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Die Wahrheit · 1907-11-08 · Heft 43 (8.11.1907) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 43 (8.11.1907)
Date
1907-11-08
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8. Die Wahrheit ')h°. 43. bei Trauungen im Stadt- und Leopoldstädter Tempel nach wie vor zur Hälfte der Armen-Änstalt und zur Hälfte dem Bethausvorstande zur Erteilung von Ausstattungsbeiträgen an arme verwaiste Bräute zugewiesen werde. Zur Erhöhung der mit Rücksicht auf die zahlreichen Bewerbungen um solche Ausstattungsbeilräge unzureichenden Dotation des Bethausvorstandes wird bis auf weiteres ein Betrag von K 1000 pro anno, auä Gemeindemitteln votiert. lieber die Einteilung der kantoralen Funktionen bei Trauungen im Stadttempel und bei Leichenbegängnissen entwickelt sich eine eingehende Debatte, deren Fortsetzung jedoch als erster Punkt auf die Tagesordnung der nächsten Plenarsitzung gestellt wird. Nach Erledigung von Steuer- und Stiftungs-Angelegenheiten wird die Sitzung um 2 Uhr nachmittags geschlossen. Die neue Talmnd-Thora-Kchnle i« Wien. Ein anfangs schwer empfundenes Machtwort der Behörden hat wieder einmal die Ausführung eines schönen und segensreichen Werkes beschleunigt, das schon lange Zeit von den maßgebenden Kreisen angestrebt wurde, aber immer auf fast unüberwindliche sinanzielle Hemmnisse stieß. Seit ihrem Bestände war die Wiener Talmud-Thora-Schule, deren Gründung in die finstere Konkordatszeit zurückreicht und die besonders in den sechziger und siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts unter der Leitung des damaligen Oberlehrers Wilhelm L ö w i t einen ausgezeichneten Ruf besaß, in räumlich dürftigen und hygienisch ungenügenden Lokalitäten untergebracht. Das Bedürfnis nach einem geeigneten und würdigen Schulbau wurde von dem jeweiligen Vorstande am Salzgries und in der Sterngasse ebenso empfunden wie in der Malzgasse, aber wie konnte er daran denken, ein neues Haus zu bauen, wenn die Mittel kaum ziw Erhaltung der Schule ausreichten und wiederholt zur Sichernng^res Weiterbestandes derselben an die Großmut der Glaubensbrüder appelliert werden mußte. Erst die äußerste Not brachte die Lösung der Frage, und als die Behörde unter Hinweis auf die völlige Unzulänglichkeit der Schule in baulicher und hygienischer Beziehung mit der Schließung derselben drohte, da spannte der Vorstand alle seine Kräfte an, und mit Hilfe munifizenter Glaubensgenossen und der Wiener Kultusgemeinde ist es gelungen, der Talmud- Thora aus der alten Realität, H. Malzgasse 16, ein neues Heim zu errichten, das sich geradezu als ein Mustertypus eines modernen Schulbaues repräsentiert. Betrachtet man die schmale Gassenftont, wie überhaupt die Figuration des Grundstückes, so hält man es kaum für möglich, daß auf demselben ein Schulgebäude errichtet werden konnte, welches so schöne, lichte und luftige Räume besitzt. Das Schulgebäude besteht aus einem Souterrain, Parterre und drei Stockwerken. Durch einen kleinen Vorgarten gelangt man rechts zum Vestibüle des Schulgebäudes; auf der linken Seite ist eine Durchfahrt zu dem rückwärtigen Trakte hergestellt. Auf diese Weise kann man direkt zu dem im Hochparterre gelegenen Turnsaal und zu dem darunter befindlichen Speisesaal gelangen. Auch im rückwärtigen Hofe ist eine kleine Gartenanlage hergestellt. Ueber eine zweiarmige, breite Treppe gelangt man in die oberen Stockwerke. Im Souterrain befinden sich außer dem Speisesaal eine daran stoßende, geräumige Küche mit Abwaschraum, ferner sind dort die Schulbäder mit Ankleideraum untergebracht; die Wände der Bäder sind komplett mit Kacheln verkleidet. Eine Niederdruckdampfheizung beheizt sämtliche Schulzimmer und Korridore. Im I. und H. Stock befinden sich je vier Schulzimmer, im HL Stock drei Klassenzimmer. Auch sind daselbst Lehrmittel-, Bibliothek»- und Konferenzzimmer untergebracht. In dieser Schule wurde davon Umgang genommen, daß in den Klassenzimmern die Kleider auf Rechen aufgehängt werden, da dieselben im Winter oder bei Regenwetter, wenn dieselben naß werden, für L>ie Hygienie von großem Nachteile wären. Es wurden auf den Korridoren überall mit Drahtgitter seitwärts und oberhalb versehene Garderobekästen in allen Stockwerken für alle Klassenzimmer zur Ausführung , gebracht; alle Klassenzimmer sind mit Patentventilatiouen versehen. .Der-Bau wurde unter der Leitung des Bezirksrates und Stadtbaumeisters Edmund Melcher nach den Plänen des- Architekten Theodor Schreier durch.Stadtbaumeister I. G i e ßkann ausgeführt. Die Baukosten exklusive des Grundes, der bereits Eigentum des Vereines war, belaufen sich auf K 244.000, welche durch freiwillige Spenden zum weitaus größten Teil schon aufgebracht wurden. Die feierliche Einweihung des Schulhauses fand Sonntag,, den 3. d. M., 10 Uhr vormittags, in Anwesenheit der Vertreter der Schul- und Bezirksbehörden, des Präsidenten und des Vorstandes der Wiener Kultnsgemeinde, Delegierter diverser Vereine und zahlreicher Festgäste und des gesamten Vorstandes der Talmud-Thora, die sich im großen Turnsaale versammelt hatten, statt. Nach Vortrag des Nnto^u durch Oberkautor Guttm a u u. der vou dem Chore des Leopoldstädter Tempels - unter Leitung des Chormeisters Professor S u l z e r assistiert wurde,, begrüßte der Vereinsobmann, Herr Markus B o n d i, die Festgäste und dankte allen Jenen, die den Bau und die Einrichtung, der Schule ermöglicht und ihren Fortbestand sichergestellt haben. Hierauf ergriff der Präsident der Kultusgemeinde, Herr Dr. Alfred Ster u, das Wort und erklärte, daß der Kultusvorstand, von der hoben Bedeutung der Talmud-Thora-Schnle durchdrungen, mit größter Bereitwilligkeit die Subvention zum Baue der Schule zur Verfügung gestellt habe und auch in Zukunft sein Möglichstes zur Förderung der Atistalt leisten werde. Den Schlüssel-Ueberreichung durch den Architekten Herrn Theodor Schreier und Bauleiter Herrn Stadtbaumeister Edmund Melcher an den Vereinsvorstand folgte eine Ansprache des Oberlehrer der Anstalt, Herrn Jakob K o h n, und der Dankspruch eines Schülers an den Vorstand und die Förderer der Anstalt. Die weihevollen Klänge des Sulzerffchen „Hallelujah", vorgetragen durch Oberkantor G u t t m a u n und den Leopoldstädter Tempelchor, tönten hierauf durch den Saal und dann hielt Oberrabbiner Dr. G ü d e m a n n folgende Festrede: Hochgeehrte Versammlung 1 Wir verbinden mit der Dankesbezeugung gegen Gott für das Gelingen unseres Werkes die Absicht, unseren Gönnern die Talmud-Thora-Schule in ihrem neuen Gewände zu zeigen. Das Sprichwort „Kleider machen Leute" findet zwar oft gleich ändert! Sprichwörtern eine verkehrte Anwendung, aber es besitzt eine wohlbegründete Berechtigung und diese darf auch auf den Wohnsitz und Aufenthalt der Menschen ausgedehnt werden, was ja durch die modernen Häuserbauten anerkannt wird. Denn das Aeußere ist oft ein Spiegel des Innern, und wie einer gekleidet ist und seine Wohnung hält, danach beurteilt die Welt nicht mit Unrecht seine Sinnesart und seinen Charakter. In der Reihe der Bauten sind es aber wiederum die Schulbauten, die man vorzugsweise in einer den Anforderungen des guten Geschmackes und der Hygiene entsprechenden Weise herzustellen bemüht ist. Das ist nicht immer so gewesen. Wer sich darüber belehren will, wie es in dieser Richtung früher mit den Schulen bestellt war, der braucht nur eine Reise zu machen und er wird in alten Städten mit Staunen wahrnehmen, in welchen Schlupfwinkeln oft die Schulen untergebracht waren. Wer aber für diese Belehrung den bequemeren Weg der Lektüre vorzieht, dem ist die Autobiographie von Thomas und Felix Platter, Vater und Sohn, zu empfehlen, die auch von Gustav Freytag in seine „Bilder aus der deutschen Vergangenheit" ausgenommen ist. Die Schilderung, die Thomas Platter von der berühmten Schule zu Skt. Elisabeth in Breslau entwirft, kann man, wenn man eine empfindliche Haut besitzt, nicht ohne eine gewisse körperliche Reaktion lesen, so lebhaft wimmelt es von Ungeziefer in diesem Berichte, obwohl er schon über dreihundert Jahre alt ist. Man kann sich hiernach eine Vorstellung davon machen, wie im allgemeinen die äußeren Verhältnisse der Schulen in früheren Jahrhunderten beschaffen waren. Es ist kein erfreuliches Bild. Wie unter diesen Umständen gerade die Judenschule eine Zielscheibe des Spottes werden konnte, ist schwer begreiflich, da auch die christlichen Schulen, wenn man Thomas Platter glauben darf, im höchsten Grade verwahrlost waren. Man müßte denn annehmen, daß mit der Judenschule nicht die eigentliche Schule, sondern die Syna-

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