Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 40 (18.10.1907)
- Date
- 1907-10-18
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 40. Die Wahrheit Leite 7. talmudische Aussprüche umzudeuteln, zu verzerren und zu verrenken und aus ihnen etwas heranszudednzieren, was wohl dem Gegenstände seine Rede eine Stütze geben mag, aber dem Autor der Texte vollständig ferngelegen war. Er lernt eine Sprache führen, die, wenn sie einigermaßen natürlich wäre, immerhin annehmbar sein könnte, die sich aber, weil gesucht, gezwungen, gequält, oft geradezu widerwärtig und lächerlich anhört. Auch salbungsvolle Allüren soll sich der junge Prediger angewöhnen; zu diesem Behufe kommt es häufig, besonders in Berlin vor, daß er bei einem Bühnenkünstler Unterricht nimmt, um Pose, Mimik, Pathos und dergleichen zu studieren. Die Predigteusammlnngen der großen Kanzelredner, ebenso die Klassiker, wie Schiller und Goethe, werden eifrig gelesen. Ist die Predigt nach berühmten Mustern zusammengeflickt worden, wird sie memoriert, dann vor deni Spiegel präpariert und — das „Kunstprodnkt" für den Samstag oder Feiertag ist fertig. Die Predigten sind nicht mehr das, was sie ehemals waren, nämlich Belehrungen über den geistigen Gehalt des Judentums, Mahnungen und Aufforderungen, den religiösen Vorschriften nachzukommen. Durchaus nicht. Der Prediger würde sich heute durch solche Reden unbeliebt machen; er soll vielmehr dem Publikum gefallen, sich bei ihm einschmeicheln. Er darf die Zuhörer deshalb an keine der mosaischen Ritnalvorschristen erinnern, höchstens eine allgemein gehaltene Apologetik des Judentums entwickeln, allgemein geltende Moralgesetze vertreten oder auch zum ..Glauben" auffordern, zu einem Glauben, der in seiner Unkontrollierbarkeit und Abkehr von aller Werktütigkeit doch das billigste und bequemste auf Gottes Erdboden ist. — Die moderne Predigt ist Mitschuld an dem Verfall des Judentums, der immer mehr zunehmenden Verflachung des jüdischen Kultus. Aehnlich wie um die Predigten an den Sabbat- und Festtagen, ist es auch um die G eleg en h e i ts re d e n. die Leichen-, Konfirmatious- und Tranreden bestellt. Die Leichenrede n, wie überhaupt das ganze Zeremoniell bei den Totenbestattuugen, werden fast intmer vom Mammon bestimmt; nach diesem richtet sich die Sonderleistnng des Rabbiners und Kantors. Der »t eiche bestellt beim Rabbiner einen Nachruf für ein verstorbenes Familienglied. Der Rabbiner sährt zum Friedhof, tritt in die Leichenhalle — in Oesterreich bezeichnenderweise „Zeremonienhalle" genannt — trifft hier zufällig ans eine andere Leiche, die eines „Armen", denn ..Reich und Arm begegnen sich" (Prov. Sal. 22, 2) ja hier; der Rabbiner geht achtlos an derselben vorüber. Wer weiß, ob nicht gerade dieser ..Arme" den „Reichen" an Frömmigkeit und Tugend turmhoch überragt hat; allein es ist eine Proletarierleiche, eine Leiche vierter, das heißt allerletzter Klasse, und wird ohne Rede, ohne Sang und Klang, bloß von einem Gemeindediener und ein paar armseligen Angehörigen begleitet und in einem abseits gelegenen Grabe beerdigt. Anders der jetzt hereingetragene „Reiche", die Leiche erster Klasse, Kantor und Chor umringen ihn und beginnen mit nach oben gerichteten Blicken und gefalteten Händen die Trauergesänge vorzutragen. Der Rabbiner tritt zu Hänpten der Bahre, er hält eine „tiefempfundene" Rede, er lobt den Toren, den er nicht gekannt, redet auf Kommando der Erben von Tugenden, die der Verstorbene nie besessen oder deren gerades Gegenteil er im Leben geübt. Der Wucherer wird hier als Helfer in der Not geschildert, der Geizhals als Wohltäter, der Protz als Muster der Bescheidenheit hergestellt. „Eine fälsche Aussage vor Gericht," nennt dies der Talmud, eine Aussage, die allerdings das Urteil nicht beeinflussen kann, denn der Tote steht ja jetzt vor dem allwissenden Richter. „Spötter des Armen! ' (Prov. Sal. 17, 5) ruft der Talmud diesem Rabbiner zu, denn es ist ein Hohn auf den armen Toten, der sich dieser Schmeicheleien, würde er sie hören, nur zu schämen hätte. Und die Umstehenden, die den Toten genau gekannt haben, was denken sie sich bei dieser lobhudelnden Nachrede? Nun, sie denken, der Rabbiner hat einen fetten Bakschisch bekommen. Vom „Zeremoniensaal" aus wird die erstklassige Leiche unter großem Gepränge und Choralgesängen, der Rabbiner an der Spitze, nach dem fashionablen Viertel der Totenstadt, der vornehmsten Gruppe und Reihe getragen und in einer von stolzen Bauwerken überragten Gruft beigesetzt. Die alte jüdische Sitte kennt nur die Knabenkonfirmation, das ist die Bar-Mizwa-Feier, bei der der Knabe nach zurückgelegtem 13. Lebensjahre religionsgesetzlich mündig erklärt wird und die Verpflichtung übernimmt, den religiösen Vorschriften getreulich nachznkommen. Dies besagt auch der Ausdruck „Bar-Mizwa" (Sohn der Pflicht). Heute jedoch wird kein moderner Rabbiner, obgleich seine Pflicht es verlangt, eine diesbezügliche Mahnung an den Knaben richten: man hilft sich mit allgemeinen Redensarten und rhetorischen Floskeln darüber hinweg. Und gar die Tr au reden! Du lieber Gott! Hier ergeht man sich, je nach dem materiellen und sozialen Stande der Familie, je nachdem die Trauung erster, zweiter, dritter oder vierter Klasse ist, in längeren oder kürzeren Lobhudeleien über das Brautpaar, die Eltern oder sonstigen Familienmitglieder. Hierzit noch einige Worte über die allgemein geltenden Moralgesetze der Ehe. Aber welcher Rabbiner wird sich heutzutage unterfangen, das zu tun, was in früheren Zeilen Brauch war und was seine Pflicht als jüdischer „Seelsorger" wäre, nämlich Sorge zu tragen, daß das Brautpaar vor der Trauung von den Eltern oder anderen Vertranenspersonen daran erinnert werde, daß es in der Ehe eine der strengsten Vorschriften der mosaischen Religion, das im III. B. M. Kapitel 15, Vers 19 und Kapitel 18, Vers 19 erwähnte Gesetz zu erfüllen haben wird? Nach einem harten, aber in den gegenwärtigen Verhältnissen begründeten Urteile über die Auswüchse in der kantoralen Wirkungssphäre, das wir an anderer Stelle wiedergeben, wendet sich Oberweyer der Kritik des Religionsunterrichtes zu, Den geistlichen Funktionären in der jüdischen Gemeinde sollen auch die R e l i g i o n s! e h r e r beigezählt werden. Diese haben, wenn sie ihr Amt ernst nehmen, den hehren Berns, die Religion in die zarten, eindrucksfähigen Herzen der Kinder ztl pflanzen. Allein dieser Berufstätigkeit stehen große Schwierigkeiten im Wege. Der Lehrer tritt in Opposition zu den Vätern seiner Schüler, die Schule in Gegensatz zu dem elterlichen Hause. Der jüdische Lehrer lehrt: Der Sabbat ist ein Ruhetag — der Vater arbeitet im Geschäfte, in der Werkstatt; das Fleisch gewisser Tiere ist verboten auf dem elterlichen Tisch wird Schweinsbraten serviert; man müsse zu gewissen Zeiten beten — im Hause wird niemals gebetet Der Lehrer erzählt aus der Bibel von den Wundern der Weltschöpfnng, des Auszuges ans Aegypten, der Gesetzesoffenbarnng am Berge Sinai, von der Wiedervergeltnng im Jenseits, von der Totenerwecknng, lauter Grundlehren des Judentums — das Kind hört zuhause, wie Papa und Mama und die älteren Geschwister sich über diese und ähnliche Glaubenssätze ungläubig äußern, ja, sie bespötteln . . . In den oberen Volksschulklassen und in den Mittelschulen muß der Schüler Stücke aus dem hebräischen Gebetbnche und der Bibel übersetzen lernen; der reifere Schüler soll Jesaias und die Psalmen übersetzen kernen, allerdings entsprechend der geringen Anzahl der Unterrichtsstunden, nur oberflächlich, ohne Kenntnis der' Konjugation, Flexion, Suffixen und dergleichen, also rein mechanisch — fürwahr eine lästkge Arbeit für einen Mittelschüler, der bereits linguistisch geschult und an Grammatik gewöhnt ist. Jetzt wird die Religionsstunde dem Schüler eine Qual, er assoziiert sich mit dem schon früher rebellischen Papa, und beide spotten des Lehrers und hassen ihn. Aber der Religionslehrer in Oesterreich hat, insbesondere für den Mittelschüler, eine harte Zuchtrute in Bereitschaft, das ist die Note. Die Note in Religion „nicht genügend" wirft den Mittelschüler, wenn auch alles andere gut ist, auf ein volles Jahr zurück. Dem Mittelschüler wird nun nicht nur der Religionsunterricht, foubern sein ganzes Judentum zur Qual, er fällt ab, ttnd der allzustrenge, vielleicht auch etwas verbitterte Lehrer hat jetzt die abgefallene Seele ans dem Gewissen. Dem abgefallenen Söhnchen folgen früher oder später der Vater, die Mutter, die Geschwister nach; das ist mit eine Erklärung für die große Anzahl der alljährlich in Wien vom Judentum Abfallenden. Der Religionsunterricht in den Schulen sollte freigegeben werden, wie ja die Religionsfreiheit überhaupt schon lange besteht. i :