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Die Wahrheit · 1907-10-25 · Heft 41 (25.10.1907) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 41 (25.10.1907)
Date
1907-10-25
Page
– (sequence 5)
Language
German
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m. 41. Die Wahrheit Leite b. gesagt haben soll: „Sie sind ein Lausbube?" Wie berichtet, hatte Fräulein Olga B. auch gegen Otto Brauer wegen seines Vorgehens eine Ehrenbeleidigungsklage überreicht, die mit einer seinerzeit viel kritisierten Freisprechung des Angeklagten endete. Der Richter, Gerichtssekretär Schachner, hatte damals gefunden, daß das Vorgehen Brauers einer Weinlaüne entsprungen, zwar taktlos und frech war, aber nicht als Ehrenbeleidigung im Sinne des Strafgesetzes qualifiziert werden könne. — Die Verhandlung gegen Herrn v. Win nicke endete mit dessen Verurteilung zu fünf Kronen. Der Richter nahm nämlich an, daß hier eine Behauptung vorliege, daher ein Wahrheitsbeweis nicht zulässig sei. Als besonders mildernd nahm der Richter die berechtigte Aufregung des Angeklagten ob des Vorgehens des Klägers gegenüber der Dame an. Run möchten wir nur noch die naheliegende Frage beantworten, weshalb wir dieser Affaire Beachtung schenken und weshalb wir sie just nach der Darstellung des „Deutschen Volksblattes" reproduzierten. Die Antwort besteht in einer Reihe von Fragen: Was hätte das „Deutsche Volksblatt" an Beschimpfungen aller Juden geleistet, wenn der famose Herr Brauer nicht ein echt arischer Christ, sondern unglückseligerweise ein Jude gewesenwäre?. Was würde aber der Staatsanwalt dazu sagen, wenn sogenannte „Judenblütter" nach dem schamlosen, unflätigen Beispiel der tonangebenden antisemitischen Blätter die trottelhafte Frechheit gehabt hätten, den Fall unter der Spitzmarke „Christliche Frechheit" zu erörtern? Endlich möchten wir ans diesem Anlässe die Frage au die jüdischen Reichsratsabgeordneten richten, ob sie es nicht für eine Ehrenpflicht halten, endlich im Parlamente dagegen Einsprache zu erheben, daß die antisemitische Presse ans der Missetat eines Einzelnen — der zufällig Jude ist — eine Paus ch a lb es ch impsun g und Pauschalverlän mdung aller Juden h erau ssch läg 1. 4- * * , Wenn wir an jüdische Reichsratsabgeordnete denken, die sich für speziell jüdische Interessen jederzeit einsetzen, so sind es in erster Reihe die Mitglieder des jüdischen Klubs. So wird auch heute wieder aus dem Abgeordnetenhause gemeldet, daß die Reichsratsabgeordneten Dr. Gabel, Dozent Doktor Mahler, Stand und Dr. Strauch er heute, einer Einladung den Ministerpräsidenten Freiherrn v. Beck folgend, mit demselben eine längere Unterredung hatten. Der Klub nahm Gelegenheit, sich mit dem Ministerpräsidenten über die aktuellsten Tages- und galizischen Landesfragen, sowie über die Lage der jüdischen Bevölkerung eingehend auszusprechen, und es wurde ein neuerlicher Termin für die weitere Besprechung in nächster Zeit bereits heute festgesetzt. Aesthelik und Judentum. Betrachtungen. Konrad Lange, der bekannte Kunstphilosoph und Professor an der Universität in Tübingen, veröffentlicht vor kurzem einen Artikel in der ..Oesterreichischen Rundschau" über Aesthetik und stellt eine funkelnagelneue Theorie aus, deren Glanz nur dadurch einigermaßen getrübt erscheint, daß sie Moses Mendelssohn schon vor 150 Jahren aufgesunden und publiziert hat. Lange führt dies selbst an, versichert jedoch, sein Theorem unabhängig davon und ohne Kenntnis der einschlägigen Mendelssohnschen Schrift aus sich selbst heraus geschöpft zu haben. Es wäre unnötig, dieser Behauptung mit Mißtrauen zu begegnen, aüch wenn man nicht mit einem Uebermaß von Leichtgläubigkeit behaftet ist. Bezeichnete Schiller sein Zeitalter als tintenklecksendes Säkulum, so müßte man das unsere das tintenregnende nennen. Es gilt von so viel Neuerscheinungen Notiz zu nehmen, daß auch ein Gelehrter — dieser vielleicht erst recht nicht — weder Zeit noch Lust hat, die brachliegenden Schätze der Vorzeit in ihrer Ruhe zu stören; unsere bilderstürmende Zeit stürzt die Geistesriesen von ihrem Postament, um Platz für ihre eigenen zwerghasien Literaturgigerln zu schaffen. Mit welch neugebackener Wahrheit hat nun Konrad Lange die staunende Welt beglückt? Er sieht mit Mendelssohn in der Anschauung des Kunstwerkes eine freiwillig übernommene Täuschung, ein Hin- und Herpendeln zwischen Schein und Wirklichkeit. Lessing kritisierte einst ein Buch aus folgende geistreichboshafte Weise: „Es enthält viel Schönes und Neues, doch nt das Neue nicht schön, das Schöne nicht neu." Doch wir wollen ein etwaiges Verdienst Langes nicht schmälern; die Ausgrabung antiker Kunstschütze, wie sie Schliemann unternommen, ist gewiß nicht zu unterschätzen, und unternimmt es jemand, Mendelssohn zu seinem ihm so lang vorenthaltenen Rechre aus Anerkennung zu verhelfen, so sei er unserer Zustimmung sicher. Also Mendelssohn, der Schöpfer einer neuen Lehre vom Schönen? Wir müssen gestehen, wir suhlen uns alle nickt frei von dem Vorwurf, nichts davon geahnt zu haben; mau kennt Mendelssohn als den Verfasser des „Phädon, oder über die Unsterblichkeit der Seele" und damit basta! Kaum, daß irgendjemand, so wie ich, noch einige seiner kleineren Schriften kennt. Ich will auch freimütig bekennen: ich habe die Abhandlung über seine Kilnstallslchten auch jetzt, da darauf hingewieseu wird, nicht zur Hand genommen; mir genügt Langes Bericht darüber, aber ich vermag es mir ganz gm vorznstellen, warum gerade Mendelssohn, warum gerade er daraus verfallen, bei der Betrachtung des Kunstschönen einen eigenartigen Standpunkt zu suchen. Mendelssohn, der Ausklürnngs- und Popularphilosoph des XVIII. Jahrhunderts war trotzdem eine frommgläubige, tiefreligiöse Natur. Lavater setzte sich vergeblich dem Hohn aller Rechtdenkenden aus, als er versuchte, den edlen Mann dem Judentum, in welchem er fest wurzelte, abwendig zu machen. Es war ein Hauch ehrwürdigen Patriarchentums, der Mendelssohn umwehte, und dieser im Bunde mit einer äußerst gewinnenden Persönlichkeit gewann ihm die Herzen der Besten seiner Zeit, eines Herder, eines Lessing, eines Dohm. Friedrich der Große, der aufgeklärte Alleinherrscher, hatte Mendelssohn zum „Schutzjnden" ernannt; „in seinen Staaten konnte jeder nach seiner eigenen Fasson selig werden", d. i. sterben, leben jedoch nur nach den Maximen des Absolutismus. Ich behaupte also, daß uns Mendelssohns jüdische Weltanschauung den Schlüssel zum Verständnis seiner Kunstanssassuug bietet. .Nicht wie der Hellene sah er in den herrlichen Formen der schaumgeborenen Göttin. „Unserer Lieben Frau von Milo", sein Schönheitsideal, nickt an dieser saugt er,, wie die Epigonen der Griechen mit entzückten Augen; der Urquell des Wahren, Guten, Schönen verlor sich ihm in unendliche Fernen, nicht erreichbar irdischem Blicke. Denn hatte nicht Moses davor gewarnt, Göttern zu dienen, die Menschenhände Werke sind, Holz und Stein, die weder sehen noch hören, und hatte er nicht hinzugefügt: Wenn du aber den Herrn, deinen Gott suchen wirst, so wirst du ihn finden, ivo du ihn wirst von ganzem Herzen und von ganzer Seele suchen? (V. Mose 4; 28—29.) Wohl war das Volk, das vor kurzem noch den Nacken unter das Sklavenjoch Egyptens gebeugt hatte, für diese köstliche Frucht, gebrochen von dem Baume vorgeschrittenster Vernunsterkenntnis, noch nicht reis genug, und wohl har Ariosto recht, wenn er in seinem „Rasenden Roland" sagt: Ach, darauf nur will dummer Pöbel bauen. Was sich ihm sichtbar und handgreiflich macht- Desungeachtet hatte Moses damit aller profanen Kunst in Judäa das Todesurteil gesprochen. Alle älteste Kunst, Tanz, Musik, Lyrik, sogar ihre höchste Gattung in der Poesie, das Drama, welches Götterlegenden darstellte, dient im Ansangsstadium Zwecken des Kultus, trägt das Gepräge der jeweiligen religiösen Formen, emanzipiert sich erst später und wird weltlich. Im Judentum allein ist dieses Stadium nie eingetreten, hier blieben Kunst und Religion identisch, hier hatte es nie eine andere, als eine religiöse Kunst gegeben. Die Bibel ist ein erhabener, poetischer Bau, der beinahe in jedem Satze von der Idee des Gottesgedankens getragen wird.

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