Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 42 (1.11.1907)
- Date
- 1907-11-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seile 4 Die Wahrheu Nr. 42 Man kann nicht genug betonen, daß wir Inden die Zielscheibe jedes Gassenbuben sind. Man dichtet uns Fehler an. die wir nie hatten, daher ist es ein willkommener Schmaus, wenn man uns einmal an einer schwachen Seite packen kann. Hat man aber einen ertappt, dann hält man ihn fest und was einer tut, trifft alle. Daher ist es nicht ganz zwecklos, wenn man jedem zürnst, er solle bei allen seinen Handlungen den i Endeffekt bedenken, er solle sich stets fragen: cui prodest? — j Eine Art von Selbstbewußtsein ist für manche Kreise j typisch. Sie bewegen sich mit einer affektierten Arroganz, als! ob die ganze Welt nur für sie da wäre. Andere wieder haben \ vielleicht wirklich Einfluß, aber sie hüten sich, diesen Einfluß! für ihre armen Mitbrüder ausznnützen. Sie geben einem veri krachten Grafen mit vollen Händen, um nur mit seiner Freund-! schaff protzen zu können, sie helfen einer Künstlerin, daß sie sich! die neuesten Pariser Modelle beschaffe, aber einen armen Juden > stoßen sie mit dem Fuße weg.- Fragt man, was denn so einen am Judentum festhält,.! da er ja auch nicht mit einer Faser seines Herzens Jude ist,! so wird man hören, daß er sich ohnehin taufen dürfte, wenn j die alten Eltern stürben, oder er m ü s s e Jude bleiben, weil er [ sonst seine Klientel, die sich ans Inden rekrutiert, verlöre, oder aber sein Reichtum oder Adel machten im Judentum mehr Aufsehen als anderswo. Nützen sie also dem Judentum, wenn sie! es als Bürde betrachten? Man kann aber doch nicht leugnen, daß der jüdische Geist und das jüdische Kapital eine treibende Kraft im Staate bilden. Die Turbinen des Handels, des Berkehrs, der Industrie müßten! ihre Rüder ein wenig verlangsamen, wenu dieses treibende j Element für längere Zeit aussetzen wollte. Das wissen unsere j Gegner besser als wir selbst. Sie schimpfen ans die Großen,! aber den Kleinen nehmen sie das Brot vom Munde weg. — j Ihr aber, die ihr mit eiirem Gelde den Weltmarkt beherrschet, j ihr, ' die ihr Macht und Einfluß habet, ihr gehet hin zu den i maßgebenden Faktoren und fraget sie, warum die Juden! nur den Steuersack füllen sollen, aber keines G e g e n l e i st u n g erhalten dürfen. Fraget sie, warum! der Richterstand den Juden unzugänglich ist, warum, die politische : Verwaltung den Juden verschlossen bleibt. Gehet hin und fraget! sie, warum jüdische Militärärzte prinzipiell nicht angestellt werden,! warum für jüdische Universilätsprofessoren ein numerus clausus j besteht. Fraget, warum die Gemeinde Wien und das Land! Niederösterreich, die doch auch jüdisches Steuergeld einheimsen,! seit Jahren keinen Inden anstellen. Gehet hin und machet euren : Einfluß bei der Regierung geltend, daß die christlich-soziale j Presse nicht so ohne weiters Staatsbürger und Steuerzahler! mit den ärgsten Schimpfwörtern belege, ihnen alles schlechte I andichte, ja sogar gegen sie ausreize.- j Nein, ihr gehet nicht hin, ihr gehet in den Rathanskeller,! ihr gehet in die Nachtlokale, ihr beteiligt euch nur am Blumen-! korso, am Maifest des Herrn Silberer, ihr traget euer Geld j hin zur Kommune, damit es „ohne Unterschied der Konfession" i verteilt werde, ihr lasset Spitäler und Sanatorien bauen, wo! keine Inden angestellt werden. — — — Ich aber frage euch:! cui prodest? .. . Wem nützt denn eigentlich euer Judentum? —; Für die volle Gleichberechtigung der j Inden. In der Debatte über den Ausgleich erklärte der Abgeordnete i Dr. Straucher er wolle sich mit dem neuen Ausgleich be-! freunden, trotzdem die Juden und die Vertreter des jüdischen! Volkes sich keines besonderen Wohlwollens seitens! der Regierung zu erfreuen haben. Speziell die Zurücksetzung! jüdischer Bewerber um öffentliche Anstellungen; sei so kraß, daß sich auch kein anderer Volksstamm eine derartige! Behandlung gefallen lassen kann. Die Juden dulden viel schweigend. , Von anderer Seite hat man lange Jahre zugesehen, so lange! es sich bloß um die Verletzung der Gleichberechtigung gegenüber den Juden handelte. Als aber von dieser Durchlöcherung der staatsgrundgesetzlich gewährleisteten Gleichberechtigung auch andere Völker heimgesucht wurden, lehnte man sich laut dagegen ans. Redner appelliert an die Solidarität der Völker. Die Juden 11 sollen nicht ewig bei der Regierung um ihr Recht 1 betteln. Hier im Volkshause ist der Platz, ihr Recht von denjenigen zu verlangen, die hier im Besitze der Macht sind und durch ihre Stimme darauf Einfluß nehmen können, daß * endlich d i e Staats grün dge setze auch gegenüber \ den unterdrückten n n d verhöhnten Inden zur! Wahrheit werden. (Beifall.) i Eine Ohrseigengeschichte von der Korse. Ebers, der bekannte Aegyptologe und Erzähler, gibt in einem seiner Romane die Geschichte einer Ohrfeige zum besten. Ein reicher Grieche ans Süditalien, aus der hellenischen Pflanzstadt Sybaris, war nach Memphis gekommen, um sich von geübter Priesterhand einen schmerzhaften Zahn ziehen zu lassen. Da er aber in puncto Weichlichkeit und Verzärtelung sich von seinen Mitbürgern, den Sybariten, in nichts unterschied, konnte er nicht die nötige Courage aufbringen, sich dem priesterlichen Dentologen zu überantworten, trotzdem er lediglich zu diesem Zwecke die Reise angetreten, eine Reise, welche der üppige Sybarit unter Aufopferung so mancher Bequemlichkeit unternommen, denn damals gab es noch keine mit allem Komfort ausgestatteten Ozeandampfer. Der damalige Pharao umgab sich mit einer aus griechischen Söldnern gebildeten Leibwache und der Anführer dieser Kohorte poknlierte eines -Abends mit seinem Landsmann, oder, um das Zeitkolorit zu beachten, er feierte ein Bacchanal. Im Rausch und nach einem Wortwechsel versetzt der Offizier dem Sybariten eine Ohrfeige, der aber die baldige Ernüchterung folgt. Der Offizier befürchtet für sich die unangenehmsten Verwickelungen, da der Beleidigte persona grata bei Hofe ist. Wie erstaunt er, als er am nächsten Tage von diesem einen Dankbrief in den beweglichsten Ausdrücken, dem eine namhafte Summe beigefügt war. erhielt. Der Sybarit segelte seelenvergnügt auf hoher See, denn die Ohrfeige und der etwas wackelige Zahn — man versteht wohl. An dieses köstliche Geschichtchen wurde ich erinnert, als ich letzten Montag die leluwilligeu Verfügungen und Legate des Herrn Donato T a u s s i g las und mir vergeblich den Kopf heraussann, warum der Erblasser einen solchen Zorn ans B ö r s e a n e r (auch verarmte) und auf polnische Juden (selbst arme) hatte, daß er sie vom Genüsse all seiner Stiftungen ausschloß. Gibt es denn nicht noch andere unsympathische Dinge? Hatte doch Taussig sogar die Polizei bedacht. Mich wundert nur, daß er nicht auch die S t e u e r e x e k u t i o u s o r g a n e beschenkte, die vorige Woche in einer Versammlung über ihre bedrängte Lage berieten. Gebe Gott, sie möchten die passive Resistenz beschließen, aber sehr passiv und andauernd. Als ich so mitten in der Grübelei war, kam wie vom Himmel gesendet mein Freund und erzählte mir ans heiler Haut den Grund dieser verwunderlichen Affaire. Eine Ohrfeige war's, und zwar eine, die Taussig nicht erteilte, sondern leider empfing, und zwar von einem polnischen Juden und Börseaner dazu. Der provozierende Galizianer wurde von der Börse ans ll/2 Jahre, Taussig nur aus drei Monate ausgeschlossen. Denn diese heiligen Hallen sind dem Gott Merkur geweiht und dürfen nicht durch Athletenkunststücke entweiht werden. Den alten Griechengott bei Seite; Gottes Wege sind wunderbar. Innerhalb dieser drei Monate, während welcher Taussig ferne von Aranznez trauerte, brach die große Börsenkrise vom Jahre 1873 aus und Taussig, sowie der polnische Jude blieben finanziell intakt. Der Ohrseiger, wie der Geohrseigte hätten sich nun gerührt in die Arme sinken und ibrem Schöpfer auf den Knien danken sollen, wenn sie nur etwas von dem Geiste und der liebenswürdigen Versöhnlichkeit des erwähnten Sybariten besessen hätten.