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Die Wahrheit · 1907-11-01 · Heft 42 (1.11.1907) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 42 (1.11.1907)
Date
1907-11-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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ahrcheit Redaktion». Stduniiist, alion: I Wien, II/, Nvvaragassr 27. i Telephon Nr. der DrnL-r-l Anabhängige Heiifchrift für jüdische Vernüsnnei»: Äauziährig . . . «. u.— Halbjährig . . a. 7 — 15302. Hufevate Interessen. Für Cnltnsbeamte: Die viermal gespaltene Nonvareille-Zeile 25 Heller. Erscheint jeden Kreitn g. «»»»ziäyrig ... V. >».— — Abonnementsu. Jiiiertionö- Für Nnslnild: betrage sind in Wien zahlbar >»<»,§,äyrig . . . .< M.irk I und klagbar. Motto : „Das Siegel Bott»» ist Wahrheit!“ 6 Nnbel oder »6 Ac«.! Mt. 42 Wien. 1. Uovember 1807. Inhalt Oui xroässö? — Für die volle Gleichberechtigung der Juden. — Eine Ohrfeigengeschichte von der Börse. — Generalversammlung der Wiener Chewra Kadischa. — Theodor Ritter von Goldschmidt. — Präsidentenwahl bei der Chewra Kadischa. — Die Memoiren des Fürsten Urussow. — Verschiedene Nachrichten. — Das Machsor. — Feuilleton: Versöhnte Feinde. Cui prodest? ... Von Adolf Heinrich Landau. Ein alter Zisterzienserpriester, bei dem ich das Glück hatte : im Gymnasium Mathematik zu lernen, pflegte uns stets zu! sagen: Wenn ihr etwas tut, fraget euch stets, wem es nütze; j ob es euch oder anderen nützlich sei, denn wenn es nicht nützt,! so kann es vielleicht schaden. Diese Worte des edlen Paters j kommen mir immer wieder in den Sinn, wenn ich aus diskreter! Ferne dem Treiben mancher Kreise unserer jüdischen Gesellschaft j zusehe. Der christlich-soziale Rathauswirt Dombacher hat erklärt,! daß er an hohen jüdischen Feiertagen eine merkliche Einbuße i erleide — — ja, nicht allein alltägliche Gäste sind manche Juden | da unten in Luegers Keller, sogar jüdische Hochzeitsfeste werden dort! bei dampfendem Schweinsbraten und echt christlichem Weine gefeiert.; Ich bin weit davon entfernt, Boykott zu predigen. Aber! warum müssen die Juden gerade jene Orte aufsuchen, wo sie i liur ein Gegenstand des Spottes sind? Ich bin davon überzeugt,! daß Dombacher nicht einmal um einen Heller etwas bei einem! Juden kauft, aber sie machen bei ihm Hochzeit. Ich weiß nicht,; ob die Restaurateure Guth, Tonello, Khuner, die — vielleicht j nicht ohne Grund — das Wort nrca ängstlich auf ihren Speisekarten vermeiden, die auch christliche Kellner und Köchinnen haben, je christliche Hochzeitsfeste in ihren Räumen sahen. Aber das ist ja eben der große Fehler, der den Juden zum überwiegenden Teile anhaftet — sie wollen sich verleugnen, sie wollen ihr Judentum verstecken und so gehen sie in Lokale hin, wo sie sich, von so vielen anderen umgeben, auch als andere fühlen. Aber nur sie fühlen sich anders, denn gerade da, wo sie sich am wenigsten „jüdisch" fühlen, da fallen sie am meisten auf. Welchen Wintzen sie daraus ziehen — ich weiß es nicht. Auf den Nutzen kommt es ihnen in der Regel gar nicht an. Sie wollen nur überall dabei sein. Wenn irgend ein Fest, ein Konzert, ein Ball veranstaltet wird, und mögen die Veranstalter die ärgsten Antisemiten sein, mögen die Juden nicht ins Komitee geladen werden, mag das Fest mit dem epitheton ornans „deutsch", „arisch", „christlich" ausgestattet sein — immer finden sich einige Juden, die auch dabei sein müssen. Es gab eine Zeit, wo die Juden die deutschen Vereine — nicht zuletzt den berühmten Schulverein — mit ihrem Gelde nicht nur unterstützten, denn das tun sie leider auch jetzt noch, sondern erhielten. Jetzt aber werden in die Werbe-Versammlungen des deutschen Schulvereines keine Juden geladen. Darüber wollen wir uns gar nicht beschweren, sondern darüber, daß die Juden in Wien, in Böhmen, Mähren, Schlesien noch imnrer dem Deutschtum Gefolgschaft leisten, daß sie für einen alldeutschen Kandidaten agitieren, als ob es eine Lebensfrage wäre. Die jüdische Jugend ist schon so ziemlich von dem Assimilantentum geheilt; warum sollen es aber die Alten von den Jungen lernen, daß wir Juden in erster Reihe Juden sein müssen? Das Judentum bedarf feiner Söhne und Töchter, daß sie ihm nützen und nicht schaden, daß sie ihm treue Mitkämpfer bleiben und nicht ins feindliche Lager überlaufen, daß sie überall das Judentum verteidigen und es nicht beleidigen. Ein alter Herr sagte mir einmal: An dem Antisemitismus tragen die Juden selbst die größte Schuld. Ich wollte es nicht zugeben, aber ein klein wenig Wahrheit scheint doch darin zu liegen. Es gibt noch immer welche, die sich in Gesellschaften drängen, wo sie nur geduldet werden. Da ist auch eine gewisse Eitelkeit im Spiele. Die Sucht, sich zu zeigen, die Toiletten, den herrlichen Schmuck und weiß Gott, was noch. Das ist dieses gewisse Protzentum, an dem gerade jene Kreise am meisten kranken, die infolge einer unverhofften Erbschaft oder infolge glücklicher Spekulationen aus einem „Nichts" plötzlich ein „Etwas" werden wollen. Dieses „glänzende" Judentum kann man auch in allen Sommerfrischen bewundern; diese Orte haben zumeist ihren Ruf durch die Juden erhalten, sie leben von Juden, j aber die Bevölkerung verspottet und beschimpft die Juden, deren! Geld sie ruhig einsleckt. Mag man sie verhöhnen, sie gehen doch wieder! hin und gerade dorthin, wo sie protzen können. Da pflegten sie! dazusitzen an irgend einem auffälligen Orte eines stark besuchten l Etablissements, alle mit Kind und Kegel; die Gespräche werden! überlaut geführt, damit man auffällt, jedesmal ertönt ein un- | zeitiges Gelächter; die Kinder zeigen ihre gute Erziehung, indem! sie alles begucken und beschnuppern, die Kellner hin und her! schicken, denn diese sind ja nur für sie da.! Das soll vielleicht dem Judentum nützen? — Aber was ist ihnen Hecuba? Sie wollen sich unterhalten, mögen alle Juden zugrunde gehen, nur sie natürlich nicht. Das ist auch ein Standpunkt. Man pflegte sich aber zu Hause anderes zu unterhalten und in fremder Gesellschaft auch anders,' es gibt eben etwas, das man Takt und Sitte nennt. Gewisse Leute — nicht immer die gebildetsten — fühlen sich überall zu Hause, im Restaurant, im Kaffeehaus, im Konzertsaal, im Theater — auch im Gotteshaus. Meine Worte werden sicherlich ungehört verhallen. Ja, es kommen vielleicht Leute und sagen, wem es nicht paffe, der solle wegschauen und Fehler hätten auch andere — ich aber sage, daß ein Fehler dadurch nicht entschuldbar wird, weil ihn andere auch haben.

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