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Die Wahrheit · 1907-11-08 · Heft 43 (8.11.1907) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 43 (8.11.1907)
Date
1907-11-08
Page
– (sequence 4)
Language
German
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ereile 4. Die Wahrheit 'Jcr. 43. stammt. Er erklärte mir im Vertrauen, bafj, er jetzt hie Berechtigung des Ritualmordglaubens gegen die Juden anerkenne, ein Beweis hierfür sei das Urteil gegen Leopold Hilsner. Ich war ungemein überrascht und konnte die Frage nicht unterdrücken. wie ein gebildeter Mensch einen solchen Unsinn glauben könne, besonders wenn er von jüdischen Eltern geboren wurde und er daher wissen müsse, daß er in seinem Elternhause nie ähnliches gesehen oder erfahren hat. Der Professor erwiderte, daß er wohl tatsächlich im Hause seiner Eltern niemals etwas gehört, was den Gebrauch von Christeublut durch Juden bestätigen würde, er glaube jedoch, es müsse unter den Juden eine geheime Sekte bestehen, die an die Verwendung von Christenblut zu rituellen Zwecken glaubt und deren Mitglieder diese Mordtaten begehen. Diese Aeußerung hat mich über alle Maßen interessiert und ich entschloß mich nun, in die Oeffentlichkeit zu treten und gegen den verbrecherischen Unsinn der Ritualmordlüge mit aller Energie anzukämpfen. Ich hatte mir die stenographischen Berichte über den Prozeß Hilsner verschafft und alsbald die krassen Widersprüche derselben herausgefunden. Ich mußte nach gründlichem Studium der Akten zu dem Schlüsse kommen, daß noch niemals und nirgends die Lügenhaftigkeit des Ritualmordmärchens so klar und deutlich erwiesen wurde, wie gerade im Hilsnerprozeß. Ich veröffentlichte hierauf eineBroschüre, deren Ausführungen die Regierung zwangen, die Revision des Prozesses anzuordnen. Der zweite Prozeß hat die Ergebnisse des ersten Prozesses völlig über den Haufen geworfen. Ich bin wegen meines Auftretens in dieser Sache stark verfolgt worden. Ich wurde auch angeklagt und zu einer Geldstrafe verurteilt. Die Wahrheit kann nicht ewig unterliegen. Ich erblicke einen Sieg dieser Idee in der Tatsache, daß das Volk, das mich bei meiner ersten Stellungnahme zur Hilsner-Affaire verdammte, mich später in den Reichsrat gewählt hat." Hoffentlich wird Herr Professor Masaryk es bei seinem Bekenntnis vor einem jüdischen Auditorium nicht bewenden lassen, sondern seiner Ueberzeugung auch im österreichischen Abgeordnetenhause freimütigen Ausdruck leihen, daß an Hilsner ein Justizmord begangen wurde, und im Kreise von gleichgesinnten Männern alles darausetzen, daß endlich diese Schmach von der österreichischen Justiz gelöscht werde. Im Mittelpunkt des' öffentlichen Interesses in Deutschland steht der sensationelle Prozeß H a r d e n-M o l t k e. Unter den Ausführungen, die sich in deutschen Blättern an das vom Schöffengericht gefällte Urteil knüpfen, finden wir die nachfolgenden Betrachtungen der „Mitteilungen des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus" in Berlin besonders zutreffend:. „Wir gehören gewiß nicht zu den frömmelnden Moralisten, die in jeder zutage tretenden abnormen Erscheinung ein Symptom unserer Zeit erblicken und über die Verkommenheit unseres Zeitalters klagen. Wer die Kulturgeschichte kennt, der weiß, daß die Entartung zu allen Zeiten existiert hat und daß wir auch auf dem Gebiete der sexuellen Ethik heute viel höher stehen als das Mittelalter. Wir wissen auch, daß diese perversen Erscheinungen, wie die moderne Psychopathie zur Evidenz bewiesen hat, Krankheiten sind, die weder durch Gesetze noch durch Moralpredigten beseitigt werden können. Wir bedauern es mit jedem Freunde des Vaterlandes, daß die traurigen Dinge, die sich im Prozeß Moltke-Harden so' kraß gezeigt haben, das deutsche Heer in den Augen des Auslandes herabsetzen, und wir wünschen und hoffen, daß hier bald Remedur geschaffen wird. Eins aber müssen wir bemerken, — nicht aus Schadenfreude, sondern zur Charakteristik der wahren Verhältnisse. Unsere Antisemiten und auch unsere vornehm sein wollenden Konservativen pflegen jede sexuelle Entartung zu einer spezifisch jüdischen Erscheinung zu stempelt: und Degeneration upd Judenheit als identische Begriffe zu betrachten. Ja, als Hauptgrund für die Fernhaltüug jüdischer Elemente von der christlichen Gesellschaft, von den Staatsämtern und namentlich vom Dffiziersstand wird immer wieder die „sittliche Minderwertigkeit" des jüdischen Stammes angeführt. In diesem traurigen Prozeß aber hat es sich gezeigt, daß leider auch uilter den höher:: Offizieren und unter den Vertretern des höchsten Adels, wo gewiß kein Tropfe?: jüdischen Blutes fließt, abscheuliche Perversitäten stark vertreten sind. In den Leibregjmentern, wo ein Jude nicht einmal als Einjährig-Freiwilliger angenommen wird, kan:: gewiß von „jüdsscher Verseuchung" picht die Rede sein und es schein:, daß auch der „reinste Germanismus " vor Unsittlichkeit nicht gefeit ist. Kein Vernünftiger und gerechter Mensch wird es 'darum wagen, zu generalisieren und den ganzen Offiziersstand oder den ganzen Adel als pervers zu bezeichnen. Jeder weiß, daß auch hier die Krankheit die Ausnahme und nicht die Regel ist. Man sollte aber endlich in der konservativagrarisch-antisemitischen Presse aufhören, das Judentum als den einzigen Quell aller sozialen und sittlichen Gebrechen auszugeben. Krankheiten und Verbrechen haben weder mit der Rasse, noch mit der Religion etwas zu schaffen, und ihre Bekämpfung dürfte am besten gelingen, wenn man hier jeden Aberglauben und jede Engherzigkeit ausschaltet. * » * Angesichts der häßlichen Schlaglichter, die in dem Prozesse Moltke-Harden auf gewiß judenreine hohe deutsche Offizierskreise geworfen wurden, erscheint es sicherlich unzeitgemäß das Thema von den: verderblichen Einfluß jüdischer Moral auf die deutsche Armee durch die Ernennung jüdischer Offiziere zu erörtern. Aber trotzdem sehen die deutschen Antisemiten wieder einmal das Vaterland in Gefahr, weil sie fürchten, es könnten einige Juden in Deutschland Reserve-Offiziere werden. So läßt sich der „Hammer" von einem „alten Militär' folgendes schreiben: „Daß die antisemitische Rasse für Kriegsdienste untauglich ist, weiß ich aus eigener Erfahrung: ich hatte Juden in meiner Schwadron." Man wird es uns, nach allen bösen Erfahrungen, die wir mit der Wahrheitsliebe des Herausgebers dieser Zeitschrift gemacht haben, nicht verargen, wenn wir nicht ganz sicher sind, ob dieser .alte Militär" nicht sein Lebenlang mehr mit der Redaktionsschere als mit dem Degen kommandiert hat. Aber selbst, wenn es ein wirklicher Offizier wäre, so fällt diese Meinung nicht schwer ins Gewicht gegenüber den hervorragendsten Generälen, die ihren Soldaten ein gutes Zeugnis ausgestellt haben. Eine ganz eigenartige Logik hat dieser Herr jedenfalls, denn er schreibt: „Wenn man sich darauf beruft, daß Italien, Oesterreich und Frankreich seit langem Hebräer im Offiziers-Korps haben, so möge man aber auch die bekannte Korruption im Heerwesen dieser Staaten nicht außer Acht lassen. Wir zweifeln nicht daran, das; mit dem Eintritt der Inden in den Osfiziersstand der Geist dieses Standes eine verhängnisvolle Abwandlung erleiden und der tüchtige, aber weniger bemittelte deutsche Landjunker zur Rolle des Aschenbrödels gegenüber den Söhnen reicher jüdischer Bankiers verurteilt werden würde". Dieser ..alte Militär" wird wohl wissen, daß im russischen Heere keine jüdischen Offiziere vorhanden sind. Wir möchten nun wissen, woher die Korruption in der russischen Armee kommt? Die Türkei nimmt bekanntlich nicht einmal jüdische Soldaten. Wir möchten diesen Herrn fragen, woher denn eigentlich die beispiellose Korruption des osmanischen Heeres kommt. Und wie gering muß dieser Offizier von seinen Kameraden denken, wenn er befürchten kann, daß ein Dutzend jüdischer Offiziere diesen ganzen Lrtand korrumpieren könnte. Unser „alrer Militär" behauptet, daß das Bestreben der Juden, Offiziere zu werden, nicht den: herrischen Temperament, sondern der Eitelkeit entspringt. Das mag bei manchen wohl der Fall sein. Aber ist es nicht mitunter auch bei den christlichen Offizieren der Fall und füllen sie nicht trotzdem ihre Posten aus? In jedem Berufe finden sich Elemente, die andere Motive als innere Neigung dazu geführt haben. Der Offiziersstand macht darin keine Ausnahme. Die Offiziere sind keine Halbgötter Und die Phrase vom „vornehmsten Stand," die eine Beleidigung unserer Gelehrten und Künstler bedeuten, wird heute nur noch von den" Backfischen ernst genommen. Wir wissen nicht, ob Aus? sicht vorhanden ist, daß schon in nächster Zeit mit den al'jssn Vorurteilen gebrochen wird. Zu wünschen gber wäre es, im Interesse des Vaterlandes und seiner Verteidigung, daß der deutsche Offizierstand durch den Zuzug bürgerlscher Elemente eipss Auffrischung und Neubelebuyg erlffngt. Und zp wünschen wäre auch ferner im Interesse Deutschlands und im Sinne seiner

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