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Die Wahrheit · 1907-10-25 · Heft 41 (25.10.1907) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 41 (25.10.1907)
Date
1907-10-25
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Die Wahrheit Redaktion ». Slbmuuftrauou: Wien, Jl/, Novaragasje 27. Televd»» 3ls. brv ‘Snufsret Anakhängige Heitfchrift für jüöische Kerngspyeis: | Gunzjäyrig . . . Jt. u.— Halbjährig . St. 7.— :53»L UnJerati' Interessent Für Cultnsbemute: Die viermal gespaltene Nonpareille-Zeile 35 Heller. Abonnements- II. Znlcrllonsbeträge und in Wien zahlbar und klagbar. iM.uijiätjvirt . K >u Erscheint jeden Ar ei tag. Rollo: „Das Siegel Gotte» ist Wahrheit!“ Für Anslmid: (UniHintHid ... s Mark 6 Rubel oder ,scr. Ur. 41. Wie», 23. Oktober I901?. Inhalt: „Brennende Fragen." — Ans der Woche. — Aesthetik und Judentum. — Verbandstag der deutschen Juden. — Die rumänische Emigration. — Ein rumänischer Konsul über die Juden. — Verschiedene Nachrichten. — Literatur. — Feuilleton: Versöhnte Feinde. „Krrunendr Fragen". (Offener Brief an den Redakteur der „Wahrheit".) Das Wort von der „Küchen re lig ion", das Sie,! geehrter Herr Redakteur, aus Aulaß der Besprechung des sehr; bedauerlichen, oder mehr als bedauerlichen Falles, welcher den i Wiener Kultusvorstand iu leider geheim abgehaltener Sitzung j beschäftigte, gebraucht haben, dieses Wort ist ein großes und; wahres, und es wurde mit Gelassenheit ausgesprochen. Sie > haben damit Ihren Finger aus eine offene Wunde gelegt, an! der unser Judentum, fast hätte ich gesagt, unser armes Judentum, krankt — und die Wunde blutet.... Wem kommt da ■ nicht, wenn man die Wichtigkeit der Eheschließungen und noch mehr Scheidungen in Betracht zieht, das alte Wort in den 1 Sinn: „Kol mi scheeno jodea betiw gittin we kidusclim : lo jehe lohem essek imokem.“ „Wer in ehelichen Fragen , nicht den besten Bescheid weiß, möge sich mit diesen nicht bej schäftigen." Doch auch ich will mich mit dieser Affaire, welche j die möglichst schlechteste Lösung fand, wie ich nebenbei bemerke.; nicht weiter befassen, vielmehr will ich auf Ihr Wort von der ■ ..Küchenreligion" zurückgreifen. Es ist weit mit uns gekommen, wenn man dieses Wort! anwenden muß ans eine Religion, die das in jedem Sinne Er-! habenste lehrt; traurig aber ist es, daß dieses Wort ganz richtig i gewisse Strömungen in unserem heutigen Jltdentum charakterisiert. j „Küchenreligion", has Wort soll doch wohl jene Heuchelei be-! zeichnen, die jede sogenannte „Kaschruthfrage" zu einer Haupt-! und Staatsaktion stempelt, während die Grundlagen des Juden-; tnms morsch werden und einzustürzen drohen. Und was das! Traurigste ist: lieber alle diese Synagogen-, rituellen und litur-! gischen Fragen entscheiden bei uns Männer, die sich den äußeren > Anschein geben, als seien sie von der hohen Wichtigkeit dieser i Dinge überzeugt, während sie selbst, offen und geheim, sich über j die wichtigsten Forderungen der Religion hinwegsetzen. Sie be-! obachten keinen Sabbath, heiligen nicht die Festtage, entweihen j selbst den Jomkippur und nehmen es mit den Moralgeboten! sehr wenig genau. Durch Zufall oft an Stellen berufen, von! denen ans sie ein leuchtendes Vorbild für die Gemeinschaft j Israels sein sollten; tragen sie durch ihr Tun zur Herabsetzung, j ja zur Zersetzung der Religion bei.! Ich weiß es gut, es sind in der Tat „brennende Fragen",! welche mit dem Worte „Küchenreligion" zur Diskussion gebracht; werden. Aber legen wir doch endlich die falsche Scheu ab, diese! Fragen offen zu besprechen, tragen wir unsere „Makkot" frei, damit wir nicht die Verantwortung eines Arztes auf uns laden, der die wahre Gefährlichkeit einer Krankheit der Umgebung des Patienten verheimlicht — bis nichts mehr zu verheimlichen ist. Darin besteht die Größe unserer Propheten, daß sie offen und ehrlich, laut und deutlich, „dem Heerhorne gleich", ihrem Volke „seine Sünden und Fehler" verkündeten. Nun denn, sagen wir es heraus: . Unsere größte Schuld ist eben die Heuchelei, die Falschheit, die vorgibt, ihr Augenmerk oft kleinlichen rituellen Fragen zuzuwenden, während sie in Wahrheit dieser höhnt. .Küchenreligion", was ist es anders, wenn Leute über die Schechitahfragen debattieren, die offen „Teresa" essen, deren Köchinnen es durchaus nicht darum zu tun ist, „koscheres" Fleisch einzukaufen, sondern sich recht viel „Körbelgeld" — io nennt man es ja — zu machen. „Küchenreligion"; was ist es anders, wenn Männer sich zusammensetzen, um über gottesdienstliche Fragen zu sprechen, über Sabbathheiligung und Festtagsfeier, Männer, die nie das Gotteshaus besuchen, höchstens hie und da der „schönen" Predigt des Herrn Rabbiners lauschen, den Sabbath öffentlich entweihen, von der Bedeutung unserer Feste keine Ahnung haben und sie nicht heiligen. ^iksroTvas ekodesch“. „Durch diejenigen, die mir nahe sind, oder es ihrem Berufe nach wenigstens fein sollten, will ich geheiligt werden." Können die Bedeutung dieses Satzes diejenigen nicht erfassen, für die er geschrieben ist? „Brennende Fragen" weist das heutige Judentum auf, und es ist endlich an der Zeit, ihnen näher zu treten. Das kann aber nicht in geheimen Konveutikelu geschehen, die das Licht scheuen; da gilt es, nichts zu verheimlichen und nichts zu vertuschen. Diese „brennenden Fragen" des Judentums, das heißt die Fragen, was bei uns erlaubt ist oder nicht, müssen öffentlich besprochen werden in einer mutigen Presse und iu Versammlungen, in denen man den Wert der Wahrheit kennt. Können Menschen das Gebot Gottes umstoßen? Wann wird endlich jene Heuchelei schwinden, die nur dekretiert, vorschreibt, gebietet, selbst aber nichts beobachtet? Mögen doch diejenigen endlich aufhören, stets nur verächtlich von den Gütern der Erde zu reden, denen diese und nur diese allein Endzweck sind. Wer hat ihnen das Recht gegeben, über andere abzuurteilen? Fühlen sie sich so rein, daß sie über die Fehler anderer sprechen dürfen? Sie haben Professor Obermeyer das Wort in Ihrem Blatte erteilt. Es mag in dieser Broschüre vielleicht etwas zu stark aufgetragen sein, es läßt sich manches widerlegen; aber im ganzen hat Obermeyer tausendmal recht, wenn er die Wunden, an denen das heutige Jltdentum und insbesondere das der großell Städte krankt, aufdeckt. Aeußerlichkeiten, Aeußerlicbkeilen und nichts als solche. „Gigerltum" — auch in der Religion.

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