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Die Wahrheit · 1907-11-08 · Heft 43 (8.11.1907) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 43 (8.11.1907)
Date
1907-11-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
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akrcheit Redaktion u. Slbmintftratiou: Wien. 11/, NovaragassL *27. Televv»» Sir. der Drnck-r-i Unabhängige Aeiischrift für Mische Rerngsrnlet»: Auuziährig ... ff. u.— Halbjähri« . . ff. 7 — 15302. Jlnrerati- Interessen. _ Für CultuSbeuinte: Die viermal geshaltene Nonvareille-Zeile 25 Heller. SlboniiemciilSii. Jttieruoiis. '«iiiniiibvii} . . . ff. io Erscheint jeden Kreitag. | Für Ausland: betrage sind in Wie» zahlbar «r»»»ziährig ... 3 'jjluvf und klagbar. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ 6 Rubel oder >6 FcS. . 43 Wien. 8. November m>7. Anhalt: Aus der Woche. — Erklärung. — Aus der Wiener Kultus gemeinde. — Die neue Talmud-Thora-Schule in Wien. — Leo Veigelsberg. — Verschiedene Nachrichten. — Literatur. — Feuilleton: Versöhnte Feinde. Ans der Woche. Die vor wenigen Tagen erfolgte Ernennung von vier j jüdischen Dozenten, Dr. Benjamin Gomperz (Ohrenheilkunde),! Primarius Dr. Julius Schnitzler, (Chirurgie), Dr. Arthur! Klein (interne Medizin), Dr. Ludwig Mandl (Gynäkologie), l zu außerordentlichen Professoren an der medizinischen Fakultät 1 der Wiener Universität, hat den antisemitischen Blättern wieder einmal willkommenen Anlaß geboten, das beliebte Thema von j der Verjndung der Wissenschaft und besonders der Wiener- Universität anzuschlagen, wobei sie natürlich in ihrer bekannten Wahrheitsliebe und, um stärker auftragen zu können, drei gleichzeitig ernannte Professoren, die schon längst dem Judentum den Rücken gekehrt haben, ans das Konto des Judentums setzen. Die Tatsache ist allerdings erfreulich, daß die Regierung bei Ernennung von Universitätsprofessoren keinen Unterschied zwischen getauften und ungetansten Inden macht, aber wir erblicken hierin noch keinen Beweis, daß mit der bisher geübten Praxis bei Beförderungen im Staatsdienste nicht nur die Qualität, sondern auch das Glaubensbekenntnis der Beamten in Erwägung zu ziehen, endlich einmal gebrochen worden sei. Das müßte erst durch Ernennung von Juden zu Auskultanten, Gerichtsadjunkten rc., sowie überhaupt durch Berücksichtigung derselben in den unteren und mittleren Rangklässen des Staatsdienstes bewiesen werden. Um die Großen war uns niemals bange. Hervorragende Talente und wissenschaftliche Bedeutsamkeit werden immer ihren Weg machen, aber nach wie vor drückt uns die bange Sorge um die zahlreichen kleinen jüdischen Existenzen, denen besonders im Staatsdienste nur ihres Glaubens wegen ein Vorwärtsstreben unmöglich gemacht wird. Hier müssen die jüdischen Abgeordneten einsetzen, um dem Prinzipe der Gleichberechtigung Geltung zu verschaffen. Und vielleicht ist der gegenwärtige Augenblick, wo sämtliche politische Parteien gegenüber dem Bestreben der Regierung, den Ausgleich in Sicherheit zu bringen, sich auf den Boden der Postulatenpolitik stellen, auch hiefür besonders geeignet. * Der bekannte czechische Gelehrte und Reichsratsabgeordnete Professor Masaryk hat anläßlich seines jüngsten Besuches in Amerika auf Einladung des Verbandes galizischer und Bukowinaer Juden in New-Aork einen Vortrag gehalten, den er mit folgendem Rückblick aus die Hilsner-Affäre schloß: „Ein tiefes Dankbarkeitsgefühl erfaßt mich in diesem Augenblicke für die große Ehre, die Sie mir erwiesen, aber ich lege Gewicht darauf, Ihnen zu erklären, daß ich mich nicht als Märtyrer fühle; ich habe nur das getan, was mir zu tun mein Menschlichkeitsgefühl diktier: hat und was zu tun meine menschliche Pflicht war. Ich will mich nicht besser geben, als ich bin und ich bekenne hier offen und freimütig, daß es eine Zeit gegeben hat, da ich selbst daran glaubte, daß die Juden zu ihrem Opferfeste Christenblnt brauchen. Zu meiner Entschuldigung bemerke ich, daß ich damals noch ein Kind war. Ich habe damals so sehr an diesen Irrwahn geglaubt, daß ich in der Schule verstohlenen Blickes die Kleider meiner jüdischen Schulkameraden musterte, ob sie nicht blutbefleckt seien. Ich habe daran geglaubt, weil meine Mutter, die eine! strenggläubige, fromme Christin war. mir davon erzählt hat,! und sie selbst glaubte auch nur deshalb daran, weil ihr von! anderen Christen dieser Irrglaube beigebracht wurde. Als ich älter wurde, da geschah es, daß meine christlichen Kollegen einen! jüdischen Schulgenoffen verhöhnten und mißhandelten, weil er! abseits stand und mit dem Gebetriemen an Arm und Stirne,! leise betete. Auch ich habe mich an dieser Mißhandlung beteiligt. - Der junge Mann kümmerte sich aber nicht um den Hohn und Spott seiner christlichen Stndiengenossen, er verrichtete sein Gebet ruhig weiter, bis er damit zu Ende war. An diesem Tage begann ich über Juden und Judentum nachzudenken, den psycho-; logischen Regungen dieses Volkes nachzugehen und von diesem ' Tage öit ist auch allmälig eine Aenderung meiner Gesinnung den Juden gegenüber eingetreten. Als Leopold Hilsner wegen Mordverdachtes verhaftet und; unter Anklage gestellt wurde, interessierte mich die Sache herzlich ' wenig, ich habe kaum was von der Sache in den Zeitungen gelesen. Einige Monate später jedoch, ich befand mich gerade! auf einer Ferienreise, erhielt ich von einem meiner gewesenen Schüler, einem Journalisten, einen Brief, in welchem er mir j mitteilte, daß Hilsner im Sinne der Anklage verurteilt worden l sei, ein Christenmädchen ermordet zu haben, um dessen Blut i den Juden zu rituellen Zwecken für die jüdischen Osterfeiertage I zu liefern. Der Journalist bat um meine Meinung. Ich antwortete meinem Schüler kurz und bündig, was er - mir mitteile, sei einfach unmöglich, das Gericht hat in diesem Falle ein ungerechtes Urteil gefällt. Der Journalist veröffentlichte meinen Brief mit meiner Erlaubnis in der „Neuen Freien Presse." Jetzt fielen die Antisemiten über'mich her, überhäuften! mich mit Schmähungen, wie ich dazu käme, mich in diese Affäre zu mengen, gegen das Gericht Stellung zu nehmen und dergleichen mehr. Ich ließ mich von alledem nicht beirren. Mittlerweile begegnete ich einem meiner Freunde, der ebenfalls Universitätsprofessor ist und von jüdischen Eltern

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