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Die Wahrheit · 1907-11-01 · Heft 42 (1.11.1907) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 42 (1.11.1907)
Date
1907-11-01
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 42. Die Wahrheit Leite 9. beschleicht und anheimelt. Kein zynischer Stnmpssinn darf uns dies jemals verkümmern. Die Chewra Kadischa ist an und für sich ein lebendiges Programm, unwandelbar und nnverwandelt in der Flucht der Jahrhunderte und all sein reicher Inhalt klingt ans in einem Worte: Nächstenliebe". Uns ziert der auszeichnende Name: der ..heilige Verein", dem hohen Namen m ü s s e 11 wir entsprechen, ein Kult sei unser Dienst, ein Kult, gegründet auf Mitleid, erbaut auf Barmherzigkeit und gekrönt mit Duldsamkeit' denn düster und ernst ist dieser Dienst, wir haben es mit der t r a u r i g st e n Trinität des Daseins zu tun, mit A r m u t, Krankheit und Tod. Wir üben nicht die nüchterne Verwaltungspraxis profaner Verwaltnngsinstitntionen, die alle sich nur dem lichten Leben angeloben, uns aber führt die Pflicht den gewaltigen schweren Schritt weiter, wo alles Leben scheu zurück weicht vor der grausen Majestät des Todes — da tritt der heilige Verein in seinen heiligen Dienst. Die Meistergießer grauer Zeiten schmückten die Glocken mit einem sinnigen Weisheitsspruche: Vivos voco, mortuos plango, fulgura frango. Die Lebenden rufe ich, die Todten beklage ich, die Blitze breche ich. Wir haben keine Glocken, aber den Spruch möchte ich auf den Giebel dieses Hauses setzen, als bedeutsamen Wahrspruch, enthält er doch den ganzen Inhalt \ unseres Wesens, die Signatur von unserem ganzen Sein! Dies unser Haus ruft laut hinaus sein Vivos voco. Kommt her zu uns, Ihr Lebenden, die Ihr siech seid und krank, wir haben Euch Obdach und Heilung bereitet und wir bauen ein Haus für jene U n st e t i g e n, die zweifach Elenden, hoffnungslos, n n r e t t b a r, n n h e i l ba r dem dunklen Lose verfallen; ein Asyl sei es für sie, ein Schutz für äußere Unbill; wir wollen sie hegen, ihre Schmerzen lindern und durch trostreichen Zuspruch sie vor Verzweiflung retten! Kommt auch Ihr zu uns. die Ihr im Dunkel des Daseins nächtig herumirrt, dies unser Hans leuchtet Euch entgegen und lenket zu uns Eure Schritte, hier warten Brüder, treue, warme, die helfen wollen — so weit sie können! — Dann tönt dies Hans sein banges: Norbuos plango. — „Kommt auch Ihr zu uns, Ihr S chw ergebe u g t e u, Ihr L e i d g e t r o f f e n e n, wir wollen Eure Todten begraben, ihnen den letzten Dienst erweisen, wir wollen mit Euch sein in den ernsten verlassenen Stunden, Euch geleiten bei dem schweren Gange und den Hartbedrängten erste Hilfe reichen; denn leicht erliegt des Menschen Kraft doppeltem Ansturm äußerer Not und inneren Grames. Man sagt, daß die Muscheln des Meeres, auch wenn sie Wind und Wetter weit landeinwärts getragen und zerstreut haben, stets mitsausen und mitsnmmen, wenn ein Orkan die Fluten des fernen Ozean peitscht. Ein seltsam Natnrspiel, uns aber steht es nahe, wir sind im gleichen Falle, wir, als die iveltzerstreuten Brüder unseres Stammes, haben wir nicht Aehnliches an uns erfahren seit Anbeginn bis heute? Drohendes Ge wölke steigt auf, wahnwitziger V e r f o l g u n g s st n r m fährt b l i n d w ü t h e n d in die Häuser der Preisgegebenen, und sei es in weitester Ferne, erwacht nicht da mit Eins der geheimnisvolle Zug der Zusammengehörigkeit, der in uns liegt seit Jahrtausenden, der sich fortpflanzt von Vater ans Sohn, von Geschlecht zu Geschlecht, daß wir mitfühlen, mitleiden, daß es in uns sauset und brauset und das Herz erzittert im Leibe; dann erheben sich selbst jene, die das Geschick fortgeführt hat von uns in andere Wege, die verlorene Muschel selbst kann sich des Wehes nicht entschlagen und leidet mitergrifsen; dann wächst vor uns dies Haus symbolisch auf zu jenem großen Hanse Israel, das alte Wunder erneuert sich, die Schwachen werden stark in der Stunde der Prüfung, fester schließt sich Mann zu Mann, aus dem erkalteten Ascheuhaufen der Bruderliebe schlagen neue Flammen, der alte Goitesglaube wird lebendig, der Helfer lebt, der stets geholfen in Feindesnot und von dem Gipfel unseres Hauses winkt uns wie Trost sein mächtiges Wort: Fulgura frango! I ch breche die Blitze! Geehrte Generalversammlung! Sie verzeihen mir, wenn ich in der Weihe des Augenblickes den kühlen Boden der Wirklichkeit nur wenig betrete, morgen schon stelle ich mich in den disziplinierten Dienst des Tages und der erwogenen Arbeit. Diese Stunde aber gehört der Empstndung, der Empfindung, die mich durchzieht und die sicherlich hellen Nachklang flndet in Ihrer Seele. Und aus dieser Stimmung heraus richte ich an Sie die Bitte: Bleiben Sie wie bisher der Chewra Kadischa getreue Hüter und Helfer, nie mag ein Mißton unseren Rat stören, niemals Zwietracht, dies legendäre Urübel, unsere Kräfte mindern, reißen wir kein wachsendes Gefieder aus unseren Schwingen, lähmen wir nicht den eigenen Flug, daß es uns vorwärts trage und aufwärts, daß die Chewra Kadischa wachse und erstarke zu größerer Kraft, zu größeren Zielen! Dazu gebe Gott der Herr seinen Segen und schütze dieses Haus! Mich aber empfehle ich Ihrem Wohlwollen und Ihrer brüderlichen Liebe!" Die Memoiren des Fürsten Urnstom. Wir haben vor einiger Zeit in diesem Blatte auf die Memoiren! aufmerksam gemacht, die der frühere Gouverneur von Kischinew, Fürst U r n s s o w, herausgegeben hat, und einige dieser Erinnerungen ans seiner Regiernngszeit, die mit klarer Deutlichkeit die Mitschuld der russischen Regierung an den Pogromen Nachweisen, wiedergegeben. Vor kurzem beschäftigte sich auch Dr. Georg H a l p e r n - Frankfurt in einem eingehenden Artikel in der ..Frankfurter Zeitung" mit diesen hochinteressanten Memoiren und je mehr von denselben bekannt wird, desto greller wird das häßliche Jntriguenspiel und die Korrupuon der leitenden russischen Kreise beleuchtet. Fürst S. D. Urnssow, der seit November 1902 Vizegouverneur von Tambow war, erhielt Ende Mai ganz unerwartet ein Telegramm aus dem Ministerium des Innern, das ihm seine Ernennung zum Gouverneur von Bessarabien mitteilte. Von Bessarabien wußte er zu diesem Zeitpunkt, nach seinen eigenen Worten, ebensoviel wie von Neuseeland, oder noch weniger; und von der Hauptstadt Kischinew war ihm nur nach Zeitungsberichten bekannt, daß dort in den Tagen vom 7. bis 9. April ein Judenpogrom stattgefunden hatte. „Für die Juden interessiere ich mich nicht, von ihrer Lage und den sie betresfenden Landesgesetzen wußte ich nichts, und die Behauptung, die Regierung sei an der Organisation des Pogroms beteiligt, hielt ich für eine törichte oder böswillige Erfindung." Ein Jahr nur blieb Urussow auf diesem Gouverueurposten, um ihn dann mit dem von Twer und nach zwei weiteren Jahren mit dem Amt des Gehilfen des Ministers des Innern zu vertauschen. Was er in diesem Jahre erlebt, gewirkt und gelernt hat, erzählt er in einem Bruchstück seiner Memoiren, das er schon jetzt veröffentlicht hat, *) um seine Erfahrungen für die so aktuelle Frage der Erteilung der Bürgerrechte an die Juden verwertbar zu machen. Für eine spätere Zeit kündigt Urussow das Erscheinen seiner übrigen Aufzeichnungen an, die sich auf die Jahre 1872 bis 1906 erstrecken und in ihren letzten Kapiteln seine Tätigkeit im Ministerium Witte und in der ersten Duma behandeln werden. Urnssows Memoiren werben viele Leser finden. Nicht nur weil er vorzüglich und recht amüsant zu erzählen weiß, sondern weil hier ein Mann spricht, der Gelegenheit hatte, Rußlands Bnreailkratie aller Rangstufen so kennen zu lernen, wie es eben nur jemandem möglich ist, der selbst dazu gehört; und ein Mann, der gewillt ist, alles, was er gesehen hat, so objektiv, als er dazu nur irgend imstande ist, wiederzugeben. Vieles von dem, was er in dem vorliegenden Bande erzählt, ist nicht ganz unbekannt; er selbst und andere haben es in der ersten Duma von der Tribüne herabgesagt; manches har die russische und namentlich die ausländische Presse vor und nach dem Pogrom von Kischinew mitteilen können. Aber vieles, was bisher nur als Vermutung galt und von der russischen Regierung nach Belieben dementiert werden konnte, darf jetzt als authentisch gelten und wird den Zeitgenossen und dem späteren Historiker helfen, sich im Chaos der ersten Revolutionsjahre Rußlands zurechtzufinden. Die Aufgabe, die Urussow gestellt wurde, war, die Ruhe, die in Bessarabien durch den Pogrom in Kischinew eine so *) Fürst S. D. Urussow: „Memoiren eines russischen Gouverneurs." Kischinew 1903 bis 1904 (Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart und Leipzig.)

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