Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1907-11-01 · Heft 42 (1.11.1907) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 42 (1.11.1907)
Date
1907-11-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3062972-3063367-3063409--05110-3072007
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 42. Tie Wahrhell :eite o. Statt dessen geht der Narr durch ein ganzes Menschenalter dahin mit seinem immer tiefer fressenden Groll und überträgt diesen auf alle Börseaner und polnischen Juden. Wenn so kühle Verstandesmenschen, die Geld auf der Börse ergattern, von einem Affekt ergriffen werden, so sind sie ein hilfloser Spielball desselben. Nur ein kleines Fünkchen Humor und Phantasie hätten ihm darüber hinweggeholfen und verhindert, daß so manchem verarmten, von der Tafel ausgeschlossenen polnisch-jüdischen Junggesellen ein Seufzer die gepreßte Brust hebe. Wie wäre es doch ganz anders gewesen, wenn Taussig seinem Gegner, der noch am Leben ist, 20.000—40.000 Kronen vermacht hätte, unter der Bedingung, die Ohrfeige von irgend einem handfesten. Hausknecht mit Zinseszinsen der vielen seither verflossenen Jahre zurückzuuehmen, resp. z u r ü ck z u b e k o m m e n. Der Hausknecht hätte sich mit 100 Krügeln Lager als H o n o r a r zufrieden gegeben. Siehe nun, verewigter Geist des Taussig, den ich nicht beleidigen will, was Du Dir hast entgehen lassen! In welchem Zwiespalt hätte sich Dein Widersacher befunden, soll ich. soll ich nicht? hätte es in ihm rumort und gefragt. Ein paar Ohrfeigen sind doch ein solches Kapital wohl wert, sowie König Heinrich Paris eine Messe wert war. Und doch, er kanns nicht tun, der Spott der Menge, der Schimpf. . . Wie immer seine Entscheidung gefallen wäre, Dein Gegner hätte sich grün und gelb geärgert, während jetzt seine Eigenliebe nicht im mindesten verletzt ist. Doch bin ich denn dazu da, dem abgeschiedenen Geiste dessen Unterlassungen vorzuhalten? Ihr armen polnischen Inden aber, trauert nicht wegen der Ohrfeige Eueres Landsmannes! Keine Ohrfeige, vollständiger Verlust des Taussig'schen Vermögens! Ihr habt jedesfalls nichts verloren, die Barmherzigen Brüder und die Polizei freilich sind die lachenden Erben. Wenn Zwei sich streiten, freut sich der Dritte. 8. Vineta. Generalversammlung der Wiener Chemra-Kadifcha. Die bei der letzten Statuten-Aendernng eingesügte unpopuläre und scheinbar harte Bestimmung, daß die Generalversammlung nur bei Anwesenheit von mindestens 100 Mitgliedern das ihr verliehene Recht, fünf Mitglieder des Vorstandes selbst zu wählen, ausüben könne, hatte bei der Sonntag, den 27. d. M., unter dem Vorsitze des Präsidenten Salo Cohn, im großen Saale des Hotels „Zur Post" stattgehabten Generalversammlung insoferne eine wohltätige Wirkung, als diese gegen frühere Jahre einen stärkeren Besuch aufwies. Auch der Vorstand mar vollzählig erschienen. Präsident Salo Cohn. Vizepräsident phil. et jur. Dr. Markus Spitzer, Schriftführer Samuel Heit, Kassaführer Emil Horner, und die Vorstandsmitglieder Moriz B r e i t n e r, Moriz Eißler, Jakob Kan n, Karl Lang, Salomon S i m o n, Samuel Steiner und Baurat Wilhelm Stiaßny. Von dem abwesenden kais. Rat Leopold Sachs lag ein Entschuldigungsschreiben vor. Die Debatte über den Tätigkeitsbericht wies wohl keine hohen Gesichtspunkte auf. aber brachte immerhin einige Anregungen, die sicherlich seitens des Vorstandes gebührende Würdigung finden werden. Nach Eröffnung der Versammlung gab der Vorsitzende, Präsident Salo Cohn, der Freude über die Wiedergenesung Sr. Majestät des Kaisers Ausdruck, die in der Versammlung jubelnde Zustimmung fand. Hierauf stellte er den Delegierten der Kultusgemeinde, Herrn Vizepräsidenten Theodor Ritter von G o l d s ch m i d t, vor und richtete an die Mitglieder die Bitte, die Versammlung nicht vor Abgabe der Stimmzettel zu verlassen. Von Verlesung des bereits vor längerer Zeit ausgegebenen Rechenschaftsberichtes wurde wohl Abstand genommen, hingegen erstattete der Präsident nachstehenden Bericht über die Tätigkeit des Vorstandes in den letzten Jahren: „Nachdem den geehrten Herren Mitgliedern die Berichte über die Jahre 1904, 1905 und 1906 alljährlich zugekommen sind, glaube ich mich heute darauf beschränken zu können, die wichtigsten Vorkommnisse allgemeiner Natur hervorzuheben; über bemerkenswerte Daten in finanzieller Beziehung wird unser Kassaverwalter, Herr Emil Horner, berichten. Der Mitgliederstand unseres Vereines ijt in den Berichtsjahren 1904, 1905 und 1906 mit rund 1550 ziemlich konstant geblieben, weil durch Neuanmeldungen stets Ersatz für jene Mitglieder gefunden wurde, welche wir durch den Tod verloren. Für letztere wird, wie Ihnen bekannt ist, alljährlich eine Seelengedächtnisseier veranstaltet, bei welcher die Namen der im abgelaufenen Jahre Verstorbenen genannt und Gebete für deren Seelenheil verrichtet werden. Die feil einigen Jahren befolgte, auch im Statute festgelegte Uebung, diese Feier nicht wie bisher ausschließlich im Tempel der Inneren Stadt, sondern abwechselnd im Stadt- oder Leopoldstüdter Tempel abzuhalten, har bei den Mitgliedern des Vereines Auklang gefunden. Im Schoße des Vorstandes sind in der Berichtsperiode einige Veränderungen vor sich gegangen. Wir beklagen den Verlust zweier hochverdienter Kollegen, der Herren Adolf Rosen bäum und Dr. Isidor Schnabel sel. And. Adolf R o s e n b a u m versah durch mehrere Jahre mit der ihm eigenen Hingebung das wichtige Amt eines Kasfaverwalters; bis zu seinen letzten Tagen widmete er sich trotz schwerer Krankheit den Aufgaben seines Amtes, bekundete er einen seltenen Eifer in der Erfüllung der freiwillig übernommenen Pflichten. Nur kurze Zeit war es uns gegönnt, den verewigten Tr. Isidor S ch n a b l in unserer Mitte wirken zu sehen; aber sie genügte, seine trefflichen Eigenschaften zu erkennen und sein Hinscheiden als einen großen Verlust für die Chewra-Kadischa zu empfinden. Wir werden den Dahingeschiedenen stets ein ehrendes Gedenken bewahren. An Stelle der Genannten wurden die Herren kaiferl. Rar Leopold Sachs und Karl Lang in den Vorstand kooptiert. Schon früher erfolgte meine Berufung in den Vorstand, welcher mich dann zum Präsidenten wühlte. Ich benütze den heurigen Anlaß, um meinen Kollegen hierfür neuerlich herzlichsten Dank zu sagen; ich werde stets bemüht sein, meine Kraft dem Wohle und dem Gedeihen unserer altehrwürdigen Bruderschaft zu widmen. In Würdigung außerordentlicher Verdienste um die Chewra- Kadischa hat der Vorstand beschlossen, den Vorstandsmitgliedern Herren S. Heit und Vizepräsidenten Dr. Markus Spitzer die Ehrenmitgliedschaft zuzuerkennen; wie wohlverdient diese besonders bei unserer Bruderschasl sehr seltene Ehrung ist, bedarf keiner näheren Ansführung; Ihrer Zustimmung zu diesem Beschlüsse ist der Vorstand gewiß. Am 18. März 1906 fand im Sophien-Saale nach mehrjähriger Pause wieder eine Chewra-Snde statt. Ich glaube, es sagen zu können, daß keine der gleichartigen früheren Veranstaltungen diese an Feierlichkeit und Beteiligung erreicht oder übertroffen hat Es war ein glanzvolles Fest, an dem alle Kreise unserer Gemeinde gleicherweise beteiligt waren, und das wieder den Beweis dafür erbrachte, daß auch in jenen Schichten unserer Glaubensgenossenfchaft, welchen man häufig den Vorwurf der Gleichgiltigkeit macht, das religiöse Empfinden noch immer rege, das Gefühl der Zusammengehörigkeit doch nicht erloschen ist! Auch nach anderer Richtung zeitigte das Fest ein erfreuliches Ergebnis, indem unserem Vereine aus diesem Anlässe eine größere Anzahl neuer Mitglieder beitrat. Was die innere Bereinstätigkeit anbelangt, ist in erster Linie die vorgenommene Statuten-Aendernng zu erwähnen. Schon lange machte sich in den Kreisen der Mitgliederschaft unseres Vereines der Wunsch nach einer unmittelbaren Einflußnahme der Mitglieder auf die Gestaltung des Vorstandes geltend. Diesem Wunsche stand allerdings eine mehr als hundertjährige, oder wenn man weniger genau sein will, noch viel ältere Tradition gegenüber, welche die Ergänzung des Vorstandes ausschließlich diesem überließ. Nichtsdestoweniger wurde schon bei der vorletzten Statuten-Aendernng der Generalversammlung das Recht der Wahl von drei Vorstandsmitgliedern, also eines Vierteils des Gesamtvorstandes eingeräumt, j Die letzte Statuten-Aendernng räumt nun den Mitgliedern! unter gleichzeitiger Erhöhung der Anzahl der Vorstandsmitglieder

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.