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Die Wahrheit · 1907-10-25 · Heft 41 (25.10.1907) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 41 (25.10.1907)
Date
1907-10-25
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seile 6. Die Wahrheit Nr. 41. So kommt es, daß die alten Hebräer in der bildenden Kunst Laien bleiben und den Salomonischen Tempel von phönikischen Werkleuten aus Sydon und Tyrus erbauen lassen mußten, daher rührt es, daß die Inden dem Brauche der Griechen, ihre Künstler mit Verleihung des Lorbeers zu ehren, nichts, an die Seite zu stellen hatten. Judäa war von dem Hochmut einer dünkelhaften Künstlerkaste verschont, deren Mitglieder sich als Lieblinge Apolls, der Musen und Grazien betrachteten, denn ungesucht, fast unbeabsichtigt entflossen herrlichste poetische Bilder dem Sehermunde eines Jesaias; für sich selbst, die Form seiner poetischen Diktion, für seine Prophetie heischte der Gottgesandte keine Anerkennung; war er doch nur das Sprachrohr Jehowahs, welchem allein man Ehrfurcht zu zollen und dessen Gebote man zu beobachten hatte. Die mosaische Gesetzgebung suchte mit allen Mitteln das Enrporkommen sowohl einer Geburtsals auch einer Geistesaristokratie zu verhindern und, im Gegensatz zum Hellenismus, eine reine Demokratie zu begründen; das vornehmste dieser Mittel bestand in der Ausschaltung nachahmender und spielerischer Kunst. Die Götter Griechenlands waren dem Bereiche der sichtbaren Mtur nicht entrückt, also galt es diese nachzuahmen und höchstens hie und da zu idealisieren; wie oft geschah dies in nicht ganz einwandfreier Weise. Die allzu steilen, widernatürlichen Nasenwinkel griechischer Statuen wird wohl nicht ein jeder als schön gelten lassen. Jehowah hingegen, unbeschadet seiner geistigen Schönheit, war unsichtbar, unfaßbar, die von ihm erschaffene Natur uur der Schemel seiner Füße. Der Grieche tändelte lebensfroh und schönheitsberauscht durchs Lebeu, der Jude, war er auch kein indischer, weltabgekehrter Büßer und Aster, hat niemals dem Dasein entgegengejauchzt, es immer nur zu ertragen gesucht. Dort ein Volk, welches dem Schauspieler, Dichter und Tänzer willig Auge und Ohr leiht, diese seine Lieblinge grenzenlos verzieht, dabei aber doch über sich selbst und sein Echauffement, gleichwie über dessen Erreger, heimlich lächeln muß, hier eine Nation, welche der Straf- und Drohrede ihres Propheten, die wie mächtiger Donner grollt, bis ins Innerste ergriffen atemlos lauscht. Kein künstlicher Theaterdonner, keine Kolophoniumblitze sind's! Nur wenn der Geist Jehowahs über ihn kommt, sein Volk, vom rechten Pfade abgelenkt, Irrwege wandelt, wird die weissagende Stimme vernehmbar; sie deklamiert nicht diese Rede, ungekünstelt ist sie und doch voll unnachahmlicher Macht, wie der Gießbach, wie die Symphonie des von wildem Sturm gerüttelten Waldes, wenn Baumriesen krachend und splitternd zu Boden stürzen. Hat sie geendet, ertönt kein Beifallsrufen, erschallt kein Applaus; stumm und scheu, zerknirscht, aufgewühlt in den Tiefen ihrer Seele schleicht die Menge davon. Jean Paul spricht von der sittlichen Grazie der Griechen, die Hebräer waren nach dem Gesagten von xiner sittlichen Erhabenheit. Unter den ersteren erhebt sich einzig Sokrates zu ethischer Ueberlebensgröße. Konrad Lange bemerkt in seinem erwähnten Essay: „Das Spiel ist die breite Basis der Pyramide, die auf ihrer höchsten Spitze die Kunst trägt." Nun so niedere Herkunft hatte die palästiuensiche Kunst nicht, ihr Reich war nicht von dieser Welt. Sie glich eher einer in die Wolken reichenden Zeder, die Spitzen der höchsten Pyramiden weit unter sich zurücklasfend; ihr Standort war nicht etwa die egyptische Sandebene, sie wuchs auf dem schneebedeckten Berge des Libanon. Wir charakterisieren sie wohl am besten mit einigen Sätzen Herders: „Groß ist die Wirkung, die die Dichtkunst der Hebräer auf das Volk und durch sie a u f so viel andere Völker gemacht hat. Zu welchem Volke tat sich auch in Gesängen und Liedern sein Gott also, wie zu diesem der seine? Die Dichtkunst der andern ward bald Fabel, Lüge, Mythologie, ist Greuel und Schande; diese ist und blieb Gottes! Die Tochter des Himmels, die Braut seiner Ehre und Rächerin seines Namens. Wenn unter allen Völkern eben Dichter die ersten Götzendiener, Schmeichler des Volkes und der Fürsten, Tändler und zuletzt Verschlimmeret' der Sitten geworden sind, daß ihnen fast nichts mehr heilig bleiben konnte, so waren hier gerade Dichter die Eiferer gegen Abgötterei, Selbstruhm. Schmeichelei und weiche Sitten; ihre Poesie war Altar des einzigen Gottes der Wahrheit nnd Tugend. Welche Schilderungen, welche Beschreibungen derselben in Hiob, Moses, den Psalmen und Propheten! Man sei Jude, Christ oder Türke, man muß ihre Hoheit fühlen, und die reinen Pflichten, die immer daran geknüpft werden, im Staube ehren..." „Welches war mit Einem Worte ihre Wirkung? Sie war göttlich, t h e u r g i s ch. Was alle Dichter rühmen, oder in Lügen formeln und in Formeln lügen, das war hier Wahrheit. E i n g e b u n g, der heilige Quell ihrer Dichtkunst nnd die Absicht ihrer Wirkung, nichts Unreines und Geringeres als Sitten, das ganze Herz des Volkes im innig st e n Verstände. Es sollte ein Priestertum Gottes, ein königliches Volk sein; nicht Anderes und zu nichts Anderem war die Dichtkunst." Die ästhetische Kultur der neueren Zeit bis zum heutigen Tage ist ein Kompositrnn; bald überwog das sogenannte Nazarenertüm, wie man die althebräische Kulturdominante uneigentlich benannte, bald gewann der antikisierende Hellenismus die Oberhand, oft stoffen beide Strömungen nebeneinander. Die Renaissance war nicht nur ein Wiedererwachen der Wissenschaft, auch das . ganze lüderliche griechische Göttergesindel, über dessen Verschwinden Schiller gar elegisch geklagt, erstand von den Toten; das Cinquecento schuf und bildete viel mehr Aphroditen und Nymphen, als ecce homos. Die Lebensführung der Geistlichkeit, besonders der höheren und des Papsttums, begann eine skandalöse zu werden; wenig fehlte und der Boden für eine neue Invasion, gleich der in der Völkerwanderung, wäre vortrefflich präpariert gewesen. Die späte Nachblüte und Kopie griechischer Schönheitsverehrung und Sittenführung hätte — wie leicht — die Beute wilder Horden werden können, wenn nicht der Retter gekommen wäre in Gestalt des Wittenberger Mönches, der den ganzen Hexensabbat beschwor und exkorzierte mit der — Bibel in der Hand! Die bisherige pompöse Form des Gottesdienstes, womit man gläubige, unbefangene i Gemüter auf raffinierte, auf den Effekt hinarbeitende Weise > gefangen genommen, mußte der größeren Einfachheit und Schlichtj heit, kahler Nüchternheit des Protestantismus, der Reformation der Kirche an Haupt und Gliedern Platz machen. In England erstanden die strengen Puritaner mit Held Cromwell an der Spitze.! Und so geht es im tollen Wechsel bis auf die Jetztzeit, j Von den Romantikern ging die neue, alte fröhliche Botj schüft aus, das Genie dürfe sich über alle hergebrachten nnd j überlieferten Sitten und Formen hinwegsetzen, der Feuergeist könne nicht mit der Elle spießbürgerlicher Moral gemessen werden, er besitze einen Freibrief für alle Verirrungen. Die Prinzen von Genieland nützten denn dieses Privileg auch weidlich aus und' führten ungescheut ein noch lockereres Leben, als die Prinzen von Geblüt. Wie viel Tränen stoffen' um Oskar Wilde, den Dichter der „Salome". Der Arme hatte Päderastie getrieben und war wegen eines so unschuldigen Zeitvertreibes, das ihm nur Banailsen streitig machen können, das Opfer einer barbarischen, kunstfeindlichen Justiz geworden.? Oskar Wilde gehörte der modernen Richtung der Literatur l an, den Veristen und Symbolisten. Die buntesten, scheckichtesten! Theorien feiern hier ihre Orgien. Der getreue Nachklatsch alles! Ekelhaften und Widrigen des Lebens möchte sich als hohe Kunst gerieren, jeder bessere Fiedler oder Klavierklimperer, jeder Sänger, der um das hohe O herumklettert, will als Genie von Gottes Gnaden angesehen und verehrt werden. Der warnenden Stimme eines Rousseau, eines Tolstoi wird nicht Gehör gegeben, die Weisung, zur Natur zurückznkehren, verhallt ungehört. Und so weit als diese beiden Exaltados wollen wir ja schließlich nicht gehen, nicht die Altäre niederreißen, auf welchen der Schönheit und der Kunst Opferbrände lodern. Die Wertung nur möchten wir auf das richtige Maß reduzieren und ferner daran erinnern, daß in der Rangordnung menschlicher Fähigkeiten die Schönheitssuche hinter dem Streben nach Wahrheit und Sittlichkeit zurückstehen müsse; eine verwerfliche und gefährliche Sache ist's, diese natürliche Ordnung verrücken zu wollen. Dies erhellt schon aus der f schwankenden unsicheren Weise, in der unsere ästhetischen Urteile! erfolgen. Was uns heute schön dünkt, kann uns morgen schon

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