Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 44 (15.11.1907)
- Date
- 1907-11-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Mit dieser durch die in den letzten Tagen erfolgte Umgestaltung des Ministeriums Beck besonders aktuell gewordenen Tagesordnung hat vorige Woche, Mittwoch, eine vom „Indischen Nationalverein in Oesterreich" einbernfene und zahlreich besuchte Volks-Versammlung in Wien stattgefunden, in welcher die dem jüdischen Klub ungehörigen Reichsratsabgeordneten ihr Programm entwickelten und Rechenschaft über ihre bisherige Tätigkeit im Parlamente ablegten. Mag man nun Anhänger oder Gegner des jüdisch-nationalen Programmes sein, so ist die Tatsache, daß jüdische Abgeordnete vor einem jüdischen Auditorium in der Reichshauptstadt erscheinen, um die gegenwärtige Situation der Juden in Oesterreich zu erörtern, an sich so bedeutsam, daß man über dieselbe nicht stillschweigend hinweggehen darf. Und darum ist es gewiß zu bedauern, daß diese Versammlung nur von den Jüdisch-Nationalen besucht war und die Vertreter des offiziellen Wiener Judentums, sowie die übrigen jüdischen Abgeordneten, die nicht dem „Jüdischen Klub" angehören, von derselben fernblieben. In einer Zeit, da die einzelnen politischen und nationalen Parteien in Oesterreich die unnatürlichsten Verbindungen eingehen, um zu Einfluß und Macht zu gelangen, wo deutsche, tschechische und polnische Abgeordnete, unbeschadet, ob sie auf ein fortschrittliches oder rückschrittliches Programm gewählt sind, sich zusammenfinden, um die Interessen ihrer Wähler wirksamer zu vertreten, erscheint es jedem politisch Denkenden geradezu unbegreiflich, daß gerade die jüdischen Abgeordneten, die, fei es in Galizien oder in Wien, nur durch jüdische Stimmen ins Parlament berufen wurden, zu einem engeren Zusammenschluß nicht gelangen können. Wenn Lueger und Lecher, Ebenhoch und Groß beisammensitzen, um deutsche Interessen zu verteidigen, dann werden sich wohl auch Kuranda und Ofner nichts vergeben, wenn sie sich mit Strancher, Mahler und anderen jüdischen Abgeordneten vereinigen, um darüber zu beraten, wie angesichts der immer steigenden antisemitischen Hochflut der politischen, sozialen und wirtschaftlichen Not der Juden in Oesterreich abgeholfen werden könnte. Den Vorsitz in der Versammlung führte Dr. Margulies. Der Obmann des jüdischen Klubs, Dr. Strancher, war am Erscheinen verhindert und es gelangten bloß die Abgeordneten Dr. Gabel, Stand und Dozent Dr. Mahler zum Wort. Abgeordneter Dr. Gabel besprach die Verhältnisse in Galizien, und Abgeordneter Stand referierte über die bisherige Taktik des jüdischen Klubs. Die bedeutsamste Rede hielt Abgeordneter Dr. Mahler, I die wir nachstehend im Auszüge wiedergeben. In einem Rück-! blicke auf die Emanzipationszeit zeigte er, wie die westlichen! Inden sich zuerst, angezogen von der deutschen, slavischen und! germanischen Kultur, geistig assimilierten und dann durch einen! Trugschluß zur politischen Assimilation gelangten.! Verführt von ihrem Bilduugsdrang, ihrer Kulturbegeisterung! sind die Inden besonders der westlichen Länder dieser Täuschung I zum Opfer gefallen, deren Folgen wir nun schaudernd am i eigenen Leibe erleben müssen. Mit der Aufnahme der deutschen, | der czechischen Kultur glaubten die meisten von uns, auch schon; Deutsche und Czechen geworden zu sein, sahen sich als die direkten; Nachkommen Tents oder Libussas an und taten höchst entrüstet, I wenn man es ihnen nicht glaubte. Es gibt wohl keine bessere! Exemplifikation auf diese Erscheinung als die Konstituierung I der deutschen Freiheitspartei im Parlament, der gewiß nicht : sanfte Hinauswurf, den die verehrten deutschen Volks- I genossen mosaischer Konfession erlitten haben. | Und trotzdem hören sie nicht auf zu schreien: „Wir lasten uns - unser Deutschtum nicht nehmen, wir nehmen teil an der deutschen Gemeinbürgschaft." Und dabei liegen sie schon draußen vor der Tür und diese ist für sie zngesperrt. — Man könnte ja diese; Bewohner eines politischen Wölkenkuckucksheim ruhig und auch i mitleidig ihrem Schicksale überlasten und geduldig zusehen, wie das Rad der Entwicklung über sie weiterrollt niib sie erdrückt, wenn nicht dadurch die breiten Massen unseres Volkes national; und wirtschaftlich geschädigt würden, ja wenn nicht ihre Seelenblindheit, wenn ich so sagen darf, zu Massenanklagen gegenüber unserem ganzen Volke, zu Verfolgungskämpfen gegen dasselbe! überall Anlaß geben würde. Bedenken Sie, meine Herren, nur den Haß und die Summe I von Zündstoff, die das Schlagwort von den I n düo - Magyaren in Oesterreich erzeugt, denn das gleiche, was von den Deutschen und Czechen mosaischer Konfession, gilt auch jenseits der Leitha. Ein jeder Jude sollte bei seinem ganzen Tun : und Handeln sich stets vor Augen halten, daß wir das Schicksal 1 der Mäuse teilen. Wenn irgendwo eine Maus den Speck weg- | frißt, so heißt es gleich, die Mäuse haben es getan, und so | wird auch für das Tun eines jeden einzelnen Juden in verwerflicher Verallgemeinerung das ganze Volk verantwortlich - gemacht. I Ich habe gesagt, daß jene, um jeden Preis Deutsche,! Czechen und Magyaren eine hervorragende Gefahr für die - breiten Masten unseres Volkes bedeuten. Nirgends ist dies deutlicher zu sehen als in Böhmen. Böhmen ist das klastische Land des Nationalitätenkampfes. Soweit Sie in der Geschichte