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Die Wahrheit · 1907-11-01 · Heft 42 (1.11.1907) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 42 (1.11.1907)
Date
1907-11-01
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. Die Wahrheit Nr. 42. furchtbare Unterbrechung erfahren hatte, wieder herzustellen; er sollte weitere Ausschreitungen gegen die Juden verhüten, die Ursache des Pogroms zu ergründen suchen und Vorschläge zu einer Abänderung der Gesetzgebung über die Juden unterbreiten. Im übrigen verzichtete Plehwe darauf, ihm irgend welche Direktiven mitzuteilen; nur eines sagte er ihm zum Abschied: „Bitte, etwas weniger Reden und sentimentale Judenfreundschaft." Die Mahnung hat wenig gefruchtet. Urussow hat in Kischinew viel und oft gesprochen und durch sein taktvolles Eingreifen jederlei Ausschreitungen während seiner Tätigkeit als Gouverneur glücklich hintangehalten; und er hat nicht nur, wo es nötig war, zu Juden gesprochen, er hat ihnen auch zugehört und sie vor dem Schlimmsten geschützt. Von ihm gilt, was er vom Staatsanwalt W. N. Goremykin sagt: „Er war eigentlich gar kein Judenfreund, sondern einfach ein verständiger und gebildeter Mann, dem das Gefühl des Hasses und der Unduldsamkeit gegen alle nichtrussischen Nationalitäten abging. Bekanntlich bringen aber gerade diese Eigenschaften bei uns in den Ruf eines Judenfreundes." Dafür nannten ihn denn auch die Organe der echt russischen Leute nie anders als „Judenknecht" und Schabbesgoj." Sein Vorgänger, General Raaben, faßte, wie soviele Gouverneure, seine Stellung als Sinekure auf; er empfing am Vormittag einige Referenten und Bittsteller und hatte es sich zum unerschütterlichen Prinzip gemacht, am Nachmittag nie zu arbeiten; dieser und der Abend gehörten den Karten, der Gesellschaft und einer „gelben Dame", die in der Gesellschaft eine halboffizielle Stellung einnahm und beim Polizeimeister, „einem ungewöhnlich dummen und faulen Kosaken-Stabsosfizier" wohnte. Urussow erklärt auf das allerbestimmteste, daß Raaben au der Inszenierung des Pogroms keinerlei Anteil hatte, und erklärte auch den Brief, durch den Plehwe den Gouverneur zur Duldung des Massakers aufgefordert haben soll, für apokryph. Diesem musterhaften Gouverneur, der lebhaft an den Fürsten Schtscherbatow erinnert, von dem Plehwe selbst erzählte, daß er in seiner dreijährigen Tätigkeit als Gouverneur sämtliche Pakete aus dem Ministerium mit der Aufschrift „Geheim, eigenhändig!" uneröffnet ließ, stand eine würdige Beamtenschar znr Seite. Der Vizegouverneur Ustrugow betrieb die Verfolgung von Juden „geradezu künstlerisch".. Für die unteren Beamten war natürlich dieser Vizegouverneur ein wahrer Schatz. Denn er steigerte die Möglichkeit der Schröpfung der jüdischen Bevölkerung ins Maßlose. Urussow erklärt mit trüber Resignation, daß er keine Mittel gefunden habe — auch nach der Entlassung dieses Vizegouverneurs — die Korruption einzudämmen; nach seiner Schätzung bezog die Polizei in Bessarabien jährlich eine Million Rubel an „Sporteln". Aber er darf mit Recht diese Summe bescheiden nennen, denn das Ministerium des Innern hat ermittelt, daß die Polizeibeamten in St. Petersburg alle Jahre nicht weniger als sechs Millionen Rubel einnehmen, nur dafür, daß sie den gesetzlichen Wünschen der Bevölkerung Nachkommen; was ihnen aber für die Überschreitung der Gesetze zufließt, hat sich nicht eruieren lassen. Und auch Urussow pflichtet der oft geäußerten Anschauung bei, daß einer der wesentlichen Gründe, aus denen sich ein großer Teil der Tschinowniks der Aufhebung der Judengesetze widersetzt, die Angst ist, eine solch reiche Einnahmequelle zu verlieren. Die wenigen anständigen Beamten sind diesem Zustand gegenüber machtlos. Die zahllosen Verfügungen gegen die Juden und ihre Klagen und Rekurse absorbieren die ganze Arbeitszeit der Polizeibehörden der Gouvernements, in denen Juden Wohnrecht haben; und wer in diesen ewigen Prozessen nicht ein einträgliches Geschäft sieht, lernt gar bald den Juden hassen, der ihn all dieser Plackerei Verschiedene Nachrichten. Wien. Freitag-Abend Predigt im Stadttempel. Wien. (Die Wiener jüdische Toynbee-Halle.) Der Eröffnungsabend der diesjährigen Bortragssaison der Wiener jüdischen Toynbee-Halle findet in Form einer Gedenkfeier für den dahingeschiedenen Komponisten Ignaz Brüll Sonntag, den 3. November d. I. um 7 Uhr abends in den Vereinsränmen, XL. Othmargasse 46, statt. Das Konzertprogramm des Abends wird von den Herren Brüdern Specht und der Klaviervirtuosin Fräulein Vera S ch a p i r a bestritten. Das Vortragsprogramm für die nächste Wocbe wurde wie folgt festgesetzt: Montag, den 4. Nov., Rabb. Dr. I. M. Bach: „Die Entwicklung der Volksschule beiden Inden". Dienstag, den 5. Nov., Sekretär Guido Fuchs gelb: „Wien einst und jetzt". Mittwoch, den 6. Nov., Mitglied der Aerztekammer, Dr. Heinrich Grün: „Die Entwicklung der Heilkunde und des Kurpsuschertums". Donnerstag, den 7. Nov., Dr. I. S a m u e l y : „Die Lösung der Judenfrage". (Ergebnisse einer Rundfrage). Freitag, den 8. Nov., „Bibelvortrag", Herr Rel.-Lehrer H. Löw-Vogel. Samstag, den 9. Nov., „Konzert", arrangiert von der Gesangsineisterin Frau Else Freund- Funk. Sonnrag, den 10. Nov., Rabb. Dr. M. Rose n m a n n : „Das spanische Marannentum, seine Entstehung und sein Schicksal". Die Vorträge beginnen an Wochentagen 1/28 Uhr, Samstag, sowie an Sonn- und Feiertagen um 7 Uhr abends. Der Eintritt ist für jeden Erwachsenen frei. Anmeldungen von Vorträgen und Mitwirkungen bet Konzerten wolle man au den Obmann, Herrn Dr. I. Samuely, I. Fischerstiege 6, gelangen lassen, an welchen auch Mitglieder-Anmeldungen und Spenden für diese ethisch-humanitäre Institution erbeten werden. Wien. Das vom Kaiser Fra uz Josef-Ferienheim Samstag, den 27. Oktober, im Kursalon veranstalte Herb stu n d W e l n l e s e - F e st erzielte in gesellschaftlicher und materieller Beziehung einen glänzenden Erfolg und die Vorstandsdamen, mit der Präsidentin Frau Professor Sophie Grünfeld an der Spitze, hatten wirklich viel Gelungenes geboten, um ihren zahlreich erschienenen Gästen vortreffliches Amüsement zu bereiten, und auch reiche Gelegenheit gegeben, dem wohltätigen Zwecke ein Scherslein zu widmen. Ans der Tribüne des großen Saales, dessen Mitte ein gut besuchtes Kaffeehaus einnahm, war eine Mostprcffe errichtet, die starken Zulauf hatte. Eine hübsche Auslese von Mädchen im Kostüm von Winzerinnen hatte hier in der Weinstube „Zur Loreley", die Frau Dr. Sachs und Frau Dozent Dr. Nobel leiteten^ alle Hände voll zu tun. Unter ihnen sah man auch Fräulein R o n a vom Josefstädter Theater. In einem Blumenzelt, das mit herrlichen Rosen geschmückt war, konkurrierten Fräulein Nelly Fuchs, Frau A n g e l i, Fräulein Mela Türkei, Fräulein Lola S ü ß e r m a n n und Fräulein Martha Blatt mit dem Fächerstand, in dem Frau Ingenieur Elsa K a r e i s, Frau Ingenieur Mela Klauber und die Fräulein Lucie M a y b a u m und Else G r ü n f e l d den Verkauf inne hatten. Lustig und bewegt ging es vor dem Champagnerpavillon zu, in dem Frau Dr. Gisa Rappaport, Frau Risa Nell. Frau Rosa Weiß, Fräulein Else Weiß, Fräulein Gerda Walde und Frau Emmy Helle r- Nenberger und Fräulein Libowitz den Schaumwein kredenzten. Im Amerika» Bar wirkten die Damen Charlotte P o l l a k, Dr. Ella R e g e n st r e i f, Sophie Schlesinger und Helene Hahn, im Heim für Antialkoholiker machten Frau Emma Fr i ts ch, Frau Prager, Frau R. Strauß und die Fräulein Rosa Adler, Emmy v. C h i z z o l a, Mimi Eckert. Alice H a r t a und Lilly H e ß l die Honneurs. Einen viel umlagerten Obststand leitete Frau G e st r i n g im Kostüm der Frau Sopherl vom Naschmarkt. Im kleinen Saale gab es eine Tokayer Weinstube. in der Frau P a p p e n h e i m, Frau Professor P r e ch t l e r, Frau Mella Mars und Fräulein Merzinger zahlreiche Gäste empfingen. Außer leiblichen Genüssen wurde auch künstlerische Unterhaltung geboten. Am Nachmittag produzierten sich im großen Saal die Violinvirtuosin Fräulein Heddy K o r n g e l b. die kleinen Schwestern S t e i n l e i n vom Hofopernballet und der Zauberkünstler M a r s ch a l l. Abends hatte im kleinen Saal das Dionysos-Kabarett stürmischen Andrang. Das reiche Programm enthielt Vorträge des Klaviervirtuosen Roderich Baß, von Lucie König und Jacques Berger aus der „Hölle". Else S a r t o vom „Intimen Theater", Josef G u t m a y e r, Direktor der Schauspielschule Otto, Ellen Jseuta vom „Kleinen Schauspielhaus", Max Pallenberg vom Theater in der Josefstadt, Gerda Walde und dem Violinvirtuosen M e l l i o n. Um Mitternacht noch wurde in allen Räumen des Kursalons getanzt. Um die Ausschmückung der Säle hatte sich Oberinspizient Fried der Hofoper, um die artistische Leitung Herr K u l l a verdient gemacht. Wien. Sonntag, den 3. November, präzise 10 Uhr vormittags, findet die Eröffnungsfeier des neuerbanten Schulhauses des Wiener Talmud- Thora-Vereines, IL, Malzgasse 16, statt. Wien. (Lese- und Redehalle j ü d. H o ch s ch ü l e r i n W i e n.) Die in der Plenarversammlung vom 19. Oktober l. I. stattgefundene Ausschußwahl hatte folgendes Ergebnis: Präses: med. Albert Baum; I. Vizepräses: cand. iur. Felix Winterstein; IL Vizepräses : pML. Hermann Rosenberg; I. Schriftführer: phil. Karl Teller; II. Schriftführer: phil. Jos. Körner; I. Kassier: iur. Robert Beer; II. Kassier: cand. mech. Alfred Lampl; Bibliothekar: phil. Hugo Stern; Zeitungsverweser: techn. Alfred Sander; Hausverweser : techn. Ignaz Garsein. — Montag, den 4. November, 1li8 Uhr abends, findet in unseren Räumen, Grünetorgasse 34, ein Vortrag des Kollegen M. W a l d m a n n : „U e b e r den VIII. Kongreß" statt. Gäste herzlich willkommen. Baden. Auf Anordnung des Kultuspräsidenten Herrn Moriz L e i t n e r verrichtete Herr Rabbiner W. Reich am verflossenen Samstag im Tempel der Kultusgemeinde beim Hauptgottesdienste am Vormittag vor offener Bundeslade ein besonderes Gebet für die Genesung Seiner Majestät des Kaisers. Hamburg. (Hamburg-Amerika-Linie.) Die nächsten Abfahrt?» von Post- und Passagierdampfern finden statt: Nach N e wyork: Die Postdampser: Pretoria 2./11., Patricia 9./11., Kaiserin Auguste Victoria 14./11., President Lincoln 16./11., Blücher 21./11., Gras Waldersee 23./11., Amerika 28./11. Nach Boston: Postdampser Badenia 5./11. Nach Baltimore: Postdampser Badenia 5./11. Nach Philadelphia: Postdampser Barcelona 8./11. Nach Neworleans: Postdampfer Pontos 5./11. Nach Ostasien: Die Postdampser: Habsburg 10./11., Ambria 15./11., Saxonia 20./11., Sambia 30./11.

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