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Die Wahrheit · 1907-10-18 · Heft 40 (18.10.1907) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 40 (18.10.1907)
Date
1907-10-18
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Die Wahrheit dir. 40. Die Forderung des christlichen Staates seitens der Christlichsozialen : die Emanzipation der Juden soll wieder rückgängig gemacht werden, ist aber eitel Täuschung; denn man vergißt, daß die Emanzipation nur auf dem Papiere steht, äs facto aber nicht ansgeführt wird. Der Buchstabe des Gesetzes gewährleistet zwar überall gleiches Recht für alle Bürger ohne Unterschied des Bekenntnisses, in Wahrheit aber leidet unser ganzes öffentliches wie privates Leben schwer unter einer Unduldsamkeit. die sich fast auf allen Gebieten in gleicher Weise bemerklich macht. In der Verwaltung z. B. wird es überhaupt nur wenige Inden geben, die in die höhere Karriere eingerückt sind, und wo dies der Fall ist, wird esnur deshalb geschehen sein, weil die betreffenden Persönlichkeiten sich für den Platz eignen, oder gar nicht leicht zu ersetzen sind. Weit hinauf gelangen aber die Inden überhaupt nicht. Die Professoren an den Universitären sind auch nur ausnahmsweise jüdisch und wenn die Regierung sie angestellt hat, geschah dies nur, weil sie von ihnen eine ersprießliche Wirkung für den Unterricht der studierenden Jugend erhoffte, keineswegs aber, um den Juden sozusagen ..gerecht zu werden". Jüdische Lehrer an den höheren stattlichen Schulen gibt es überhaupt nur ausnahmsweise und ihre Anstellung datiert wohl meistens aus der Zeit der liberalen Aera. Die diplomatische Karriere und höhere Richterstellen bleiben den Inden so gut wie verschlossen. Trotzdem hört jedoch das Geschrei über die Verjudung des Staates nicht aus und mau möchte am liebsten die Juden überall hinausdrängen. In dieser Beziehung schallt uns vor allem in Wort und Schrift der Ruf entgegen: „Inden 'raus! Wir müssen einen christlichen Staat haben!" Und doch sollten unsere Demagogen und Judenhetzer, mag sie die Soutane kleiden oder die Kette zieren, sich stets vor Augen halten, daß wahres Christentum und Humanität sich nicht von einander trennen lassen, daß der christliche Geist — doch nicht der ä la P. Scheicher — notwendig dahin führt, alle Trennungen im Menschengeschlecht zu überwinden und alle Völker alseine einzige gottesbürgerliche Gesellschaft anzusehen; sie sollten doch am ehesten wissen, daß Rassenhaß, engherzige Einseitigkeit und Unduldsamkeit unchristlich ist, daß unsere Zeit gebieterisch Achtung der Persönlichkeit und der freien Entwicklung fordert, Achtung der Gesinnung und des Charakters, überhaupt des ganzen Menschen, der unendlich höher steht, als alle Formeln und Schlagwörter. Wer demnach unserer Zeit dienen und zum Segen werden will, der darf nicht hassend niederreißen, sondern in echt christlicher Samariterliebe bauen helfen, der darf nicht Abgründe graben, welche die Menschen trennen, sondern muß für Freiheit und Recht eintreten und zur Tat machen die Worte Gutzkows in „Uriel Acosta": „Geht hinaus und predigt Schonung, Duldung, Liebe!" Modernes Judentum im Morgennnd Abendland.*) ui. In einem besonderen Kapitel behandelt Obermeyer die „Rabbiner und Vorbeter von einst und jetzt." Wenn auch manches darin übertrieben erscheint, so muß man dennoch dem Autor darin Recht geben, daß die Abhängigkeit von der Gunst der .Reichen, in welche die geistlichen Funktionäre des Judentums heute gestellt sind, Zustände gezeitigt haben, die mit der Ehre und Würde des geistlichen Standes unvereinbar sind und gewiß von allen Jenen schwer empfunden werden, die von der hohen Bedeutung ihres Amtes voll und ganz erfüllt sind. Die Gemeinden, die dem Rabbiner und Kantor Sporteln und Gratifikationen mit ins Gehalt einrechnen, zwingen ihn geradezu, sich bei Trauungen und Leichenbestattungen nicht von dem höheren Verdienst oder der höheren Würde des zu Trauenden oder zu Bestattenden, sondern von dem Wohlstand desselben leiten zu lasten. *) Obermeyer, Professor Jakob: Modernes Judentum im Morgen- und Abendland. Vergieichende kultur- und religionsgeschichtliche Studien X und 165 Seiten. Preis L. 3.— — Mk. 2.50. Wien und Leipzig 1907. Carl Fromme. Der Mammon entscheidet auch hier. Für ein Geschenk — das Volk nennt es Trinkgeld, in der Türkei heißt es Bakschisch — redet der Rabbiner, singt der Kantor, das heißt, hält der Rabbiner die Gelegenheitsrede und der Kantor singt danach. Je nach der Qualität des im voraus eingehändigten, selten kreditierten Geschenkes ist beim Rabbiner die Sonderleistung an Lobhudeleien und rhetorischen Floskeln und beim Kantor die Sonderleistung der Kehle und frommen Mimik. Das sind Uebelstände, die schon längst den Unmut und Spott des gesunden Volkssinnes hervorgerufen, weil sie mit Recht als unmoralisch und entwürdigend gelten. — Rabbi Israel Jsierlein, der hervorragendste deutsche Rabbiner des XV. Jahrhunderts, der aus Bayern (wahrscheinlich Regensburg) nach Oesterreich zog und zuerst in Marburg (Steiermark), dann in Wiener- Reustadt das Rabbinat innehatte, erklärte in feiner Schrift Pesakim Nr. 128, daß es durchaus unstatthaft sei, daß ein Rabbiner Sporteln für Hochzeiten, Scheidungen und das Ausstellen rabbinischer Aktenstücke annehme, von Extragescheuken ganz zu schweigen. — „Nur wer Geschenke verschmäht, lebt frei," heißt es in den Proverbien Salomons (15, 17). Die Geschenke, die ein Rabbiner empfängt, sind ein verdächtiges Zeichen feiner Beliebtheit. „Wenn," sagte der Talmud, „ein Gesetzeslehrer (Rabbiner) bei seinen Mitbürgern allzusehr beliebt ist, so ist nicht sein höheres Verdienst die Ursache, sondern seine Nachsicht — weil er sie nicht auf ihre Untugenden aufmerksam macht und sie nicht ernstlich zurechtweist. Die Ausnützung der Religion zum Geschäft, die Vorliebe für Geschenke hat den Rabbinern naturgemäß jede Autorität über die Geister benommen und außerdem ihr einstiges Ideal, durch Gelehrsamkeit hervorzutreten, viele Schüler um sich zu scharen und der Wissenschaft zu dienen, ganz vernichtet. Der Rabbiner ist keineswegs ein Priester im Sinne der Priester, der Kleriker in andern Religionen. Im Judentum der Diaspora gilt das Prinzip des allgemeinen Priestertums. Jeder Jude, ohne Ausnahme des Standes, ist verpflichtet, sich mit der Religionslehre zu beschäftigen, und jeder Jude, der die Eignung hiezu besitzt, kann nach dem Neligiousgefetze ohne weiteres Trauungen, Scheidungen, Totenbestattungen und andere sogenannte geistliche Funktionen vornehmen. Der Rabbiner aber ist der Lehrer, Meister — das besagt schon sein Name — und was ihn von den übrigen Mitbürgern auszeichnen soll, das ist neben einer besonders iutegren Lebensführung hervorragende Gelehrsamkeit. Allein das Rabbinertum ist in der letzten Zeit zur wissenschaftlichen Bedeutungslosigkeit sogar auf seinem ureigensten Gebiete herabgesunken. Hebräische Sprachforschung, Bibelexegese, biblische Archäologie sind fast ausschließlich Eigentum der christlichen Theologen geworden. Der „talmudische Ozean" wird nicht mehr von jüdischen Jüngern befahren. Mit einem kleinen bißchen Assyriologie — das ist ja hochmodern — macht der heutige jüdisch-deutsche Theologe mehr Staat als mit der hebräischen Grammatik. — — — Der Rabbiner von heutzutage ist nicht mehr wie in der guten alten Zeit der Führer, gewissermaßen der Obervorsteher der Gemeinde; er ist bloß ein „Meschubad", ein Untergebener des Gemeindevorstandes. Sein Ideal, sein Streben ist es also, sich mit den Vorständen, gut zu verhalten. Beziehungen mit den Reichen anzuknüpfen — das trägt was. Was nützt ihm die Gelehrsamkeit in der Bibel, im Talmud, in den Kommentaren und Gutachten der Gaonen und alten Meister oder gar in den Codices über Ritualvorschriften? Das P. T. Publikum verlangt dies alles nicht. Das wenige, was er für den sogenannten Religionsunterricht in den Mittelschulen nötig hat, weiß er ja ohnehin. Was das verehrte Publikum verlangt, das ist die Predigt, eine „schöne" Predigt, und dafür hat er, um sich beliebt zu machen, sein ganzes Können einzusetzen. Schon in den Rabbinerseminarien, insbesondere in denen Deutschlands, wird heutzutage das Hauptgewicht auf die Predigt gelegt. Der junge Mann soll werug,. zum Rabbiner, zum Gelehrten, als vielmehr zum Prediger, zum Schönredner herangebildet werden. Er wird in die Mysterien der Homiletik eingeweiht, das heißt in die Kunst, Bibelverse und haggadisch-

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