Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 42 (1.11.1907)
- Date
- 1907-11-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Oesterr.-ungar. Kantoren -Zeitung. Im Interesse der Erhaltung des Fachblattes werden die geehrten Herren Kantoren dringendst ersucht, den Abonnementsbetrag sür das am 1. Oktober begonnene 4. Quartal einzusenden. Das Machsor. Unter dieser Ueberschrift habe ich vor vielen Jahren in der „Kautoren-Zeitung" auf die in dem Machsor sich vorfindenden Fehler aufmerksam gemacht. Ich warnte die Kantoren uor dieser Klippe, die für sie verhängnisvoll werden könnte. Denn' selbst im Gotteshause mit geregeltem Gottesdienste halten die Büchgelehrten mit ihren korrigierenden Zwischenrufen nicht zurück, welche große Verwirrung zur Folge haben. Vergebens beruft sich der Kantor zu seiner Rechtfertigung auf das Machsor. Die Gelehrten machen ihm aber den Vorwurf, daß er die Quellen der Liturgik 30 Tage vor dem Feste hätte studieren sollen. Ein solcher Irrtum, der sich sogar in den großen Tempelmachsorim vorfiudet, fiel mir beim letzten Feste auf. Wenn nämlich Schemini Azereth ans einen Samstag fällt, beginnt man beim Vorlesen aus der Thora mit Aster, sonst aber mit Kol-Habechor. Nach Orach Chaim, Kp. 669, hingegen liest man immer Aster, weil das Snkkothfest eine Zeit der Spenden ist. So ist auch der Brauch in den meisten Gemeinden. Gegen O. CH. Kp. 131 ist im Schmiedscheu Sidur angemerkt, daß mau von Erew Jomkippur bis nach Jsru Chag Sukkoth kein Tachannn sagt. Allerdings führt pen-lietew auch die Ansicht an, nach welcher man während des restlichen Monates Tischri wegen der in ihm fallenden Feste, und um mit Freuden zu schließen, kein Tachanun sagen soll, also auch nach Jsru-Chag. Und auf den Minhag kommt es hauptsächlich an. Im Listaer Sidur wird bemerkt, daß nur am Sabbath in der Sefira sagt man selbst nach Einsegnung des Neumondes das L'Lrnin ^rr. Bei uns ist der Brauch, es auch in den drei Wochen, selbst nach der Einsegnung des Neumondes, zu sagen. Es fehlt uns eben ein Handbuch, in dem die Riten endgiltig verzeichnet erscheinen und nicht von Bräuchen abhängig gemacht werden. Die Vorschriften für die Trauernden im Gotteshause, die gegenwärtig zu vielen Kontroversen Anlaß geben, müßten in diesem bestimmt werden. Denn bloß über Avelus werden in neuerer Zeit noch Fragen gestellt iiam pi bsta bxz" bssr (II. Sam. 20. 19) und damit ist man fertig. Fr. Gr. |)uül’ilmtioucii dos öfterv.-img. JumtoieiN'Bercüieg. 21Tit Rücksicht auf die für die Vereiusgebahruug bedrohliche Häufung von Rückständen werden die p. T. Vereinsinitglieder hiermit ersucht, die rückständigen und laufenden Pflicht- und UUtgliederbeiträge (2 Kronen pro Quartal) an den Vereinskassier, Herrn I. Kantor 5. Iurberger, II. Tempelgasse 3 einzuschicken. Im Falle der Nichteinhaltung der statutarischen Einzahlungen seitens der Mitglieder wird der Vorstand gezwungen sein, genau nach den Bestimmungen der Statuten vorzugehen. Der söhnte Keinde. Bon Babette Fried. (Fortsetzung.) „Mutter, ich fürchte mich so sehr," sagte Anna, „ich möchte lieber das Fenster schließen!" ..Laß es noch eine Weile offen, Kind, es ist so angenehm hier. Und warum eigentlich fürchten? Hast Du nicht soeben gebetet: ,Der Fromme sprosset gleich der Palme, stehet fest da wie die Zeder des Libanon si Und Dein Vater ist gewiß der frömmsten Einer, was hätte er, was fein Weib und Kind zu befürchten? Doch ich begreife und verzeihe Deine Schwermut. Das Unglück unseres teuren Vaterlandes betrübt und ängstigt auch Dich. Der Anblick, der Dir heute Nachmittag ward, hat Dich aufgeregt und beunruhigt. Trachte Dich zu beruhigen, mein Kind, bevor der Vater mit den Kindern aus Schul kommt. Du weißt, wie lieb ihm ein gemütlicher Freitag Abend ist, der einzige Abend der Woche, den er, ohne von Berufsarbeit gestört zu sein, in seinem Familienkreise verlebt. Nach Tisch siirgen wir dann Semiros und gehen schlafen, und im Schlafe geht bekanntlich alles Böse hinweg, besonders aber das eingebildete Böse,-wie Deine heutige Angst es ist." Der Vater kam nach Hause, mißmutig, aufgeregt, nicht in seiner Sabbatlaune. „Auch Du, Brutus!" rief ihm die Hausfrau mit erzwungenem Lachen zu. „Was ficht Euch an, am Sabbat eine solche Jammermiene anzustecken? Man kann sich ja geradezu vor Euch fürchten!" „Spotte nur, liebes Weib, aber verstehe mich auch. Betrübt durch die unheilvollen Nachrichten, die uns heute wurden, besorgt, wie sich die Zukunft für uns gestalten werde, wenn der Feind, wie es stündlich zu erwarten ist, hier einrückt, ging ich in Schul, wo mich aber keine Feststimmung überkommen wollte. Sonst, wenn der Chase» das Lechoh dodi anstimmte, kam mir immer die Erinnerrmg an jene unvergeßliche Zeit, wo ich, der Rabbinatskandidai, Dir, meiner verlobten Braut, bis weit vor das Tor entgegen ging, wenn Du mit Deiner seligen Mutter mit dem Stellwagen nach Prag kamst, um Deine daselbst lebenden Großeltern zu besuchen, und ich mich darauf freute, einen glücklichen Tag in Deiner Nähe verweilen zu dürfen. Das Gefühl bei der Ankunft des Sabbat verglich ich gewöhnlich mit dem damaligen. Heute durchfuhren ganz andere Gedanken meinen Geist. Ich dachte jener unglücklichen Bräute, welche vergebens der Rückkehr ihrer Verlobten harren, die hinausgezogen mit andern tapferen Kriegern und vielleicht niemals wiederkommen, oder was noch schlimmer ist, womöglich als Krüppel, sich und den Ihren zur Last. Dabei dachte ich auch an unseren Freund, den Vorsteher Herrmann, dessen einziger Sohn auch ins Feld dem Feinde gegenüber gezogen ist. Unwillkürlich blickte ich auf den Platz mir gegenüber hin, den Herrmann sonst einzunehmen pflegte. Der Platz war leer, Herrmann war nicht in Schul. DaS macht mich unruhig. Ich" konnte daS Ende des -GotteS- : diensteS kaum erwarten, llm den SchameS nach dem Verbleib j des Vorstehers zu befragen. Derselbe wußte mir bloß daS Eine - anzugeben, daß Herrmann den ganzen Nachmittag auf dem Platze mit der Bewirtung der durchziehenden Soldaten beschäftigt war und des Abends mit seiner Rosa nach Hanse ging. Gleich : nach Tisch gehe ich hin. um die Ursache des ungewöhnlichen; Ausbleibens des Vorstehers vom Abendgottesdienste zu erfahren."! „Nimm mich mit," flehte Anna, „die Rosa würde sich i mit mir freuen." j „Du bleibst bei der Mutter hübsch zuhause, oder noch! besser, Du gehst mit ihr schlafen, denn es ist schon ziemlich; spät, ich selber werde mich nicht lange bei meinem Freunde j aufhalten." | Und er ging fort. Was er dort erfahren, war nicht dari nach, seine Verstimmung zu verscheuchen. Mehr noch fast als i die Nachricht von dem mutmaßlichen Tode seines Paten, des i jungen Herrmann, hatte ihn die Art und Weise aufgeregt, wie! der unglückliche Vater diese Trauerbotschaft ausgenommen hatte. > Er versuchte wohl zu trösten, den Verzweifelnden an seine Pflicht i gegen sich und sein ihm gebliebenes Kind, dessen einzige Stütze j er nun sei, zu mahnen, doch umsonst! „Mein Sohn, mein Sohn, ich werde mit Trauer um Dich in die Grube fahren!" war alles, was der Bedauernswerte antworten konnte.! Die auffallend gefaßte, ruhige Rosa erzählte ihrem alten Freunde und Lehrer, mit welcher Zuversicht sie das Fehlen des Bildes in der Kapsel erfülle. Der Rabbiner schüttelte wohl ungläubig das Haupt, fand es aber nicht angezeigt, jetzt einen Zweifel auszusprechen, und knüpfte an diese Zuversicht Rosas einen anderen, einer alten Legende entnommenen Hoffnungsstrahl. (Fortsetzung folgt.)