Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 43 (8.11.1907)
- Date
- 1907-11-08
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 48. Die Wahrheit Seite 9. goge gemeint ist, wo allerdings, was die ausgezeichnetsten Rabbiner durch ihre Klagen bezeugen, oft Lärm und Unordnung herrschten, oder, was wahrscheinlicher ist, daß man die eigenen Fehler nur an den Juden wahrnahm und tadelte. Das ist auch heute noch so, denn vielfach sind die an den Juden getadelten Fehler und Mängel auch die Fehler und Mängel ihrer Tadler. Dem sei jedoch wie ihm wolle — daß die hiesige Talmnd- Thora-Schule bei ihrer Gründung vor siebzig Jahren in ihrem Aeußern das Mittelalter noch nicht verleugnete, wird niemand Wunder nehmen. Wenn die damaligen Juden es auch hätten verleugnen wollen, man würde es ihnen nicht erlaubt haben. Ich selbst habe vor mehr als vierzig Jahren die Talmnd-Thora- Schule in einem Hanse in der Sterngasse vorgefunden, das schon lange vom Erdboden verschwunden ist. Es hat kein besseres Los verdient. Dieses etwas hartherzige Urteil gibt einen hinlänglichen Begriff von dem Zustand des Verfalls, in dem sich das Haus befand, und ebenso die Lokalität der Schule, die darin nntergebracht war. Seit damals hatte die Talmnd-Thora-Schule hier auf eigenem Grund und Boden und in eigenem Heim sich ansässig gemacht, aber auch seinem von der staatlichen Aufsichtsbehörde aus hygienischen Gründen geforderten Untergange brauchen wir keine Träne nachzuweinen, umsoweniger, als die Schule nunmehr gleich dem Vogel Phönix ans ihrer eigenen Asche zu einem neuen und schöneren Dasein erstanden ist. Dank vor Allem dem Beistand Gottes. Dank der Unterstützung des verehrten Gemeindevorstandes und Dank der Mnnifizenz zahlreicher großmütiger Spender kann die Schule sich in ihrem neuen Gewände sehen lassen, und sie darf mit einigem Selbstbewußtsein von sich sagen: „Kleider machen Leute". In diesem Gewände braucht sie sich aber auch vor ihrer eigenen Geschichte nicht länger zu schämen. Diese Geschichte, die natürlich weniger von der hiesigen Talmud-Thora-Schule, als im Allgemeinen von der althergebrachten Institution handelt, ist ein altes und itmfangreiches Buch, und darin finden sich neben minder erfreulichen Blättern auch solche von unvergänglichem Glanze. Erzählen uns die einen von dem zeitweiligen Verfall, der bei den in dem Ghetto zusammengepferchten Juden erklärlich und entschuldbar war, so belehren uns die anderen, wie die Inden trotzdem einen lebhaften Sinn auch für die äußere Schönheit von allem, was mit dem Schulwesen zusammenhängt, sich bewahrten. Wir besitzen aus dem 12. Jahrhundert das Testament des vornehmlich als Uebersetzer hochberühmten Spaniers Juda ibn Tibbon, worin er seinen Sohn über die Notwendigkeit einer schönen Handschrift belehrt. Er unterweist ihn über die Buchstaben im Allgemeinen und über einzelne im Besonderen, über ihre Länge oder Kürze, über die Zwischenräume zwischen den einzelnen Buchstaben, über die Linien, auf denen sie stehen, wie über den angemessenen Zustand der Feder, der Tinte und des Papiers. Diese kalligraphischen Belehrungen erschienen dem Vater wichtig genug, sie dem Sohne noch in leinem letzten Willen ans Herz zu legen. Es ist ja auch bekannt, daß viele Handschriften, die wir von Inden besitzen, sowie — nach Erfindung der Buchdruckerkunst — viele aus jüdischen Offizinen hervorgegangenen Drucke zu dem Schönsten gehören, was auf diesem Gebiete überhaupt vorhanden ist. Das ist wohl ein genügendes Zeugnis dafür, daß selbst in den Zeiten des Druckes der Schönheitssinn der Juden nicht unterdrückt werden konnte und daß sie ihn besonders auf dem Gebiete des Schulwesens betätigten. So bemerkt der um die Mitte des 14. Jahrhunderts geborene Spanier Profiat Duran von dem Schulhanse: „Das Schulhaus muß von schöner und gefälliger Form sein. Denn diese regt den Lerneifer an und stärkt außerdem das Gedächtnis, weil das Anschauen schöner Formen und gefälliger Skulpturen! und Bilder das Herz erweitert und belebt und die Geisteskräfte > stärkt." Hoffentlich entspricht unsere Talmud-Thora-Schule in > ihrer jetzigen Gestalt dieser Forderung und wird auch die entsprechende Wirkung ausüben. Nun wollen Sie mir noch einige Worte gestatten über das Innere dieser Schule, über den Geist, der hier gepflegt wird, und über die Ziele, denen die Schule znstrebt. In früheren Zeiten, in denen für Yen Unterricht überhaupt die Religiyn den Mittelpunkt bildete, würde das Unterrichtswesen der Juden selbst von den Christen als mustergiltig anerkannt. So ruft der Laienprediger Sebastian Lotzer um 1523 in dem damaligen Deutsch aus: „Unsere Schüllerer" — er meint die geistlichen Scholastiker des Mittelalters — ..hond bißher gesagt, es sollen sich die layen nit mit den Juden in ein Disputatz geben, dann sy seyen gelert in ihren gsatz, möchten ein etwa überwinden. Ja freilich sind sie giert, sy leren ihr Kint von jngent auf ihr gsatz verstau." Aus diesen Vorzug können wir leider heute keinen Anspruch erheben, denn die Kenntnis der Grundschriften unserer Religion, die früher jeder Jude besaß, ist dem weitaus größten Teile unserer Glaubensgenossen abhanden gekommen. Deshalb ist unsere Talmnd-Thora-Schule bestrebt, diesen Vorzug wieder zu gewinnen, und sie eröffnet ihren Schülern das Verständnis der Bibel und auch des Talmud. Die Schüler werden dadurch in Stand gesetzt, über unsere Religion sich selbst ein Urteil zu bilden und sie im Kampfe des Lebens zu verteidigen. Deitu hier wird nichts verheimlicht und vertuscht, sondern man sagt den Schülern: „Forschet selbst und dann entscheidet, ob ihr später eure Ueberzeugungen für einen irdischen Vorteil verkaufen, ob ihr um den Preis, den leider der Staat selbst auf den Abfall und die Lüge setzt, nach einer Staatsanstellnng trachten, oderlieber, es koste was es wolle, eurer Ueberzeugung treu bleiben wollt." Aber das ist nicht die einzige Aufgabe unserer Anstalt. Sie will aus ihren Schülern nicht blos treue, charakterfeste Inden, sondern auch gebildete Menschen und gute, verläßliche Bürger machen. Daß diese Aufgaben sich vertragen, ja, daß ihre Vereinigung notwendig und heilsam ist, beweist die Geschichte der Inden in Spanien, die Glanzzeit in der Geschichte der Juden in der Diaspora. Maimonides, Gabirol, Jehuda Halevi und viele andere ihresgleichen sind die festesten Stützen unseres Glaubens gewesen und es gibt keinen Juden, welcher Richtung immer, der nicht verehrungsvoll zu diesen Heroen unseres Glaubens aufblickte. Aber auch die allgemeine Kulturgeschichte verzeichnet ihre Namen mit Ehren, denn sie haben die Bildung und Wissenschaft nicht in geringem Maße gefördert. Biele Inden jenes Zeitalters haben durch ihre fruchtbare Uebersetzertätigkeit erst die europäische Gelehrtenwelt mit den philosophischen, medizinischen und naturwissenschaftlichen Ergebnissen des griechischen Altertums bekannt gemacht, und auch ihre eigenen originalen Leistungen haben die verdiente Anerkennung gefunden. Sie liefern also den unwiderleglichen Beweis dafür, daß wir Inden unseren Glauben nicht allein nicht schädigen, sondern auf die wirksamste Weise stützen und zu feiner Erhaltung und Befestigung beitragen, wenn wir im Hinblick auf jene leuchtenden Gestalten und durch die Gefolgschaft, die wir ihnen leisten, unsere Kinder ebenso zu den Quellen der Wissenschaft wie zn denen der Religion führen. Dessen befleißigt sich im Rahmen ihres Lehrprogrammes die Talmud-Thora-Schule. und mit Rücksicht auf diese doppelt verdienstliche Leistung ist kein Wunsch berechtigter, als daß sie sich aus dem prekären Zustande einer Vereinsschule zn einer Gemeindeschule, natürlich unter vollständiger Wahrung ihrer Prinzipien, erheben möge. Der verehrte Gemeindevorstand würde sich mit der Erfüllung dieses Wunsches, wie es in den Psalmen heißt, aus dem Munde der Kinder unsterblichen Ruhm gründen. Auch unsere Stadtvertretung hätte alle Veranlassung, dieser Anstalt ihr Wohlwollen zn beweisen, denn diese Volksschule erspart ihr die Aufgabe, an ihrer Stelle selbst eine zu gründen und zu erhalten. In früheren Zeiten ist denn auch unsere Schule mit Rücksicht auf ihre von der Schulbehörde stets belobten Leistungen von der Stadtvertretung subventioniert wurden. Bei der Strömung aber, von der unsere gegenwärtige Stadtvertretung beherrscht wird, ist in absehbarer Zeit nicht zu erwarten, daß sie dieser Judeuschule. die neben der jüdischen Religion alle Bürgertugenden so eifrig pflegt wie irgend eine andere, die in reichem Maße verdiente Berücksichtigung gewähre. Aber wenden wir uns von dieser Strömung ab und lenken wir unsere Blicke ans jene Anhöhe, wohin ihre Wogen nicht reichen. Auf ihr thront unser erhabener und geliebter Kaiser, dessen landesväterlichem Herzen alle Bürger der Monarchie, welcher Konfession sie angehören mögen, gleich nahe stehen und dessen glorreiches Beispiel dazu beitragen wird, daß auch unter den Bürgern selbst der Geist