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Die Wahrheit · 1907-11-08 · Heft 43 (8.11.1907) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 43 (8.11.1907)
Date
1907-11-08
Page
– (sequence 11)
Language
German
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»Jtr. 48 Die 2öüt)rl)eit Seite 11. Budapest. Der neugewählte Präsident, Herr Julius Winter- . b erg, ist für die Pester Chewra-Kadischa ein'nicht genug zu schätzender Gewinn und wird — so ihn Gott am Leben erhält, was Tausende heiß erflehen — dem Heiligen Vereine ungemein nützlich und nutzbringend sich erweisen. Winterberg ist ein selbstloser, höchst bescheidener Mann, der sich nie und nirgends herandrängt, um in der Oeffentlichkeit zu glänzen, oder sich einen Namen zu machen. Das hat er ja gar nicht nötig, da er einen selbsterworbenen Namen von überaus gutem Klang besitzt, den er in seine neue Würde mitbringt. Und mit vollstem Rechte durfte er seine epochale Antrittsrede mit den Worten: „Aus der abgeschlossenen Stille meines Lebens zieht mich Ihr Wunsch in neue Pflichtenkreise; Mag cs zu Nutz und Frommen sein!" emleiten. Nach menschlicher Voraussicht wird Winterbergs Tätigkeit im Schoße der Chewra-Kadischa zu Nutz und Frommen sein! ... Julius W i n t e r b e r g hat sich durch seinen stahlblankeu Charakter, seine streng reelle Handlungsweise und durch seinen überaus regen Wohlrätlgkeitssinn die Achtung und die Anerkennung Aller, die ihn kennen, in vollstem Maße erworben. Nebst seiner mnnifizenten Freigebigkeit, die er in hochherziger Weise bei jeder Veranlassung bekundet, und welche unsere Humanitären Institute zu verzeichnen, oft genug Gelegenheit haben, besitzt W i n t e r b e r g eine nicht gewöhnliche Herzens- und Geistesbildung und ist von einer musterhaften Bescheidenheit. Was Wunder! Ist er doch ein edles Reis von einem hochedlen Sramme. Er ist ein direkter Nachkomme des hochberühmteu und noch heute in Israel hochgefeierteu Iehuda den B e z a l l e l, dessen unsterblicher Name, „Hoher Rabbi L ö w", der Geschichte des Judentums angehört. Zn seinen gefeierten Ahnen zählt auch der einstige Overjurist des Prager Rabbinats-Kollegiums. der allbekannte Rabbi Eleazar Fl e k e l e s. Ein Großvater Winterbergs war der bestbekannte Rabbiner Ezechiel Landau: Solch einen Stammbaum anfznweisen, gehört wahrlich zu den Seltenheiten. Aber W i n t e r b e r g macht als später Enkel seinen illnstren Vorfahren alle Ehre und zeigt sich als deren würdiger Nachkomme. D. H. 8. Hamburg. (H aUl b II r g - Ain e ri ka - L i ni e.) Die nächsten Abfahrten von Post- und Passagierdampfern finden statt: Nach N e w- York: Die Postdampfer: Patricia 9./11., Kaiserin Auguste Victoria 14.111., President Lincoln 16./11., Blücher 21./11., Gras Waldersee 2S./11., Amerika 28./11., Pennsylvania 30./11., President Grant 7./12. Nach B o st o n : Die Postdampfer: Badenia 8./11., Bosnia 15./II. Nach Baltimore: Die Postdampfer: Badenia 8./11., Bosnia 15./11. Nach Philadelphia: Die Postdampfer: Barcelona 8./11., Pallanza 12./11. Nach N e wo r l e a n s : Postdampfer Pontos 5./11. Nach W e st i n d i e n : Die Postdampfer : Chernskia 8./11., Sardinia 9/11., Constantia 16./11. Nach Mexiko: Die Postdampfer: Kronprinzessin Cecilie 14./11., Syria 18./11. Nach Ostasien: Die Postdampfer: Spezia 5./11.. Habsburg 10./11., Ambria 15./11., Saxonia 20./11., Sambia 30./11. Arabisch- Persischer D i e n st: Postdampfer Galicia 7./12._ Literatur. Ost und West. Illustrierte Monatsschrift für das gesamte Jildentnm. Herausgegeben von Leo W i n z, Verlag O st und W e st. Berlin 8 42. Organ der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft der „Alliance Jsraslite Universelle". 7. Jahrgang. Heft 11. November. 1907. Das vorliegende Heft ist hauptsächlich der „Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums" in Berlin gewidmet, deren Werdegang in einer Reihe vortrefflicher Artikel behandelt wird. Zahlreiche Photographien bieten überaus inleressante Reminiszenzen an ehemalige und gegenwärtige Leiter, Lehrer und Schüler der Anstalt. Nachstehend der Inhalt: „Die Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums." Das Knratorinin der Lehranstalt. Von Dr. Felix IG oldmann. „Der Lehranstalt für Wissenschaft des Jndenmms." Gedanken und Wünsche. Von Prof. Dr. Ludwig Geiger. „Abraham Geiger als Lehrer." Von Oberrabbiner Prof. Dr. G. Klein, Stockholm. „Die Dozenten der Lehranstalt um 1890." Bon Rabbiner Dr. Max Joseph. „Erinnerungen an Hajim Steinthal." Von Dr. Simon B e r n f e l d. „Was mich zur Hochschule führte." Von Prof. Dr. K. Voller s. „Aus dem Leben der Lehranstalt." Von Dr. Max E s ch e l b a ch e r. „Aus den Kinderjahren der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums." Von Rabbiner Dr. Ad, R o s e n z w e i g. „Der Neubau der Lehranstalt für die Wissenschaft des Jndentnms." „Mitteilungen aus dem Deutschen Bureau der Alliance Jsraalite Universelle" : I. An die Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums. H. Das Unterstütznngswerk der Alliance in Marokko. (Svezialbericht für die A. I. U. von Js. Pisa. III. Die Inden von Marokko. Von Ernst v. H e s s e - W a r t e g g. IV.) Zpendenverzeichnis. V. Notizen. — Mit 51 Illustrationen. Aer söhnte Je in de. Von Babette Fried. (Fortsetzung.) „Lieber guter Freund," begann er, „Sie finden in Ihrem leider nur zu sehr gerechtfertigten Schmerze kein anderes Klagewort, als dasjenige, welches unser so schwer geprüfter Vater Jakob ausgerufen, als ihm die scheinbare Gewißheit von dem Tode seines Sohnes Josef überbracht wurde, und welche er aus dem Vorzeigen des blutbefleckten Gewandes, des Eigentumes seines Sohnes, erkennen mußte. Sie,. der bibelkundige Mann, der sich in so manchen Stücken die Handlungsweise unserer frommen Väter als nachahmungswürdiges Beispiel vor Augen genommen, mußten natürlich gemäß der ähnlichen Situation dieselben Ausdrücke anwenden, wie sie damals unser Urvater gebrauchte. Mir aber, der.: nicht den Wortlaut der Bibel allein zum Gegenstand seines Studiums gemacht hat, sondern auch die Erklärung und Ausschmückung des biblischen Textes gelernt hatte, gestatten Sie, daß ich Ihnen eine Frage vorlege: Wie kommt es, daß der von so zahlreichen Unglücksfällen verfolgte, scheinbar abgehärtete Jakob gerade über den Verlust des Josef so übermäßig trauerte und jeden Zuspruch znrückwies? Er hatte ja seine Eltern verloren, mußte vorher noch arm und verstoßen in die Fremde wandern, durch die unwirtliche Wüste ziehen, wo der Stein des Feldes sein Ruhekissen ward. Er, der Sohn aus reichem Hanse, der Enkel Abrahams, des göttlichen Fürsten, flehete in inbrünstigem Gebete bloß um Brot zur Sättigung und ein notdürftiges Gewand zur Bekleidung. An seinem Bestimmungsorte angekommen, hatte er gegen alle Anschläge Labans, welcher der Hagada nach schlimmer als selbst Pharao gehaust hatte, anznkämpfen, mußte es mit seinem erzürnten Bruder Esau, ja sogar auch mit einem überirdischen Gegner aufnehmen, und als er all dies Ungemach überstanden, begrub er in der einsamen Wüste seine teure Rachel, das Weib seiner Liebe, um welches er jahrelang unermüdlich gedienet, sich bei Tage dem glühenden Sonnenbrände, und in der Nacht dem eisigen Froste ausgesetzt hatte, wie es die Bibel erzählt. Bei diesem furchtbaren Verluste, der doch so manchen Mann niedergedrückt hätte, blieb der Patriarch gefaßt und gottergeben, mit treuester Vorsorge ferner für seine zahlreiche Familie sorgend und schaffend. Warum denn verließ ihn bei der Todesnachricht Josefs alle bisher bewahrte Fassung, wies er jeden Zuspruch zurück mit den bedeutungsschweren Worten: ,Laßt mich, ich werde mit Trauer um meinen Sohn in die Grube fahren'? Wissen Sie diesen Widerspruch oder wenigstens dieses Auffallende in dem Charakter Jakobs zu erklären, mein armer Freund?" Der Rabbiner schmieg, als wollte er die Antwort des Freundes abwarten. Derselbe saß aber, stumm vor sich hinstierend, im wortnnd tränenlosen Schmerze da. Nur sein plötzliches Aufblicken bei der eingetretenen Panse verriet, daß er überhaupt zugehört hatte. Diese Beobachtung ermunterte den Rabbiner fortzufahren. „Sie wissen dies nicht zu erklären, das glaube ich wohl! D'rum hören Sie, was unsere Weisen auf diese ausgeworfene Frage antworten: Jakobs Eltern und dessen geliebtes Weib waren gestorben, und er hatte sie bestatten helfen, die einen in dem steinernen Felsengrabe zu Machpela, die andere in dem leichten Wüstensande. Was von ihnen Staub gewesen, ist wieder Staub geworden und wurde mit der Mutter Erde bedeckt. Und dasjenige, was von der Erde bedeckt ist, das vergißt der Mensch einem Naturgesetze gemäß mit der Zeit, darüber muß er sich zu trösten wissen. Josef war aber nicht tot, folglich nicht von der Erde bedeckt, deswegen konnte sich der Vater über seinen Verlust nicht trösten, und die verzweifelnden Worte: ,Jch werde mit Trauer in die Grube fahren^, sind dadurch begründet. Was, mein Freund, wenn Ihr Sohn wirklich noch lebte? Daß Sie jedem Trostesworte derart unzugänglich sind, und Sie gerade diese Worte in Ihrem Jammer anwenden, läßt einen Hoffnungsschimmer in meinem Herzen aufkommen." Abweisend schüttelte Herrmann den Kopf, in seinem Stillschweigen beharrend. Der Rabbiner selbst mochte an die Stichhaltigkeit dieses von ihm angebrachten Trostgrundes nicht recht glauben, denn im Fortgehen sprach er, seinem Freunde teilnahmsvoll die Hand drückend, die Trostesworte: „Gott tröste Dich an diesem heiligen Sabbathe unter all den Trauernden um Zijon und Jerusalem!" Die folgende Nacht war ruhig vergangen, so sehr man sich im Städtchen auch davor gefürchtet hatte. Kein feindlicher Soldat hatte sich blicken lassen. Erst Morgens kam ein Trupp Ulanen geritten, als Quartiermacher für ein nachfolgendes Regiment. Die Leute waren sehr artig, ja freundlich, erbaten für das Militär nur gute Quartiere, womöglich in Häusern, wo l deutsch gesprochen lvurde, oder wenigstens, wo man sie verstehen konnte, für die Pferde verlangten sie ordentliche Stallungen und die notwendige Fourage. (Fortsetzung folgt.) /? £ ■V ' '? vv. 1

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