ist wichtig, dies festzustellen, da die antisemitische Presse jeden Juden gerne als geheimen Nabob bezeichnet und gerade für diese breiten Kreise der Judenschaft bedeutet die Deutschtümelei eine direkte Bedrohung ihrer Lebensintereffen. Die Hauptmasse der Kundschaft des kleinen jüdischen Kaufmannes setzt sich naturgemäß aus Czechen zusammen. Wenn nun in allen Zeitungen ausposaunt wird, wie die Juden treu und unerschütterlich sich als Germanen fühlen, wie sie einen Wall bilden wollen gegen die slavische Hochflut, ja, meine Herren, können Sie es dann dem Czechen verargen, wenn er sagt: „Ich will diesen Gegner meiner Nation nicht fördern." Wenn der jüdische Kaufmann, der etwa mit Schneiderzugehör handelt, nun seinem czechischen Kunden den Schneider aus Kosten seiner Existenzmöglichkeit als Kunden zu erhallen suchen muß? Und dabei fft doch der arme jüdische Kaufmann an dem ganzen Rummel, fast hätte ich gesagt, Schwindel unschuldig. Es ist die Seelenblindheit der wenigen Verbohrten, die chm den Bissen ans dem Munde nehmen. Allerdings die Herren können sich das im allgemeinen erlauben. Wenn man nicht schwer um seine Existenz zu ringen hat, wenn man etwa wohlbestallt eine hohe Stellung im Ministerium einnimmt, oder auch ein Welthaus leitet, eilte große Bank, wenn man als vielbeschäftigter Advokat eine wenn auch größtenteils jüdische Klientel hat, dann braucht man sich nicht zu fürchten, daß das Reden von slawischer Hochflut oder das Predigen eines verwässerten Weltbürgertums einem an die Existenz geht. Es ist ja so bequem, aus fremder Haut Riemen zu schneiden. Und wie ist es nun mit dem Beamtentum? Fragen Sie doch einmal, meine Herren, unsere jungen Aerzte Und jungen Juristen, ob der Mediziner etlva in einem deutschen Bezirk heute eine Bezirks- oder Distriktsarztensstelle bekommt? Er kann als Student noch so begeistert die Wacht am Rhein gesungen haben, er kann sogar 12 Glas Bier auf das Wohl von Urvater Teut geleert haben, kommt er hinaus, so ist und bleibt er doch der Jude, und den möchte ich sehen, der mir heute in deutscher Gegend einen jüdischen Gemeindebeamten zeigen könnte. Das sind die Folgen der Deutschtümelei. Es gibt aber auch' eine Tschechentümelei nnd die ist natürlich nicht weniger absurd wie die erste. Es würde genügen, überall, wo ich bisher deutsch gesagt habe, das Wort tschechisch zu setzen, um eine genaue Schilderung der einschlägigen Verhältnisse zu haben. Hier aber geht die Sache noch weiter.' Nicht bloß die Kommunalverwaltungen der tschechischen Gegenden sind in tschechischen Händen, sondern auch die ganze Landesverwaltung, die großen Landesinstitute. Ich will absolut nicht behaupten, daß es ausschließlich die ausgesprochene deutsche Haltung jener sogenannten Kasinoklique ist, die es verschuldet, daß der Jude bei jeder Bewerbung ausnahmslos mit einer Niete herauskommt. Jedenfalls aber ist es ein höchst bequemer Vorwand, um die Landesümter möglichst jndenrein zu erhalten. Und dagegen hilft auch der positive Nationalchauvinismus einer Anzahl tschechischjüdischer Gemeinden nichts, die leichten Herzens ihre jüdischen Schulen opferten, die widerstandslos diese Bollwerke jüdischen Lebens ausgaben. Auf der einen Seite nützt es ihnen nichts und nun,'meine Herren, nun kommt das Lustige. Diese werden nun nicht als Verräter an der jüdischen Sache, sondern an der deutschen Sache von den verehrten Herren Israeliten mosaischer Religion gebrandmarkt, die machen es ihnen zum Vorwurf und wohl anch manche Deutsche mit ihnen, (und das ist das Absurde) der Tschechisierung des Landes Vorschub geleistet zu haben, eben jene Deutsche, die sonst von den Juden nichts wissen wollen. Und hier nt wieder der Haken, an dem man den deutschen Juden in den Provinzen anknüpfen kann. Gestatten Sie mir, meine Herren, an dieser Stelle eine Abschweifung hinüber über die Leitha nach Ungar n. Zittern doch die furchtbaren Ereignisse, die vor einigen Tagen sich in Czerno wa abgespielt haben und die auch Anlaß einer Interpellation im Abgeordnetenhaus waren, noch in aller Gemüter wach. Ich brauche Ihnen nicht erst ausführlich auseinanderzusetzen, mit welch brutaler Vergewaltigung die Magyaren gegen alle nicht magyarischen Völker des Landes Vorgehen. Der große norwegische Dichter Björnson hat sein gewaltiges „J’accuse“, das ihn würdig neben Zola stellt, den magyarischen Gewalthabern ins Gesicht geschlendert. Innerhalb der rotweiß-grünen Grenzen sind diese die unerbittlichen Vernichteralles dessen, was nicht magyarisch ist. Der Slovaken, Rumänen, Rnthenen. und Deutschen und Serben, sowie der Kroaten. Und ' eine kleine Kliqne von Inden, die an dem großen Feuer ihre magere Wassersuppe kochen will, hat sich diesen Brutalitäten angeschlossen, und was ist die Folge? Man sieht nicht mehr die ganze Adelspartei und die Gentry, die diese Schandtaten im Namen der Nation verübt, tatsächlich um ihren eigenen Geld- und Machtgelüsten zu fröhnen, sondern nur jene paar Juden, die, Verräter an ihrem eigenen Volke, den jüdischen Namen schänden und sich nicht entblöden, den Haß all der unterdrückten Völker von den Magyaren ab auf ihr eigenes, das jüdische Volk zu lenken. — Laut und öffentlich müssen wir dagegen protestieren, daß man mit dieser kleinen Schaar ehrvergessener Menschen das ganze Judentum identifiziert, laut und öffentlich müssen wir sie als das brandmarken, was sie wirklich sind, Verräter am eigenen Volk zum persönlichen Vorteil. Und sie selbst liefern den Beweis dafür, indem sie sich nicht nur ihrer ehrlichen jüdischen Namen schämen, statt guter Juden lieber 50 Kreuzer-Magyaren sind, sondern auch in hellen Haufen abfallen. Die Toren! Sie glauben durch die Taufe Magyaren zu werden» und werden doch nur aus Juden getaufte Indem Wenn ich bisher, meine Herren, im allgemeinen die furchtbaren Schäden in materieller und wirtschaftlicher Hinsicht zn zeichnen versuchte, die aus diesen Verhältnissen sich ergeben, so habe ich dabei noch nicht jenen Entgang von Vorteilen berührt, der daraus für das Gesamtjudentum resultiert. Vollkommen selbstlos stellt sich der Jnde aus einem mißleiteten, falsch erfaßten

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