Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 43 (8.11.1907)
- Date
- 1907-11-08
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. Die Wahrheit Nr. 43. der Einigkeit und gegenseitiger Liebe immer mehr zur Herrschaft gelange. Möge unser erhabener Kaiser, für dessen Genesung alle Bürger unseres Vaterlandes Gott einmütig danken, noch viele, viele Jahre der erlangten Gesundheit und des höchsten Lebensglückes sich erfreuen. Das walte Gott!" Nach der wirkungsvollen Rede wurde die Volkshymne vom Tempelchore uud den Schülern der Anstalt, letztere unter der Leitung des Anstaltslehrers Herrn G. F r i e d l ü n d e r, gesungen und hieran schloß sich ein Rundgang durch die Schulräume, deren zweckmäßige Anlage und Einrichtung allgemeines Lob und vielfache. Anerkennung fand. Keo Ueigelsberg 1844—1907°. In der Trauerchronik Budapests wird der 31. Oktober 1907 ganz besonders schwarz angestrichen werden. An diesem Tage hat in den Nachmitiagsstunden im Empfangssaale der Redaktion unseres vornehmsten Blattes der Chefredakteur desselben Hand an sich gelegt und wurde in seinem Lehnstuhle sitzend mit durchschossener Schläfe tot ausgefunden. LeoVeigelsberg, der Chefredakteur des „Pester Lloyd", war ein gottbegnadetes Genie, der seine brillante Feder so meisterlich zu gebrauchen verstand, daß ihn die gesamte ungarländische Presse als ihren Meister anerkannte. Er war aber nicht nur ein Großmeister des geschriebenen Wortes, er war auch ein edler, feinfühliger und überaus guter Mensch. Ein gütiges Geschick hat ihn mit allen Vorzügen des Geistes und des Körpers reichlich ausgestattet. Schön von Gestalt, vornehm in der Erscheinung, von bestrickenden Umgangsformen, mit mildblickenden, hellen Augen, ein wahrer Moseskopf, wie ihn nur der größten Künstler einer zu meißeln versteht, ein immerwährend sanftes Lächeln um den Mund, der gar oft verschlossen war, aber zu reden verstand, wie selten ein Redner von Beruf dies vermochte. Das alles und noch viel mehr bildete die hohen Vorzüge unseres Veigelsberg, welcher der Gilde der Ritter vom Geiste 40 Jahre lang angehörte und sich sogar — bis zum Ritter der Eisernen Krone hinaufzuschwingen vermochte. Die Redaktion des „Pester Lloyd" zählte ihn drei Dezennien hindurch zu ihren besten und bewährtesten Mitgliedern. In letzterer Zeit war er einer der Chefredakteure dieses Weltblattes, das nun um seinen Stolz, seinen Meister und Führer bitterlich klagt und um ihn trauert wie um den Einzigen! Veigelsberg war eine der populärsten Persönlichkeiten der ungarischen Haupt- und Residenzstadt, der sich auch der Gunst der Mächtigen dieser Erde erfreute. Und doch kannte er keinen Stolz und blieb jeder Ueberhebung ferne. Er war nicht nur Mensch, sondern auch Jude. Zu jeder Zeit und gegen Jedermann stand seine Feder im heiligen Dienste der gerechten jüdischen Sache und so hat sich Veigelsberg um seine Konfession unvergängliche Verdienste erworben. Bei so vielem hellstrahlendem Lichte kann es naturgemäß auch an Schatten nicht mangeln, und der war leider auch hier vorhanden: Veigelsberg verstand es nicht hauszuhalten. Er hat der todten Materie srischpulsierendes Leben kunstvoll eingehaucht, aber — sein eigenes Leben gewaltsam ausgehaucht! Sein letzter Gedanke mochte an seinen Gott gerichtet sein und seine erkalteten Lippen dürften noch gelispelt. haben: ..Dir allein Hab' ich gesündigt, und was bös in deinen Augen Hab' ich begangen — auf daß du gerecht seiest in deinem Spruche, lauter in deinem Gerichte". So sei es! . . . D. H. Spitzer. Verschiedene Nachrichten. Wie«. Freitag-Abend, 8. Nov., Predigt im Leopoldstädter Tempel. Wie«.' Der Kaiser hat dem Primarärzte des Wiener Allgemeinen Krankenhauses, ordentlichen öffentlichen Universitätsprofessor Dr. Eduard Lang, den Titel eines Hofrates verliehen. Wien. (L eh re rv er ein im II. Bezirk.) Aus Anlaß seines 30jährigen Bestandes hielt der „Lehrerverein im II. Bezirk" am 31. Oktober in Guths Restaurant eine Festversammlung ab. Nach einem kurzen Rückblick, den der Obmann Hermann Ascher in lichtvollen Worten erstattete, wurde ein Huldigungstelegramm an den Monarchen abgesandt. Zum Schlüsse vereinigte eine kleine intime Feier die zahlreich erschienenen Mitglieder und Gäste des Vereines. Zum frohen, vollen Gelingen des gemütlichen Teiles gaben ihr Bestes : Frl. B l e i e r und Frl. Zollfchan (Schule Fr. Prof. Weiß) und Herr Gotthold Friedländer durch stimmungsvoll abgerundete, fein interpretierte Wiedergabe einiger Lieder und Opernarien, Frau Popper durch heitere Vorlesung, Herr Fritz Saphir durch sein vollendetes Cellospiel und Herr T e l l h e i m mit seinen komischen Vorträgeu, die stürmischen Beifall weckten. Das Akkompagnement wurde vom Herrn Kapellmeistr Hans Mayer und Herrn Blum in bekannt virtuoser Weise besorgt. Der darauffolgende Tanz hielt die Jugend noch lange beisammen. Wien. Der jüdische Verein „E inh e i t" entfaltet seit einem Jahre eine überaus segensreiche, aber in der Oeffentlichkeit bisher viel zu wenig gewürdigte Tätigkeit, die infolge ihrer eminent praktischen Bedeutung die größte Unterstützung aller jüdischen Kreise verdient. Er hat sich nämlich die Aufgabe gestellt, in einem von ihm errichteten Speiselokale jenen vielen armen Inden in Wien, die nur streng koschere Speisen genießen wollen, aber sich solche infolge ihres allzu bescheidenen Einkommens nicht verschaffen können, gegen geringes Entgelt (18 Kreuzer für ein Mittagmahl) gute mtb kräftige, streng rituell znbereitete Kost zu bereiten. Die Verabreichung der Speisen, und darauf wird besonders Wert gelegt, erfolgt nicht wie in den Volksküchen, sondern Jedermann wird wie ein Gast in anderen Restaurationen bedient und bewirtet. Welch großem Bedürfnisse hier entsprochen wird, beweist die Tatsache, daß im Laufe eines Jahres über 100.000 Portionen verabreicht wurden. Nur durch die größte Mühewaltung und Opferwilligkeit der Herren, die an der Spitze des Vereines stehen, wie Rabbiner Fürst, S. M e l s e l s. B. H o s b a u e r, W. P a p p e n h e i m, Moriz F e l s e nb ii r f|, Aron Weil rc. war es möglich, die schöne Institution zu erhalten, aber der Verein kämpft noch immer mit einem Defizit, dessen Ausgleichung nicht nur den konservativen Kreisen überlassen werden sollte. Anläßlich der ersten Jahreswende der Gründung und der Eröffunng des neuen Speiselokales II. Floßgasse 9, fand Sonntag den 3. November, 7 Uhr abends daselbst ein Festesien statt, an welchem der gesamte Vorstand, viele Mitglieder und zahlreiche Gäste des Vereines teilnahmen. Den Vorsitz führte der Obmannstellvertreter Herr H o f b a n e r. Während der einzelnen Gänge des durch den Restaurateur Herrn Mayer Kamm und dessen Gattin überaus schmackhaft znbereiteten Mahles wurden Reden gehalten, in welchen die Bedeutung des Vereines gewürdigt und Mittel zurFörderung desselben empfohlen wurden. Enthusiastischen Applaus fanden ein von Oberkantor M. S ch o r r meisterhaft vorgetragener Mischeberech und die ausgezeichneten Vorträge des Oberkantor W i t t m a n n mit seinen Meschorerim. Mit welch freudiger Opferwilligkeit die schöne Aufgabe des Vereines von einzelnen Mitgliedern gefördert wird, das bewies die Tatsache, daß zahlreiche Ueberzahlungen des Kuverts (Preis K 2) bei dem Festessen geleistet wurden, unter anderem bezahlte Herr Aron Weil dasselbe mit K 50 und daß das Lizitieren des Bentschens mehr als X 200 für die Vereinszwecke erzielte. Wien. Sonntag, den 3. d. M., wurde die diesjährige Vortragssaison der T o y n b e e - H a l l e mit einem dem Andenken Ignaz Brülls gewidmeten Konzertabende eröffnet. Der Obmann Dr. I. Samuely wies einleitend auf die Verdienste Brülls um diese Institution hin, in deren Dienst sich der Verblichene stets bereitwilligst gestellt hat. Sodann wurden von den Brüdern Specht (Klavier, Violine und Cello), von der Pianistin Frl. Wera S ch a p i r a und von der Nichte Brülls, Frl. Schwarz (Gesang) Schöpfungen des dahingeschiedenen Meisters in künstlerischer Vollendung wiedergegeben. Stürmischer Beifall folgte jeder einzelnen Darbietung. Die Besucher der Toynbee-Halle nahmen Anlaß, vor Beginn des Abends dem verdienstvollen Obmann Herrn Dr. I. S a m u e l y sowie dem Obmann-Stellvertreter Herrn Karl F r e n n d herzliche Ovationen darzubringen. Prag. Universitäts-Dozent Dr. D. Herzog wurde als Landesrabbiner von Steiermark, Kärnten und Krain berufen. Prag-Smichow Wie ein Schmerzensruf durcheilte es dieser Tage die ganze Gemeinde, daß unser allseits hochverehrter und hochgeschätzter Herr Rabbiner die Absicht habe, dem an ihn ergangenen Ruse als Landesrabbiner nach Graz zu folgen. Das wäre für unsere Gemeinde ein geradezu unersetzlicher Verlust, denn abgesehen davon, daß Herr Dozent Dr. Herzog durch seine vorzüglichen Fähigkeiten, seine Pflichten als Rabbiner aufs glänzendste versehen hat, hat er auch durch seinen allseits betätigten Wohltätigkeitssinn, wie durch seine gewinnenden Umgangsformen überall die größten Sympathien sich erworben. Schon einmal gelang es dem Vorstande in einem ähnlichen Falle unseren werten Herrn Rabbiner uns zu erhalten, und wie wir aufs zuverlässigste erfahren, wird auch diesmal der Vorstand kein Mittel, und selbst wenn es ihm durch schwere Opfer möglich wäre, unversucht lassen, unseren Herrn Rabbiner zum Hierverbleiben zu bewegen. Es wäre dies ein Glück für unsere Gemeinde. Wien. Die 24. ordentliche Generalversammlung des Israelitischen Frauen-Wohltätigkeies-Verein für Wieden und Margarethen findet Freitag, den 15. November, um halb 11 Uhr vormittags im Sitzungssaale, V., Wienstraße 12, Hochparterre, statt und wird nach der Generalversammlung, die seit 24 Jahren übliche Winterkleiderverteilung an die bestimmten Schulkinder vorgenommen. Wien. Am 20. Oktober fand hier das Leichenbegängnis des Herrn Moritz T h a l e r, Vater des bekannten Hof- und Gerichtsadvokaten Dr. Eduard T h a l e r, statt. Der Verblichene war ein sehr tüchtiger und stimmbegabter Kantor der alten Schule und amtierte in hervorragenden Gemeinden, darunter viele Jahre in Oedenburg. Seit etwa acht Jahren hat er sich ins Privatleben zurückgezogen. n'2'2k'3‘n Graz. (Rabbi nerwa h l.) Der Kultusrat der israel. Kultusgemeinde hat in seiner Sitzung vom 20. Oktober d. I. den einstimmigen Beschluß gefaßt, für die seit dem Tode Dr. Samuel M ü h s a m s erledigte Rabbinerstelle, den Herrn Rabbiner Dr. David Herzog in Prag- Smichow. Dozenten an der k. k. deutschen Carl Ferdinands-Universität, zum Rabbiner von Steiermark, Kärnten und Krain zu berufen. Stellenveränderungen. Herr Kantor Fried, früher in Klosterneuburg, ist als Oberkantor nach Komotau berufen worden, Herr Kantor M. Recht von Koritschan nach Krenis, und Herr Kantor Krämer von Krems nach Klosterneuburg.